Montag, 15. Mai 2017

Wahl in NRW: Ist die Schulz-Blase bereits Vergangenheit?

Noch am Tag vor der Wahl glaubte Hannelore Kraft, dass ihre Position im Pott zwischen Rhein und Ruhr unangefochten sei. Dass die Grünen schwächelten, das hatte sich herumgesprochen. Umso überraschender war der Absturz der SPD. Hier die Zahlen:


Landtagswahl NRW am 14.5 2017

Grenzen der magnetischen Persönlichkeiten

Vom Schulz-Hype bleibt nur die Erinnerung. So schrieb Heribert Prantl in der Süddeutschen am Montag, dem 15.5.2017, dem Tag nach der Wahl. Nachdem sich weder im Saarland noch in Schleswig-Holstein die Schulz-Euphorie an den Wahlurnen bemerkbar machte, hatten alle auf Nordrhein-Westfalen gehofft. Jetzt ist das Jammern groß. War die saarländische CDU-Amtsinhaberin Annegret Kramp-Karrenbauer ein fleißiges Bienchen und der Kieler Torsten Albig ein Dussel (wegen seiner delikaten Angaben über das Verhältnis zu seiner Frau), so war an Hannelore Kraft eigentlich nichts auszusetzen. Die Hoffnung trog, dass allein die Persönlichkeiten zählen, die politischen Leistungen keine Bedeutung haben. Auch Prantl kam zu dieser Einsicht:

Einerseits sind die Deutschen politisch unzufrieden. Sie sehnen sich nach Belebung, sei es durch eine Person oder eine Partei; der wieder abgeebbte Schulz-Hype hat das wunderbar gezeigt. Andererseits gibt es den Wunsch nach Stabilität und Verlässlichkeit, nach einer Regierung, an die man sich in Zeiten globaler Turbulenzen halten kann. … NRW erlaubt einen Blick in die deutsche Zukunft.

Mir erging es nicht besser als den professionellen Beobachtern. Auch ich darf dazu lernen. Vor etwa vier Wochen schrieb ich in diesem Blog 

Die Wahl im Mai in NRW wird eher zur Testwahl für die Bundestagswahl im Herbst werden. Wegen der guten Ausgangssituation der SPD ist mit einer Bestätigung ihrer Erfolge zu rechnen.

Einige der Leute, die gestern etwas sagen mussten, gestanden ein, dass sie neu denken müssten. Es kann etwas knapp werden bis zum September.

Unterschätztes politisches Gespür der Wähler

Das aktuell aufgezwungene Thema Flüchtlingspolitik ist zwar nicht ganz weg, nur dominiert es nicht mehr in der Diskussion. Es trägt zum Grundstock bei für die AfD. Der Versuch, anstatt der Flüchtlingsproblematik, das uralte Thema der sozialen Gerechtigkeit neu aufzuwärmen, ist leicht als Ablenkungsversuch zu durchschauen. Wer sich dann noch an Gerhard Schröder zu reiben versucht, gibt ungewollt den Linken Recht.

Schulen und innere Sicherheit, Verkehr und Wirtschaft sind die innenpolitischen Themen, die immer interessieren. Es ist kein Wunder, dass der Wähler der CDU hier mehr Kompetenz zutraut als der SPD und den Grünen. Die Art, wie die Piraten mit dem Thema Internet und Digitalisierung umgehen wollten, konnte eh niemand ernst nehmen. Vier Jahre reichten, bis dass alle dies einsahen.

Dass die SPD als Partei trostbedürftig, ja trostsüchtig ist, sagt nichts aus über den Rest des Wahlvolks. Wenn die SPD, die sonst eher uneinig ist, plötzlich zu 100% hinter ihrem Kandidaten steht, beweist dies nur, dass der Kandidat alternativlos ist. Arme SPD!

Ob mit Absicht oder nicht, Angela Merkel erinnerte in den letzten Monaten daran, dass es immer auch einen Bedarf für Außenpolitik gibt. Nur in ruhigen Zeiten darf Innenpolitik Vorrang haben. Wer Nachrichten hört, und sich nicht auf den Lokalteil der Zeitung beschränkt, weiß, dass die Herren Erdogan, Putin und Trump existieren. Man fragt sich, wer eigentlich am besten mit ihnen umgehen kann. Bei Merkel weiß man, dass sie von ihnen ernst genommen wird. Was Schulz besser machen würde, ist noch nicht zu erkennen. Außerdem gibt es Theresa May und Emmanuel Macron. Es sind zwar beide Partner in der EU, bzw. demnächst außerhalb der EU. Wie mit ihnen eine Kooperation zustande gebracht werden kann, darüber wird hoffentlich von unsern Politikern nachgedacht. Sie müssen sich dazu nicht äußern.

Nachtrag am 18.5.2017

Im Januar 2012 bezeichnete ich Peer Steinbrück als Merkels besten Wahlhelfer. Er hatte sich gerade einige Patzer erlaubt, die ihn schon neun Monate vor der Wahl zum Nicht-Kandidaten werden ließen. Einige Beobachter sehen bei Martin Schulz das Rennen auch sehr frühzeitig als gelaufen an, obwohl seine Ausgangssituation eine ganz andere ist. Am Montag nach der NRW-Wahl ließ Schulz das ‚vorläufige‘ Wahlprogramm aus dem Schrank holen. Parteivize Thomas Oppermann durfte es mündlich vortragen. Aus der Vielzahl leicht verunsicherter Reaktionen hier die von ZEIT Online:

Verstolpert! Lange erwartet, haben die Sozialdemokraten ihren ersten Programmentwurf nun nebenbei und still veröffentlicht. Das passt in die Reihe vieler kleiner Wahlkampffehler.

Wenn ich Schulz wäre, hätte ich während des Wahlkampfes in NRW nicht das 69-seitige Wahlprogramm in der Schublade versenken lassen, damit Hannelore Kraft mit einem inhaltslosen Weiter-So-Gerede als angeblich geliebte Landesmutter argumentieren darf. Ich hätte junge, hoffnungsvolle Nachwuchskräfte gebeten, dem Kampf um den Sieg bei der Bundestagswahl Priorität zu geben gegenüber einem Amt in der GroKo. Anstatt die Ideen von Andrea Nahles und Manuela Schwesig, mit denen sie in der GroKo schon so enorm erfolgreich waren, in ein Papierchen zu verstecken, hätte ich die Urheberinnen gebeten, sie in der Öffentlichkeit argumentativ zu vertreten. Ihre Ämter in der GroKo könnten andere verdiente SPD-Frauen ausfüllen und genießen. Arbeit und Soziales (Ressort Nahles), Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Ressort Schwesig) sind zwar für die SPD zentral, sie stellen aber längst nicht alles dar, um das ein zukünftiger Kanzler sich kümmern sollte. Ohne gleich die Außenpolitik zu bemühen, sei an innere Sicherheit, Verkehr und Finanzen erinnert. Wenn diese Fachgebiete augenblicklich von der Union besetzt sind, wäre es doch gut hier Kompetenz zu zeigen oder zumindest welche aufzubauen. Das passiert nicht, indem man allen Diskussionen ausweicht.

SPD-Parteisekretärin Katarina Barley kündigte an, dass das Wahlproramm in den nächsten Wochen mit den Gremien der Partei ausführlich diskutiert und dann verabschiedet würde. Toll!, kann ich da nur sagen. Vielleicht kommt es anschließend bei einigen Menschen schön gebunden auf den Weihnachtstisch. Gewählt wird allerdings bereits in vier Monaten. 

Da der FDP nach ihrem grandiosen Sieg in NRW der Hochmut in den Kopf zu steigen scheint, dürfte sie für eine Koalition kaum in Frage kommen, weder in Düsseldorf noch in Berlin. Obwohl GroKos sich für Juniorpartner als sehr gefährlich erwiesen, und das Volk sie auch nur vorübergehend haben möchte, steuern wir mit Volldampf in Richtung GroKo. Im Kabinett von Angela Merkel dürfte Martin Schulz dann das lernen, was ihm fehlt. Das heißt, er hätte danach eine zweite Chance, sofern er lernfähig und lernwillig ist.

Anders als die Amerikaner sind Deutsche und Franzosen nicht bereit, große Schwächen eines Kandidaten zu übersehen, wenn sie ihn für ein hohes politisches Amt auswählen. Der Narzissmus und der Infantilismus, die beide Donald Trump nachgesagt werden, lassen europäische Wähler aufhorchen. Wem immer wir unser Land anvertrauen, der muss auch überzeugend nachweisen, dass er komplexe Prozesse steuern kann. Auch Wahlkampf zu führen bedeutet einen Prozess zu steuern.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Visionen und Utopien, Chancen und Risiken der Digitalisierung – vom Jahre 2000 aus gesehen

Dieser Tage blätterte ich in dem Buch [1], das zum Abschluss eines frühen Digitalisierungsprojekts verfasst wurde. Das Projekt hieß MeDoc, lief von 1994-1997 und hatte 30 deutsche Hochschulgruppen und 20 Verlage zusammengebracht, um der Digitalisierung auf die Sprünge zu helfen. Ich zitiere im Folgenden aus dem letzten Kapitel, das die Überschrift ‚Zukunft der Wissensversorgung‘ trägt. Die wiedergegebenen Texte in den ausgewählten Unterkapiteln habe ich nicht an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst. Auch habe ich für die dort zitierte Literatur hier keine Detailreferenzen angegeben.

Realistische technische Visionen

„We can even imagine building the ultimate personal assistant consisting of ‘on-body’ computers that can record, index, and retrieve everything we’ve read, heard and seen” G. Bell and J.N. Grey (1997)

Wer Visionen hat, der gehe zum Arzt oder zum Psychiater, so heißt es spöttisch. Gemeint sind dann optische Halluzinationen. Das Wort hat aber auch noch eine zweite Bedeutung. Als Visionen in diesem zweiten Sinne bezeichnen wir alle die Vorstellungen, die jemand von zukünftigen Dingen hat. Wichtig sind dabei besonders die Dinge, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf uns zukommen werden und die einen großen Einfluß haben können. An sie sollten wir uns heranwagen und mit ihnen beschäftigen. Bei Visionen wollen wir uns zunächst auf technische Entwicklungen beschränken, die heute schon erkennbar sind. Sie entsprechen meist dem generellen technischen Trend, die Dinge kleiner und schneller zu machen. Es gibt dafür meist heute schon Prototypen. In fünf bis zehn Jahren wird ihr Einfluß im Markt bemerkbar sein. Die folgenden Entwicklungen halten wir für realistisch:  
  • Tragbare Terabyte-Speicher: Wir werden auf kleinstem Raum immer mehr Information speichern können. Wir werden tragbare Geräte haben mit einer Speicherkapazität im Terabyte-Bereich. Solche Speicher können alle Bücher einer Handbibliothek aufnehmen, sowie alle Lieblings-Musikstücke und Filme. Wir können das Gerät auf Reisen mitnehmen.
  • Ein Terabyte-ROM unter einem €: Große Speicher werden so billig sein, daß wir den Datenträger ähnlich wie heute eine CD-ROM verschenken können. Dieses Medium wird, auf den gespeicherten Inhalt bezogen, erheblich billiger sein als Papier. Nur wenn etwas besonders feierlich oder förmlich sein soll, wird es auf Papier dargestellt.
  • Übertragungsnetze im Bereich mehrerer Gigabit/s: Die heute im Versuchsstadium befindlichen Gigabit-Netze (wie das G-WIN des DFN-Vereins mit 2,5 Gbits/s) werden weit verbreitet sein. Wir können damit einen Terabyte-Speicher öfters neuladen. Unter Umständen kann dies sogar über Mobilfunk erfolgen, ist aber nicht entscheidend. Ein ›Netzstecker‹ an der Wand, der so häufig zufinden ist wie ein Stromstecker, ist meistens ausreichend. Der ›Netzstecker‹ kann sogar mit dem Stromstecker identisch sein, wenn das Stromnetz auch für die Datenübertragung verwandt wird.
  • Rechenleistung im GFLOPs-Bereich: Eine Rechnerleistung im Bereich von einer Milliarde Gleitkomma-Operationen pro Sekunde (Giga Floating-Point Operations per Second, Gflops) wird für Anwendungen auch im Bibliotheksbereich verfügbar sein. Damit können Verfahren des Suchens, der Komprimierung, der Verschlüsselung, der Visualisierung und der Analyse benutzt werden, die heute an der erforderlichen Rechnergeschwindigkeit scheitern.
  • Eingenähte Rechner: Rechner sind nicht mehr immer als technisches Gerät zu erkennen oder getrennt bereitzustellen. Sie sind so klein, daß sie in Kleidungsstücke oder Tragetaschen eingenäht werden können. Sie können auch eingeschweißt sein in Möbel, Gartengeräte, Lebensmittelverpackungen und dgl. Wir können sie daher in Situationen verwenden, an die heute noch nicht zu denken ist. Wir werden uns sogar daran gewöhnen, in Konsumgüter eingebettete Rechner wegzuwerfen, so wie wir heute verbrauchte Chip-Karten wegwerfen. 
  • 4B-Lesegeräte: Die Schwächen heutiger Bildschirme werden weitgehend ausgemerzt sein. Immer flachere Bildschirme werden das Lesen an jedem Ort ermöglichen, auch im Bad, im Bett, im Bus und am Strand (engl.: bath, bus, bed, beach). Manche wird es freuen, daß sie zum Lesen im Bett kein zusätzliches Licht mehr brauchen, da die Anzeige entsprechend eingestellt werden kann. Die Geräte können die Form einer Brille haben, so daß die Darstellungsfläche bei den Bewegungen des Kopfes mitgeht. Diese Lesegeräte werden im Wettbewerb stehen mit PCs (Laptops oder Palmtops) und Mobiltelefonen, von denen aus man auch surfen und Post versenden kann, sowie mit immer leichter werdenden tragbaren Fernseh-Monitoren. 
  • Elektronisches Papier: Es gibt im Versuchsstadium (am MIT und bei Xerox) mehrere Varianten von sogenanntem elektronischen Papier. In allen Fällen wird eine Fläche elektronisch verändert, die fürj eden Bildpunkt mit winzigen Farbkugeln bestückt ist. Diese werden wie bei einem LCD-Bildschirm von Elektroden angesteuert und entsprechend dem zu erzeugenden Bild so gedreht, daß entweder ihre dunkle oder die helle Hälfte nach oben zeigt. Als Trägermaterial kann Papier oder Kunststoff dienen. 
  • Einheitliches Informationsgerät im Haushalt: Im Privatbereich wird es zu einem Zusammenwachsen von Fernsehgeräten, PCs und Spielekonsolen kommen. Zunächst wird der Fernseher PC-Funktionen bekommen, danach die Spielekonsolen Fernseh-Funktionen. Ob einer der Gerätetypen verschwindet ist sekundär.
  • Individualisierte Auswahl und Benachrichtigung: Vermehrte Software-Funktionen in allen erwähnten Gerätetypen werden es ermöglichen, besser als heute zu sagen, was man wann und wie empfangen will. Dazu gehören auch einfache Methoden und Notationen zur Spezifikation von Informationswünschen.
  • Verläßliche Übertragung und Abrechnung: Es wird Hardware- und Software-Lösungen geben, die alle Sicherheitsanforderungen des Nutzers und des Anbieters zufriedenstellend erfüllen. Es steht einer elektronischen Abrechnung von Informationsprodukten nichts mehr im Wege.
  • Akzeptierte elektronische Zahlungsmittel: Aus der Vielzahl der elektronischen Zahlungssysteme, die heute in der Einführungsphase sind, werden sich zwei oder drei Systeme so weit entwickelt haben, daß man sich auch im privaten Bereich auf sie verlassen kann. 
  • Mengenunabhängige Übertragungstarife: Die Zunahme der übertragenen Datenmengen macht Tarife unattraktiv, die von der Zeit der Nutzung oder der Menge der übertragenen Daten abhängig sind. Ein Festpreis für eine bestimmte Bandbreite pro Monat ist üblich. Dies erlaubt dann auch im privaten Bereich eine dauernde Online-Verbindung (auch Evernet genannt).

Alle diese Beispiel stellen keine revolutionären Durchbrüche dar, sondern sind Extrapolationen eines bereits vorhandenen Trends. Nur das letzte Beispiel ist nicht auf bereits erkennbare technische Entwicklungen zurückzuführen, kann aber trotzdem eine enorme Auswirkung auf das Marktgeschehen haben. Genau diese Situation verschaffte in den USA, wo Ortsgespräche kostenlos sind, der privaten Nutzung des Internets einen großen Auftrieb. Es gibt auch Warner, die argumentieren, daß mengenunabhängige Tarife (engl.: flat rates) nur eines produzieren, nämlich Stau. Es kommt nicht derjenige Teilnehmer in den Genuß des Dienstes, der ihn am nötigsten hat (wie immer das definiert ist), sondern der mit der größten Geduld.

Das am Kapitelanfang wiedergegebene Zitat von Bell und Gray [BG97] deutet die Möglichkeit an, daß wir technisch bald in der Lage sein werden, alle Daten, mit denen wir innerhalb eines menschlichen Lebens in Berührung gekommen sind, auch zu speichern und maschinell auszuwerten. Wenn davon gesprochen wird, daß im Internet heute bereits etwa hundert mal soviel Information zur Verfügung steht wie in allen konventionellen Bibliotheken der Welt zusammen, so kann sich dieses Verhältnis in weiteren zehn Jahren auf 1000:1 verändern. Möglich ist auch, daß langfristig digitale Informationen etwas an Bedeutung gegenüber analogen Informationen verlieren, wenn Sensoren und Aktoren so klein sind, daß sie überall eingesetzt werden können. Als Quelle von Daten kann man sich die Umwelt, den Haushalt, ja den ganzen menschlichen Körper vorstellen. Basierend auf dieser Überlegung kommt Saffo [Saf97] zu dem Schluß, daß in Zukunft analoge Daten eine ganz neue Rolle spielen werden. Die Geschichte der Technik ist dadurch bestimmt, daß immer wieder nicht-vorhersagbare, also überraschende Entwicklungen stattfanden. Diese sind natürlich in der obigen Auflistung nicht enthalten. Es gibt aber keinen Grund anzunehmen, daß es diese nicht mehr geben wird.



Abb 18.1: Von Informatik betroffene Nutzerzahlen nach Moschalla


Was die erwähnten technischen Entwicklungen vor allem verändern werden, ist die Tiefe der Durchdringung unseres Alltags und unseres Berufslebens mit Informatik-Lösungen. Ebenso kann man nach der Breite der Durchdringung fragen. Bei dieser Sichtweise wird betont, von welcher Stufe der Entwicklung wieviele Nutzer betroffen sind. Eine solche Betrachtung gibt Abb. 18.1, die auf Moschalla zurückgeht und von Seitz [Sei98] zitiert wird. Das Bild zeigt die Entwicklung der Informationstechnik in vier Wellenbewegungen mit immer steigender Anzahl der betroffenen Nutzer. Für Leser dieses Buches dürfte es keine Überraschung sein, daß es die Phase der Inhalte ist, die bevorsteht und die den größten Einfluß haben wird. Natürlich sind Wissensprodukte der kleinste Teil dieser Inhalte; die Unterhaltung (für die vergrößerte Freizeit) und die Werbung (für alles, was Privatleute oder die Wirtschaft brauchen können oder auch nicht) werden dominieren. Wir hoffen allerdings, daß Wissensprodukte nicht die Chance versäumen, sich einen Anteil zu sichern.

Wunschträume und Utopien

Im Gegensatz zu Visionen stehen Wunschträume und Utopien. Wunschträume hat jeder Mensch. Es sind die Dinge, die man gerne haben möchte, obwohl man weiß, daß man zuviel verlangt. Utopien sind etwas ernster zu nehmen. Sie basieren meistens auf starken Überzeugungen. Sie überzeichnen oft einen Aspekt, um auf die Gefahr einer bestimmten Entwicklung hinzuweisen. Sie dienen manchmal aber auch dazu, um Ängste zu erwecken oder Partner unter Druck zu setzen. Wenn sie gar benutzt werden, um damit Politik zu betreiben oder Polemik zu machen, ist es ratsam zu warnen. Welches der folgenden Szenarien als Wunschtraum oder als Utopie einzustufen ist, sei dem Leser überlassen. Wir wollen hier darauf hinweisen, warum es sehr unwahrscheinlich ist, daß diese Entwicklung eintritt.

  • Information zum Nulltarif: Durch die neuen Medien wird die Verteilung von Information billiger als bisher. Das heißt aber nicht, daß sie gar nichts kostet. Die Kosten der Erzeugung, Aufbereitung und Qualitätssicherung verändern sich nicht. Bei einigen neuartigen Informationstypen (z.B. Multimedia) werden sie sogar steigen. Auch das Speichern und Vorhalten verursacht Kosten, wenn auch mit abnehmender Tendenz. Schließlich erwarten die meisten Autoren eine angemessene Vergütung.
  • Autoren als Verleger: Jeder Autor hat die Möglichkeit, sein Erzeugnis selbst ins Netz zu stellen und abrufen zu lassen. Ein Autor mag dies tun, wenn er so bekannt ist, daß die Qualität seiner Werke von vornherein außer Zweifel steht. Daß er dann auf eine wirtschaftliche Verwertung vollkommen verzichtet, ist eher selten. Genauso selten dürfte das Interesse sein, das Inkasso selbst vorzunehmen. Entscheidend ist jedoch, daß Publikationen nicht nur für Autoren sondern auch für Leser da sind. Als Leser kann man gegenüber einem unbekannten Autor, der selbst publiziert,nicht skeptisch genug sein.
  • Selbstorganisation der Wissenschaft: Wissenschaftler treten sowohl als Autoren wie als Nutzer auf. Genauso wenig, wie sie als Autoren alle Aufgaben eines Verlegers übernehmen werden, ist damit zu rechnen, daß sie bezüglich der Nutzung neuer Medien auf die Dauer als Selbstversorger auftreten werden. Etwas ganz anderes ist es, daß gewisse Aufgaben vom Dienstleister zum Endverbraucher hin verschoben werden, wie etwa das Wählen eines Teilnehmers beim Telefonieren. Der Dienstleister (in dem Beispiel die Telefongesellschaft) kümmert sich besser um höherwertige Aufgaben. Sollte die Wissenschaft glauben, daß gerade sie ohne Dienstleister auskommt, tut sie sich bestimmt keinen Gefallen.
  • Retro-Digitalisierung aller Werke: Es gibt Autoren, die das Prinzip der digitalen Bibliothek dadurch ad absurdum führen wollen, daß sie vorrechnen, was es kosten würde, alle jemals geschriebenen oder gedruckten Werke zu digitalisieren [Zim97]. Aus Sicht der Natur- und Ingenieurwissenschaften ist es das Ziel digitaler Bibliotheken, die Verteilung neuer Veröffentlichungen besser als bisher zu regeln. Die Retro-Digitalisierung ist ein untergeordneter Aspekt. Wenn aus bibliothekarischer Vorsicht selektiv einige vorhandene Dokumente digitalisiert werden, dient dies der verbesserten Zugänglichkeit dieser Dokumente und dem Schutz gegen unsachgemäße Behandlung, Verlust und Diebstahl. 
  • Universelle Weltbibliothek: Es ist im Prinzip denkbar, daß alle digitalen Bibliotheken der Welt einen Verbund bilden, in dem alle Bestände zugänglich sind. Heute gibt es bereits mehrere regionale Verbünde, deren Kataloge miteinander verknüpft wurden. Daraus kann sich eine Tendenz ergeben, auch bei Neuanschaffungen eine stärkere Abstimmung vorzunehmen, um dadurch unsinnige Kosten zu vermeiden. Das Ziel, alle Bibliotheken der Welt auf diese Art zur Zusammenarbeit zu bringen, ist weder vordringlich noch leicht erreichbar. 
  • Perfekte Personalisierung: Manche Leute hoffen, daß es intelligente Programme geben wird, die allein durch die Beobachtung unseres Verhaltens genug lernen können, um uns bei der Wissensversorgung effektiv zu unterstützen. Oft knüpfen sich solche Vorstellungen an den Begriff der mobilen Agenten. Gemeint sind damit Programme, die aufgrund eines recht vagen Auftrags im Internet eine (mehr als nur triviale) semantische Suche betreiben oder andere Aufgaben lösen sollen. Es ist sehr zu bezweifeln, daß diese Anwendung außer in ganz speziellen Beispielen große Erfolge aufweisen wird. Erfolge sind nämlich nur da zu erwarten, wo das benötigte Weltwissen sehr klar beschränkt ist. Den ›gesunden Menschenverstand‹, also Allgemeinwissen, nachzubilden ist bisher noch nicht gelungen und wird auch noch einige Zeit in Anspruch nehmen. 

Man könnte auch diese Liste noch fortsetzen. Sie enthält alle diejenigen Beispiele, mit denen Bibliothekare oft konfrontiert werden. Daß wir diese Beispiele als Wunschträume oder Utopien ansehen, hängt damit zusammen, daß wir entweder die technischen oder die wirtschaftlichen Voraussetzungen etwas anders einschätzen.

Auf dem Weg zur Wissenswirtschaft

Nachdem das Feld der zu erwartenden technischen Lösungen etwas eingegrenzt wurde, wollen wir uns jetzt einige Gedanken zum Anwendungsgebiet selbst machen. Zu diesem Zweck werden einige Szenarien abgeleitet, die wir für wahrscheinlich halten. Sie betreffen Wissen und Wissensversorgung an sich. Daß wir zuerst über die mögliche technische Entwicklung und dann über deren Auswirkungen auf ein Anwendungsgebiet sprechen, mag manchem Leser etwas willkürlich erscheinen, ist es auch. Die meisten Trends, über die hier berichtet wird, sind nämlich unabhängig von den technischen Lösungen, die dafür zur Verfügung stehen. Die Situation, die am wahrscheinlichsten eintrifft, ergibt sich aus dem Zusammentreffen der beiden Entwicklungen. Wir möchten unsere Vorstellungen von der Zukunft der Wissensversorgung durch folgende Szenarien umreißen:

  • Die Menge des Wissens der Menschheit wird weiter steigen, vermutlich sogar geometrisch. Besonders betroffen davon sind Medizin, Biologie, Natur- und Ingenieurwissenschaften. Es ist sinnlos zu versuchen, dies zu verhindern oder zu leugnen. Einzelne werden es trotzdem tun.
  • Die Bedeutung des Wissens für das Leben in der Gesellschaft und das Funktionieren der Wirtschaft wird zunehmen. Auch Firmen müssen sich verstärkt um Wissens-Management kümmern, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Wissen wird als Motor der Wirtschaft und als Regulativ der Gesellschaft stärker als bisher anerkannt.
  • Der Einzelne hat als Teilnehmer am Wirtschaftsprozeß nur eine gute Chance, wenn er sich sein Leben lang um die Weiterentwicklung seines persönlichen Wissens bemüht. Da die lebenslange Beschäftigung durch dieselbe Firma immer weniger die Regel ist, muß sich der Einzelne in stärkerem Maße als bisher selbst um seine Weiterbildung bemühen. Er kann sich in dieser Hinsicht nicht auf den Arbeitgeber verlassen.
  • Das Angebot an Wissensprodukten wird wesentlich umfangreicher und differenzierter sein als heute. Die aktuellsten und finanziell günstigsten Angebote werden online, also über Kommunikationsnetze, bereitgestellt und genutzt. Zusätzlich wird es ein vergrößertes Angebot auf Papier oder in Frontalkursen geben. Wie in der übrigen Wirtschaft werden Markennamen den Konsumenten helfen sich zu orientieren.
  • Viele der gewohnten Schranken und Strukturen der Wissensversorgung werden entfallen. Prozesse, die dadurch de facto vorbestimmt waren, müssen jetzt explizit gesteuert und gelenkt werden. Wir müssen selbst entscheiden, was wir auf Papier oder am Bildschirm lesen wollen, was wir hören statt sehen oder mieten statt kaufen wollen. Wir müssen mehr darüber nachdenken, warum wir etwas wissen oder gar in Dokumentform besitzen wollen. Wie müssen lernen zu selektieren.
  • Das Suchen nach relevantem Wissen wird immer schwieriger und muß von immer mehr Leuten beherrscht werden. Diese Fähigkeit ist eine wichtige Kulturtechnik und muß in der Jugend gelernt werden. Andererseits geht das Beschaffen von gefundenem Wissen schneller. Auch sind die Kosten insgesamt geringer. Es entsteht ein entsprechend großer Bedarf für Hilfen und Dienstleistungen.
  • Die Globalisierung des Wissensmarkts, vor allem in Medizin, Biologie, Natur- und Ingenieurwissenschaften nimmt weiter zu. Trotz des Einflusses der europäischen und anderer übernationaler Organisationen wird in den Gesellschaftswissenschaften (Jura, Volkswirtschaft) und Geisteswissenschaften (Germanistik, Philosophie) weiterhin das nationalsprachige Wissen eine große Rolle spielen. Ansonsten beschreiben englisch-sprachige Dokumente die entscheidenden Neuerungen.
Diese Szenarien unterstreichen das in der Einführung zitierte Leitbild der Wissensgesellschaft. Es gibt Wirtschaftswissenschaftler, die in diesem Zusammenhang von einer Wissenswirtschaft als einer vierten, einer quartären Wirtschaftsstufe sprechen. Bei Bürgel und Zeller [BZ98] sind diese vier Wirtschaftsphasen wie in Tab. 18.1 dargestellt.

 
Tab 18.1 Phasen der Wirtschaftsentwicklung nach Bürgel und Zeller

In dieser Darstellung ist die vierte Phase dadurch charakterisiert, daß Wissen als Produktionsfaktor für 60% bis 80% der Wertschöpfung verantwortlich ist. Entsprechend steigt der Anteil der Wissensarbeiter. Wörtlich heißt es: »Die entscheidenden Engpaßfaktoren im Wertschöpfungsprozeß sind nicht mehr (physische) Arbeit und Kapital, sondern Information und Wissen«. Für den Forschungs- und Entwicklungsbereich der Industrie gipfelt diese Betrachtungsweise in der folgenden Aussage: So wie heute bei vielen Industriefirmen die Hardware-Entwicklung von der Software-Entwicklung verdrängt wird, wird dann die Software-Entwicklung von der Wissensentwicklung verdrängt werden. Nicht nur für Informatiker ist dies eine sehr provokante, zum Nachdenken anregende Aussage!

Interessant ist auch, daß von diesen Autoren die Wissenswirtschaft nicht als Teil der Dienstleistungswirtschaft angesehen wird, wie es die meisten Leute tun, sondern als deren Weiterentwicklung. Unterschiedliche Volkswirtschaften werden sich zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenem Ausmaße in diese Phase hineinbewegen. Zu einer ganz ähnlichen Aussage kommt Friedman [Fri99]. Er formuliert es so: »Wir können annehmen, daß in den folgenden Jahrzehnten die Anziehung von intellektuellem Kapital und der Umgang damit darüber entscheiden werden, welche Institutionen und Staaten überleben und aufblühen werden und welche nicht«. Hoffen wir, daß unsere Wirtschaft die richtigen Prioritäten setzt!

Chancen der zukünftigen Entwicklung

Für viele Menschen mag die Wissensgesellschaft eine positive Weiterentwicklung unserer Gesellschaft darstellen, ausgehend von den Idealen der Aufklärung. Wieweit eine Gesellschaft bereit ist, die entsprechenden Szenarien als Teil der gewünschten Zukunftzu akzeptieren, wirddarüber entscheiden, welchen Wohlstand sie erreicht und welche Rolle die entsprechende Region in einem Lande oder das Land in der Welt spielen wird. Die technische Entwicklung beeinflußt die wirtschaftliche und die gesellschaftliche Entwicklung, und umgekehrt. Hier sollen zunächst die Chancen betrachtet werden, also die positiven Entwicklungen, die gesellschaftlich wünschenswerte Auswirkungen haben könnten: 
  • Stellenwert des Wissens: Die neuen Möglichkeiten machen Wissen zum Konsumartikel. Es wird von überall her angeboten. Es wird wohlfeil. Ob es als Ware oder als Gemeingut erscheint, das entscheidet der globale Markt, nicht die deutsche Kultusministerkonferenz. Durch das Überangebot kann sich der Stellenwert verändern. Es kann sein, daß er sich verringert. Zu hoffen ist, daß er sich erhöht. Eine Verdopplung der Zahl der Bibliotheken in Deutschland ist sicher nicht zu erwarten, eher schon eine Verdopplung der Bibliotheksnutzer.
  • Stärkung der Wissenselite: Da es leichter ist, an das notwendige Wissen zu gelangen, können sich mehr Menschen leichter und schneller für hochwertige Tätigkeiten qualifizieren. Der Prozentsatz der Berufstätigen, die man als Wissensarbeiter ansieht, steigt. An die Inhalte des Wissens heranzukommen, wird nicht schwerer sein, als einen Fernseher einzuschalten. Ob man mit dem Gebotenen etwas anfangen kann, ist eine Frage, die sich an der Vorbildung und der Lernbereitschaft entscheidet. Die Erschließung und Verbreitung von Wissen ist ein Prozeß, der sich selbst antreibt und beschleunigt. 
  • Durchlässigkeit der Gesellschaft: Wissen erwerben zu können, ist in Zukunft immer weniger ein Privileg. Entscheidend ist nicht mehr Herkunft und familiäre Situation, sondern nur die Fähigkeit und die Bereitschaft, Wissen aufzunehmen. Beides zu beeinflussen, ist die Aufgabe von elterlicher Erziehung und schulischer Grundausbildung. Ob man seine Zeit lieber mit anderen Tätigkeiten verbringt, ist eine Frage der Einstellung. Angebote, die einen ablenken können, wird es reichlich geben, und zwar erheblich mehr als für die Vertiefung des Wissens. Daß die verbesserte Durchlässigkeit auch die Demokratisierung in Wirtschaft und Gesellschaft stärkt und festigt, ist anzunehmen. 
  • Neue Arbeitsplätze: Diejenigen Branchen, die in das neue Geschäft einsteigen, werden unmittelbaren Nutzen daraus ziehen. Es wird Verlage geben, die einige Gigabytes an Information pro Woche verkaufen und Bibliotheken, die mehrere Millionen Zugriffe pro Monat haben. Neue Arbeitsplätze werden in diesen Branchen möglicherweise in wesentlich geringerem Umfange geschaffen als durch die De-Industrialisierung anderswo verloren gehen. Sicher werden die neuen Kernberufe und die kreative Wertschöpfung durch zusätzliche lokale Dienstleistungen ergänzt (wie die Pizza-Lieferung für die Wissensarbeiter). Entscheidend ist jedoch, daß die Leistungsfähigkeit und damit das Beschäftigungsniveau der ganzen Wirtschaft nur so zu halten und zu verbessern sein wird. 
  • Schneller Aufschluß der Entwicklungsländer: Die Chancen sich weiterzubilden und damit wirtschaftlich Anschluß zu finden, werden für immer neue Personengruppen eröffnet. Das gilt vor allem für ländliche Gebiete und für Entwicklungsländer. Indem Entwicklungsländer sich schneller selbst versorgen, entfallen zwar die finanziellen Belastungen und die Zuwanderungsgefahren für die entwickelten Regionen. Allerdings verschärft sich auch der Wettbewerb um hochqualifizierte Tätigkeiten und Produkte. 

Ob diese Chancen genutzt werden, liegt einerseits in der Hand der Betroffenen, andererseits in der Bereitschaft der Gesellschaft, diese Chancen für ihre Mitglieder zu öffnen. Chancen sind Möglichkeiten. Man kann sich auch entschließen, sie nicht auszunutzen. Man kann es aber auch einfach versäumen. Zu hoffen ist, daß beides nicht geschieht.

Risiken der zukünftigen Entwicklung

Es gibt keine Entwicklung, die nicht auch Risiken in sich birgt. Risiken sind die Fallen, in die man geraten kann. Sie können die gewünschte Entwicklung entweder verhindern, verzögern oder in eine andere Richtung lenken. Manche Risiken sind sehr naheliegend, auf andere kommt man erst durch Vergleich mit anderen Fachgebieten. Daß die Liste länger geworden ist als die der Chancen, sollte niemanden beunruhigen: 
  • Technische Fehleinschätzung: Bei jeder technischen Entwicklung gibt es ein Zeitfenster, während dessen ein Einstieg möglich ist. Aufgrund von Fehleinschätzungen der relativen Bedeutung einer Entwicklung kann man den Anschluß verpassen. Als Folge davon würden vermutlich ausländische Anbieter in diese Lücke eintreten. Die Globalisierung der Märkte gleicht die Fehler einzelner Teilnehmer aus. 
  • Neue Techniken nur für Unterhaltungsindustrie: Die neuen Techniken sind auch für andere Anwendungsgebiete lukrativ und anwendbar, etwa für die Unterhaltung. Genau wie sich vor 40 Jahren die deutsche Elektroindustrie mehr für Unterhaltungselektronik als für Datenverarbeitung interessierte, kann man auch jetzt wieder der Anwendung digitaler Medien in Unterhaltung und Werbung den Vorzug geben. Kein Zweifel, daß Unterhaltung einen größeren Markt hat und sich leichter verkaufen läßt.
  • Verzettelung bzw. Fehlen kritischer Masse: Die föderale Struktur des deutschen Bildungswesens und damit des Bibliothekswesens kann dazu führen, daß viele kleine Projekte durchgeführt werden, die nicht kooperieren oder aufeinander abgestimmt sind. Der lokale Egoismus führt dann zu einer Verzettlung von Kräften und verhindert das Entstehen einer kritischen Masse, die einen bleibenden Einfluß hat und eine Kooperation mit internationalen Aktivitäten gestattet.
  • Nicht-technische Bedenken / Technik-Kritik: Viele technisch kompetente Diskussionspartner halten sich zurück, weil sie das Gefühl haben, auf die emotionalen Widerstände von Technik-Kritikern und Buch-Romantikern zu stoßen, oder aber sie haben Angst vor den Drohgebärden der Rechteinhaber, die bezüglich der Urheberrechtsfrage nicht zu überwindende Hürden aufbauen.
  • Blockade durch große Unternehmen: Die international stattfindende Konzentration der Verlage und der Software-Industrie kann dazu führen, daß sich Unternehmen gegenseitig blockieren statt dafür zu sorgen, daß es zu einer schnellen und regulären Entwicklung des Marktes kommt. Hier ist zu hoffen, daß die Nutzer und ihre Interessenvertreter (Fachgesellschaften) sich dem entgegenstellen oder aber daß der Markt durch Neugründungen für genügend Auflockerung sorgt.
  • Totale Überwachung: Oft besteht die Angst, daß die elektronische Wissensversorgung auch die Überwachung im Sinne der Orwellschen Utopie fördert. Eine digitale Bibliothek, deren man sich öfters bedient, weiß mehr über die Wünsche und Bedürfnisse des Kunden als etwa der Buchhändler um die Ecke. Nachdem das Jahr 1984 vorbei ging, ohne daß wir vom ›Großen Bruder‹ überwacht werden, ist diese Angst etwas geringer geworden. Die beste Sicherheit des Bürgers besteht darin, daß er den Dienstleister wechseln kann, sobald er Anlaß hat, ihm zu mißtrauen.
  • Überforderung des Staates: Gerade bei der digitalen Wissensversorgung neigen viele Bürger dazu, neue Forderungen an den Staat zu stellen. Sie halten dieses Gebiet für zu wichtig, um es allein den Kräften des Marktes zu überlassen. Das Rufen nach mehr Staat ist aber angesichts einer Staatsverschuldung von über 1.500 Milliarden DM nicht sehr opportun. Schlecht wäre es, wenn aus diesem Grunde gar nichts geschähe. 

Welches dieser Probleme akut oder gar bedrohlich wird, hängt von vielen Faktoren ab. Im Grunde sind alle diese Fehlentwicklungen stets als latente Gefahr vorhanden. Ist man sich eines Risikos bewußt, kann man eher gegensteuern. Die technische Entwicklung wird oft als eine Art von Naturgesetz angesehen. Das ist aber eine bewußte Übertreibung, die den Einfluß von Individuen und Gruppen ignoriert. Der Eindruck einer zwangsläufigen Entwicklung kann am ehesten entstehen, wenn eine genügend große Anzahl von Akteuren tätig ist, die sich gegenseitig herausfordern. Wären es nur wenige, könnten sie sich einigen und beschließen, den Wettlauf zu reduzieren oder gar einzustellen. Genau wie die Aufklärung als Gegenreaktion die Romantik auslöste, ist es nicht auszuschließen, daß die Wissensgesellschaft nicht von allen Menschen mit Freunde akzeptiert wird und daher Gegenreaktionen hervorruft.

Peter Glotz [Glo99] sieht sogar einen neuen Kulturkampf kommen zwischen den Beschleunigern und den ›Entschleunigern‹. Die Entschleuniger sind die Aussteiger, die sich der Globalisierung entziehen und dem wirtschaftlichen Streben die Beschaulichkeit und die Verinnerlichung entgegensetzen. Ob dies einmal eine Bewegung wird, die bestimmenden Einfluß hat, sei dahingestellt. Hier wurde darauf verzichtet, einen daraus entstehenden Konflikt näher auszumalen, statt dessen wurden Chancen und Risiken einander gegenüber gestellt. Auch soll hier nicht die Meinung vertreten werden, daß alle Mitglieder der Gesellschaft in gleicher Weise in der Lage sind, sich den Anforderungen einer Wissensgesellschaft anzupassen. Das war in anderen Phasen der Menschheitsgeschichte, in denen eine große Umstellung erforderlich war, genauso wenig der Fall. Mal war der flinke Jäger besser dran, mal der geduldige Ackerbauer. Eine freie Gesellschaft sollte jedem Mitglied die Möglichkeit geben, sich im Rahmen seiner Begabungen und Interessen zu verwirklichen. Die soziale Komponente unserer heutigen Gesellschaft zeigt sich darin, daß körperlich Schwache, Kranke und Behinderte nicht ausgegrenzt werden. In Zukunft – so meinen einige von denen, die darüber nachdenken – könnten die Talentierten sogar eine teilweise Mitverantwortung für die Nicht-Talentierten übernehmen.

Referenz
  1.  Endres,A., Fellner,D.W.: Digitale Bibliotheken. Heidelberg: 2000; 494 S.; ISBN 3-932588-77-0

Sonntag, 30. April 2017

Bildung und Digitalisierung - eine Diskussion

Schon lange beherrscht das Schlagwort Digitalisierung viele Diskussionen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Ihre Auswirkungen auf das Bildungswesen wurden immer wieder von meinem Kollegen Christoph Meinel vom Hasso-Plattner-Institut in Potsdam thematisiert. Unter seiner Leitung hat eine Arbeitsgruppe das Konzept einer Bildungscloud auf dem letzten IT-Gipfel der Bundesregierung in Saarbrücken vorgestellt. In diesem Monat hat Meinel seine Vorstellungen als Vision der digitalen Bildung publiziert, unter anderem auch in der FAZ. Es entstand daraufhin eine Korrespondenz, die ich hier auszugsweise wiedergebe,

Erste Diskussion des Themas

Als Reaktion zu seinen Aufsätzen schrieb ich Meinel Mitte April 2017: Über zwei Probleme sollten Sie (und alle Interessierten) nachdenken.

(1) Die Erziehung zu Mündigkeit und Selbständigkeit sollte nie ohne fachliche Inhalte erfolgen. Dasselbe gilt für Weisheit und Tüchtigkeit. Leute, die nur diese allgemeinen Tugenden studiert  haben, und sonst nichts, kann niemand brauchen. Eine Tugend allein ist bei uns kein Studienfach, evtl. jedoch in buddhistischen Mönchsklostern. Vor 30 Jahren hatte ich eine Diskussion mit dem von mir sehr geschätzten Niklaus Wirth. Er meinte: Bei ihm lernten Leute richtig denken, nur darauf käme es an. Ich entgegnete: Wenn ich jemand von diesen Leuten einstellen sollte, würde ich fragen, was er sonst noch kann.

(2) Der Föderalismus und das Elternrecht sind Güter, die wir Deutsche hochschätzen, und zwar wegen unserer Nazi-Erfahrung. Inhalte für das Land Bremen und das Saarland separat oder doppelt zu entwickeln, ist Unsinn. Es muss eine Entkopplung von Entwicklung  und Anwendung erfolgen. Das muss durch Überzeugung plus finanziellen Druck in die Köpfe hinein. Wo ist sogar ein Weltmarkt möglich und wie muss man da agieren?

Am 29.4.2017 fügte ich noch hinzu:

Leider wird in der Bildungsdiskussion fast nie unterschieden zwischen (a) der moralischen Erziehung in den Tugenden und dem standesgerechten Benehmen, (b) dem analytischen-kritischen Verständnis der Welt und ihrer Geschichte und (c) der konstruktiven Qualifikation für ein zukünftiges, selbständiges Leben durch Heranbildung von nützlichen Fähigkeiten. Leider benutzen wir für alle drei das Wort Bildung.

Die Frage ist: Wer sollte an was Interesse haben? Wer sollte sich um was kümmern? Bei Bildung (a) und (b) könnte man an eine Bringschuld des Elternhauses oder der nicht-staatlichen Gesellschaft denken. Nur bei (c) ist es naheliegend auch eine Bringschuld der Wirtschaft und des Staates zu sehen. Natürlich hängen alle drei zusammen. Teil (c) geht nicht ganz ohne (b) und (a).

Im Mittelalter und bei Adeligen stand (a) im Vordergrund, die Aufklärung (und damit Wilhelm von Humboldt) entdeckte (b). Man hoffte sogar, dass alle Menschen aus Eigennutz oder Vergnügen zu Aufklärern würden. Vorbei war jeder Zwang, d.h. der Lehrer mit Rute. Im Zeitalter des modernen Massenkonsums und der Demokratie denken die meisten nur an (c).

Deshalb trägt es wenig zur Klärung bei, wenn das Mittelalter oder die Aufklärung zu Maßstäben erhoben werden. Theologen und Adelige sind heute nicht die primär Auszubildenden. Es wäre schön, wenn man sich gedanklich freimachen könnte für die Aufgaben unseres Jahrtausends.

Christoph Meinel erwiderte am 30. 4. 2017:

meine Motivation über Bildung(smissstände) nachzudenken ist viel bescheidener. Immer wieder stellt sich heraus, dass die Leute glauben, die heraufziehende neue digitale Welt zu verstehen, nur weil sie ihr Smartphone bedienen können. Gleichzeitig beweisen sie im Umgang, z.B. mit Ihren Daten und Passworten, dass sie gar keine Vorstellung davon zu haben, was da passiert. Hier gibt es eine wichtige Aufgabe für uns, nämlich die digitale Aufklärung der Bürger um sie zu befähigen, selbstbestimmt, eigenverantwortlich und mündig im digitalen Raum zu handeln. Von diesem selbst gestellten Bildungsauftrag ausgehend, denken wir über verschiedene Themen im Bildungsbereich nach:
  • Mit unserer MOOC-Plattform openHPI konnten wir bisher fast 400.000 Kursteilnahmen erreichen.
  • Mit unserem Schul-Cloud Projekt wollen wir zeigen, wie vermittels geeigneter Cloud-Infrastrukturen digitale Bildungsinhalte endlich auf breiter Front in den Schulunterricht in jedem Unterrichtsfach einziehen und genutzt werden können.
  • Mit der für den IT-Gipfel entwickelten Vision einer Bildungscloud wollen wir die Politik ermutigen, über einen niedrigschwelligen digitalen Zugang digitale Bildungsinhalte leichter auffindbar, zugänglich und nutzbar zu machen.
Digitalisierung kann einen drastisch erleichterten Zugang zu Bildungsinhalten bieten: Den zu befördern ist meine Motivation.

Meine Erwiderung:

Wie ich Ihnen bereits sagte, finde ich alles sehr nützlich, was Sie machen. Sie überschreiten damit allerdings Grenzen zu grundsätzlichen Fragen im Erziehungssystem. Dieses ist von Verkrustungen überlagert. Sie tun zwar so, als ob Sie daran nichts ändern wollen oder müssen. Ich sehe ein großes Risiko darin, diese Probleme zu ignorieren, da dies Ihre Bemühungen zum Scheitern bringen kann.

Hartmut Wedekind aus Darmstadt schrieb am selben Tag:

Ihr (c) ist aber schon Ausbildung. Man kann sagen "ich werde ausgebildet" (passiv), aber nicht "ich werde gebildet". Bildung verlangt immer eine Selbsttätigkeit. Also "Ich bilde mich" (aktiv) und nicht "ich bilde mich aus". Man hofft, durch Erziehung, Ihr (a), und auch durch Ausbildung (c) zum (b) zu gelangen. Ihr (a) und (c) sind auf Englisch "education". Ihr (b) ist Englisch "literacy". Das sind aber nur annähernde Übersetzungen.

Wenn ich von technischer Bildung spreche, dann meine ich etwas, was nach der technischen Ausbildung kommt und Eigentätigkeit verlangt. Selbsttätige Bildung (ein Pleonasmus, wie ein weißer Schimmel) verlangt selbstverständlich "Orientierungswissen" und damit Ziel- und Zweckorientierung, ein "Verfügungswissen" einer Ausbildung wird aber meistens vorausgesetzt. Wenn man heute von digitaler Bildung oder Bildung digital spricht, dann meint man "Ausbildung" (education).

Bildung ist eine Kind der Aufklärung (Humboldt, Fichte). Die hat bei uns im Politischen aber nur noch nominelle Auswirkungen. Man sagt "Bildung" und meint "Ausbildung". Das "Wesen" des Politischen ist, immer alles  durcheinander zu bringen. Wenn's um Bildungspolitik geht, ist man dem Chaos nahe. Siehe G8/G9, unglaublich.

Meine Erwiderung:

Die Verwirrung der Begriffe Erziehung, Bildung und Ausbildung ist Teil unseres Problems. Vor fast einem Jahr hatte ich dem Leerwort Bildung einen ganzen Blogbeitrag gewidmet. Ich habe wenig Hoffnung, dass die Dinge in absehbarer Zeit besser werden. Noch profitieren zu viele von der Verwirrung, Es sind dies nicht nur die Politiker. Nicht wenige Uni-Professoren sehen Technik nicht als Wissenschaft an, und halten sich für zu schade, um Leute für den Broterwerb auszubilden. Warum werden Milliarden für Bildung gefordert, wenn Ausbildung gemeint ist? Warum muss immer noch der Baron von Humboldt bemüht werden, dem es immer nur um Bildung und nie um Ausbildung ging? Er blickte auf sie mit Verachtung herab und ließ Preußen mit seinem Bildungssystem allein, sobald er einen amüsanteren Job haben konnte. Er fand den als preußischer Botschafter im Vatikan. Er handelte also wie ein ‚Gebildeter Mensch‘, genauso wie ihn der Philosoph Robert Spaemann (*1927) später definierte. ‚Fast nichts ist für ihn ohne Interesse, aber nur sehr weniges wirklich wichtig' sagte Spaemann.

Seitenbemerkung

Mein Kollege und Mit-GI-Fellow Hartmut Wedekind hat in seinem Blog ebenfalls einige gute Gedanken zu Bildung und Digitalisierung geäußert. Dabei hat er auch einige Fragen berührt, die wir in diesem Blog wiederholt diskutierten. Ich möchte hier nicht erneut darauf eingehen.

Nachtrag am 1.5. 2017

Die totale Verwirrung der Begriffe ist auch anderen Autoren schon aufgefallen. 'Wenns um Bildung geht, wollen alle immer mehr' so schrieb Peter Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung am 23. 4. 2017. 'Aber selten werden die Forderungen so konkret, dass man über deren Inhalte verhandeln könnte. Was also wollen wir eigentlich?'

Am Schluss heißt es: 'Das Gerede von "der Bildung" ... bleibt Ideologie, solange nicht darüber gesprochen wird, was gelernt werden soll, von wem und für welchen Zweck. ...Das Letzte, was Bildung verspricht, ist deswegen das Erste, was ihre gegenwärtigen Verfechter im Sinn haben: so etwas wie eine umfassende kulturelle Stabilität, eine Gewissheit von Kenntnissen und Fähigkeiten, die allen Bürgern gemeinsam wäre.' 
Genau das wollten die Väter und Mütter unserer Verfassung verhindern. Bayern, Rheinländer und Sachsen sollen partout nicht wie Preußen werden. (Ich danke Simone Rehm für den Hinweis)

Mittwoch, 26. April 2017

Büßt die Wissenschaft ihren Nimbus ein?

Donald Trump hat auch das geschafft. Wissenschaftler sind auf einmal nicht mehr die unbestrittenen Lieblinge unserer Gesellschaft, die Stars. Auf Schauspieler und Sportkanonen schaute man stets gönnerhaft herab. Lasst doch das dumme Volk sie verehren und ihnen nachahmen. Ihr Ansehen und ihre Geltung sind ja nur ephemer, also ohne bleibende Bedeutung. Die wahren Stars, ja die Volksheiligen unserer Tage, das sind und bleiben doch wohl die Wissenschaftler. 

Manche hatten schon leise Zweifel, ob man jeden Musiktheoretiker und Ameisenforscher wirklich mit staatlichen Fördergeldern aushalten müsste – wo doch Millionen Kinder verhungern. Jetzt wird die Diskussion plötzlich auf eine ganz andere Ebene gehoben. Nicht nur vor seiner Wahl, auch danach, sagt der Präsident der USA, dass die Klimakatastrophe eine Masche von Wissenschaftlern (und von Chinesen) sei – nur dazu erfunden, um der amerikanischen Wirtschaft zu schaden. Auch auf Ozeanographie, Entwicklungshilfe und ähnliches Zeug könnte man verzichten.

Weltweite Gegenreaktion

Auch wenn viele Leute meinen, dass Trump bereits mehr Aufmerksamkeit bekommt als er verdient, so gibt es doch anscheinend weltweit Tausende, die ihn ernst nehmen. Er macht sie zumindest besorgt und lockt sie hinter dem Ofen hervor. Inzwischen demonstrieren nämlich in Washington und auch bei uns die Wissenschaftler auf der Straße. ‚Science March‘ nennt sich das Ganze. ‚Marsch gegen die Ignoranz‘ heißt es auf Deutsch. Die Süddeutsche Zeitung berichtete ausführlich darüber.

Als nach Trumps Einzug ins Weiße Haus plötzlich wichtige Informationen zum Klimawandel von den Webseiten der Regierung verschwanden, als Wissenschaftler aufgrund ihrer Herkunft nicht mehr in die USA einreisen konnten und Lügen zu "alternativen Fakten" deklariert wurden, entstand in den sozialen Netzwerken die Initiative zum Science March. Binnen weniger Tage ging die Idee um die Welt und erreichte auch Berlin, wo sich eine kleine Gruppe von jungen Forschern, Studenten und Nichtwissenschaftlern zusammentat, um auch in der deutschen Hauptstadt einen Marsch für die Wissenschaft zu organisieren. Zunächst ohne allzu große Erwartungen an die Resonanz. …1000 Mitmarschierer, das ist die Zahl, die sich das Organisationsteam als gutes Ergebnis erhofft. Kurz vor Beginn des Marsches, als Ludwig Kronthaler, der Vizepräsident der Humboldt-Universität eine der ersten Reden dieses Tages hält, wird allerdings klar: Es sind mehr als 1000 gekommen. Viel mehr. Im Ehrenhof der Hochschule beschwört Kronthaler die Grundwerte der Wissenschaft: Freiheit    ̶  und eine auf Wahrheit ausgerichtete Suche nach Erkenntnis.

Es sollen in Berlin nahezu 10.000 Teilnehmer gewesen sein. In Stuttgart waren die Zahlen wesentlich bescheidener. Nach Angaben der Organisatoren waren 400 Teilnehmer erschienen. Die Polizei sprach von 250 Demonstranten. In Heidelberg waren es mindestens 1.000, in Tübingen mindestens 1.500, in Freiburg laut Polizei rund 2.500 Menschen. In Heidelberg, Tübingen und Freiburg sind von Geisteswissenschaftlern bestimmte Hochschulen. In Stuttgart ist eine primär technische Universität.

Nachdenkliches

Martin Stratmann, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, schrieb dieser Tage ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung einen etwas selbstkritischen Beitrag. Er bedauerte, dass es so weit gekommen ist. Seine klügsten Sätze stehen am Schluss:

Es reicht nicht aus, dass wir wissenschaftliche Erkenntnisse in Fachzeitschriften publizieren. Wir müssen die Menschen auch überzeugen, dass diese Erkenntnisse wirklich wertvoll sind, dass sie einen Beitrag leisten können zur Lösung vieler Probleme. Wissenschaft muss sich erklären, aber sie darf nicht mit akademischer Überheblichkeit belehren.

Ich habe in diesem Blog schon des Öftern in dieselbe Kerbe gehauen. Ja, nicht alle Wissenschaftler verhalten sich so, wie man es von ihnen erwartet. Das ist auch bei Ingenieuren, Ärzten, Pfarrern und Politikern so. Man darf einen Beruf nicht mit den zufällig bekannten Berufsträgern gleichsetzen. Die Versuchung, genau dies zu tun, ist immer wieder da.

Die teils traurige, teils hoffnungsvolle Antwort auf alle Kritik ist immer wieder: Wir Menschen haben leider nichts Besseres als die Wissenschaft, wenn es darum geht, kniffelige Fragen oder ernsthafte Probleme zu untersuchen! Frühere Zeiten waren nicht besser dran, nur großzügiger. Sie gaben sich mit weniger zufrieden. Dass ich Wissenschaft mit dem Englischen ‚science‘ gleichsetze, liegt auf der Hand. Von ‚humanities‘ ist im Moment nicht die Rede.

Über die Rangfolge von Werten und Zielen

Wenn immer man Dinge oder Tätigkeiten priorisieren muss, ist es sinnvoll sich über die Relation von Werten und Zielen Gedanken zu machen. Das ist an sich das Terrain von Philosophen. Als Ingenieur habe ich mir für den Hausgebrauch eine absteigende Liste möglicher Werte und Ziele zurechtgelegt. Sie ist noch verbesserbar.


Mögliche Skala menschlicher Werte und Ziele

Wenn und wo immer Mittel und Zeit beschränkt sind, muss priorisiert werden. Nur im Traum und der Mathematik ist dies unnötig. Bildet man eine Rangordnung von Werten und Zielen, heißt das nicht, dass ein absoluter Vorrang besteht. Nicht jeder Wert der Skala muss erschöpfend bedient sein, bzw. jedes Ziel dauernd angesteuert werden, ehe andere in Betracht kommen. Es werden Präferenzen im statistischen Sinne verteilt. Das zuerst genannte Ziel muss deutlich die meisten Treffer erhalten. Die Ziele am Schluss dürfen auch leer ausgehen.

Für die anstehende Diskussion möchte ich darauf hinweisen, dass es Mitbürger zu geben scheint, die diese Liste von unten angehen. Auch einige, die sich Wissenschaftler nennen, gehören dazu. Es ist die scheinbare Umdrehung der Werteskala, die einen stört.

Eine Reaktion aus dem Kollegenkreis

Kaum hatte ich einige meiner Kollegen auf Stratmanns Artikel hingewiesen, schrieb mir einer von ihnen eine etwas aufrüttelnde Mail.

Es freut mich, dass gerade Herr Stratmann als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft so etwas schreibt. Wir haben aktuell leider den Trend, dass universitäre Forschung nur noch nach Publikationen bewertet wird. "Publish or perish" hat dazu geführt, dass mehr publiziert und weniger erklärt wird. Große traditionelle Konferenzen in unseren Gebiet wie die IEEE ICSE sind inzwischen zu reinen Publikationsinstrumenten verkommen. Viele Disziplinen leben in ihrer Blase, wo man sich gegenseitig zitiert und fördert   ̶  ohne gesellschaftlichen Nutzen. Erklärbar ist die Flut der Veröffentlichungen nur noch als Selbstbeschäftigung einer Kaste. Das hat gravierende gesellschaftliche Folgen:
  1. Die Industrie muss Technologietransfer selbst gestalten, da sich die universitäre Forschung selbst beschäftigt
  2. Die Studenten sind zunehmend abgekoppelt, da viele Professoren keinen Realitätsbezug mehr haben
  3. Unsere Gesellschaft sieht keinen Nutzen mehr in der Wissenschaft
  4. Politiker und Führungskräfte verlieren das Vertrauen in wissenschaftliche Ergebnisse
  5. Und als Fazit, dass sich Universitäten derzeit gesellschaftlich ins Abseits manövrieren.
Es ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, dass beispielsweise ein Präsident Trump die Klimaforschung nicht ernst nimmt. Ein Tag der Wissenschaft und Sonntagsreden werden daran wenig ändern. Wir müssen wissenschaftliche Ergebnisse wieder stärker am Bedarf orientieren  ̶  nicht an der Zahl der Veröffentlichungen. Das ist Bringschuld der Hochschulen, und ich bin gespannt, ob sie die Krise rechtzeitig erkennen.

Aufruf zur Diskussion

Die in dieser Mail ausgedrückte recht kritische Meinung mag auf den ersten Blick reichlich pauschal erscheinen. Dennoch ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch ich hatte immer wieder das Gefühl, dass bei uns einige Dinge nicht besonders gut laufen. Ich komme mir, seit ich dies gelesen habe, nicht mehr so ganz einsam vor. Mit meiner Voreingenommenheit für die berufliche Praxis bin ich fast immer ein Exote, vor allem wenn ich mir die in der GI so überstark vertretenen Kolleginnen und Kollegen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen anhöre.

Ich handle vermutlich ganz im Sinne des Kollegen, wenn ich hiermit eine Diskussion darüber anstoße, ob es derartige kritische Einstellungen auch bei uns gibt, oder ob es sich nur um ein amerikanisches Phänomen handelt. Bei technischen Errungenschaften und sozialen Verwerfungen sind Amis uns bekanntlich oft fünf Jahre voraus. Eine vertiefende Diskussion könnte auch in Deutschland nützlich sein. Sie vernünftig zu führen verlangt ein gewisses Maß an Vertrauen, Taktgefühl und gegenseitigem Verständnis.

Mittwoch, 19. April 2017

Europas politischer Wandlungsprozess

Es gehört zu den Aussagen weltkluger Zeitgenossen, dass ‚nichts so beständig ist wie der Wandel‘. Der Spruch soll uralt sein und auf Heraklit von Ephesus (etwa 540 - 480 v. Chr.) zurückgehen. Er gilt auch – und insbesondere – für die politische Landschaft Europas. Ich greife einige aktuelle Themen heraus.

Frankreich: Präsidentschaftswahlen

Den folgenden fünf von elf Kandidaten werden Chancen eingeräumt in die Stichwahl zu kommen. Meinungsforscher sehen entsprechende Zahlen voraus (in % der erwarteten Stimmen). [Daneben steht das Ergebnis des ersten Wahlgangs]
                                                                         Umfrage [Wahl]


Als Favoriten gelten Emmanuel Macron und Marine Le Pen. Bemerkenswert ist, dass die bisher führenden Parteien (Sozialsten, Republikaner) mit ihren Kandidaten als abgeschlagen gelten. Mélenchon, ein Außenseiter, kann für eine Überraschung sorgen. Er vertritt das ‚aufsässige‘ Frankreich. Alle Hoffnungen des Auslands liegen auf Macron. Schafft er wenigstens den zweiten Platz hinter Marine Le Pen, kann er die pro-europäischen Stimmen aus den anderen Parteien hinter sich vereinigen. Schafft er es nicht, hat die Europa-Bewegung einen weiteren Tiefschlag erlitten, noch katastrophaler als das Brexit-Votum vor einen Jahr.  Am Sonntagabend werden wir Genaueres wissen. [Ich werde dann einen Nachtrag zu diesem Blog-Eintrag schreiben müssen]

England: Vorgezogene Parlamentswahl

Für alle Beobachter überraschend hat Premierministerin Theresa May für den 8. Juni Neuwahlen angesetzt. Sie hatte sie bisher immer ausdrücklich ausgeschlossen. Jetzt rätselt man, was zu dem Sinneswandel führte. Als Grund führt May an, dass die Opposition, also Labour, sie dazu brachte. Sie möchte verhindern, dass man ihre Verhandlungen mit Brüssel beeinträchtigt. Kenner der konservativen Partei (Tories) meinen, dass es ihr darum geht, sich gegenüber einer Gruppe von Befürwortern eines harten Brexits mehr Beinfreiheit zu verschaffen. Was auch immer? Es lohnt sich wirklich nicht, über die Kapriolen englischer Politik nachzudenken.

Es wird bestimmt nicht zu der von einigen Europäern erhofften Korrektur des Referendums kommen. Vor einem Jahr hieß es, das Ergebnis des Referendums wäre anders gewesen, hätten mehr junge Leute, Londoner, Akademiker, Geschäftsleute und Künstler an der Abstimmung teilgenommen. Da keine der beiden politischen Parteien Englands diese inhomogene Klientel unterstützt, wird deren Interesse auch bei dieser Wahl keine Rolle spielen. Dass Schottland oder Nordirland für eine Rückkehr zur EU kämpfen werden, ist unwahrscheinlich. Denen ist London näher und wichtiger als Brüssel (und der gesamte Kontinent).

Niederlande: Liberale vor Nationalisten

Bei der Wahl im März hat Mark Rutte mit seinen Liberalen (VVD) knapp vor Geert Wilders und den Rechten (PVV) gewonnen. Europa atmete auf. Rutte hatte kurz vor der Wahl mit einem offenen Brief an alle Holländer an den liberalen Grundsätzen der holländischen Gesellschaft gerüttelt. ‚Verhalte Dich normal oder verzieh Dich!' so schrieb er. Was er unter ‚normalem Verhalten‘ verstand, ließ er offen. Damit hatte er sich in die Nähe von Wilders bewegt. Wie weit andere europäische Politiker diese Methode nachahmen werden, wird sich zeigen. Es kommt darauf an, wer sich von Rechten bedroht fühlt.

Deutschland: Wahlkämpfe in Ländern und im Bund

Die Wahl im Saarland wird wohl schnell vergessen werden. Die Wahl im Mai in NRW wird eher zur Testwahl für die Bundestagswahl im Herbst werden. Wegen der guten Ausgangssituation der SPD ist mit einer Bestätigung ihrer Erfolge zu rechnen. Das Fragezeichen hängt über den Grünen. Sollten diese nicht mehr in den Landtag kommen, muss sich die SPD nach einem neuen Partner umsehen. Vermutlich wird dann Christian Lindner und die FDP die erste Wahl sein.

Da die CSU nicht länger als ein Verstärker des Gesamtgewichts der Union im Bund angesehen werden kann, können im September in Berlin durchaus Zahlen entstehen, die denen von Düsseldorf sehr ähneln. Ob dies die CSU zum Umdenken bringt, ist fraglich. Sollte es erfolgen, wird der Zeitpunkt derart spät sein, dass der Effekt sich nicht mehr auswirkt.

Welche Rolle die AfD bei zukünftigen Wahlen spielen wird, ist im Moment reichlich offen. Wie von andern Ein-Thema-Parteien, wie etwa den Piraten, vorgemacht, schaffen diese es oft gerade vor wichtigen Wahlen ihre Grabenkämpfe auf die Spitze zu treiben. Teilt sich eine Partei mit einem Stimmenanteil von 8% vor einer Wahl auf, besiegelt sie damit meist ihren Untergang. Sollte diese Partei sich zerfleischen, werden unsere Politiker auf solche taktischen Maßnahmen verzichten können, wie sie Mark Rutte anwandte.

Übriges Europa

Auf die Entwicklungen in allen Ländern der EU einzugehen, will ich mir ersparen. Natürlich geben Ungarn und Polen weiterhin Veranlassung zur Sorge. Auch Griechenland ist noch lange nicht über den Berg.

Es ist mein Eindruck, dass die anstehenden Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich (UK) und der EU-Kommission bzw. dem EU-Rat (und den verbliebenen 27 Mitgliedstaaten) sehr viel Energie verbrauchen werden. Es werden deshalb viele andere Fragen in den Hintergrund treten. Dazu werden auch Probleme gehören, wie sie durch die drei genannten Staaten verursacht werden. Oder anders gesagt, die Sonderwünsche Englands werden alle andern Staaten dazu bringen, mehr an die gemeinsamen Interessen zu denken als an die eigenen Wünsche. Wenn sich dies außerdem im Bewusstsein der nationalen Politiker einprägt, wird die EU am Ende dem UK dafür dankbar sein.

Nachtrag am 24.4.2007

Der erste Wahlgang am 23. April in Frankreich (s. oben) bestätigte die Reihenfolge der fünf Spitzenkandidaten. Der Unterschied zwischen den beiden erstplatzierten ist sehr gering. Le Pen hat gegenüber früher deutlich zugelegt. Der Sozialist Hamon schnitt mit 6% äußerst niedrig ab. Fillon und Hamon haben ihren Wählern noch am Wahltag empfohlen, ihre Stimme Macron zu geben. Der kann daher im zweiten Wahlgang am 7. Mai mit einer komfortablen Mehrheit rechnen.