Samstag, 3. Dezember 2016

Wissendurst als Antriebsmotor des Homo sapiens (Ein Essay von Peter Hiemann)

In seinem im Juli dieses Jahres in diesem Blog veröffentlichten Essay postulierte Peter Hiemann, dass unbewusste Emotionen zusammen mit bewussten Vorstellungen den Sinn ergeben, der dem menschlichen Wesen gerecht wird. Angetrieben wurde er dabei von der Frage, warum gerade eine weltweite Abwendung vom Geist der Aufklärung um sich greift. Politik, Medien und öffentliche Meinung werden zunehmend von Irrationalität bestimmt, dem Postfaktischen.

Seinen heutigen Beitrag überschreibt Hiemann mit ‚Gott und die Welt‘. Er fasst darin Geschichte auf als das Suchen nach Wissen. Dabei spannt er einen großen Bogen über den menschlichen Wissenserwerb und menschliche Vorstellungen in verschiedenen historischen Epochen. Er stellt dies dar in Form von Schnappschüssen und einer Auswahl von Persönlichkeiten und Denkschulen. Hiemann beginnt mit Mythen und religiösen Vorstellungen, geht aber schnell zu den verschiedenen wissenschaftlichen Auffassungen über. Nach seiner Meinung ist unsere abendländische Identität eindeutig durch die wissenschaftliche Sicht geprägt. Es ist dies z.B. ein Unterschied zur Islamischen Identität, die Hartmut Wedekind gerade in seinem Blog ausführlich behandelt.

Peter Hiemann ist unter meinen Bekannten mit Abstand der Belesenste. Hin und wieder scheint seine Sozialisation als Mathematiker in der DDR durch, einer DDR, die er so früh er konnte, verließ. Christentum und Judentum erhalten gegenüber ostasiatischen Lehren wie Buddhismus und Shintoismus keinen Vorzug. Hiemanns Weltbild ist am ehesten als Szientismus (oder von der Neurobiologie angereicherter Physikalismus und Biologismus) einzustufen. Interessant finde ich, wen und was Hiemann weglässt. So fehlt die Scholastik (Thomas von Aquin), der Rationalismus (Descartes, Kant), der Materialismus (Marx, Adorno) und der Nihilismus (Nietzsche, Sartre). Er mixt sich seinen eigenen philosophischen Cocktail (wörtlich ein Hahnenschwanz).

Ich wünsche viele Anregungen beim Lesen. Klicken Sie hier.

Dienstag, 29. November 2016

Kommt demnächst der zweite KI-Winter?

Nach dem allseits bedauerten KI-Winter scheint endlich die Frühlingsonne das Fachgebiet ‚Künstliche Intelligenz‘ zu bescheinen. Die Erfolge von Maschinen, die bisher nur Menschen zugetraute Leistungen erbringen, sind in aller Munde. Beispiele sind selbstfahrende Autos, Schach spielende oder Quizfragen beantwortende Computer. Wie geht dies weiter? So fragen manche. Dass viele Leute versuchen, dazu eine Antwort zu geben, liegt auf der Hand. Meine eigenen Erfahrungen und meine bescheidenen Sachkenntnisse ermutigen mich, mich auf dieses Glatteis zu wagen.

Sicht der Historiker und Philosophen

Die Anregung zu diesem Beitrag ergab sich mal wieder aus einer aktuellen Veröffentlichung. Manfred Dworschak, gelernter Sprachwissenschaftler und Historiker, ist der Wissenschaftsredakteur des SPIEGELs. In Heft 48/2016 setzt er sich unter dem Titel ‚Vogel Strauß auf Rädern` mit dem Thema KI auseinander. Er gibt sich dabei als Anhänger des amerikanischen Philosophen John Searle (*1932) zu erkennen. Von ihm stammte nämlich 1980 das Gedankenexperiment des Chinesisches Zimmers, um zu beschreiben, dass Computer nicht wirklich denken können. Wie viele Historiker so verfällt auch er der Versuchung zu zeigen, dass eigentlich alles, was Techniker heute erfinden, schon mal da war. Dworschak erinnert zum Beispiel an Jacques de Vaucanson (1709-1782).

Als sein Meisterwerk gilt … seine mechanische Ente. Sie bestand aus mehr als 400 beweglichen Einzelteilen, konnte mit den Flügeln flattern, schnattern und Wasser trinken. Sie hatte sogar einen künstlichen Verdauungsapparat: Körner, die von ihr aufgepickt wurden, „verdaute“ sie in einer chemischen Reaktion in einem künstlichen Darm und schied sie daraufhin in naturgetreuer Konsistenz aus.

Aus Dworschaks reich mit Karikaturen geschmücktem Beitrag seien nur ein paar Highlights wiedergegeben. Nach dem mit Lochkarten gefütterten ‚Perceptron‘ von 1958 hätten jedes Mal Forscher auf andere wohlklingende Konzepte gesetzt, so auf formale Logik und genetische Algorithmen, auf Expertensysteme und schließlich doch wieder auf neuronale Netze. Das tolle neue Verfahren sei ‚Deep Learning‘. Von ihm erwarte man ‚Anzeichen eines menschenähnlichen Verstehens‘. Die Firma IBM hätte ein Chip, das ein künstliches Neuron darstelle. Jetzt würde Apple, Microsoft. Amazon und IBM wieder große Summen investieren, nur weil die Marktbeobachter von IDC bis zum Jahre 2025 einen weltweiten Umsatz von 47 Mrd. Dollar projizierten. Auf die Frage. bis wann man alle 100 Billionen Verknüpfungen im Gehirn eines einzelnen Menschen verstanden habe, so dass man das Gehirn nachbauen könnte, soll der Neurobiologe Kenneth D. Miller geantwortet haben: ‚Pi mal Daumen, Jahrhunderte‘. Als deutscher KI-Pionier habe sich Jürgen Schmidhuber (*1963) ‚uneinholbar an die Spitze der Visionäre‘ gesetzt. Der Altmeister Roger Schank (*1946) sähe einen zweiten KI-Winter im Anzug. ‚Es riecht schon nach Schnee‘, soll er gesagt haben.

Eigene Erfahrungen

Mit fast allen im obigen Text erwähnten Techniken hatte ich im Laufe meines Berufslebens zu tun. Über meine eigenen Erfahrungen zum Thema Expertensysteme habe ich in [1] berichtet. Hier ein Ausschnitt:

Ein Expertensystem ist ein Software-System, das die Arbeitsweise eines Experten nachahmt. Es hat eine besondere Struktur, weil es das, was man als Wissen des Experten ansieht, explizit darstellt, und zwar in Form von Regeln. Der Nutzer stellt Fragen an das System. Die Antwort wird gegeben, indem aus Fakten und Regeln Schlussfolgerungen abgeleitet werden. Je nach Problemstellung kommt eine Vorwärts- oder Rückwärtsverkettung der Regeln zur Anwendung. Das Problem, das in diesem Projekt angegangen wurde, bestand darin, anhand eines Speicherabzugs zu erkennen, in welchem Modul ein Problem aufgetreten ist. … Die normalerweise vom menschlichen Experten vorgenommene Analyse versucht die Ursache des Problems zu bestimmen bzw. einzugrenzen. Hierfür gibt es keine festen Algorithmen, sondern nur Adhoc-Methoden.

Das Expertensystem vollzieht nach, welche Daten ein anerkannter Experte sich ansieht und wie er sie bewertet. Deshalb war es entscheidend, dass ein solcher Experte gefunden wurde, der bereit und in der Lage war, sein Wissen zum Thema Software-Fehleranalyse zur Verfügung zu stellen. Seine Vorgehensweise bei der Analyse eines Speicherabzugs wurde abgebildet. Weitere Experten wurden in Interviews um zusätzliche Hinweise befragt. Es wurde ein erster Satz von Regeln (etwa 200) formuliert und auf bekannte Daten angewandt. Danach wurde das System iterativ weiter verbessert, indem unbefriedigende Ergebnisse analysiert und die Regeln erweitert wurden. Das Wissen, das schließlich verarbeitet werden konnte bestand aus etwa 600 Regeln und bezog sich auf alle wichtigen Arten von Problemen, die im Betriebssystem-Kern auftreten können. …Das System liest die Speicherabzüge, kondensiert und strukturiert die Daten. … Aus Symptomen werden Hypothesen generiert, die dann getestet werden. Dieser Aufbau ähnelt einem medizinischen Diagnosesystem. Als Ergebnis der Analyse werden die Namen von einem oder mehreren "verdächtigen" Moduln angegeben. Mit dieser Information kann dann in Datenbanken des Wartungsdienstes nach bekannten Fehlern gesucht werden. 

Beginnend ab 1991 wurde das Expertensystem deutschen Kunden als Teil eines erweiterten Service-Pakets angeboten. Es fand relativ gute Akzeptanz, nachdem verstanden worden war, dass es primär "Routine-Probleme" löste, nicht aber die vom menschlichen Experten als besonders schwierig klassifizierten Fälle. Bei diesen Routine-Problemen reduzierte es den Arbeitsaufwand deutlich. Es förderte darüber hinaus die stärkere Systematisierung der Vorgehensweise und diente als Schulungshilfsmittel für neue Mitarbeiter des Technischen Außendiensts.

Anhand der Beschreibung dieses Fallbeispiels lassen sich die Stärken und Schwächen dieser Technik sehr gut erkennen. Fachwissen lässt sich getrennt darstellen vom Programm, das es verwendet. Das System ist nur so gut wie das erfasste Wissen. Nützliches Wissen ist sehr speziell. Es kann sich rasch ändern. Es besteht für mich kein Zweifel, dass es sich im Falle von Expertensystemen um eine solide Technik handelt. Ihr großer Nachteil ist, dass sie von einem tiefen Wissen über Anwendungen abhängig ist, um Erfolg zu haben. Diese Technik wurde in den Hintergrund gedrängt, weil die gesamte Industrie zunächst auf eine Reihe wesentlich einfacher Anwendungen abfuhr, die sich aufgrund des Hardware-Fortschritts erschließen ließen. Was vorher nur für Fachleute erschwinglich war, wurde zu Massengütern. Der Transport, die Speicherung und die Präsentation riesiger Datenmengen erfordern kein großes Wissen. So wurden Nachrichten, Mails, elektronische Bücher, Fotosammlungen und Videoangebote statt nur für Firmen und Technik-Gurus auch für Privatleute, Jugendliche und Gelegenheitsnutzer zugänglich und erschwinglich.

Nur zur Verdeutlichung: In diesem Blog hatte ich meine private Dreischichten-Informatik vorgestellt, allerdings nur in Bezug auf ihre Anwendungen. Zur Ergänzung möchte ich darauf verweisen, dass einer meiner sieben Rechner, das iPhone 6s (mit seinen rund 37.500 MIPS) eine Leistung von etwa 250 Cray 1 (150 MIPS) aufweist. Seine Hauptspeicherkapazität beträgt das 8.000-fache (64 Gigabytes gegenüber 8 Megabytes). Er kommuniziert im Netz mit einer 100.000-fachen Datenrate (100 Megabit/s gegenüber 1 Kilobit/s). Die Cray 1 war 1976 der schnellste Rechner seiner Zeit, d.h. vor 40 Jahren.

Dass in Deutschland der KI-Winter nicht ins allgemeine Bewusstsein drang, verdanken wir vor allem der Tatsache, dass bei uns die öffentlich geförderte Forschung eine größere Bedeutung zu haben scheint als das Geschehen in der einschlägigen Industrie. (Näheres dazu in meinem Blog-Beitrag zum DFKI.)

Fortschritt aus der Sicht eines Ingenieurs oder Informatikers

Wer über den technischen Fortschritt nachdenkt, kann dafür sehr unterschiedliche Gründe haben. Ein Handwerker mag an die Veränderungen denken, die seiner Tätigkeit bevorstehen oder drohen. Der Bürger oder die Bürgerin sieht Veränderungen in der gewohnten Lebenswelt, usw. Der Ingenieur, aber auch der konstruktiv arbeitende Informatiker, sieht es als seine Aufgabe an, für die Wirtschaft und die Gesellschaft das Potential zu erschließen, das in der sich entwickelnden Technik latent vorhanden ist. Die Technik – und nur sie – bietet Möglichkeiten, das Los der Menschheit zu erleichtern. Sie kann es leichter machen, Bodenschätze zu gewinnen oder Nahrungsmittel zu erzeugen. Sie kann helfen Sachen, Personen oder Informationen von Ort zu Ort zu transportieren. Sie kann eingesetzt werden, um Krankheiten zu heilen oder Behinderungen erträglicher zu machen. Diese Liste lässt sich noch weiter fortsetzen.

Jeder Ingenieur oder Informatiker weiß, dass es keinen Vorteil gibt, ohne Nachteil, keinen Nutzen ohne Kosten, kein Gut ohne Preis. Wer anders argumentiert, vergisst oder versteckt einen Teil der Realität. Dies geschieht oft unbewusst. Da, wo es bewusst geschieht, kann eingegriffen werden. Das setzt allerdings voraus, dass sich die Beteiligten oder die Betroffenen, über die Abwägungen im Klaren sind. Es ist eine Illusion, wenn Informatiker und Ingenieure glauben, dass die Abwägungen über Vor- und Nachteile, über Nutzen und Kosten, von ihnen an andere Berufsgruppen delegiert werden können. Wenn Juristen, Politiker, Philosophen oder Soziologen die Abwägungen treffen, ist die Gefahr groß, dass kein Optimum herauskommt. Es müssen nicht die Egoismen einzelner sein, die das Ergebnis bestimmen. Fehlendes Wissen um mögliche Alternativen kann genauso abträglich sein. Sich einzubilden, dass Ingenieure und Informatiker es allein können, ist ebenfalls von Übel.

Zur Zukunft der KI

Die KI ist eigentlich ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Aktivitäten auf unserem Fachgebiet, für die der eigene Name weniger attraktiv zu sein scheint. Bei Robotik denken viele an Greifarme mit Fingern statt an Software. Computervision ist im Grunde Mustererkennung. Sprechen und Verstehen ist Linguistik. Gliedert man diese Gebiete (und einige ähnliche) aus, fragt es sich, was an KI noch dran ist. Es kann durchaus sein, dass dann die KI (im engeren Sinne) mal wieder den Anschluss verliert. Wenn Forschungsgelder, die unter anderem Titel beantragt werden, reichlicher fließen, können die KI-Banner und T-Shirts mal wieder im Schrank landen. Ob das ein großes Problem darstellt, hängt davon ab, ob man vorher die Kurve bekommen hat oder nicht.

Die Firma IBM ist bemüht den Begriff KI durch den Begriff ‚Kognitive Systeme‘ zu ersetzen. Ihr Flaggschiff auf diesem Gebiet ist zurzeit das System Watson.  Watson ist ein Rechnerverbund bestehend aus 90 Servern mit 16 Terabytes Hauptspeicher. Jeder Server besitzt einen 8-Kern-Prozessor, wobei jeder Kern bis zu vier Threads gleichzeitig ausführt. Es wird massive Parallelisierung betrieben. Mittels Hadoop MapReduce wird eine große Anzahl von normalen, also nicht-formatierten Textdokumenten parallel durchsucht.

Warnung vor Überbewertungen

Es gibt viele Leute, die über gesellschaftliche und ethische Probleme im Zusammenhang mit KI nachdenken. Ich gebe meinem Freund Peter Hiemann dazu das Wort:

Derzeit geistern Vorstellungen durch die mediale Welt, mit denen angedeutet bzw. behauptet wird, dass Homo sapiens dabei ist, in ein neues Zeitalter der Menschheit einzutreten: Maschinen werden sich mittels künstlicher Intelligenz (KI) selbst verbessern können und damit den technischen Fortschritt derart beschleunigen, dass sie das zukünftige Leben der Menschheit demnächst grundlegend verändern werden. Virtuelle Erfahrungen werden die Denk- und Verhaltensweisen der neuen Generation prägen, die Menschheit wird demnächst eine 'transhumanistische Singularität' durchschreiten.

Derartige 'Prognosen' werden von Experten des Silicon Valley verbreitet und treffen sowohl auf leichtgläubige Befürworter als auch abschätzende Kritiker. Es darf  als sicher angenommen werden, dass im 21. Jahrhundert mehr und schneller als jemals zuvor technische Möglichkeiten persönliche Denk- und Verhaltensweisen beeinflussen und prägen werden. Aus der Perspektive technischer Experten  werden alle möglichen technischen Entwicklungen als fortschrittliche Schritte der Menschheit angesehen. Diese allgemeine Perspektive lässt sich nicht aufrechterhalten, wenn die grundlegenden Unterschiede zwischen physikalisch orientierten und biologisch orientierten funktionellen Voraussetzungen bei technischen Anwendungen ausreichend bedacht und verstanden werden.

Referenzen
  1. Forschung und Entwicklung in der IBM Deutschland. II. Die IBM Laboratorien Böblingen: System-Software-Entwicklung. 2001, S.111-112

Freitag, 25. November 2016

Nachdenkliches aus der Eifler Jugendzeit

Als mein Alterskollege und einstiger Dorfnachbar Bernhard S., der heute in Wertheim am Main lebt, den Band 3 meiner Eifelbücher [1] las, fühlte er sich veranlasst, mich an einige Erlebnisse und Ereignisse unserer gemeinsamen Jugendzeit zu erinnern, die mir teilweise entfallen waren. Wir geben diese Geschichten im Folgenden wieder. Sie wurden vom Blog-Verwalter leicht überarbeitet und werden von ihm in der Ichform kommentiert.


Dorfansicht mit Gasthaus Zillien (als Ausschnitt) um 1938

Bernhard S. war mit seinen Eltern um 1938 in mein Heimatdorf Niederweis verschlagen worden. Es war die Zeit des Westwallbaus. Wie ich in [2] berichtete, war dies eine Zeit des wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs. Während die meisten Beschäftigten des Westwallbaus 1940 unsere Region verließen, blieben einige für immer. So Bernhard und seine Eltern. Aus der Distanz von über 70 Jahren ist Bernhard heute in der Lage offen über die Diskriminierung zu sprechen, die sowohl er wie auch seine Familie erfuhren. Diese hatte zwei Gründe. Die S. waren nicht nur Zugreiste aus einer nicht-bäuerlichen Welt, sie waren zudem Protestanten. Das was Bernhard erzählt, charakterisiert zwar die Eifel von vor 70 Jahren, es ist aber nicht typisch. Ähnliches passierte auch in vielen andern Gegenden Deutschlands. Ich gebe Bernhard das Wort zwecks Darstellung seiner Sicht. Kleine Ergänzungen habe ich in eckigen Klammern hinzugefügt.

Warum hatten wir in Niederweis, wenn über die Familie S. gesprochen wurde, den Schmähnamen  „der Jude“.  Auch ich wurde als Kind so genannt. Mein Vater, der Bäcker, Konditor und Küchenmeister war, übernahm 1938 die Westwallküche im Haus Zillien in Niederweis. Hier wurde für die vielen Arbeiter am Westwall ein Essen gekocht. Er hatte die Erfahrung einer Großküche in Düsseldorf im größten und ersten Hotel [der Stadt] und auch in der Küche der Pferderennbahn Düsseldorf-Grafenberg als Küchenchef erworben. Matthias Zillien, der Vater von Gustav und Franziska, verstarb 1938. Seine Frau verkraftete diesen Schicksalsschlag nicht. Sie wurde [seelisch] krank. Sein Bruder, der Onkel Michel, hat dann die Gaststätte, in der auch die Großküche war,  an meinen Vater verpachtet. Gustav und Franziska kamen zu Pflegefamilien nach Wolsfeld. [Zwei jüngere Kinder kamen nach Pickließem bei Dudeldorf]

Mein Vater holte meine Mutter und mich nach Niederweis, wo ich dann auch in die Volksschule ging. Aus der Betreibung der Gaststätte baute mein Vater eine Essen- und Gebrauchswarenverkauf für die Westwallarbeiter auf und fuhr damals mit einem Bauer-DKW die Baustellen ab und verkaufte sein Angebotssortiment. Er machte viel Geld, was natürlich den Bauern nicht gefiel. Somit hatten wir dann unseren Spitznamen. Der brachte uns natürlich im dritten Reich Probleme. Erst nachdem mein Vater den Arier-Nachweis über seine Familie vorzeigte, hatten wir Ruhe. Die väterliche Ahnenlinie geht zurück bis 1700 und es waren Schullehrer, Poststellenleiter, Chorleiter und Ärzte darunter. Die mütterliche Ahnenlinie geht zurück bis 1200 und auch hier waren Persönlichkeiten vorzuweisen. Unter anderem war ein Vorfahr persönlicher Generaladjutant Friedrich des Großen, Karl Theophil Guichard, genannt Quintus Icilius. Oder ein anderer Familienzweig, der zur damaligen Zeit eine der bedeuteten Porzellanmanufakturen in Magdeburg betrieb.

Dass wir unseren protestantischen Mitschüler, wenn es zum Streit kam, als Juden bezeichneten, hatte ich in [2] erwähnt. Sehr aufschlussreich ist folgende Geschichte:

Meine Mutter und ich wohnten [um 1950] in Alsdorf [dem Nachbardorf]. Meine Schwester Gertrud kam mit Ihrem Sohn Horst zu Besuch. In Alsdorf war gerade der Weihbischof zu Gast und meine Schwester traf Ihn auf der Straße. Der Weibischof ging mit erhobenen Armen auf meine Schwester Gertrud zu und nahm das Kind auf den Arm. Dieses griff umgehend nach seinem Kruzifix. Eine ältere Frau aus Alsdorf fiel fast in Ohnmacht, und sagte zum Weihbischof: „Aber Herr Hochwürden, wie können Sie dieses Kind auf den Arm nehmen. Es ist doch evangelisch“. Empört klärte er die Frau auf, indem er sagte  "Alle Menschen, die an Gott glauben, sind gleich, egal ob katholisch oder evangelisch.“ Beschämend ging die Frau nach Hause. So sind wir, die Familie S., in Niederweis [und Umgebung] angesehen worden.


Kleidersammlung für Winterhilfswerk 1941

Die nächste Geschichte war mir vorher nicht bekannt. Sie regt zum Nachdenken an.

Weißt Du auch, dass wir während des Kriegs jedem Niederweiser Soldaten immer wieder etwas aus Niederweis über Feldpost geschrieben haben und immer wieder waren die Kuverts mit Zigaretten gefüllt. Bis heute hat sich keiner in Wort und Schrift bedankt. Stattdessen musste meine Mutter bei den Bauern betteln gehen, um ein paar Eier, Mehl oder Milch zu erhalten. Wir sind nie anerkannt gewesen, weil wir evangelisch und faule Städter waren.

Über den Einzug der Amerikaner am 27. Februar 1945 erzählt Bernhard die folgende Geschichte:

Alfred Thies [ein Alterskollege], ein Verwandter aus Ralingen, der bei Disch gewohnt hat, und ich, wir drei standen mit einer weißen Flagge auf der Hauptstraße zwischen Deinem Elternhaus und Zillien (Wir konnten ein paar Worte Englisch. die wir auf der Oberschule gelernt  hatten). Wir waren die ersten im Ort, die Amerikaner 1945 mit den Worten auf Englisch "In diesem Ort sind keine deutschen Soldaten mehr" empfingen. Daraufhin sind die wie eine Traube um uns gestanden und wir wurden mit der berühmten Blockschokolade und Zigaretten beschenkt. So war es, und alles andere stimmt nicht.

Hier darf ich Bernhard geringfügig korrigieren. Wie an anderer Stelle [2, S.87] berichtet, gingen Alfred Thies und ich den Amerikanern entgegen, schon ehe sie das Dorf Niederweis betreten hatten. In den Gärten auf der anderen Seite der Nims zeigten wir ihnen nämlich, wo Minen lagen. Das folgende Ereignis hatte ich in [4] erwähnt. Mir war allerdings ein etwas anderer Ablauf berichtet worden.

Nach dem Verlassen der amerikanischen Soldaten kamen die Luxemburger Soldaten zur Bewachung. Diese alle waren im Schloss (also bei Broich [dem damaligen Pächter]) stationiert. Wir die Jugend und auch die Einwohner sind sehr gut mit den Soldaten ausgekommen und hatten ein gutes Verhältnis. Nach einem Wachwechsel auf der Einicht-Brücke (unterhalb von Niederweis) haben sich die abgelösten Soldaten in die Wachstube zurück in ihr Quartier begeben. Dort ereignete sich ein Unfall. Einer der Soldaten sagte zu seinem Kameraden so im Spaß „Jemp, stell dich in den Ecken. Ich erschieße dich“. In dem Glauben  ̶  was auch Vorschrift ist  ̶  die Munition ist nach Diensteinsatz entfernt, stellte er sich in den Ecke, der Kamerad legte an und ein Schuss löste sich und er fiel tot um. Es war sehr tragisch. Wir haben nur dieses erfahren. Die Untersuchungen wurden aufgenommen, ein Ergebnis wurde nicht bekannt.


Auf dem Pferdebalken (vorne Bernhard, hinten Gertrud) 1943

Hier wie auch im Folgenden wird das gute Verhältnis zu den Luxemburger Soldaten betont, an das ich mich auch erinnere.

Wir waren sehr oft mit den [Luxemburger] Soldaten zusammen. Unter andrem haben wir mit den Soldaten in der Nims Fische gefangen. Dazu verwendeten wir Dynamitwürfel, die wir Seifenstücke nannten. Es wurde ein Sprengkapsel mit Zündschnur in die Seifenstücke geklemmt. Wir alle wussten, wie lange wir Zeit hatten bis zu Explosion. Wir zählten die Zeit ab und warfen den Sprengsatz in die Nims.  Nach der Explosion holten wir die toten Fische aus der Nims. Das gleiche wollte dann auch einer der Soldaten machen. Wir waren dabei, offensichtlich aber in Entfernung, als der Sprengsatz in der Hand des Soldaten explodierte und ihm die Hand abriss.

Nach Abschluss seiner Volksschulzeit ging Bernhard in eine Lehre bei Thomas Eppers, dem Mechanikermeister im Dorf. Seine Werkstatt lag in der Dorfmitte. Der ‚Tommes‘, wie wir ihn nannten, war ein Unikum. Ich hatte in [3] an ihn erinnert.

Während meiner Lehrzeit wurde das durch Kriegseiwirkung zerstörte Kreuz auf dem Kirchturm erneuert. Für den Wetterhahn musste wetterfestes Material verwendet werden. Das wurde in Form einer Artillerie-Kartusche gefunden. Die kann man natürlich nicht wie Blech verwenden. Das Material ist sehr hart und hat die Form eines Rohres mit Boden. Wir wollten das Material bearbeitungsfähig machen. Wir legten die Kartusche in ein Schmiedefeuer und brachten sie auf dunkelrotglühende Temperatur. Dann kam die Kartusche in kaltes Wasser zum Entspannen. Nun konnten wir arbeiten. Zuerst wurde der Boden abgesägt, dann der Länge nach aufgeschlitzt und dann aufgewickelt und flach geklopft. Immer wieder musste der obige Entspannungsvorgang wiederholt werden. Als wir dann das Blech flach und eben hatten, wurde der Wetterhahn darauf gezeichnet und ausgearbeitet. Es wurde dann noch auf dem Mittelpunkt der Drehpunkt festgelegt und eine Drehachse angebracht. Soweit der Wetterhahn. Das Kirchenkreuz wurde von Thomas Eppers, der auch die Arbeiten am Wetterhahn begleitete und half, persönlich hergestellt und mit der dazugehörigen Kunstschmiedearbeit ausgestattet. Nun war alles fertig und es ist Brauch, das Kreuz der Gemeinde zu zeigen. Wir zogen dann durchs Dorf, unterstützt durch einen Bewohner aus der Burg mit Musik. Wir wollten auch dem ganzen Dorf das Kreuz zeigen, aber die Spenden der Bewohner waren zu stark und wir schafften es nicht. Die Brennereien [der Niederweiser Bauern] haben in der 45er und 50er Jahren den Schnaps so um die 50-52% gemacht.



Reparatur des zerstörten Kirchturms 1945

Reflektionen

Das Gesagte wirft die Frage auf, ob die angeschnittenen Probleme alle einer entfernten Vergangenheit angehören. Wegen der verstärkten Durchmischung der deutschen Bevölkerung sind konfessionelle Konflikte heute kaum noch erkennbar. Auch der abnehmende Einfluss der Kirchen spielt dabei eine Rolle. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nahm fast jedes Eifeldorf Flüchtlingsfamilien aus den verlorenen Ostprovinzen Deutschlands auf und integrierte sie. So auch unser Heimatdorf. Verkehr und Tourismus sorgten dafür, dass Stadt- und Landmenschen sich immer häufiger begegneten und austauschen konnten. Auch führten immer mehr Urlaubs- und Geschäftsreisen über Landesgrenzen hinaus. Die Vereinigung Europas schien die Bindung an Nationalstaaten zu lockern oder zurückzudrängen. Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Sport und Unterhaltung orientieren sich global.

Im Augenblick scheint es, als ob die Gefahr bestünde, dass sich Völker oder gesellschaftliche Gruppen wieder auseinanderlebten. Es wird von gespaltenen Gesellschaften und von nationalen Egoismen gesprochen. Radikale und Extreme lehnen sich allerorts gegen Ausgleich und Toleranz auf. Möge die Erinnerung an Vergangenes dabei helfen, dass Gefahren erkannt und bekämpft werden. Abschottung, Fremdenhass, Isolation und Misstrauen sind Sackgassen. Wir sollten sie vermeiden.

Referenzen

  1. Endres, A.: Geschichten aus der Eifelheimat. Band 3, 2016
  2. Erinnerungen an eine Eifler Jugendzeit. Ibidem. Band 1, 2008, 76-93
  3. Zehn Persönlichkeiten aus fünf Jahrhunderten Niederweiser Geschichte. Ibidem. Band 1, 2008, 136-147
  4. Bitburg und Echternach im Blick oder das deutsch-luxemburgische Grenzland. Ibidem, Band 3, 13-18

Freitag, 18. November 2016

Das politisch Inkorrekte und das Postfaktische

Der soeben zu Ende gegangene amerikanische Wahlkampf hat einige verblüffende Erkenntnisse gebracht. Zentral ist die Feststellung, dass der Stil politischer und gesellschaftlicher Kommunikation sich verändert hat. Einige Kommentatoren kommen zu dem Schluss, dass es sich dabei nicht um ein rein amerikanisches Phänomen handelt. Auch in Europa, ja selbst in Deutschland, sei dieser neue Stil anzutreffen. Ich will versuchen, dies anhand zweier moderner Wortschöpfungen zu illustrieren.

Politische Inkorrektheit

Der Begriff Politische Korrektheit ist ein aus dem Englischen stammendes Schlagwort. Es wurde ursprünglich von der politischen Rechten benutzt, um die von Liberalen beherrschte öffentliche Meinung zu denunzieren. Es ist ein Kriterium das entscheidet, worüber und in welcher Weise über gewisse Themen gesprochen werden darf. Wer zum Beispiel etwas zu Ausländern, Behinderten oder Homosexuellen sagt, macht sich leicht angreifbar. Ist man unsicher, wie es ankommt, hält man sich lieber zurück. Dies galt als Zensur und Einschränkung der Redefreiheit. Darin steckt sogar ein Kern Wahrheit. Jede Freiheit hat nämlich Grenzen, auch die Redefreiheit.

Zu meiner Überraschung werde ich neuerdings als Politisch-Korrekter bezeichnet. Mir ist klar, dass es dabei um eine absichtliche Inversion der Begriffe handelt. Korrekt ist ein Attribut, das der Ausgrenzung und der Beschimpfung dient. Der Kollege Hartmut Wedekind, der dies tat, benutzte dabei das Vokabular des unsäglichen Carl Schmitt (1888-1985):

‚Politisch Korrekte und Inkorrekte sind nach Carl Schmitt Mitglieder völlig verschiedener Gruppen‘ …. ‚Das tragende Schmittsche politische Fundamental-Phänomen „Freund/Feind“ ist deutlich überall in der Gesellschaft zu spüren, verschärft natürlich nach der Trump-Wahl.‘

Ich erwiderte zunächst: Wer dauernd eine bestimmte Politik als falsch erklärt, nimmt an, dass es hier um Wissenschaft geht. Streng genommen gibt es den Begriff 'Politisch korrekt oder inkorrekt* überhaupt nicht. Wer ihn dennoch benutzt will nur ausdrücken, dass es in der Politik eine Form von Wahrheit gibt, die wissenschaftlich begründet ist. Damit hatte ich es mir jedoch zu einfach gemacht. Der oben erwähnte Carl Schmitt hatte sich als Ideengeber zuerst bei Kurt von Schleicher (1882-1934), dann bei Hitler angedient. Er hatte großes Glück, dass er nicht genau wie Schleicher dem Röhm-Putsch zum Opfer fiel. Da er Hitler das Recht eingeräumt hatte, seine Gegner brutal zu ermorden (nach der These Führer = Richter), wurde er nicht für gefährlich gehalten und übergangen. Er zog sich in seine Heimat im Sauerland zurück und wurde 97 Jahre alt. Einige heimliche Verehrer pflegten zeitlebens Kontakt.

Die gesellschaftlichen Gruppen im Sinne Schmitts liegen in einem permanenten Kampf. Während die radikalen Mitglieder sich keinerlei Beschränkung auferlegen, was ihre Kampfmittel betrifft, tun dies die Gemäßigten. Radikale und Gemäßigte haben dieselben Ziele. Gemäßigte haben mehr Zeit und mehr Geduld. Sie sind vorsichtiger, also schonender bei der Wahl der Mittel. Eine Schmitt-Gruppe bestreitet andern Gruppen das Recht auf Leben. Toleranz sei ein Zeichen von Unsicherheit, von Verfall. Kompromisse gibt es nicht.

Als die Inkorrekten bezeichnen sich heute die Erleuchteten. Sie sehen die Welt genauso, wie es Carl Schmitt tat. Sie sind weder durch Regeln des Anstands noch durch Tradition gebunden. Hartmut Wedekind schrieb dazu:

Die Lieblingsbeschimpfungsvokabel der Korrekten ist „Populismus“. Die merken gar nicht, dass sie selbst Populisten sind. Aber so ist das immer. Wer im Hochhaus sitzt, merkt gar nicht, wie hässlich Hochhäuser sein können. Eine herrliche Aussicht. Wenn die hinabsteigen, merken die erst, welchen Mist die gebaut haben. … Es gibt sogar im Fußball die politische Korrektheit: Nach dem 8:0 in San Marino sagte unser Müller, das hätte mit professionellem Fußball nichts mehr zu tun. Recht hat er. Er wurde in Rom ausgepfiffen, weil er politisch inkorrekt war. … Im Zeitalter der politischen Korrektheit stehen Wahrheitsfragen nicht mehr zur Debatte. Warum die politisch Korrekten sich über den Trump so aufregen, das wissen die auch nicht. Aber ich weiß es: Die sind dogmatisch oder naiv und nicht kritisch im Kantischen Sinne. Den Kant haben die längst begraben und wissen es nicht. Ob der Kant-Spezialist Helmut Schmidt den Kant auch begraben hatte? Ich glaube nicht. Die Korrekten landen mit einiger Sicherheit in einer selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Bei den Inkorrekten sehe ich eine gewisse historische Parallele zum Illuminatenorden. Der war auch dem Weltbild der Aufklärung verpflichtet und galt als der erste politische Geheimbund der Neuzeit. Nachdem es keine radikalen Weltverbesserer marxistischer Prägung in der Weltpolitik und in den Parlamenten mehr gibt, scheint im Moment der politische Islam als letzte verbliebene Schmitt-Gruppe identifiziert worden zu sein.

Postfaktische Agitation

Die normative Kraft des Faktischen ist ein unter Juristen sehr geläufiger Begriff. Ist etwas Fakt, dann ist es tatsächlich, wirklich und auf Tatsachen beruhend. Dem steht der Begriff postfaktisch als moderne Wortschöpfung gegenüber. Es erreichte dieser Tage sogar den Status eines Internationalen Wort des Jahres 2016. Es ist das englische Äquivalent „post-truth“, dem die Oxford Dictionaries diesen Rang einräumten. „Das Adjektiv beschreibe Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch das Hervorrufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst werde“, heißt es in einer entsprechenden Verlautbarung. Angetrieben von dem Aufstieg der Sozialen Medien als Nachrichtenquelle und einem wachsenden Misstrauen gegenüber Fakten, die vom Establishment angeboten werden, habe das Konzept des Postfaktischen seit einiger Zeit an Boden gewonnen.

Den sozialen Medien (auch eine Wortneuschöpfung!) wird heute ein sagenhafter Einfluss auf die öffentliche Meinung zugemutet. Es ist kein Geheimnis, dass Bücher, Zeitungen und Radio junge Menschen kaum noch erreichen. Ältere Menschen säßen stundenlang vor dem Fernseher. Twitter, Facebook und Google gelten als die Informationsquellen, die von Leuten im Studium oder Beruf benutzt werden. Als Urheber der dort konsumierten Nachrichten gelten nicht mehr die früher so einflussreichen Medienhäuser und Journalisten. Da die Nutzer sich innerhalb ihrer Alters- oder Interessengruppe selbst mit Information versorgen, sei die Gefahr des Provinzialismus enorm gestiegen. Außerdem würden sich Extremisten und Exoten gegenseitig aufhetzen. All das führe dazu, dass das Establishment an Einfluss verliert. Als Establishment gelten alle die Gruppen und Bevölkerungsteile, deren Einfluss im Schwinden begriffen ist. Dazu gehören Parteien, Medien, Behörden, Kirchen, Schulen und Vereine.

Medien werden unwidersprochen als ‚Lügenpresse‘ diffamiert. Demagogen wie Donald Trump dürfen Unwahrheiten verbreiten, ohne dafür an breiter Zustimmung einzubüßen. Ihre Anhänger glauben eh nicht, was ein Politiker sagt. Im Falle Trumps wählten diejenigen, die seine Worte ernst nahmen, ihn ohnehin nicht.

Einordnung und Bewertung

Sowohl Wissenschaft wie Demokratie haben es nicht immer leicht. Nicht überall gibt es immer eine völlige Übereinstimmung aller Meinungen. Manche Auffassung, die noch so logisch oder wissenschaftlich begründet erscheint, kann sich als falsch erweisen. Aber nicht nur diese Unsicherheit gebietet es, vorsichtig zu sein.  Selbst dann, wenn man davon überzeugt ist, dass der Partner oder Gegner irgendwann zu derselben Meinung gelangen muss, die man selbst vertritt, gebietet es die Achtung ihm Zeit zu lassen. Jemandem eine Meinung aufzuzwingen, ist eine Form von Freiheitsberaubung.

Die Toleranz, die im Umgang mit anderen Meinungen zur Anwendung kommt, hat das Abendland stark gemacht. Sie wurde zur Grundlage der offenen Gesellschaft. Es ist bedenklich und bedauernswert zugleich, wenn gerade in England und den USA ein Wandel beginnt. Wenn dort Demokratie und offene Gesellschaft an Zustimmung verlieren, bleiben keine guten Aussichten übrig für den Rest der Welt. Auf den Islam arabischer oder iranischer Form oder die Autokratie chinesischer Prägung zu hoffen, ist kein Ersatz.

Samstag, 12. November 2016

Kant und die Logik - ein Verständnisproblem eines Logik-Laien

Beim heutigen Frühstück habe ich die Anwesenden gefragt, was der Satz 'Sollen impliziert Können' bedeutet. Großes Schulterzucken. Typisches Angebot: Wenn Du sollst, dann kannst Du. Also etwas Unrealistisches. Ich sagte, dass es Leute gäbe, die dem armen Kant diesen Satz unterschöben. Meine Zuhörer (Erwachsene und im Studium sich befindende Enkel) waren enttäuscht. Sie hätten solchen Unsinn Kant bisher nicht zugetraut. Bei dieser Diskussion beziehe ich mich auf den jüngsten Eintrag in Hartmut Wedekinds Blog. Ich habe dies auch als Kommentar zum Blog ausgedrückt. Im Folgenden führe ich die Auseinandersetzung weiter, die dieser Einwurf auslöste.

Logische Implikation

‚Wenn London in Frankreich liegt, dann ist Schnee schwarz‘ gilt bekanntlich unter Logikern als Beispiel einer formal korrekten Aussage. Hierzu zitiere ich Hartmut Wedekind aus einer Mail an mich:

Sie müssen in A ---> B immer A als die hinreichende (sufficient) Bedingung auffassen. A muss wahr sein, damit B wahr ist. Wenn bei wahrem A das B falsch ist, geht die ganze Implikation in die Hose. A ist dann keine hinreichende Bedingung für B mehr. A --->B ist dann eine Falschbehauptung. Wenn A  aber falsch ist, kann B beliebig sein, wahr oder falsch.  Das ist das ‚ex falso quodlibet‘. In :" Wenn London in Frankreich liegt, dann ist Schnee schwarz", liegt mit A keine hinreichende Bedingung vor. Der Schnee kann dann auch weiß sein oder schwarz, Das heißt: Wenn die Prämisse (A) falsch ist, ist man zu nichts verpflichtet. Man kann auch Blabla sagen. Das Ganze  gilt dann auch als wahr. Wieso soll eine Blabla-Folgerung (Konklusion) falsch sein? Blabla ist doch etwas Schönes.

Das ist nur ein Vorgeplänkel. Es zeigt, wo Logik ihre Grenzen hat. Man braucht hier nicht einmal zu fragen, über was geredet wird.

Versuchte Klärung der Kantschen Aussage

Zurück zu Kant und dem Satz ‚Sollen impliziert Können‘. Ich fragte Wedekind, was denn bei diesem Satz die Rolle der Logik sei. 'Wenn Verb-1, dann Verb-2'. Wo sind da die Aussagen, deren Wahrheitswert bestimmt wird? Da ist doch die Semantik von Verb-1 (Sollen) und Verb-2 (Können) das Entscheidende. Logik kennt aber keine Dinge, Tätigkeiten oder Gefühle. Hierauf bekam ich die folgende Reaktion Wedekinds:

Logik ist halt einfach, alt und ... kurz. „Sollen ® Können“ heißt ausführlich in Elementarsätzen:  „Wenn man A soll, dann muss man A auch können (oder erreichen)“, logik-sprachlich kurz : D! A  ® Err A. D! heißt sollen. Ñ heißt möglich. Das sind Standard-Operatoren. D heißt notwendig. Oder, wenn man das schwächere „Möglich“ statt „Können (Erreichen)“ nimmt: D! A ®ÑA . Häufig schreibt man auch kürzer: D! ®Ñ . Man lässt das A weg. D®Ñ gilt natürlich auch. A ist ein schematischer Buchstabe für irgendeine Aussage, z.B. A = ein Haus bauen. 

Es kommt mir vor, als ob hier Sollen und Können plötzlich zu logischen Operatoren geworden sind. Da bin ich überfordert. Inhaltlich habe ich mit einer Formulierung wie 'Wenn Du musst, dann solltest Du auch können' keinerlei Schwierigkeiten. Das entspräche dem lateinischen Satz: Ultra posse nemo obligatur.  Was eine Mathematisierung (oder Logifizierung) dieser Aussage an Mehrwert bringt, entgeht mir. Vielleicht ist es nur ein Geheimcode für Auserwählte, durch den Laien (wie ich) in die Irre geleitet werden sollen.

Ob damit diese Diskussion beendet ist, hängt davon ab, ob es  jemandem gelingt, etwas Erleuchtendes zu formulieren. Ich werde es gerne veröffentlichen.

Mittwoch, 9. November 2016

Quo vadis, Amerika - und wohin gehen wir?

Das Wahlergebnis dieser Nacht wirkt wie ein Schock. Alle Kommentatoren sind sich einig, dass es schlimmer nicht hätte kommen können. Ein GAU, ein größtes anzunehmendes Unglück, sei eingetreten, der ‚worst case‘. Da ich zu Amerika – gemeint sind die USA  ̶  immer eine besondere Beziehung hatte, will ich kurz meine Gedanken zusammenfassen. Meine frühere Einschätzung hat sich größtenteils als falsch erwiesen. Ich bin bei weitem nicht der Einzige, dem dies passierte.

Was ist in den USA passiert?

Der Republikaner Donald Trump besiegte die Demokratin Hillary Clinton mit 279 : 228 Wahlmänner-Stimmen. Er gewann damit deutlicher als mehrere seiner Vorgänger. Ein Narziss, ein Populist, ein autoritärer Spalter übernimmt die älteste und wichtigste Demokratie der Welt. Das weiße, ländliche Amerika zwischen Texas und Minnesota hat sich über die ethnisch gemischten Küstenstaaten wie New York und Kalifornien hinweggesetzt. Trump hatte sich im Wahlkampf auf ein abstoßendes Niveau persönlicher Beschimpfungen konzentriert, verzichtete dabei weitgehend auf eine politische und inhaltliche Argumentation. Die Professionalität und die Perfektion, die Hillary Clinton während ihres Wahlkampfs an den Tag legte, zog nicht gegenüber der Amateurhaftigkeit und der Vulgarität eines Donald Trump. Es trat eine Polarisierung ein, die das Land spaltete, sowie ein Gegenbewegung (engl. backlash) gegen Globalisierung und Modernität. Trump wird außerdem die Vorteile einer bequemen Mehrheit der Republikaner im Kongress genießen können.

Welche Gründe mögen vorliegen?

Trump konnte die Mehrheit im Lande davon überzeugen, dass die so genannte ‚Politische Klasse‘ den Kontakt zur einfachen Bürger verloren hat. Nur er, der politische Außenseiter, sei in der Lage, die Probleme des Landes zu lösen. Dabei kämen ihm seine Erfahrungen als selbständiger Unternehmer zugute. Die Ursachen heutiger Problemen seien in der Einwanderungs-, Wirtschafts- und Sozialpolitik früherer Regierungen zu suchen, speziell denen der Obama-Zeit. Die Niederlagen und der anschließende Rückzug aus dem Nahen Osten, hätten den Ruf Amerikas angekratzt. Wie schon in einem Blog-Beitrag vor fünf Jahren angedeutet, ist das Land schon seit einiger Zeit verunsichert.

Welche Folgen kann diese Wahl haben für den Rest der Welt?

Meine erste Frage lautet: Wann kommt dieser politische Stil bei uns an? Meist dauert es 4-5 Jahre für ökonomische oder soziale Modethemen. Vielleicht geht es inzwischen schneller.

Der auf beiden Seiten des Atlantiks umstrittene Handelsvertrag TTIP wird wohl in der Versenkung verschwinden. Die Amerikaner können wirklich zu einer restriktiven Handelspolitik übergehen, wobei das Abfließen von Arbeitsplätzen nach Billiglohnländern wie China und Mexiko erschwert wird. Wie weit die Industrie darauf reagiert, ist eine offene Frage. Nachdem Kanada plötzlich zum Traumland vieler US-Bürger geworden ist, sollte sich die deutsche Industrie ebenfalls umorientieren. Alabama und Tennessee waren für deutsche Autobauer wirklich keine attraktiven Orte. Siehe da, CETA könnte helfen. Im Übrigen haben chinesische Investoren längst die Rolle übernommen, die US-Investoren vor 50 Jahren hatten. Putzmeister, KUKA und Aixtron sind nur Vorboten.

Die NATO wird sich neu besinnen müssen. Sie kann nicht länger davon ausgehen, dass die USA die Hauptlast tragen. In diesem Punkte wird Trump eine von Obama begonnene Politik nur fortsetzen. Möglicherweise wird der Ton sich ändern. Ob Trump den rechten Gruppen in Europa (wie Front National und AfD) weiteren Auftrieb geben wird, bezweifele ich. Ein weniger präsentes Amerika wird linke wie rechte Gruppen zum Umdenken zwingen. Wie hingegen Trump mit Baschar al-Assad, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan umgehen wird, das sind die großen spannenden Fragen. Wir werden es demnächst sehen.

Erste Reaktionen

Calvin Arnson aus Portland, Oregon schrieb:

Es ist mir und meiner Frau, als wenn wir in einem Alptraum sind – wir können es nicht fassen.  Die Situation ist gefährlich, und in diesem Moment droht noch gefährlicher zu werden. Die Trump-Unterstützer in der Festhalle rufen, „Lock her up!“ und wir sehen die ersten Anzeichen schon, dass die Trump-Management-Leute ihre Muskeln gegen die Demokraten spannen wollen.  Das Alles mag die Struktur der regierenden Institutionen des Landes nicht standhalten können.  Habe ich den Antisemitismus auch erwähnt?  ObamaCare und Dodd-Frank werden vernichtet.  FDA und OSHA werden gehemmt oder vernichtet.  „Regulations“ sind das Hauptböse im Land.

Ich sehe nicht, wie das vorwärtsgehen kann. Nur wie es untergehen kann. Die Republikaner werden den Congress in ihrer Macht haben. Supreme Court auch. It’s going to be a wild. … American tradition, law, and institutional structures do not allow for a real opposition that is independent of the Congress….I really respected government leaders during my time in Germany. I had reason to respect both the Right and the Left. Some amazing progress was made in Germany after the war.  Eine Blüte der Vernichtung und Irrwege vielleicht.  …Some hope that Trump will develop "Presidential airs" ... that is unbelievable after this election campaign.

Peter Hiemann aus Grasse meinte:

Meine erste Reaktion auf den Wahlausgang in USA betrifft nicht nur die Person Donald Trump. Sie betrifft vor allem die Denk- und Verhaltensweise der  amerikanischen Bevölkerung. Mir scheint, dass sich die Mehrheit  gegen existierende politische Institutionen und deren Eliten ausgesprochen hat. Trump hat im Wahlkampf deutlich gesagt, dass er nicht zur politischen Elite gehört. Mir scheint, dass die Wähler Trumps übersehen haben, dass ökonomische Eliten in USA schon längst die gesellschaftlichen Verhältnisse prägen. Trump als  herausragender Vertreter der ökonomischen Elite wird die Bevölkerung weiterhin polarisieren. Man darf gespannt sein, wie sich die Wahl Trumps auf das schon sehr angespannte gesellschaftliche Klima auswirken wird. Viele junge Leute unterstützen Bernie Sanders' Vorstellungen. Trump hat angekündigt, dass er Millionen Arbeitsplätze dadurch schaffen will, indem er Investitionen in die Infrastruktur (Straßen, Brücken, Schulen, etc.) veranlassen wird. Er hat nicht gesagt, wer das finanzieren wird. Hatten wir in Deutschland nicht einmal ähnliche Ankündigungen? 

Unter 'normalen' Bedingungen prägen Expertenwissen und Finanzkräfte gesellschaftliche Entwicklungen. Es ist nicht anzunehmen, dass weltverknüpfendes Wissen und Einstellungen in Bevölkerungen von mehr oder weniger Uninteressierten gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen wird. Normalsterbliche orientieren sich  pragmatisch und bevorzugen spontane emotionale Bauchentscheidungen. Mehr oder weniger 'Unwissende' können sich allerdings organisieren und gesellschaftliches Schwarmverhalten veranlassen. Es wird zukünftig darauf ankommen, dass politische, ökonomische und technische Eliten in Führungspositionen 'weltverknüpfendes Wissen' und offene Einstellungen besitzen. Eliten, die ausschließlich  Machtinteressen verfolgen und auf ökonomischen Erfolg setzen, setzen sich dem Vorwurf aus: Sie wissen nicht, was sie tun.  Bei Trump kann ich „weltverknüpfendes Wissen“ beim besten Willen nicht erkennen. 


Hartmut Wedekind aus Darmstadt schrieb:

Die politische Demoskopie versagt überall auf der ganzen Linie, weil  "political correct", die das Establishment unterstützt, die Leute zwingt, alles in pectora  (im Herzen) zu halten. In der Wahlkabine kommt es dann raus. Was man  deutlich merkt, ist eine Verunstaltung der Demokratie, die wie die Wissenschaft  auf Diskurs angewiesen ist. Eine  Unterdrückung unbeliebter Darstellungen ist undemokratisch und unwissenschaftlich. PUNKT!  Ein Befragter sagt in der Demoskopie nichts mehr, aus Furcht? Die sich äußern, sticht man aus wie Pilze und haut sie in die Pfanne. In Deutschland populär als Opfer war der Sarrazin. Jetzt liegt er in der Pfanne. Bei uns ist das genauso. Die Demoskopie sagt momentan für nächstes Jahr 12 % für die AfD voraus. Mit über 20 % können wir dann rechnen.

Ich sage wenigstens überall, was ich denke. Was soll ich wählen? Das Berliner oppositionslose Establishment? Nein. Zu viele Fehler in der letzten Dekade in der Finanz-, Energie- und unkontrollierten Flüchtlingspolitik. Da ist ein Riesendurcheinander, eigentlich führungslos. Die EU ist ein Club von Rechtsbrechern, eigene Gesetze werden gebrochen, wohlbemerkt!

Die AfD? Oben saßen früher die Professoren und unten die Proleten. Die Professoren oben sind weg. Als Alternative: Hingehen und alles durchstreichen? Früher habe ich mal FDP gewählt. Gibt's die noch? Was soll ich antworten, wenn mich ein politischer Demoskop aus Allensbach oder Forsa befragt? Schön wenigstens zu wissen, dass das vielen in der Welt auch so geht. Bloß der "Ausgediente Wedekind " kann sagen, was er denkt. Er ist keiner "politcal correctnes" unterworfen, nicht mehr, sollte hinzugefügt werden. Unsere Presse hat einen  gewaltigen Bias.

PS.: "utinamque oculos in pectora posses inserere" oder:  "Oh, dass Du in mein Herz schauen könntest". Frei übersetzt (nach Ovid). Und nach Horaz (Oden), das gilt auch für edel dreinschauende  Politiker:  "Quid pectora cogis, auri sacra fames". "Was zwingst du die sterblichen Herzen, oh heiliger (verfluchter) Hunger nach Gold".  Das muss man im Hexameter lesen. Sie sehen, durch die Lage werde ich wieder an meinen Lateinunterricht vor 65 Jahren erinnert. Die Leute, die etwas gegen Freihandel haben, sollten sich mal ordentlich artikulieren können, Chlorhühnchen und Genmanipulation nehme ich nicht ernst. Ein Bildungsstandard muss in einer Demokratie vorausgesetzt werden, sonst geht es nicht. Wenn es keinen Bildungsstandard in der Bevölkerung gibt, dann muss wenigstens eine Elite darüber verfügen. Gibt es eine politische Elite noch? Alles schaut jetzt auf Trump. Sich selbst sehen sie nicht mehr, die Blinden in einem Parlament, das sich immer mehr per Überhang aufbläht. Und: Als ob wir nicht eine Person hätten, die ein Präsidentenamt ausfüllen könnte?

Gerhard Schimpf aus Pforzheim schrieb:

Anbei eine Übersicht der NY Times zum Wählerverhalten in den USA (es dauert einige Zeit, bis sich die Seite aufgebaut hat). Die Struktur sieht ähnlich aus wie beim Brexit und es wird nicht schwer sein, den dahinter steckenden Frust auf Deutschland zu übersetzen.

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Deutschland und das Modell Silicon Valley

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlags Christoph Keese erklärte uns in seinem im Jahre 2014 erschienenen Buch Silicon Valley  ̶  Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt, wie wichtig es ist nach Kalifornien zu schauen. Ich fand sein Anliegen berechtigt und empfahl in einem Blog-Beitrag von 2014, sich mit seinen Ideen auseinanderzusetzen. Keese hat Mitte 2016 ein neues Buch vorgelegt. Es heißt Silicon Germany - Wie wir die digitale Transformation schaffen. Wie zu erwarten, macht er eine Art Bestandsaufnahme. Ich kann auch dieses Buch nur empfehlen. Im Folgenden gehe ich auf einige Punkte ein, die mich überraschten oder beeindruckten.

Bereits erfolgte Anpassungen

Keese rückt inzwischen von seiner Aussage ab, dass Deutschland die Digitalisierung generell verpasse. Nicht nur wallfahrten ganze Unternehmergruppen durch das Silicon Valley, auch gäbe es einige mutige Leute, die den Wandel ernst nähmen. Digitalisierung sei längst kein Fremdwort mehr. Es ist  zum Mantra von Experten und Beratern geworden. Ganz zufrieden ist Keese jedoch bei weitem nicht.

Was ihm Grund zur Hoffnung gegeben habe, sei die Lernfähigkeit  gewesen, die viele deutsche Unternehmen zeigten, als es galt, Japans Detailgenauigkeit und Fehlerresistenz bei der Produktion nachzuahmen. So hätte zum Beispiel Porsche nicht nur Japans Stand erreicht, sondern längst weit übertroffen. Dass es heute nicht mehr um die Verbesserung von Produktionsmethoden gehe, hätten alle die Firmen verstanden, die sich Startups im Silicon Valley, Berlin oder Shanghai zulegten. Dass da Firmen wie Daimler und Siemens dazu gehörten, sei schon beachtenswert. Er habe allerdings Zweifel, welcher Grad an Entschlossenheit überall dahinterstecke. Keese erwähnt, dass die Deutsche Bundesbahn allein 260 Digitalisierungsprojekte habe. Auch da ist unklar, was diese Zahl bedeutet.

Dass sein eigenes Unternehmen, der Axel Springer-Verlag, längst vom Jammern zum Handeln übergegangen ist, überraschte mich. Keese vermeidet es, damit übermäßig zu prahlen. Es wurden Akquisitionen getätigt, die sich bald auch auf die Struktur des Konzerns auswirken werden. Als Beispiele erwähnt werden das Preisvergleichsportal Idealo, der Prospektdienst KaufDA und die Jobbörse StepStone. Bezeichnend ist, dass im Jahre 2015 bereits 2/3 des Konzernumsatzes und 3/4 des Gewinns aus dem Internet kamen. Da mag Einiges schöngerechnet worden zu sein. Beachtlich ist es auf jeden Fall. Auch SAP, Siemens und die Telekom hätten jede mehrere Startups aufgekauft. Besonders ausführlich befasst er sich mit dem Heizungsbauer Viessmann, einem Mittelständler aus Allendorf in Hessen. Von ihm seien demnächst intelligente Steuerungssysteme höchster Perfektion zu erwarten.

Weiterer Nachholbedarf

In der deutschen Industrie herrsche immer noch das Denken von Maschinenbauern. So gestand es ihm einer seiner Gesprächspartner. Diese dächten zu sehr in Einzelprodukten. Sie betrachteten ihre Geräte als autarke Systeme. Sie hätten nicht gelernt sie zu vernetzen. Ein Beispiel sei für ihn der Mähroboter von Bosch. Er habe weder eine akzeptable Benutzerführung, noch sei er mit dem Internet verbunden.

Die hohe Spezialisierung bringe uns derzeit Fortschritte bei isolierten Produkten. Wir hätten vertikal integrierte Produkte vervollkommnet und hätten vertikale Netze optimiert. Wir müssten die horizontale Vernetzung erst lernen und erproben. Ein Experte befürchtete, dass Deutschland zu einem zweiten Shenzhen verkommen könnte. Wir könnten zwar weiterhin gute Qualität abliefern, würden aber immer mehr von außen gesteuert. Nur bei Datenschutz und Datensicherung führend zu sein, reiche nicht aus.

Mögliche falsche Schlussfolgerungen

Der derzeitige Erfolg der deutschen Wirtschaft biete auch Gefahren. Es sei fraglich, ob es richtig sei, immer neue Funktionen ins Auto zu integrieren, vor allem dann, wenn es Funktionen sind, die auch außerhalb des Autos sinnvoll sind. Es gibt heute bereits viele ältere Menschen, die ohne Auto auskommen müssen (ich gehöre auch dazu) und junge Menschen, die ohne Auto auskommen wollen (wie meine Enkel). Verbraucher mit Autofahrern gleichzusetzen, kann vor allem im hochmütigen Autoland Deutschland zu Fehlschlüssen führen.

Während Keese es als Außenstehender wagt der Autoindustrie unangenehme Wahrheiten zu sagen, scheint Betriebsblindheit vorzuherrschen, wenn es um die eigene Branche, das Verlagswesen, geht. Nur so kann ich es mir erklären, dass er in dem eBook-Lesegerät Tolino einen Erfolg sieht. Ich erinnere mich zwar an die Publicity beim Start des Projekts vor Jahren, hatte es aber vollkommen aus dem Auge verloren. Keese berichtet, dass Tolino seine Ziele voll erreicht habe, da es 2015 einen Marktanteil von 45% erreicht habe, und zwar vor Amazons Kindle mit 39%. Das erinnert mich an ein eigenes Aha-Erlebnis. Als die Minis von DEC als Konkurrenz zu IBM-Großrechnern im Markt erschienen, gab es in einem bestimmten Jahr rund 100 Situationen, wo es zum Wettbewerb kam. IBM gewann in 90% der Fälle. Man glaubte also unbesorgt sein zu können. Erst wenn man in Betracht zog, dass DEC in dem betreffenden Jahr über 1000 VAX-Systeme verkauft hatte, sah das Bild ganz anders aus. Mit andern Worten, es ist ein riesengroßer Fehler, den Markt für Lesegeräte mit Kindle gleichzusetzen. Ich lese auf meinem Tablet zwar etwa 10 Bücher pro Monat, schaue aber auch Fotos bei Flickr und Filme bei YouTube an – ganz zu schweigen von den TV-Sportübertragungen.

Mangelnde Infrastruktur

Nach seiner Rückkehr aus Kalifornien, empfand Keese Mitleid mit seinen eigenen Kindern. Statt in einer aktiven und anregenden Moderne müssten sie in einer Art von Technik-Museum des 20. Jahrhunderts aufwachsen. Alles Neue werde dort importiert. Wir Deutschen lebten in einer mechanischen, vergangenen Welt und liebten sie. Die Berufe, die seinen und auch unseren Kindern offen stehen, seien im Vertriebs- und Service-Bereich für importierte Produkte. Überspitzt gesagt, es sei der Ticketverkauf im Technik-Museum, der als Job verbliebe.

Kommt die deutsche Industrie bei Keese mit einem blauen Auge davon, erstreckt sich dies nicht auf den Bildungsbereich. Er hält das Wissen, das an Unis gelehrt wird, meist nicht mehr für aktuell. Es würde zu sehr das Spezialistentum (Silos) ohne Nutzererfahrung und Brückenfunktion angestrebt. Die Fehlervermeidung (Nulltoleranz) stehe höher im Kurs als das Ausprobieren. Amerikaner würden zeigen, dass man gut sein könne trotz Fehlern. Auch Scheitern ist als Erfahrung wertvoll.

Für deutsche Ingenieure spielten Geschäftsmodelle keine große Rolle, meint Keese. Ich darf hinzufügen, dass es für Informatiker nicht viel besser aussieht (siehe meinen entsprechenden Blogbeitrag). Ohne Schulung in Geschäftsmodellen würden Ingenieure es in Zukunft schwer haben. Um Innovationen zu erkennen und zu ermöglichen, seien Geschäftsmodelle sehr wichtig. Er verweist auf den Business Model Navigator von Oliver Gassmann (St. Gallen). Darin werden 55 Modelle vorgestellt. Gründer von Startups liebten es, mit Geschäftsmodellen zu spielen. Es käme darauf an, Menschen mit Produktideen zu begeistern.

Politische Glaubensbekenntnisse

Es fehle nicht an Glaubensbekenntnissen deutscher Politiker, wenn es um die Digitalisierung geht. Sigmar Gabriel hat gefordert, dass Deutschland außer der Produktion von Gütern auch Plattformen anbietet. EU-Kommissar Günther Oettinger fordert Gigabit-Netze in ganz Europa. Mit Recht weist er darauf hin, dass das von deutschen Banken als Gegenmittel gegen PayPal konzipierte System PayDirekt schon mit dem 'k' im Namen zeigt, dass man nur an Deutschland dachte. Peter Altmaier, der Kanzleramtsminister, meint der Staat solle vorausschauend handeln bei selbstfahrenden Autos und Drohnen. Bundesinnenminister Heiko Maas hat 13 Punkte formuliert, die beachtet werden sollen. Die Frage ist, wie weit es bei solchen Lippenbekenntnissen bleibt, oder ob konkrete Taten folgen.

Nicht gut findet es Keese, dass die Zuständigkeit für die Digitalisierung auf vier Ministerien (Dobrindt, Gabriel, de Maizière, Maas) verteilt ist. Ob ein Bundes-Internet-Minister eine Lösung darstellt für ein Problem, für das die Bundesbahn 260 Projekte braucht, darf hinterfragt werden.

Ist Berlin wirklich der ideale Standort des Wandels?

Bei der starken Verbundenheit, die das Unternehmen Axel Springer zur Stadt Berlin hat, wundert es kaum, dass Keese Berlin gerne in einer Führungsrolle sieht. Ein Drittel aller deutschen Startups säßen in Berlin, je 10% in München, Hamburg und dem Rhein/Ruhr-Gebiet. Zwei Beispiele seien Zalando und HelloFresh. Hinter Zalando stehen die Brüder Samwer mit Rocket International. In Berlin würde genau so viel Geld investiert wie in London. Dabei seien die Lebenshaltungskosten nur ein Drittel von London. Berlin sei sehr attraktiv für Talente aus aller Welt, insbesondere für Osteuropäer und Skandinavier. Der letzte Punkt lässt sich kaum bestreiten.

Wenn Deutschland sich nur ein Zentrum für Startups leisten könne, dann möge es doch bitte Berlin sein. Diesem Wunsch Keeses zuzustimmen, dürfte Aachenern, Darmstädtern, Münchnern und Hamburgern nicht leicht fallen. Würde die Stadt Berlin die Gründung von Firmen so leicht machen wie der US-Staat Delaware, dann bestünde vielleicht Grund zur Hoffnung. Dass die Frage des in Deutschland fehlenden Wagniskapitals auch von Keese leicht überbewertet wird, sei ihm verziehen. Was mir vor fünf Jahren ein Insider dazu sagte, gilt auch heute noch. Es ist halt ein typisches Henne-Ei-Problem.

Praktische Szenarien

Keese geht eine lange Liste von Branchen durch und macht Vorschläge, was sie tun könnten, um in den Himmel der digitalen Glückseligkeit zu gelangen, die Banken, Versicherungen, Energieversorger, Logistikunternehmen, Kommunikationsanbieter, Wohnungsbauer und -verwalter, Handel und Gesundheitseinrichtungen. Für diese Mühe sollte man Keese dankbar sein.