Dienstag, 27. September 2016

Bitburg und Echternach im Blick oder das deutsch-luxemburgische Grenzland

Nach einigen fachlichen und politischen Beiträgen möchte ich wieder das Thema Heimatkunde aufgreifen. Dieses Mal erzähle ich auch Begebenheiten aus meiner Jugendzeit. Mein Heimatdorf Niederweis liegt etwa auf halbem Wege zwischen Bitburg und Echternach. Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges waren meine Eltern und ihre Dorfnachbarn stärker nach Echternach als nach Bitburg ausgerichtet. Jetzt findet gerade eine Art von Rückorientierung statt.

Geschichtliches aus Altertum, Mittelalter und Neuzeit

Die Südeifel und der Trierer Raum sind überreich an Hinterlassenschaften der gallo-romanischen Zeit. Trier war bekanntlich kurz vor Beginn der Völkerwanderung neben Rom und Konstantinopel eine der Hauptstädte des Römischen Reiches. Wie bei Ausonius (310-394) in seiner Schrift Mosella nachzulesen, waren damals die Seitentäler der Mosel von einer Vielzahl von Villen übersät. Das Kastell Beda, das heutige Bitburg, war ein Etappenstützpunkt an der Straße, die Trier mit Köln verband. Echternach, das damals auch als Beda (vielleicht als Stadtteil Bitburgs) bezeichnet wurde, besaß eine sehr mondäne römische Villa. Zumindest aus Bitburg gibt es in Stein gehauene Texte, die über Einwohner und Ereignisse berichten. Auch das Christentum hatte bereits Fuß gefasst.


Heutige Südeifel mit Bitburger Gutland (Quelle: Wikipedia)

Die Besiedlung der Südeifel durch die Franken (was oft auch als fränkische Landnahme bezeichnet wird) erfolgte ab 496 im Anschluss an die Schlacht von Zülpich, nachdem die Konkurrenz der Alemannen zurückgedrängt worden war. Es war dies die Zeit der Merowinger. Eine Trierer Adelige (Irmina von Oeren) aus dem Geschlecht der Merowinger, schenkte ihre in Echternach gelegene Villa an den angelsächsischen Missionar Willibrord, der hier 698 ein Kloster gründete, in dem er auch begraben liegt. Aus der späteren Reichsabtei Echternach gingen im Hochmittelalter einige der bekanntesten Werke der Buchmalerei hervor. Das Kastell Bitburg verfiel, da die bäuerlich tätigen Franken das Umland bevorzugten. Nach dem Tode Karls des Großen kam es 843 zur ersten Reichsteilung der Karolinger (Vertrag von Verdun). Karls Enkel Lothar erhielt den mittleren Teil, Lotharingen genannt. Er selbst zog sich kurz vor seinem Tode in das Kloster Prüm zurück, wo er begraben wurde.

Das Bistum Trier erstreckte sich damals von Montabaur (im Westerwald) bis nach Arlon (heute in Belgien). Kurfürst Balduin aus dem Hause Luxemburg sorgte als Trierer Bischof nicht nur dafür, dass seine Familienmitglieder zu deutschen Königen und römischen Kaisern gewählt wurden, er hinterließ auch viele lokale Spuren. Die Verbundenheit der Luxemburger Herrscher mit dem französischen König führte dazu, dass nicht nur Johann der Blinde sein Leben 1346 in der Schlacht von Crécy (im Hundertjährigen Krieg gegen England) verlor, sondern auch viele seiner Gefolgsleute. Nach anfänglichem Bedauern über den Verlust der burgundischen Sonderrolle in Europa fand man sich schließlich mit der Zugehörigkeit zum Habsburgerreich ab. Das Jahrhundert von 1697 (nach dem Frieden von Rijswijk) bis 1794, vor allem die Zeit der Kaiserin Maria Theresia (1740-1780), brachte Frieden und Wohlstand. Als Folge davon gilt die Doppeladlerzeit als die ‚gute alte Zeit‘.

Ab 1794 begann die Franzosenzeit. Sie endete als Napoléon von Russen und Preußen (unter Gerhard Leberecht von Blücher) 1814 aus Deutschland vertrieben wurde. Das Herzogtum Luxemburg (mit Echternach) wurde unabhängig, der Kreis Bitburg wurde Teil der Preußischen Rheinprovinz. Schon sehr früh machten sich Stimmen laut, die eine Verselbstständigung (‚Entpreußung‘) der Rheinprovinz innerhalb des Deutschen Bundes bzw. des Deutschen Reiches forderten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie vollzogen, allerdings zwischen den englischen und französischen Besatzungsmächten aufgeteilt.

Nazizeit und Zweiter Weltkrieg

Die Familienbande, die beiderseits der Sauer bestanden, kamen während der Nazizeit in Verruf. Kirmesbesuche fielen als Erstes weg. Nur die Besuche bei Sterbefällen hielten weiter an. Händler-, Anwalts- und vor allem Arztbesuche nahmen nur langsam ab. Die Sendemasten in Junglinster von Radio Luxemburg waren nicht nur gut sichtbar, ihre Ausstrahlungen wurden auch empfangen. Dies geschah anfangs noch öffentlich, später nur heimlich. Gleich zu Beginn des Westfeldzuges, also im Mai 1940, wurde die Grenze von der deutschen Wehrmacht überschritten und das ‚Ländchen‘ (wie das Großherzogtum in der Volkssprache auch heute noch heißt) überrannt.

Während des Krieges wurden Luxemburger Bürger zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Wer immer sich widersetzte oder in anderer Form Widerstand leistete, wurde verhaftet. Die meisten von ihnen wurden in das KZ Hinzert auf dem Hunsrück gebracht. Nur ein Teil überlebte. Von den vergeblichen Versuchen der Nazis, die Sympathie der Luxemburger zu gewinnen, um aus ihnen wieder ‚gute‘ Deutsche zu machen, habe ich erst nach dem Kriege erfahren. Damals wurde der Satz ‚Mir wölle bleiwe wat mir sin‘ immer wieder zitiert, und zwar mit dem Nachsatz ‚un ach kä Preise gien‘ (auf Hochdeutsch ‚und auch keine Preußen werden‘). Bezüglich der Ereignisse in den Jahren 1944 und 1945 zitiere ich einen früheren Bericht [1].

Im Juli 1944 landeten die Alliierten an der französischen Atlantikküste. Bis September hatten sie die deutsch-luxemburgische Grenze erreicht. Das waren keine 10 km von meinem Heimatdorf. Hier legten sie eine Pause ein, um den Nachschub aufzubauen. Deutsche Truppen waren wieder da, teilweise allerdings in ziemlich desolater Verfassung. Bereits im August wurde unser Gymnasium geschlossen. Für die nächsten sechs Monate lebten wir in der Frontzone eines Stellungskrieges. Auf den Höhen hinter Echternach, bei Osweiler und Berdorf, hatten die Amerikaner ihre Artillerie aufgestellt. Sie sandten uns jeden Tag ihre Grüße in Form einiger Granatsalven. … Die Dauer des Beschusses hatte zur Folge, dass kaum ein Haus verschont blieb. Dagegen hinterließ der einzige Jabo-Angriff nur zwei große Bombentrichter in einem Garten. Die Granaten, die in Häuser einschlugen, zerstörten fast immer nur das Dachgeschoss. …

Kurz vor Weihnachten gab es nochmals Trubel. Die deutsche Heeresleitung hatte beschlossen, einen Gegenangriff zu wagen. Die Operation erhielt den Namen Ardennen- oder Rundtstedt-Offensive. Der Schwerpunkt des Angriffs lag nämlich etwas nördlich von uns im südlichen Teil Belgiens; der Oberkommandierende auf deutscher Seite war der General Gerd von Rundtstedt. Es wurden nicht nur die zurück gewichenen Truppenteile neu formiert, sondern auch zusätzliche Reserven mobilisiert. Bei diesen handelte es sich insbesondere um Hitlerjungen und Volkssturmmänner. Sie sahen nicht sehr ermutigend aus. Das von Angst geprägte Gesicht einiger dieser in Feldgrau gekleideten Muttersöhnchen, die höchstens drei Jahre älter waren als wir, erweckte selbst bei uns Kindern Mitleid. Zum sogenannten Volkssturm wurden im Jahre 1944 solche Männer einberufen, die bisher nicht wehrpflichtig waren. … Einer der Offiziere, der vor Beginn der Offensive bei uns einquartiert war, äußerte sich recht optimistisch: „Ich habe noch einen Koffer in Paris. Den hole ich jetzt ab“. Schon nach wenigen Tagen hatte sich der Angriff festgefahren. Auch besagter Offizier kam zurück. Wir brauchten gar nicht nach seinem Koffer zu fragen. Sein Gesicht sagte alles.

Um Silvester 1944 gestanden auch die Oberste Heeresleitung und das Propaganda-Ministerium des Joseph Goebbels das Scheitern ein. Es hatte auf beiden Seiten je fast 80.000 Tote gegeben.

Nachkriegsjahre

Das Bitburger Land wurde Ende Februar 1945 von amerikanischen Infanterietruppen unter General George S. Patton besetzt. Von ihm stammt eine in seinem Kriegstagebuch festgehaltene Beobachtung. Während im Nordteil der Stadt Bitburg noch gekämpft wurde, saß im Südteil ein älterer Mann auf dem Dach seines Hauses, um Einschlagschäden zu reparieren. Das habe er vorher weder in Italien oder Frankreich erlebt. Zur Erklärung: Die Entfernung betrug höchstens 3-4 km. Ich zitiere weiter aus [1].

Obwohl unsere Gegend von Amerikanern erobert wurde, wurden wir ein Teil der französischen Besatzungszone. Innerhalb dieser Zone wurde die Stadt Bitburg und das Umland von Luxemburger Soldaten besetzt. Mit ihnen konnte man besser reden als mit den Franzosen, da wir ja den gleichen Dialekt sprechen. So hatten wir mit der Gruppe, die von unserem Haus aus das Dorf verwaltete, ein fast herzliches Verhältnis. Nicht so freundlich war die Kommandantur in Bitburg. Dort hatte man auf einer Wiese direkt vor unserem Gymnasium mit Blumen das Luxemburger Staatsemblem (den gestreiften Löwen) dargestellt. Daneben stand ein Posten, der aufpasste, dass wir Schüler auch zum Gruß die Mützen abzogen. Nachdem einigen Schülern die Mützen abgenommen worden waren, gewöhnten wir uns alsbald daran, ohne Mütze zur Schule zu gehen. Die Luxemburger Regierung hatte eine Weile gehofft, als Teil der Reparationen den Kreis Bitburg wiederzubekommen, der 1815 von Luxemburg an Preußen gegangen war. Dieser Wunsch wurde später reduziert auf ein unbewohntes Gebiet bei Vianden (den Kammerwald). Es ging für die Zeit von 1949 bis 1959 in Luxemburger Besitz über.

Auch vor meinem elterlichen Wohnhaus in Niederweis war tagsüber ein Luxemburger Soldat postiert, der genau kontrollierte, wer das Haus verließ und betrat. Im zehnzimmerigen Bauernhaus hatte das Militär nämlich ein ebenerdig gelegenes Eckzimmer beschlagnahmt und dort seine Kommandatur eingerichtet. Die Mannschaft war im benachbarten Schlossgebäude einquartiert. Ein Ereignis erschütterte damals das ganze Dorf. Beim Reinigen seines Gewehrs löste sich ein Schuss, der einen Soldaten tötete. Es war, als ob es einen der Unsrigen getroffen hätte. Wir Kinder trauten uns damals sogar mit den Soldaten zu flaxen, also Scherze zu machen. Aus dieser Zeit stammt die folgende Geschichte, über die ich anderswo [2] berichtet habe.

Im Katechismusunterricht ging es um die um die Jünger Jesu. Sehr ausführlich, ja anschaulich, war unter anderem der Verrat des Judas Ischariot, d. h. des Mannes aus Karioth, besprochen worden. Schließlich fragte der Herr Pfarrer, ob jemand wüsste, woher der Jünger war, der Jesus verraten hat. Der kleine Mätti meldete sich und gab dann die Antwort: "Der war Luxemburger!“ Der Pfarrer war etwas verdutzt und fragte zurück: "Wie kommst Du denn darauf?“ Mätti erwiderte: "Sie haben doch eben erzählt, dass Jesus beim letzten Abendmahl vorhergesagt hat: 'Einer von Eich wird mich verraten'". Zur Erklärung für die Orts- und Geschichtsunkundigen: Esch (auf Platt Eich) an der Alzette ist die zweitgrößte Stadt im Großherzogtum Luxemburg. Da die Luxemburger eine etwas andere Lebensart als der preußische Teil der Eifel entwickelten, führte dies dazu, dass man sich schon mal gegenseitig mit kleinen Sticheleien traktierte.

In den Jahren unmittelbar nach Kriegsende wurden die familiären und geschäftlichen Beziehungen langsam wiederbelebt. Ein besonderes Ereignis war die erste Willibrordswallfahrt, an der wieder Deutsche teilnehmen durften. Begleitet von unserem Pfarrer wurden wir auf der Luxemburger Seite der Sauerbrücke von einem Echternacher Theologen in Empfang genommen. ‚Stellt Eich an d’Reih!‘ kommandierte er. Nach einer knappen Stunde aktiver Betätigung in der Springprozession durften wir ausscheren und als Zuschauer weiter am Rande ausharren. Wichtig für die Erwachsenen war, dass sie auch eine begrenzte Menge von Kaffee oder Tabakwaren zollfrei einkaufen und exportieren durften. Auch in späteren Jahren gehörte der ‚kleine Zollgrenzverkehr‘ zu den Besonderheiten eines Besuchs in Echternach.

Heutige Beziehungen

Mein persönliches Hobby der Heimatkunde veranlasste mich immer wieder, das Nationalarchiv in Luxemburg aufzusuchen. Ich fand dort Unterlagen sowohl zur eigenen Familiengeschichte wie zur Dorfgeschichte. Besonders ergiebig war die Information zum örtlichen Adelsgeschlecht, den Freiherrn von der Heyden [4]. Eduard Franz Anton von der Heyden (1692-1755) war Vorsitzender des Luxemburger Rittergerichts gewesen. Auch der Abt Thiofrid (1030-1110) des Klosters Echternach gab mir Anlass zu interessanten historischen Untersuchungen [3]. Der grenzüberschreitende Arbeitskreis Doppeladler stellte einige meiner Bücher auf seinem Server vor.

Mehrere Angehörige meiner Eifler Familie arbeiten als Pendler in Luxemburger Unternehmen. Sie begründen dies mit den höheren Löhnen und den niedrigeren Steuern, die dort üblich seien. In den letzten Jahren erfolgte auch eine Art von Wiedereroberung des Kreises Bitburg. Eine Vielzahl der von Eifler Gemeinden ausgewiesen Bauplätze wurden von Luxemburgern erworben und genutzt. Da man die Arbeits- und Ausbildungsplätze (ja sogar die Kindergartenplätze) auf der Luxemburger Seite beibehält, werden einige Dörfer der Südeifel zu reinen Schlafstätten degradiert. Vor allem Feuerwehren, Fußballvereine, Chöre und Musikkapellen betreiben eine lebendige Kontaktpflege über die Landesgrenze hinweg.

Zusätzliche Literatur
  1. Endres, A.: Erinnerungen an eine Eifler Jugendzeit. In: A.Endres: Geschichten aus der Eifelheimat. Band 1. 2008. 76-93
  2. Endres, A.: Hochdeutsch mit Striefen. ibidem. 116-118
  3. Endres, A.: Abt Thiofrid von Echternach: Über seine Herkunft, seine Schriften und sein Verhältnis zu Trier. ibidem. 223-238
  4. Endres, A.: Frauenschicksale in Schloss Niederweis.  Heimatkalender 2014 des Eifelkreises Bitburg-Prüm, 231-240

Samstag, 10. September 2016

Wird die AfD auch bei der Bundestagswahl 2017 Erfolg haben?

In mehreren gerade zurückliegenden Landtagswahlen im Osten und Norden der Bundesrepublik erzielte die Partei Alterative für Deutschland (AfD) sensationelle Erfolge. Es begann im März in Sachsen-Anhalt und setzte sich im September in Mecklenburg-Vorpommern fort. Natürlich wirft das eine Reihe von Fragen auf. Auf zwei will ich mich im Folgenden konzentrieren: Wer trägt die Verantwortung für diese Entwicklung? Und: Ist damit zu rechnen, dass dieser Trend sich auch bei der Bundestagswahl 2017 fortsetzt?

Die Zahlen

Die Ergebnisse der beiden Wahlen, die im Abstand eines halben Jahres stattfanden, unterscheiden sich kaum. Vermutlich wurde die Wahl in Sachsen-Anhalt noch als einmaliger Ausrutscher angesehen. Nach Mecklenburg-Vorpommern lässt sich das nicht mehr sagen.



Ergebnisse der Landtagswahlen 2016 in 
Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt

Die stattgefundenen Veränderungen lassen sich mit wenigen Sätzen zusammenfassen. Alle bisher vorhandenen Parteien verloren je 20-40% ihrer Stimmen. Die AfD gewann auf Anhieb nahezu ein Viertel aller abgegebenen Stimmen. Außerdem brachte die AfD sehr viele Nichtwähler dazu, zur Wahl zu gehen. Die Grünen sind auf die 5%-Grenze marginalisiert. Die Linken sind auf dem Rückzug.

Erste Bewertungen

‚Wir befinden uns in einer postfaktischen Zeit‘, sagt Klaus Brinkbäumer im Leitartikel des SPIEGEL 37/2016. Nicht mehr Fakten zählen, sondern nur Stimmungen. 'Ich bin und bleibe Sozi.' sagt Guido Reil aus Essen, jetzt AfD. Womit bewiesen ist, dass die AfD eine Volkspartei geworden ist. Ihre Wähler bekommt sie aus allen Lagern.

Ich schließe daraus, dass wir uns Weimarer Verhältnissen nähern. Heute ist die CDU, was damals das Zentrum war. Zusammen mit einer ebenfalls schwachen SPD versuchte sie sich gegen radikale Parteien zu behaupten. Ich würde die Wähler der AfD nicht alle als Nazis oder Faschisten bezeichnen. Ein großer Anteil sind Protestwähler. Sie wollen den ‚alten‘ Parteien sagen, dass sie sich nicht von ihnen angesprochen fühlen. Woran es fehlt, darüber gibt es diverse Versionen. Ein Teil der Gründe liegt innerhalb Deutschlands, ein Teil außerhalb. Zwei Themen scheinen das emotionale Bild zu beherrschen, die Flüchtlinge und die Sicherheit (Terror, Kriminalität). Die Wirtschaftslage und damit die Steuereinkünfte des Staates machen Deutschland zum Ideal und Nothelfer für Menschen und Länder überall auf der Welt. Das hat aber wenig Einfluss auf das aktuelle Stimmungsbild innerhalb Deutschlands.

Suche nach Schuldigen im Inland

Angela Merkel hat offensichtlich Schwierigkeiten ihre bisherigen Wähler zu gewinnen oder zu erreichen. Ihr bisheriger Instinkt hatte sie stets davor bewahrt, ihre Wähler zu überfordern. Mit der Flüchtlingspolitik des letzten Jahres hat sie es zweifellos getan, und das nicht nur bei den Konservativen unter ihnen. Auch ihr außenpolitischer Glorienschein ist ramponiert. Sie wird nicht mehr als Europas Hoffnung und Lichtgestalt angesehen. Merkel denkt als Akademikerin so wie andere Akademiker. Diese trauen sich zu mit Zuwanderern fertig zu werden, nicht jedoch der Mann oder die Frau auf der Straße. Dass sie von Winfried Kretschmann und Malu Dreyer unterstützt wird, reicht nicht aus. Wie einst Helmut Schmidt und Gerhard Schröder bewiesen, ist es schwer Politik ohne die Unterstützung durch die eigene Partei zu machen, auch wenn sie einem noch so richtig vorkommt. Merkels Hauptproblem ist, dass ihr die Unterstützer innerhalb der CDU abhandengekommen sind. Ein Thomas Strobl ist kein Ersatz für einen Friedrich Merz oder Roland Koch. Er kann Merkel keine Stimmen am rechten Flügel zurückholen.

Auf Sigmar Gabriel kann Merkel sich kaum verlassen. Der ist von Natur feige und versucht sein Segel nach dem Wind auszurichten. Er erklärt sich zum politischen Gegner, auch dann wenn Merkel genau seine Politik macht. Horst Seehofer lässt sich nur verstehen, wenn man weiß, dass für Bayern die Welt in Aschaffenburg endet. Je mehr man auf Berlin schimpft, umso angesehener ist man in Bayern. Das konnte er bereits von Franz-Josef Strauß lernen. Merkel steht vor der Frage, ob sie kneifen darf, und andere den ‚Karren aus dem Dreck‘ ziehen lassen soll. Ich vermute, dass sie dies mit Nein beantworten wird.

Suche nach Schuldigen im Ausland

Europa ist derzeit alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Wer sich heute für Europa stark macht, kann sich nur blamieren. Der Brexit ist nur ein Symptom. Der dadurch verursachte wirtschaftliche Schaden für alle Länder Europas lässt sich nur erahnen. Es wird fünf Jahre dauern, ehe wir es annähernd beziffern können. Noch schlimmer ist die Gewichtsverlagerung. Europas Süden wird mehr Geld erhalten und noch mehr Widerstand leisten. Die emotionale Verunsicherung, die der internationale Terror zu verantworten hat, wird zunehmen. Ein neues Fanal setzten die drei Frauen, die ein mit Gasflaschen beladenes Auto direkt an Notre Dame in Paris platzierten. Silvester am Kölner Dom, da war doch auch was? Das scheint noch harmlos gewesen zu sein.

Dass die in Deutschland lebenden Türken Geld und Imane vom türkischen Staat (vom Ditib) erhalten, schien übersehen worden zu sein. Noch mysteriöser sind die Geldflüsse zwischen Saudi-Arabien und den hier aktiven Salafisten. Eine von deren Aufgaben ist die Rekrutierung für den ‚Islamischen Staat‘. Seit Recep Tayyip Erdogan seine Entschlossenheit zeigt, auch Auslandstürken zu islamisieren und vom Weg der Kemalisten abzubringen, werden plötzlich mehr Kopftücher bei uns getragen, ja ganz vereinzelt auch Burkas. Erzwungene Assimilation wird sogar als Verletzung der Menschenrechte thematisiert. Was steckt dahinter, wenn Erdogan visa-lose Einreise für Türken fordert? So fragen sich die Leute. Doch hoffentlich kein Umsiedlungsprogramm für Kurden.

Peter Hiemanns Analyse

Mein Freund Peter Hiemann in Grasse schickte mir die folgende Analyse der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern.

Der Begriff 'Volkspartei' wurde vom Politologen Dolf Sternberger in einem Sinn geprägt, der auch heute mit diesem Begriff verbunden wird: Als Volkspartei bezeichnet man in der deutschen Politikwissenschaft eine Partei, die für Wähler und Mitglieder aller gesellschaftlicher Schichten und unterschiedlicher Weltanschauungen im Prinzip offen ist.

Die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen belegen, dass sich die AfD als Volkspartei bezeichnen kann, denn sie gewann viele Stimmen ehemaliger Anhänger aller demokratischen Parteien und auch der großen Gruppe der Nichtwähler. Eine entscheidende offene Frage ist: Warum gewann die AfD so viele Stimmen? Um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, versuche ich herauszufinden, ob gewisse individuelle 'Bezugsrahmen' existieren, die sich eignen, Wähler in gesellschaftliche Gruppen 'einzuordnen'. Meines Erachtens werden die traditionellen politischen Kategorien wie links, rechts, schwarz, rot, grün, Sozi, etc. vielfältigen individuellen Vorstellungen nicht gerecht.

Keine der in Deutschland existierenden Parteien passt derzeit in meinen 'Bezugsrahmen'. Die etablierten Parteien vermögen weder Strategien zu liefern, wie sie mit antizipierten zukünftigen gesellschaftlichen Problemsituationen umgehen werden, noch vermögen sie Wähler emotional mit positiven Zukunftsperspektiven erreichen (motivieren). Die AfD erreicht die Wähler, die entweder etablierten Parteien die Kompetenz für aktuelle Problemlösungen absprechen oder einen individuellen 'Bezugsrahmen' besitzen, der vorwiegend lediglich auf emotional orientierte Versprechungen reagiert.

Eines Migranten Sicht

Sehr interessant fand ich das Interview in SPIEGEL 36/2016 mit Zygmunt Baumann, einem in England lebenden Polen. Nicht nur schimpft er auf den Brexit. Er hat auch unabhängige Gedanken zur Flüchtlings-Problematik. Hier ein Ausschnitt:

- Die Türken in Deutschland wollen loyale Deutsche sein und Türken bleiben. Sie sind Migranten, keine Immigranten. Sie assimilieren sich nur oberflächlich.

- Die Regierenden in London, Paris und Berlin möchten planen, kontrollieren und regulieren. Sie haben aber keine Chance.

- Wir leben in einer kosmopolitischen Welt. Der Nationalstaat ist Vergangenheit. Deshalb schrieb er ein Buch betitelt ,Retropia'.

- Der Fortschritt ist eine Bedrohung für alle. Jeder wird jedems Gegner und Konkurrent.

Hartmut Wedekind aus Darmstadt kommentierte wie folgt:

So ticke ich nicht. Ich sehe Immigration immer als eine pausenlose, schwere geistige Arbeit, auch an sich selbst, wenn man nicht im Prekariat versaufen will. So eben mal Deutsch lernen nach Jahren auf B1-Niveau, das ist die gängige politische These in jeder Talkshow. Bei so viel Verblendung bekomme ich einen dicken Hals. Ich weiß immer noch nicht, ob unsere Hauptmeinungsvertreter inkl. Frau Merkel  das ernst meinen, was sie da sagen. Oder spielen die mit uns? Oder wollen die nur über die Runden komme. Ähnliche Situation hatten wir in der deutschen Geschichte zuhauf.

Meine Antwort (BD): Ich sage nicht, dass die Meinung von Zygmunt Baumann die einzig richtige ist. Er erklärt nur wie viele Migranten 'ticken'. Ich gehe nicht davon aus, dass Angela Merkel 'spielt‘.

Peter Hiemanns Reaktion auf Baumann war schon recht dediziert:

Baumann kündigt in dem Spiegel Interview an, dass er sich derzeit einem Projekt widmet, dem er die Bezeichnung „Retrotopia“ gegeben hat. Baumann behauptet u.a.: „Wir erleben derzeit die wahrscheinlich wichtigste Kehrtwende im vorherrschenden Denken. ... In meiner Idee von Retrotopia hat der Engel der Geschichte sich um 180 Grad gedreht. ...Also wenden wir uns der Vergangenheit zu und bewegen uns dennoch blind voran.“ Ich halte Baumanns allgemein gehaltene Gedanken zum Projekt „Retrotopia“, die sich an rückwärts gerichteten historischen Situationen orientieren, für nicht tragfähig. Derzeitige ökonomische Entwicklungen deuten lediglich darauf hin, dass Gesellschaften weltweit vor großen Herausforderungen stehen, die vermutlich nur durch ein paar wesentliche Veränderungen menschlicher Denk- und Verhaltensweisen zu bewältigen sein werden. In diesem Kontext werden meine Gedanken zu einem vorwärts gerichteten Projekt 'Autonomie – Respekt – Kooperation', das Chancen für persönliche, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen eröffnen könnte, verständlich. Generell habe ich den Eindruck, dass Baumann ökonomischen Aspekten vielleicht zu wenig Bedeutung beimisst. 

Im 18. Jahrhundert entsprachen die Vorstellungen von 'Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit' berechtigten revolutionären Vorstellungen, den Privilegien des  Adels und des Klerus idealistische Prinzipien entgegenzusetzen. Die Beachtung dieser Prinzipien wird auch heute noch vertreten. Allerdings in Situationen, die in den meisten Fällen mit denen der  Epoche der Aufklärung nicht vergleichbar sind. In existierenden Diktaturen werden mit der Parole 'Freiheit' berechtigterweise Menschenrechte eingefordert. In demokratisch orientierten Gesellschaften wird die Parole 'Freiheit' leichtfertig verwendet, um oft auch wenig sinnvolle individuelle Ansprüche  geltend zu machen. 

Unter vielfältigen unterschiedlichen persönlichen Voraussetzungen, vor allem auch in notleidenden Regionen der Erde, gilt es unterschiedliche Möglichkeiten und Freiheitsgrade von Personen und Institutionen zu bedenken. Menschenwürdige Verhältnisse unter unterschiedlichen Voraussetzungen können vielleicht dadurch am ehesten hergestellt werden, wenn es gelänge, für alle an ökonomischen Kreisläufe Beteiligten Autonomie (Freiheitsgrade autonom zu handeln), zwischenmenschlichen Respekt (ohne Vorurteile) und für Personen und sozialen Gruppen überlebenswichtige Kooperation zu gewährleisten. 

Resümee und Ausblick

Ich habe wenig Hoffnung, dass sich die politische Großwetterlage bis zur Wahl im Herbst 2017 signifikant verändern wird. Ein Wahlergebnis ähnlich den oben abgebildeten ist wahrscheinlich. Eine Fortsetzung der Großen Koalition (GroKo) scheint unvermeidlich zu sein. Dass eine GroKo immer extreme Parteien am Rande erzeugen muss, ist vielleicht kein Naturgesetz. Sie verschleißt jedoch die an ihr beteiligten Parteien. Auch eine GroKo kann an Sachthemen scheitern, hat aber auch das Potential zur Durchsetzung von Reformen.

Der Ansatz Flüchtlinge möglichst in der Nähe ihres Heimatlandes so zu versorgen, dass sie nicht auf Wanderschaft gehen müssen, hat einiges für sich. Er sollte weiter verfolgt werden. Ob und wie sich der Terror reduzieren lässt, ist eine Frage, die ich nicht in einem Satz beantworten kann – wenn überhaupt.

Merkel kann (und muss) ihrer Partei helfen, in der Bundestagswahl von 2017 die nötigen Stimmen für eine Regierungsbeteiligung zu gewinnen. Dass sie bald danach den Stab an jemand anderen übergibt, ist nicht auszuschließen. Wer das ist, diese Entscheidung muss die CDU demnächst treffen.

*** Ein Warnruf: 'Die Hoffnung, dass alles doch noch glimpflich ausgehe, die gab es 1933 und gibt es heute wieder. Schauen Sie nach Osteuropa, in die Türkei, nach Frankreich, nach Deutschland, und jetzt [nach der Brexit-Entscheidung] auch nach England.'  (Martin Roth, Museumsdirektor in London, im SPIEGEL 37/2016). ***

Montag, 5. September 2016

Episoden aus dem Leben eines Programmierers und Managers

Über meine Erfahrungen aus über 40 Berufsjahren habe ich schon mehrfach berichtet, im Besonderen in [1..3]. Dabei ließen sich die fachlichen Erfahrungen nicht immer sauber von den allgemeinen Erfahrungen in einer Führungsaufgabe trennen. Die fachliche Seite umfasste in meinem Falle alle Themen, die mit Informatik und Software zu tun haben. Die Management-Seite umfasste Aspekte der Menschenführung, der Marktbeobachtung und der Projektabwicklung. Manches war amüsant und lehrreich, anderes mühsam, ja leidvoll. Ich will im Folgenden Dinge hervorheben, die man nicht in Lehrbüchern findet. Nach dem großen zeitlichen Abstand drängen sich Skurriles und Überraschendes besonders auf. Diese Anekdoten hakten sich in meinem biografischen Gewölle fest.

Aus dem Programmiererleben

(1) Aus der Lochkartenzeit

Eines meiner ersten Programme, an das ich mich erinnere, schrieb ich 1957 oder Anfang 1958. Der Ausdruck ‚Schreiben‘ passt nicht ganz. Es war mehr ein Ausknobeln. Die Maschine war die IBM 650 des Rechenzentrums Sindelfingen. Jedes benutzte Programm wurde vor seiner Ausführung von Lochkarten in den Trommelspeicher geladen. Das dafür erforderliche Hilfsprogramm hieß Lader. Es musste vor dem Laden des eigentlichen Programms in die oberen Speicherzellen gespeichert werden. Eigentlich hatte das Programm drei Funktionen, die nacheinander ausgeführt wurden. Es löschte die Trommel sowie Akkumulator und Quotientenregister auf null, lud das auszuführende Programm von Lochkarten auf die Trommel und verzweigte zum Anfang des geladenen Programms. Irgendwann wurde die Maschine auf den neuesten Stand hochgezogen und erhielt dabei auch vier Indexregister. Das waren schnelle Halbleiterspeicher, mit deren Hilfe der Zugriff auf den 2000 Worte umfassenden Trommelspeicher für bestimmte Arten von Rechnungen (z. B. Bearbeitung von Tabellen und Matrizen) vereinfacht werden konnte. Die bisherige Version des Laders hatte auf eine Lochkarte gepasst. Eine 80-spaltige IBM-Lochkarte hatte Platz für genau acht Instruktionen. Diese waren je 10 Zeichen lang (zwei Stellen für Op-Code und zweimal je vier Stellen für Adressen). Jetzt mussten auch noch die vier Indexregister auf null gesetzt werden. Dafür gab es eine zweite Lochkarte, die mit dem Lader vor das zu ladende Programm gelegt werden musste. Plötzlich war die Reihenfolge dieser beiden Karten wichtig. Da ich dies als einen Rückschritt in der Benutzbarkeit des Laders ansah, ließ es mir keine Ruhe, bis ich einen Lader für Maschinen mit Indexregister wieder auf einer Karte hatte. Ich benutzte dafür Tricks, von denen ich andern Programmieren dringend abriet. Sie sollen auch hier nicht verraten werden. Noch eine kleine Ergänzung: Ich flog hin und wieder mit Kunden nach Paris, die auf der IBM 704 am Place Vendôme rechnen wollten. Wir lernten, dass der Zoll für leere Lochkarten Gebühren verlangte. Lochkarten mit Löchern waren für den Zoll jedoch Güter ohne Wert. Für mich und meine Kunden war das Gegenteil der Fall. Unsere Programme sowie die Eingabe- wie die Ausgabedaten waren stets auf Lochkarten mit Löchern.

(2) Der Baulohn.

Diese Geschichte habe ich vor Jahren [3] schon erzählt. Ich gebe sie daher unverändert wieder.

Es war Anfang 1960, als wir für das IBM-Rechenzentrum in Düsseldorf den Auftrag gewonnen hatten, für eine Baufirma aus der näheren Umgebung die Lohnabrechnung durchzuführen. Ein Kollege und ich übernahmen es, die Umstellung des Baulohns von der Lochkartenabrechnung auf die pro­grammierte Form der Abrechnung durchzuführen. Der Lohn wurde regelmäßig am Freitag jeder Woche an einige hundert Mitarbeiter ausgezahlt. Etwa am Dienstag oder Mittwoch merkten wir, dass wir das Programm nicht bis Freitag fertig bekommen würden, und dass es aller Voraussicht nach nicht in den Speicher passen würde. Ich marschierte zum IBM-Niederlassungsleiter, einem respekt-einflößenden, etwas älteren Herrn, mit dem Ansinnen, doch den Kunden zu überzeugen, diese Woche noch einmal mittels Loch­karten abzurechnen. Seine Antwort habe ich nicht vergessen. „Eure Probleme sind zwar inter­essant, sie gehen mich aber nichts an. Ich denke nicht daran zum Kunden zu gehen. Ihr habt das Projekt übernommen und den Termin zugesagt. Entweder läuft Euer Programm am Freitag oder wir schicken die Bauarbeiter zu Euch und Ihr zahlt von Hand aus“. Natürlich lief unser Programm am Freitagmorgen und es passte auch in den Speicher. Dass wir in dieser Woche wenig Zeit zum Schlafen bekamen, brauche ich nicht eigens zu erwähnen. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich Lohnempfänger über Fehler beschwert haben oder dass wir Nacharbeiten machen mussten. Anders war es bei der Erstellung einer Lohnsteuertabelle. Als der Verlag damit beginnen wollte, die etwa 60-seitige Broschüre zu drucken, wurde festgestellt, dass sich auf einigen Seiten Rundungsfehler eingeschlichen hatten. Da der Computer-Ausdruck direkt als Druckvorlage diente, durften wir den ganzen mehrstündigen Rechnerlauf noch einmal machen.

Übrigens fiel mir wieder ein, wie wir beim Baulohn das Problem des nicht ausreichenden Speichers lösten. Wir sortierten die Abrechnungsdaten derjenigen Bauarbeiter heraus, die mehr als eine Zuschlagsart hatten. Es waren nur ein halbes Dutzend. Wir berechneten jeden Zuschlag getrennt, und addierten dann von Hand.

(3) Die Kruse-Methode.

Als Programmierer früher Maschinen hatte man stets eine besondere Beziehung zu den Wartungstechnikern des Herstellers IBM. Taten Hardware oder Software nicht das, was sie sollten, hatten wir sehr oft den Lieferanten als den Schuldigen im Verdacht. Erst wenn der Techniker sagte, das Problem kann nicht auf seiner Seite liegen, waren wir bereit, weiter im eigenen Programm nach einem Fehler zu suchen. Unsere Düsseldorfer 650 wurde von zwei Technikern gewartet. Zwei Menschen können kaum unterschiedlicher sein. Der ältere von beiden muss damals Ende der 50er gewesen sein. Er ist heute längst tot. Er hieß bei uns Herr Kruse. Seine Spezialität waren die als Ein- bzw. Ausgabegeräte dienenden Lochkarten-Maschinen. Waren irgendwelche Daten falsch eingelesen, prüfte er zunächst die genaue Zeitfolge der von den Abfühlstationen der Lochkarten übertragenen Impulse. Er erhielt dafür auch den Beinamen ‚Nockenkruse‘. Noch überraschender war sein zweiter Diagnoseschritt. Er schaltete die Stromzufuhr ab, wartete drei Sekunden und schaltete das Gerät wieder ein. Sehr oft war damit der Fehler am Gerät behoben. Es stellte sich später heraus, dass diese Methode in andern technischen Umgebungen sehr gut anwendbar war. Wollte z. B. der Fernseher kein richtiges Bild erzeugen, riet ich meiner Frau zur Kruse-Methode. Sie wusste, was zu tun war, und meistens half es auch. Ein Wort noch zum zweiten Techniker. Trat ein Fehler auf, zog er die Schaltpläne der Maschine hervor. Manchmal fragte er auch, ob er mein Programm ansehen dürfte. Er wurde später Leiter des Technischen Außendienstes der IBM Deutschland.

(4) Nutzerperspektive

Einer meiner angenehmsten Kunden während meiner Düsseldorfer Zeit war ein Ingenieurbüro aus Essen. Drei oder vier Leute kamen etwa einmal pro Monat. Sie hatten alles bestens vorbereitet. Sie hatten alle Programme selbst erstellt und hatten alle Eingabedaten bereits abgelocht. Sie benötigten nur mehrere über den Tag verteilte Rechenperioden und ein Büro für dazwischen. Sie zahlten prompt für die benutzte Rechnerkapazität. Als der Kunde plötzlich nicht mehr wiederkam, rief ich an, um zu erfahren, was los war und ob wir zu teuer oder zu unhöflich wären. ‚Nein‘, war die Antwort. ‚Wir waren mit Ihrer Betreuung und Ihren Konditionen voll zufrieden. Das Problem lag bei uns. Da Sie am Wochenende nicht arbeiten und uns auch nicht allein in Ihr Gebäude lassen könnt, haben wir uns eine eigene Maschine zugelegt. Sie ist auch von IBM (eine 1620). Jetzt haben wir immer zwei Tage mehr Zeit, um unser Angebot zu erstellen. Da es meist an einem Montag abgegeben werden muss, können wir noch am Samstag oder sogar am Sonntag letzte Änderungen vornehmen.‘

(5) Deutsches COBOL

Über diese Episode aus den frühen 1960er Jahren habe ich in diesem Blog bereits berichtet. Die Geschichte ist in dem Nachruf auf Heinz Schappert enthalten, dem langjährigen DV-Leiter von Bayer Leverkusen. Ich zitiere:

In den Jahren 1962-63 befasste sich ECMA (European Computer Manufacturers Association) auf Betreiben der französischen Firma Bull damit, die Sprache COBOL in andere Sprachen als Englisch zu übersetzen. Von der IBM Europa bekam ich den Auftrag, mich um die deutsche Version zu kümmern. Es gelang mir, mit Herrn Schapperts Hilfe den Deutschen Normenausschuss (DIN) zu involvieren. Nach mehreren Sitzungen konnten sich die beteiligten Experten sogar auf einen Norm-Vorschlag einigen. Ich selbst schrieb ein Programm (in Fortran), mit dem man deutsche, französische oder spanische COBOL-Programme in englisches COBOL übersetzen konnte. Das Projekt fand ein jähes Ende, als Herr Schappert seine Programmierer in Leverkusen fragte, ob sie in Zukunft lieber deutsches statt englisches COBOL verwenden würden. Die Antwort war eindeutig „Wir bleiben bei englischem COBOL. Das hat den großen Vorteil, dass man sofort sieht, was Schlüsselworte der Sprache (engl. keywords) und was Variablennamen des Programmierers sind.“ Meine Arbeit eines halben Jahres landete im Papierkorb. Was blieb war, dass ich später in der eigenen Firma als COBOL-Experte galt und sogar über Grundkenntnisse im Compilerbau verfügte. Außerdem blieb die Erinnerung an ein schönes Jahr an der Côte d’Azur. Ich gehörte während dieser Projektzeit nämlich zum französischen IBM-Labor bei Nizza.

Einige andere regional benötigte Produkte erwiesen sich ebenfalls als wirtschaftlicher Flop. Ein Beispiel ist die Sprache Algol. Obwohl als dringende Lücke für den ganzen europäischen Markt identifiziert, hielt sich die tatsächliche Zahl der Nutzer auf IBM Rechnern in Grenzen.

(6) Kollision von Ingenieur- und Mathematikerdenken

Auf dieses Erlebnis ging ich in einem Blog-Beitrag vom März 2013 ein. Dort hatte ich beschrieben, welche Erweiterungen zu Programmiersprachen ich einst für sinnvoll hielt. Ich habe einen Vorschlag dieser Art in meiner Dissertation [4] (S. 348-368) dokumentiert. Ich würde dieses Konzept heute als problem-orientierte oder konkrete Typen bezeichnen. Ich zitiere:

Es gab um diese Zeit [Anfang 1960er Jahre] bereits Intervall-Arithmetik, aber auch Sprachen, die Vektoren und Matrizen als das behandeln, was sie für Ingenieure sind, nämlich Datentypen, die man geschlossen manipulieren kann, d.h. ohne ihre interne Struktur und ihre Speicherung zu kennen. Der Kern des Vorschlags bestand darin, Programmen mehr als nur die elementaren Trägertypen (integer, float, char) mitzuteilen. In der Technik sowohl wie im Kaufmännischen gibt es nur wenige Fälle so genannter dimensionsloser Zahlen. Fast immer haben Zahlen eine Dimension (hier im ingenieurmäßigen Sinne). Sie stellen dann nicht nur abstrakte Werte dar, sondern Größen. Im Kaufmännischen sind es Währungsbeträge (€, US$, £, ¥), im Technischen sind es Längen, Gewichte, Zeiten, Spannungen, Widerstände oder Leistungen. Diesen Dimensionen einer Größe sind Maßeinheiten zugeordnet. Alle Zahlen erhalten einen Sinn erst durch die Einheit, in der sie ausgedrückt sind.

Als ich 1963 einem entsprechenden Vorschlag für die Sprache PL/I machte, wurde dieser von einem Mathematiker niedergeschmettert. Seine Worte haben sich als unauslösliches Glanzstück mathematischer Arroganz bei mir eingeprägt. ‚Wir Mathematiker haben die abstrakten Zahlen nicht erfunden, damit sie wieder von Ingenieuren versaut werden (engl. spoiled).‘

Aus dem Managerleben

(1) Freuden der Mitarbeiterführung

Ein Assembler ist ein zwar einfaches, aber zentrales Systemprogramm für jedwede Maschine. Er ersetzt alphabetische Op-Codes durch numerische Op-Codes und symbolische Adressen durch echte. Ein Makro-Assembler entdeckt zusätzliche Op-Codes und fügt an ihrer Stelle eine Folge von Instruktionen ein. Diese werden einer Makro-Definition entnommen. Eine Gruppe, geleitet von dem erfahrenen Michael, sollte 1967 einen Assembler für das Model 20 DPS bauen. Mehrere Berufsanfänger standen ihm zur Seite. Einer von ihnen  ̶   er soll hier Rolf heißen  ̶  sollte die Definitionstabelle für Makros anlegen und mit Beispielen füllen. Nach einigen Wochen war der Kern-Assembler fertig. Vom Makro-Teil war noch nichts zu sehen. Auch die Definitionstabelle war noch leer. Es bestand wenig Aussicht, dass sie sich alsbald füllen würde. Michael bot mir an, dass er diesen Teil des Projekts selbst übernehmen und den Zeitverlust schnellstens aufholen würde, vorausgesetzt, ich würde ihm Rolf vom Halse halten. Das tat ich, indem ich Rolf einen Schreibtisch in einem entfernten Zimmer zuwies. Damit verband ich die Bemerkung, dass er nicht damit rechnen sollte, je von mir einen neuen Auftrag zu bekommen. Nach 2-3 Monaten hatte Rolf eine Stelle in einem anderen Bereich des Unternehmens gefunden.

(2) Nur Ärger mit Preisverleihungen

Als Führungskraft sieht man sich manchmal veranlasst, Kritik an Mitarbeitern zu üben. Das ist sehr lästig (siehe oben). Sie wird deshalb oft vermieden. Wer glaubt, mit Lob sei es immer leichter, kann sich täuschen, vor allen dann wenn es selektiv ausgeteilt wird. Mit zwei Projekten verknüpfe ich diesbezügliche unangenehme Erinnerungen. Am Ende eines rein lokalen Projekts erhielten zwei von etwa 20 Mitarbeitern eine Geldprämie. Sie wurden vom Laborleiter in dessen Büro verliehen. Als wir zurückkamen, fanden wir eine Mitarbeiterin in Tränen aufgelöst. ‚Da sieht man es wieder‘ ließ sie sich verlauten. ‚Schon Otto Hahn erhielt den Nobelpreis, den eigentlich Lise Meitner verdient hatte‘. Schließlich habe sie mehr Programmzeilen (LOC) zu dem Projekt beigetragen, als einer der zwei Geehrten. Ich stammelte etwas von der Wichtigkeit von Entwurfs- und Koordinierungsarbeiten, fand aber kaum Gehör.

Ein späteres Projekt hatten wir mit einem anderen europäischen Labor zusammen durchgeführt. Nach Ende des Projekts wurden von jedem Labor 4-5 Mitarbeiter (mit Partnern) nach Rom eingeladen. Am Tag, als alle wieder zuhause waren, hing ein Plakat über dem Laboreingang. ‚Willkommen zurück den glücklichen Romfahrern - Die traurigen Hinterbliebenen‘ stand darauf. Die Stimmung verbesserte sich erst, nachdem wir alle fast 100 Mitarbeiter des Bereichs (mit Frauen und Kindern) für einen Nachmittag auf die Burg Teck einluden.

(3) Das gefährliche zweite Projekt

Es gilt als ungeschriebenes Gesetz, dass man sich  ̶  sowohl als Einzelner wie als Organisation  ̶  vor seinem zweiten Projekt besonders in Acht nehmen soll. Ging nämlich das erste Projekt glatt über die Bühne, glaubt man alles zu beherrschen, was kommt. Das DOS/VS-Projekt (1972-1975) fiel für mich in die Kategorie eines zweiten Projekts. Es gab ein Maß an Spezialisierung, eine internationale Projektaufteilung und damit gegenseitige Abhängigkeiten, die wir vorher nicht kannten. Es kamen daraus resultierende Konflikte zum Vorschein, die den Projektablauf bestimmten. In [2] habe ich die Management-Erfahrungen dieses Projekts so zusammengefasst:

Es traten alle die Dinge in Erscheinung, die eine Rolle spielen, sobald man nicht mehr auf sich allein gestellt ist. Je mehr andere Entwickler-Organisationen mit involviert sind, umso mehr Aufwand und Energie kostet die Kommunikation und Koordination. Es müssen alle relevanten Entscheidungen gründlich motiviert, nach allen Seiten abgestimmt und schließlich dokumentiert werden. Noch kritischer sind Entscheidungen, die man nicht selbst trifft, sondern die von außen auf das eigene Team hereinbrechen. In diesen Situationen den Eindruck der eigenen Projekt-Führerschaft aufrecht zu erhalten, ist nicht leicht. In der Erinnerung fast aller Beteiligten ist dieses Projekt haften geblieben als eine große Herausforderung sowohl in fachlicher wie auch in organisatorischer Hinsicht. Viele der durchaus interessanten technischen Fragestellungen wurden an den Rand gedrückt durch die bis an die Grenze des Erträglichen gehende Arbeitsbelastung und die immensen Kommunikationsprobleme.

(4) In der UNIX-Welt

Drei Jahre meines beruflichen Lebens (1982-1985) widmete ich dem Thema UNIX. Für eine ausführliche Darstellung verweise ich auf [2]. Hier gebe ich nur einen Auszug wieder, in dem spezielle Management-Erfahrungen festgehalten sind. Ich zitiere:

Es gab eine größere Ausschreibung für UNIX-Systeme im [amerikanischen] Verteidigungsbereich. Wir entschieden uns mitzubieten. Beim ersten Vergleich schnitten wir schlecht ab, lagen unter "ferner liefen", bekamen aber eine zweite Chance. Dafür erhielten wir die Anwendung (Benchmarks) des Kunden, um uns für einen "Best and Final"-Vergleich vorzubereiten. Wir setzten die besten Analytiker der Firma und die umfassendsten Messwerkzeuge ein, um alle Pfadlängen der Anwendung zu vermessen und anschließend zu verbessern. Das Ergebnis war, dass wir bei dem endgültigen Vergleich zwar bezüglich Funktion und Durchsatz die beste Lösung besaßen, insgesamt aber nur zweitbester Anbieter wurden. Die Preise für die IBM Lösung lagen wesentlich über denen eines Anbieters mit verteilten Mikroprozessoren, die er aus Standard-Komponenten zusammenbaute. Unsere Hardware kostete das Vielfache. Um den akademischen Markt besser kennen zu lernen, überredeten wir eine amerikanische Universität, ihr bisheriges UNIX-System durch unser System zu ersetzen. Die Installation lief glatt und wir waren relativ schnell in Produktion. Plötzlich wurden wir von Hunderten von Fehlerberichten überschüttet. Selbst Mitarbeiter aus der [Böblinger] Entwicklung vor Ort erreichten nicht, dass der Berg kleiner wurde. Die Mitarbeiter des Rechenzentrums und die Studenten der Universität berichteten weiter über Probleme. Auf die Frage, ob das alles Probleme seien, die nur bei unserem System aufträten, erhielten wir die Antwort: „Es sind auch die Probleme in UNIX dabei, die wir seit Jahren kennen. Nur machte es bei den früheren Herstellern wenig Sinn sie zu melden. Bei IBM stellen wir jedoch andere Anforderungen“. Kein Wunder, dass unser lokaler technischer Außendienst mit diesem System nicht viel zu tun haben wollte. Bei dem erwähnten „Best and Final“ Test für IX/370 wurde mehrere Tage lang rund um die Uhr gearbeitet, um die Ansprüche des potentiellen Kunden zu erfüllen. Mehrere Mitarbeiter aus Böblingen waren vor Ort, die von zuhause aus Unterstützung bekamen. … Obwohl der Auftrag nicht gewonnen wurde, erntete das Böblinger Team sehr viel Lob für seine technische Kompetenz. „Das hatten wir den Böblingern nicht zugetraut“ meinte Jerry Ebker, der Vizepräsident der [für das Regierungsgeschäft der IBM zuständigen] Federal Systems Division (FSD), bei der Abschlussbesprechung.

(5) Das Ringen um Methodik und Qualität

Vom ersten Tag meiner industriellen Laufbahn (im November 1957) bis zum letzten (im Dezember 1992) stand stets die Frage im Mittelpunkt, wie arbeitet man effizient und erzielt gleichzeitig ein qualitativ hochwertiges Ergebnis. Die Arbeitsweise änderte sich laufend. Das Qualitätsziel erhielt eine immer sich steigende Bedeutung. Anstatt eine für ein Lehrbuch geeignete Vollständigkeit anzustreben, will ich nur einige der Thesen zitieren, die den Kern der Veröffentlichung [1] ausmachen.
  • Die Wiederverwendung von Code und dem dazu gehörigen Material (Entwurfsdokumentation, Testfälle) ist erstrebenswert und möglich, aber nicht trivial. Gemeint ist die Wiederverwendung durch Entwickler. Jeder Code dient der Verwendung durch Anwender. Das ist der Normalfall und ist hier nicht gemeint.
  • Formale, also mathematisch fundierte Methoden sind dann praktisch relevant, wenn sie die Basis für Automatisierung bilden. Anders gesagt, sind Methoden gut, kann man sie in Werkzeuge umwandeln und einem Nutzer in die Hand geben, der die Methode  verwendet, auch ohne sie zu verstehen. Methoden, für die es überhaupt keine Werkzeuge gibt, können nicht als Technik gelten.
  • Ein Vorgehensmodell ist die Voraussetzung für die Gewinnung von Prozessdaten. Das gilt auch für die Software-Entwicklung. Ohne Daten lässt sich kein Prozess verbessern.
  • Prozessziele (z. B. % Nacharbeit) müssen in der Gruppe kommuniziert und vereinbart werden. Heimliche oder private Ziele kann man vergessen.

 (6) Erfahrungen mit Fachvorträgen

Als Letztes mache ich noch ein paar Bemerkungen zu einer Nebenbeschäftigung. Diese bestand  ̶  vor allem in den späten Berufsjahren  ̶  im Halten von Vorträgen und dem Schreiben von externen Veröffentlichungen.

An zwei Vorträge erinnere ich mich besonders gut. Der eine war 1975 auf der ACM/IEEE-Tagung ‚Reliable Software‘ in Los Angeles. Dave Parnas hatte mich vorgeschlagen. Barry Boehm leitete die Sitzung. Vic Basili und Capers Jones nahmen den Vortrag in ihre Sammelbände auf. Es wurde meine am häufigsten zitierte Publikation [5]. Deutsche Kollegen erinnern mich oft an meinen Vortrag auf der GI-Jahrestagung 1978 in Berlin. Ich hatte den Unterschied zwischen akademischer und praktischer Informatik leicht überspitzt dargestellt. Damit verfestigte ich meinen Ruf ein Querdenker zu sein. Für mich selbst am eindrucksvollsten war mein Vortrag 1987 beim Schweizer Bankverein in Wolfsberg (auf der schweizerischen Seite des Bodensees). Hier mein Bericht aus [2]:

Besonders oft wurde ich in die Schweiz eingeladen. Mit dem Thema „Software-Qualitätssicherung“ fand ich dort viele interessierte Zuhörer. Den ersten Vortrag zu diesem Thema hielt ich auf Einladung von Prof. Lutz Richter von der Universität Zürich. Der Vortrag selbst fand im zentralen Kuppelbau der ETH statt. Unter den Zuhörern war auch der Informatik-Direktor des Schweizer Bankvereins (SBV/UBS), heute eine der größten Banken der Welt. Er lud mich daraufhin als Referent zu einer Fortbildungsveranstaltung seiner Bank ein. Diese war im Herbst 1987 im Schulungszentrum Wolfsberg des SBV, herrlich gelegen am Westufer des Bodensees mit Blick auf die Insel Reichenau. Teilnehmer der Veranstaltung waren etwa 100 Führungskräfte des Informatik-Bereichs der Bank, die über 1000 Programmierer umfasste. Ich hielt etwa denselben Vortrag wie in Zürich. Danach wurde das Auditorium in vier Gruppen aufgeteilt, um die „Endres-Methode“ zu diskutieren im Hinblick auf ihre Anwendbarkeit bei der Bank. Dieser Begriff war mir bis dahin nicht bekannt. Ich hatte dafür plädiert, zuerst die akut auftretenden Probleme und Fehlerarten zu analysieren, dann darauf abgestimmte Fehlerverhütungs- und Aufdeckungsprozesse anzuwenden, und das möglichst früh in der Entwicklung. Während der etwa einstündigen Gruppendiskussion ging ich von der einen zur anderen Gruppe. Ich konnte aber nichts verstehen, da die Unterhaltungen im Schweizerdeutsch stattfanden. Ich setzte meine Hoffnung auf die Abschlussdiskussion im Plenum. Hier wurde zwar Hochdeutsch gesprochen, konnte aber trotzdem nur die Hälfte verstehen, weil so viele schweizerische Spezialbegriffe aus dem Bankwesen benutzt wurden, die ich nicht kannte. Wieweit die Bank die „Endres-Methode“ einsetzte und ob sie damit Erfolg hatte, habe ich leider nicht erfahren. 

Anstatt eines Nachworts

Geschichten zu erzählen ist das Hobby vieler älterer Menschen  ̶  so auch meines. Homer gilt als der Urvater unserer europäischen Literatur. Er schrieb vor 3000 Jahren langatmige Geschichten auf  ̶  so heißt es  ̶  nicht um sie vor dem Vergessen zu bewahren, sondern um Zeitgenossen eine Botschaft zu vermitteln. Was Stil und historische Bedeutung anbetrifft, bleibt Homer unübertroffen. Soweit jedoch meine Anekdoten eine Botschaft enthalten, überlasse ich es der Leserin und dem Leser sie zu erkennen und ggf. auf ihre/seine Situation zu übertragen.

Nur auf Papier vorhandene Referenzen
  1. Endres, A.: Lessons Learned in an Industrial Software Lab. IEEE Software, Sept. 1993, S. 58-61
  2. Endres, A.: Die IBM Laboratorien Böblingen: System-Software-Entwicklung. Band 2 der Reihe Forschung und Entwicklung in der IBM Deutschland. Eigenverlag: Sindelfingen 2001; 144 Seiten. ISBN 3-920799-22-3
  3. Endres, A.: Professionalität und Verantwortung in der Informatik. Informatik Spektrum 26,4 (2003), 261-266
  4. Endres, A.: Analyse und Verifikation von Programmen, München: Oldenbourg 1977; 405 Seiten; ISBN 3-486-21361-X
  5. Endres, A.: An Analysis of Errors and their Causes in System Programs. IEEE Trans. Softw. Eng. 1,2 (1975)

Dienstag, 30. August 2016

Software Engineering in Deutschland ̶ eine kritische Bestandsaufnahme (Version 2)

Anlässlich eines Dagstuhl-Workshops im Oktober 2005 entstand ein Manifest [1], das außer von den vier Autoren Manfred Broy, Matthias Jarke, Manfred Nagl und Dieter Rombach noch von weiteren 30 Kollegen unterschrieben wurde. Das sind fast alle Inhaber von deutschen Universitätslehrstühlen in Softwaretechnik bzw. Software Engineering. Als ich für meinen letzten Blog-Beitrag das Manifest wieder einmal las, stimmten mich einige Aussagen doch etwas nachdenklich. Ich nahm mir vor, sie mit einigen Kollegen zu diskutieren. Ich will dies in der Form eines Gruppen-Interviews tun, und zwar in diesem Blog.

Alle mir etwas auffällig erscheinenden Aussagen in dem Manifest hatte ich zunächst in Kurzform übernommen. Ich habe sie in kursiver Schrift vorneweg gestellt. Ich habe eine stichwortartige Überschrift hinzugefügt. Anschließend habe ich in jedem Fall einige Fragen formuliert, die mich bewegen. Zur Beantwortung habe ich mir bekannte Kolleginnen und Kollegen eingeladen. Die Antworten sind hier alle aufgeführt, und zwar mit oder ohne Namen des Beitragenden, ganz nach Wunsch. 

Die ersten drei Antworten kamen vom Kollegen Christof Ebert in Stuttgart (am 30.8.). Der Beitrag von Peter Mertens aus Nürnberg folgte als nächster (am 3.9.). Eine sehr ausführliche Antwort kam von Manfred Broy (am 12.9.). Er schlug unter anderem vor den Originaltext des Manifests zu zitieren und nicht meine (nicht immer gelungene) Paraphrase. Das habe ich jetzt geändert. Platz ist ja kein Argument, eher die Übersichtlichkeit. Barbara Paech aus Heidelberg hat sich (am 22.9.) noch der beiden Zusatzfragen am Schluss angenommen.

Aktuelle Erfolgsmaßstäbe

Software Engineering (abgekürzt SE, deutsch Softwaretechnik) auf Weltniveau ist die Voraussetzung dafür, dass Deutschland seine führende Stellung im Ingenieurbereich (z.B. Export-Weltmeister im Maschinenbau) halten und ausbauen bzw. eine entsprechende Position in neuen Sparten (z.B. e-Health) aufbauen kann. 

Bertal Dresen (BD): Welche Qualitätsziele halten Sie heute für relevant und angemessen (wie z. B. Fehlerfreiheit, Zuverlässigkeit, Änderungsfreundlichkeit)? Welche Maße sollen zur Anwendung kommen und welche Schwellwerte sind derzeit erreichbar bzw. akzeptabel? Wie sieht es heute bezüglich Produktivitätszielen aus? Welche Maße bevorzugen Sie (z. B. LOC, Function Points)? Müssen Metriken stärker in der Ausbildung verankert werden? Teilen Sie meine Meinung, dass die Produktivität an Bedeutung verliert, sobald auch der Wert eines Produkts in Betracht gezogen wird?

Christof Ebert (CE): Das sind viele Fragen, und viele sind heute beantwortet. Qualitätsziele werden für das Projekt oder Produkt festgelegt und durch Standards unterstützt,  beispielsweise funktionale Sicherheit oder Benutzbarkeit. Auch das Software-Volumen hat inzwischen seine durch ISO abgedeckten Standards, auf Basis der Function Points. Produktivität wird heute grundsätzlich wertorientiert gemessen, denn Softwarezeilen pro Stunde und andere solcher Maße sind ziemlicher Quatsch. Die Standardisierung mit ISO hat die Informatik professioneller gemacht. Standards zählen heute zum Kanon des „State oft the Art“ und sind damit vor Gericht, beispielsweise bei der Produkthaftung, relevant. Kritisch bleibt, dass in der Ausbildung und Industrie zu wenig empirisch gearbeitet wird. Kennzahlen sind ad-hoc, und die wenigsten Unternehmen haben belastbare Erfahrungsdatenbanken.

Peter Mertens:  Im Hinblick auf die  weitere Integration  von IT-Systemen in Unternehmen, in Institutionen der öffentlichen Verwaltung und selbst in Haushalten, auf eingebettete Systeme, auf Verbindung von Informationstechnik und Mechanik sowie  mit Blick darauf, dass sich immer mehr zum Teil wenig geschulte  Menschen (z. B. Sparkassenkunden) zwangsläufig mit IT-Systemen befassen müssen, scheint mir vordringlich: Viel gründlicher und geduldiger  als bisher üblich müssen die Apps, Programme und Systeme, die "auf die Menschheit losgelassen" werden, ausgetestet sein. Das hätte zur Folge, dass die Zeitspannen zwischen "Updates" sehr viel länger werden als momentan üblich. Angestrebt werden sollte z. B., dass die Software im PKW mindestens so lange fehlerfrei arbeitet, wie das durchschnittliche Wartungsintervall des Fahrzeugs ist. Dann könnte die Werkstatt die nächste Version fachmännisch aufspielen und die Fahrzeugeigentümer müssten sich nicht alle paar Monate mit den Problemen und den Tücken der Softwareimplementation auseinandersetzen und hierfür viel Freizeit opfern.

Dass  sich umgekehrt  Hersteller von Gebrauchsgütern aller Art  ̶  ich denke z. B. an eine Aussage des Vorstandsvorsitzenden eines bedeutenden deutschen Fahrzeugproduzenten  ̶  dafür aussprechen, im Interesse der Geschwindigkeit ("Time to Market") den  Entwurf und  Bau ihrer Erzeugnisse  dem momentan unbefriedigenden Perfektionsgrad der Softwareproduktion anzunähern, halte ich für den falschen Weg und nachgerade für eine Reduktion der Wohlfahrt im Staat. Kurzum: Auch bei der verkauften Software jene Reife, die man physischen Produkten "Made in Germany" (oder Austria oder "Swiss made") weltweit oft attestiert.

BD: Peter Denning (Jahrgang 1942) rüttelte in einem Beitrag in den CACM (Heft 59,9, 9/2016) an den von ISO standardisierten (und von Christof Ebert zitierten) Qualitätskriterien. Anstatt ihrer schlägt er sechs Stufen vor, die stärker die Nutzersicht als die Entwicklersicht berücksichtigen. Sie sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst.



Die unteren zwei Stufen sind negative Maße, die oberen vier sind aufsteigend positiv. Man sollte über sie diskutieren.

Manfred Broy (MB): In den letzten Jahren sind sehr differenzierte Qualitätsmodelle, auch nicht zuletzt durch meine eigenen Forschungsarbeiten, entwickelt worden. Ein besonderes Augenmerk haben wir auf das Thema der Wartbarkeit gelegt. Ein Start-Up aus meiner Forschungsgruppe, die CQSE, ist hier aus meiner Sicht am absoluten 'leading-edge' in Praxis und Theorie. Was Produktivitätsziele betrifft, so halte ich alle Metriken für Krücken. Allerdings meine ich, dass Metriken stärker in der Ausbildung verankert sind. Das lässt sich auch, soweit es meine Lehre betrifft, gerne nachweisen. Sie brauchen nur mein vor wenigen Jahren erschienenes Buch zum Thema Projektorganisation und Management [2] lesen. Dann sehen Sie, welche Bedeutung dort den Metriken eingeräumt wird. Der letzte Satz, dass Produktivität an Bedeutung verliert sobald der Wert eines Produktes in Betracht gezogen wird, ist eine Binsenweisheit.

Vergleich Maschinenbau

Damit erfolgversprechende Forschungsprojekte realisiert werden können, muss eine Zusammenarbeit mit Ingenieuren, insbesondere Maschinenbauern, erfolgen. Disziplinen wie der Maschinenbau unterscheiden sich allerdings in Bezug auf ihr Wissenschaftsverständnis merklich von der Informatik. Während in der Informatik allgemein das Bestreben nach verallgemeinerbaren Methoden vorherrscht, besteht im Maschinenbau ein vorrangiges Ziel darin, funktionierende (große) Systeme zu bauen. Disziplinübergreifende Forschungsprojekte müssen sowohl den methodischen Erkenntnisfortschritt als auch eine empirische Bestätigung beinhalten und werden daher in der Zukunft deutlich höhere Forschungsvolumina benötigen.

BD: Halten Sie die hier ausgedrückte Meinung für richtig, dass in der Software lediglich die Methoden zählen, nicht jedoch Produkte und funktionierende Systeme? Sollte die hier zitierte Meinung an Hochschulen oder in der Praxis vorherrschen, was muss geschehen, um sie zu verändern? Ist es nicht gerade für ein Hochlohnland wie Deutschland wichtig, auf den Multiplikatoreffekt von Produkten zu setzen, anstatt sich auf Projekte zu spezialisieren?

MB: Es ist Unsinn zu behaupten, dass in der Software nur die Methoden zählen und nicht die Produkte. Das ist in dem Manifest auch nie so gesagt worden. Eine solche Meinung herrscht auch an Hochschulen nicht vor und in der Praxis schon gleich gar nicht.

Grundlagen versus Theorie

Angesichts der hohen gegenwärtigen Bedeutung und der sich noch verstärkenden Bedeutung in Zukunft ist von Seiten des BMBF eine wesentlich höhere Förderung für Software Engineering vorzusehen. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft muss diese Thematik in besonderer Weise fördern, indem spezielle Programme aufgelegt werden und sich sowohl DFG als auch Gutachter klar werden, dass Grundlagenorientierung – wie in allen Ingenieurwissenschaften – nicht nur Theorie bedeutet.

BD: Als Grundlagen der Informatik gelten diejenigen Wissenschaften, auf denen sie beruht (z.B. Physik, Mathematik, Elektrotechnik, Psychologie)? Eine Theorie in den Naturwissenschaften erklärt, warum etwas geschieht. Ist der Eindruck richtig, dass der Begriff Theorie von Informatikern oft auch für die Formalisierung gewisser Methoden benutzt wird? Woran liegt das? Was kommt dadurch zu kurz?
MB: Als Grundlagen der Informatik sehe ich nicht die Physik, Mathematik, Elektrotechnik und Psychologie. Theorie in der Informatik wird zumindest nach meiner Definition mit den fundamentalen Zusammenhängen begründet wie Berechenbarkeit, formale Sprachen, algorithmische Komplexität. Grundlagen im Software-Engineering bedeutet für mich, zusätzlich zu den Kenntnissen wesentlicher Teile der Theorie der Informatik, dass der Student ein klares Verständnis von wichtigen Begriffen hat, mit denen der Software-Ingenieur hantiert. Beispiele sind Schnittstelle, Architektur, Modularität, Kompatibilität. ... . Ich könnte hier das Begriffsgerüst beliebig fortsetzen.

Ziele der Ausbildung

Die universitäre Lehre muss international wettbewerbsfähig sein. Sie sollte international zusammenarbeiten. Trotz Grundlagenorientierung muss auch auf die gegenwärtige Praxis vorbereitet werden. 
...  Neben der Vermittlung praxisrelevanter Inhalte muss die Lehre auch gezielter auf Forschungsinhalte vorbereiten.
BD: Der letzte Satz könnte dahingehend interpretiert werden, dass Hochschulen primär an dem eigenen Nachwuchs interessiert seien. Ist dieser Vorwurf begründet? Ist es nicht viel wichtiger auch das Entwickeln und Bewerten von Produkten und Dienstleistungen zu lehren? Wie kann die Praxis-Relevanz des Studiums generell gesteigert werden? Lassen sich ‚soft skills‘ (z.B. Rhetorik, Team-Fähigkeit) theoretisch lehren?

CE: Die Ausbildung muss immer an der späteren Umsetzung interessiert sein. In der Informatik-Ausbildung werden der untere Teil des V-Modells und die Werkzeuge überbetont, während Requirements Engineering, Projektmanagement, Soft Skills etc. zu kurz kommen. Natürlich geht das nicht nur theoretisch, und genau deshalb ist es wichtig, dass das Studium Grundlagen und Methodik auch im praktischen Kontext vermitteln. Das kommt dort zu kurz, wo Professoren nur an Zitationsindexen interessiert sind und nie in der Industrie gearbeitet haben.

MB: Das Manifest beschreibt explizit, dass Lehre auch auf Praxis vorbereiten muss und natürlich auch auf die Fähigkeit zu forschen. Das ist der Anspruch jeder wissenschaftlichen Disziplin. Zumindest, was mich betrifft und die Kollegen, deren Lehre ich kenne, muss ich sagen, dass es ein völlig unzutreffender Vorwurf ist, dass wir nur am eigenen Nachwuchs interessiert sind. Ich finde die Unterstellung fast bösartig.

Verhältnis Primär- zu Sekundärbereich
  
Software ist wettbewerbsentscheidender Faktor geworden, nicht nur in der Primärbranche, die durch die Entwicklung eigenständiger Softwareprodukte gekennzeichnet ist. Dies gilt weitaus stärker in allen so genannten Sekundärbranchen (eingebettete Software in Produkten und Dienstleistungen, z.B. Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektrotechnik, Telekommunikation, aber auch Unterhaltungsbranche, Medizin u.a.), in denen 80 % der Softwareingenieure arbeiten [3]. Für die Wertschöpfung im Produktionsgüter- und Dienstleistungsbereich ist Software Engineering entscheidend als „Produktionstechnik des 21. Jahrhunderts“.
BD: Das klingt für mich, als ob man aus der Not eine Tugend macht. Führt diese Einstellung nicht dazu, dass Informatiker auf Dauer in eine Ecke gedrängt werden, während Ingenieure, Kaufleute, Ärzte und andere das Denken für sie übernehmen und auch den ganzen Ruhm einheimsen? Sollten Informatiker nicht  lieber andern Berufen und Personengruppen Informatik-Produkte anbieten, mit denen sie ihre Anwendungen leicht und sicher erstellen können? SAP ging  ̶  zumindest ansatzweise  ̶  in diese Richtung. Wäre das nicht nur ein Weg zu mehr Professionalität der Informatiker, würde es nicht auch das Problem des Fachkräftemangels an der Wurzel angreifen?

MB: Ich bin genug in Projekten unterwegs, insbesondere auch als Gutachter für gescheiterte Projekte, um eine Vielzahl von Beispielen aufzählen zu können, die zeigen, dass dieses Bild eben gerade heute noch mehr zutrifft denn je. Ich schreibe das unter dem Eindruck eines Projektes, das ich gerade begutachtet habe, das für das Anwendungsunternehmen von strategischer, fast existentieller Bedeutung ist und durch Missmanagement in ein Desaster geführt worden ist.

Nirgends steht im Manifest, dass es sich nicht lohnt, sich um den Primärbereich zu kümmern. Allerdings gilt mehr denn je, dass heute die Informatik in allen möglichen Disziplinen entscheidend in den Anwendungen unterwegs ist. Und man wird in diesen Anwendungen keinen Fortschritt machen, wenn hier nicht Software-Engineering und Anwendungs-Know-How eine enge Verbindung eingehen. Im Manifest wird in keinster Weise geschrieben, dass hochqualifizierte Arbeitsplätze nur mit Ausländern besetzt werden. Im Text wird zunächst über Wissenschaft gesprochen und über die Art und Weise, wie sich der Ruf von Wissenschaftlern begründet. Was das für die Praxis bedeutet, ist etwas ganz anderes. Abgesehen davon kenne ich eine Vielzahl von Firmen, die über die Landesgrenzen hinaus wirken, insbesondere Anwendungsfirmen. Beispiele sind Siemens, KUKA, die deutschen Automobil-Firmen und eine Vielzahl von anderen mittelständischen Firmen.

Weiterbildung von Praktikern

Die Hochschulen sollten für die Weiterqualifizierung von Industrie-Mitarbeitern sorgen. Hier bestimmen Quereinsteiger noch immer das Bild des Berufes.

BD: Natürlich würde die Industrie begrüßen, wenn sich Hochschulen hier stärker engagieren würden. Was kann getan werden, um die Situation zu verbessern? Bei fast einer Million Arbeitskräften im IT-Bereich werden Quereinsteiger noch lange benötigt. Was ist falsch daran?

MB: Quereinsteiger stoßen schnell an ihre Grenzen!

Schätzung des Bedarfs

Es gibt einen geschätzten Bedarf von 385.000 Softwareentwicklern in Deutschland. Auch bei vorsichtiger Bewertung dieser Zahl ergibt sich daraus, dass ein weiterer Ausbau der Softwaretechnik an deutschen Universitäten dringend erforderlich ist, denn nach dem aktuellen Stand der Forschung und Lehre wären das derzeit 7300 benötigte Softwareentwickler pro Forschungsgruppe. Vereinzelt begründen einschlägige Firmen bereits die Verlagerung ins Ausland mit dem Mangel an Softwareingenieuren.

BD: Wie verlässlich sind solche Bedarfsschätzungen? Wie weit kann bzw. muss dieser Bedarf aus Nachwuchs im Inland abgedeckt werden? Besteht wirklich ein Mangel an deutschen Führungskräften? Wenn ja, was kann getan werden?

MB: Nur zu dem Punkt des Mangels an deutschen Führungskräften. Nennen Sie mir fünf Vorstandsmitglieder in deutschen DAX-Unternehmen, die in der Lage sind, ihr Unternehmen zu Fragen der Digitalisierung strategisch kompetent zu führen.

Internationale Ausstrahlung

Deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bereich Software Engineering zeigen international eine hohe Präsenz. Insbesondere im Vergleich mit den europäischen Nachbarn lässt sich feststellen, dass in dem traditionell von den USA dominierten Feld neben den Briten gerade Deutsche in den Organisationskomitees und Herausgeberräten aller einschlägigen Konferenzen und Zeitschriften beteiligt sind. Dieses positive Bild zeigt sich auch in vielen Beiträgen zu Konferenzen und Zeitschriften, deren Anzahl allerdings noch steigerungsfähig ist.
BD: Ist diese Ansicht wirklich ernsthaft vertretbar? Die Informatik ist – und das weiß doch jeder – sowohl was die Wirtschaft als auch die Wissenschaft betrifft, international ausgerichtet. Ohne sichtbare technische und wissenschaftliche Leistungen, die auch im Ausland beachtet werden, insbesondere in den USA, verkommt Wirtschaft und Wissenschaft zur Provinzialität. Das großzügige finanzielle Engagement des Staates in Begegnungsstätten (wie Schloss Dagstuhl), im Ausland geförderte Forschungsgruppen (etwa der Fraunhofer-Gesellschaft) oder den Wissenschaftleraustausch (wie Fulbright und ICSI Berkeley) ist zweifellos hilfreich, allein reicht es sicherlich nicht aus. Was kann getan werden, um einzelne Wissenschaftler oder Unternehmer dazu zu motivieren, ihrem fachlichen Wirken über die Landesgrenzen hinaus mehr Nachdruck zu verschaffen? Welche neuen Initiativen könnten helfen?

MB: Nur ganz kurz: Wir versuchen gerade eine konkrete inhaltliche Zusammenarbeit mit den USA!

Technologietransfer

Die Industrie ist eingeladen, diese Zusammenarbeit verstärkt zu suchen bzw. anzunehmen. Innerhalb dieser Zusammenarbeit kann vorhandenes Wissen transferiert werden bzw. gemeinsam erarbeitetes für die Nutzung aufbereitet werden. Diese Zusammenarbeit besteht nicht aus kurzzeitiger und kurzfristiger Entwicklungsarbeit. Eine längerfristige Zusammenarbeit im beschriebenen engen Kooperationsmodus bezüglich des Horizonts der Aufgabenstellung und der Kooperationszeit ist eine ideale Basis für das Rekrutieren von Mitarbeitern, deren Qualifikation und Eignung der Industriepartner dann genau kennt.
BD: Wird nicht über dieses Problem schon seit Jahrzehnten gejammert? Was kann getan werden, um die Situation zu verändern?

CE: Technologietransfer findet überall dort statt, wo parallel zur Forschung auch der Markt und der Bedarf hinterfragt werden. Gute Forschung ist auf Tuchfühlung mit der Industrie. Algorithmen für Suchmaschinen oder für selbstfahrende Autos entstehen genau an dieser Schnittstelle, und nicht im stillen Kämmerlein eines Lehrstuhls. Dass es klappt, zeigen Fraunhofer Institute und die vielen Unternehmen, die ganz konkret mit Hochschulen arbeiten und damit den Transfer operationalisieren. Bei Vector [dem Unternehmen, bei dem Ebert Geschäftsführer ist] unterstützen wir verschiedene deutsche Hochschulen in der Forschung und im Transfer – ohne die Freiheit der Forschung einzuschränken.

MB: Von jammern kann keine Rede sein – wir machen das – gern bei Bedarf näheres!

Stand der Praxis

Im Widerspruch dazu wird in vielen Unternehmen der Sekundärbranche die Entwicklung und Pflege von Software noch als reiner Kostenfaktor betrachtet. Nur wenige Unternehmen haben bereits die strategische Bedeutung von Software als Umsatzgenerator und „Business-Enabler“ erkannt und betrachten Softwareprojekte unter dem Aspekt ihrer Unternehmensstrategie.
BD: Kommt hier nicht eine Meinung zum Ausdruck über eine Situation, die mindestens seit 20 Jahren nicht mehr zutrifft. Was kann getan werden, um das nachhängende Bild zu korrigieren?

MB: Betrachtet man wie der Einkauf in der Automobilindustrie Aufträge vergibt – im Fall von Softwareentwicklern rein nach Tagessätzen – so sieht man, dass die Aussage aus dem Manifest nach wie vor gilt!
  
Stuttgarter Modell

Die Erfahrungen mit einem speziellen Studiengang mit dem Schwerpunkt Softwaretechnik sind sehr gut. Versuche, wie etwa in Stuttgart, wurden nach erfolgreicher Evaluation inzwischen fest etabliert.

BD: Warum blieb Stuttgart bisher ein Einzelfall? Gäbe es nicht Alternativen zum Stuttgarter Modell, die insgesamt besser wären, nämlich generell die konstruktiven Aspekte der Informatik stärker zu betonen, und zwar für Systemprodukte, in denen Hardware und Software zusammen geplant werden?

MB: Volle Zustimmung!

Zusatzfrage 1

BD: Welche Möglichkeiten gibt es, um sowohl den intellektuellen wie den wirtschaftlichen Wert eines Software-Produkts kenntlich zu machen und ins allgemeine Bewusstsein zu rufen? Gibt es Möglichkeiten, dieses Anliegen während des Studiums stärker zur Geltung zu bringen?

Barbara Paech (BP): Ja, natürlich. Bei uns gibt es durch einen Lehrbeauftragten von SAP eine Vorlesung Software-Ökonomie. In Projekten mit industriellen Auftraggebern (im großen Stil bei Herrn Brügge an der TUM), im kleinen Stil an vielen anderen Unis erhalten die Studis ganz konkrete Anforderungen bzw. Feedback, das den  wirtschaftlichen Wert betont. Allerdings eher für kleine Anwendungen wie Apps.

Zusatzfrage 2

BD: Was sehen Sie als die größten Erfolge des Software Engineering an? Wo besteht noch Nachholbedarf? Wie sehen Sie Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern? Tut die Gesellschaft für Informatik (GI) auf diesem Gebiet genug und – vor allem – tut sie das Richtige?

BP: Ich persönlich finde es nicht so hilfreich, größte Erfolge zu sammeln. Wichtig ist mir eine kontinuierliche positive  Weiterentwicklung. Im Bereich Requirements Engineering, den ich am besten beurteilen kann, gibt es z.B. eine Entwicklung von ausschließlich systemnahen Anforderugen zum Einbezug von NutzerInnen durch 'Use cases' und 'user stories'  zu 'continuous software engineering' mit kontinuierlichem NutzerInnen-Feedback zu kleinen Inkrementen. Da ist vieles noch nicht ganz ausgereift, aber das geht ein ganz essentielles Problem des SE an, nämlich dass die Produkte oft Funktionalität haben, die die NutzerInnen so nicht brauchen können oder wollen.

Diese Entwicklungen werden typischerweise nicht durch Unis angestoßen, sondern kommen aus der Praxis, aber die empirische Forschung hilft, Mechanismen deutlich zu machen und von Werbesprüchen wegzukommen. Die methodische Forschung hilft, diese oft als Hype entstehenden Entwicklungen (ein)zuordnen und eben auch für die Lehre aufzubereiten.

BD: Vielen Dank allen Beitragenden!

Referenzen:
  1. Broy, M., Jarke, M:, Nagl, M., Rombach, D.: Manifest: Strategische Bedeutung des Software Engineering für Deutschland. Informatik Spektrum 29.3 (2006), 210-221
  2. Broy, M., Kuhrmann, M.: Projektorganisation und Management im Software Engineering. Heidelberg 2013
  3. Evasoft2000: Analyse und Evaluation der Softwareentwicklung in Deutschland. Studie für das Bundesministerium für Bildung und Forschung, 2000