Freitag, 12. Januar 2018

Von digitalen Köpfen zur digitalen Gesellschaft und Wirtschaft

Für das Phänomen der Digitalisierung gibt es eine Unzahl von Betrachtungsweisen. Obwohl das Thema bereits mehrmals in diesem Blog behandelt wurde, tun sich immer wieder neue Aspekte und Perspektiven auf. Einige Sichten, die bisher nicht in Erscheinung traten, sollen im Folgenden expliziert werden. Ich befürchte, dass damit noch immer kein Abschluss der Diskussion erreicht werden kann.

Verlaufs- oder Zustandsbeschreibung

Mein Kollege Hartmut Wedekind (*1935) befasst sich in einem aktuellen Beitrag seines Blogs mit notwendigen und hinreichenden Bedingungen, damit die Digitalisierung gelingt. Seine Darstellungweise mag etwas gewöhnungsbedürftig sein.

Die Digitalisierung ist eine Technologie, die wie jede andere ihre Vorteile und Nachteile hat. Auch hat sie einen konkreten Anwendungsbereich. Im Vergleich zu anderen Technologien wie Elektrifizierung oder Automatisierung ist der Anwendungsbereich enorm groß und laufend wachsend. Je nach Anwendung variiert das Verhältnis oder das relative Gewicht der Vor- und Nachteile. Eine Auflistung für das Gebiet des Publizierens findet man auf Seite 15-19 des Buches [1]. Es ist der Stand des Jahres 2000.


Vor- und Nachteile digitaler Dokumente

Der Fortschritt der Technik hat zur Folge, dass sich alle Parameter ändern können. Was gestern noch teuer war, kann morgen oder im nächsten Jahr schon billig sein. Aspekte, die wenig Bedeutung hatten, können an Bedeutung gewinnen oder umgekehrt. Die Technologie wird sich anpassen, indem sie noch vorhandene Nutzungshemmnisse reduziert oder ganz verschwinden lässt. Sie wird auch für solche Leute attraktiv werden, die sich bisher noch nicht dafür erwärmen konnten. Wenn ich sage, dass die Technologie etwas tut, dann meine ich die sie treibenden Ingenieure und Firmen.

In ihrer Frühphase mag eine Technologie einen gewissen Einführungs- und Schulungsbedarf haben. Um einen möglichst großen Nutzerkreis zu erreichen, wird eine Maßnahme darin bestehen, die erforderliche Nutzerschulung zu reduzieren oder ganz zu eliminieren. Das kann durch Verbesserungen in der Nutzbarkeit erfolgen oder dadurch, dass relevantes Wissen überall und frei verfügbar ist. Es ist nicht so, dass der Nutzer einer Technologie sich über ihr ganzes Potential im Klaren sein muss, ehe er den ersten Schritt wagt. Viele Technologien werden von ihren Nutzern auf eine Weise eingesetzt, an die ihre Entwickler nie dachten.

Bekannte Technologie-Entwicklungsmodelle

Es gibt eine Vielzahl von Theorien darüber, wie neue Technologien entstehen, sich entwickeln und ausbreiten. Die einschlägige Literatur füllt Buchregale. Am gebräuchlichsten ist ein Phasenmodell, das die vier Phasen Entstehung, Wachstum, Reife und Alterung unterscheidet. Das von der Firma Gartner propagierte Hypezyklen-Modell kennt die Phasen Technologischer Auslöser, Gipfel der überzogenen Erwartungen, Tal der Enttäuschungen, Pfad der Erleuchtung und Plateau der Produktivität. Folgt man diesem Modell, so müsste uns das Tal der Enttäuschungen noch bevorstehen.

Saloppe Ausdrucksweise

Wie kaum ein anderes Adjektiv so erhielt das Wort ‚digital‘ eine geradezu magische Bedeutung und fand eine inflationäre Verwendung. Es wird an Stellen verwendet, wo es an sich keinen Sinn macht, es sei denn im sehr übertragenen Sinne. Der Kollege Peter Mertens hat ausführlich auf dieses Phänomen hingewiesen [2]. Im folgenden Abschnitt ist laufend von digitalen Personen oder Berufsträgern die Rede. Ich werde – äußerst widerstrebend – diese Sprechweise beibehalten. Bitte fassen Sie den Ausdruck ‚digitale Person‘ auf als Abkürzung für ‚eine Person, die sich mit digitalen Medien befasst oder sich ihrer bedient‘.

Wer sind und was bewirken Digitale Köpfe?

Im Rahmen der Initiative Wissenschaftsjahr 2014, das unter dem Thema Die Digitale Gesellschaft stand, wurden vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Gesellschaft für Informatik (GI) 39 Personen mit der Auszeichnung Deutschlands Digitale Köpfe geehrt. Die Auszeichnung galt jenen, die mit ihren Ideen und Projekten die digitale Entwicklung in Deutschland vorantrieben. Informatikern unter den Lesern dürften folgende Namen bekannt sein: Anja Feldmann, Claudia Eckert, Constanze Kurz, Katharina Zweig, Lars Hinrichs, Marco Börries, Oliver Samwer und Volker Markl.

Von den hier genannten Personen sind vier Hochschullehrer (Feldmann, Eckert, Zweig, Markl), drei Unternehmer (Hinrichs, Börries, Samwer) und eine Publizist (Kurz).  Sie wirken über ihre Studenten, über ihre Mitarbeiter und Kunden und über ihre Leser. Mit jedem Namen verbindet sich eine andere Geschichte. Es sind in jedem Falle Erfolgsgeschichten. Es sind Beispiele, von denen man sich zur Nachahmung anregen lassen soll.
 

Sicht eines digitalen Eingeborenen

Die Digitalisierung ist – im Gegensatz zur Meinung von Angela Merkel – keine neue Technologie. Sie existiert als Technologie im Markt seit mindestens 30 Jahren. Es ist üblich bei Leuten, die diese Technologie seit ihrer Kindheit kennen, von digitalen Eingeborenen (engl. digital natives) zu reden. Menschen unserer Altersklasse, die auch die Zeit davor kennen, gelten als digitale Einwanderer (engl. digital immigrants).

Philipp Riederle  (*1994) ist einer der jüngsten deutschen Unternehmensberater. Aufgewachsen ist er in Günzburg, studiert hat er in Konstanz an der privaten Zeppelin-Universität. Er ist seit seinem 15. Lebensjahr als Computer Freak und Buchautor tätig. Vor vier Jahren wurde er zum Digitalen Kopf ernannt. Sein neuestes Buch heißt: Wie wir arbeiten, und was wir fordern - Die digitale Generation revolutioniert die Berufswelt (2017, 336 S.). Darin betrachtet Riederle sich als digitalen Eingeborenen, der sich erdreistet, den digitalen Einwanderern Ratschläge zu erteilen. Ich will nur kurz auf sie eingehen.

Die Mitarbeiter, die Firmen heute benötigen, seien genau die, die der Markt anbietet, nämlich digitale Eingeborene. Seit 1975 hat sich das Angebot akademisch ausgebildeter Berufsanfänger mehr als verdreifacht (von 836 k in 1975 auf 2,75 Mio. Studierende in 2015). Es gibt Bachelor- und Master-Abschlüsse in 18.000 Studienfächern. Der Frauenanteil ist auch angestiegen, allerdings nur langsam. Die Bereitschaft, den Wohnort zu wechseln hat deutlich zugenommen. Durch die derzeitige Konjunktur habe sich der Arbeitsmarkt radikal verändert. Nicht Firmen suchen zwischen Bewerbern aus, sondern Bewerber zwischen Firmen. Diese müssen sich sehr um ihr Image kümmern, vor allem durch Selbstdarstellung in den digitalen Medien, aber auch durch Pflege ihres Rufs. Junge Menschen strebten Jobs an, in denen sie sich weiterentwickeln können. Dabei spielt die Selbstoptimierung eine große Rolle. Dazu brauchen sie Feedback. 

Jugendliche möchten nicht als Weicheier oder als Prinzessinnen angesehen werden. Vergleichende Informationen über Unternehmen und Bewertungen findet man heute reichlich im Netz (z. Bsp. bei Kununu). Die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, sei wichtiger als die Höhe des Gehalts. Demokratische Führungsstile und der Zugriff zu allen Informationen im Unternehmen seien essentiell. Die langfristige Bindung an ein Unternehmen sei nicht mehr selbstverständlich.

Unternehmen müssten ihren Mitarbeitern mindestens dieselben Kommunikationsmittel und Werkzeuge anbieten, die jedem heute privat zur Verfügung stehen. Dabei spielen Smartphones eine zentrale Rolle. Dass dies erhöhte Anforderungen bezüglich Sicherheit und Geheimhaltung stellt, sei einleuchtend. Ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess sollte für alle Abläufe implementiert werden. Das Thema Work-Life-Balance sollte adressiert werden. Ein Home Office kann dabei helfen, denn es erlaubt eine größere Flexibilität.

Traumziel digitaler Professional

Solange Begriffe wie Eingeborener und Immigrant das Thema beherrschen, scheint mir noch eine wesentliche Betrachtungsweise zu fehlen. Es wird nicht gefragt, was aus der Sicht eines Individuums der erwünschte Endzustand sein kann oder sein soll. Es wird nur die Art der Aneignung einer Fähigkeit angesprochen, nicht jedoch der erreichte Reifegrad in der Nutzung. Wer seinen Beruf als Profession und nicht nur als Beschäftigung (engl. job) sieht, wird sich eine professionelle Einstellung zu Eigen machen.  Wie in einem der am meisten gelesenen Beiträge dieses Blogs ausgeführt, bedeutet dies für einen Informatiker oder eine Informatikerin, dass sie sich an die folgende Richtschnur halten.

Sie müssen berücksichtigen, was für die Nutzer zweckdienlich und zumutbar ist, was für das Unternehmen notwendig und erschwinglich ist, was ohne unvertretbare Nebenwirkungen für Umwelt und Gesellschaft machbar ist, was nach dem Stand der Technik möglich ist, und was mit den zur Verfügung stehenden Fachleuten und Finanzmitteln realisierbar ist.

Die Digitalisierung ist die zentrale Technik unseres Fachgebiets. Auf sie zu verzichten ist geradezu unverantwortlich, ja unprofessionell. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, sie zu beherrschen, also richtig einzusetzen. Um sie richtig einsetzen zu können, muss man alle Stärken und Schwächen kennen und gegeneinander abwägen. Diese Verantwortung kann der Informatiker nicht an einen Fachmann aus einem andern Feld delegieren.

Traumziel digitale Gesellschaft und digitale Wirtschaft

Neben der individuellen Beziehung zu dieser Technik wird auch die Verbreitung und Nutzung in der Gesellschaft immer wieder thematisiert. So gibt es einen Verein namens Digitale Gesellschaft in Berlin. Aber auch die EU hat eines ihrer Kommissariate als Digitale Gesellschaft bezeichnet. Günther Oettinger war sein Leiter, bis dass er das Budget-Ressort übernahm. Ganz offensichtlich wird in Deutschland und Europa der Diskussion über die möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung fast so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie ihrer Anwendung in der Wirtschaft. Dabei erscheint es fast so, als wäre die Wirtschaft nicht auch ein Teil der Gesellschaft. 

Nachtrag am 17.1.2018

Zwei Wirtschaftsjournalisten aus der Redaktion der Süddeutschen Zeitung, Marc Beise und Ulrich Schäfer, meinen, dass unsere Presse – und damit die Öffentlichkeit – das Thema Digitalisierung zu negativ sieht. In ihren Buch Deutschland digital – Unsere Antwort auf das Silicon Valley (2016, 255 S.) versuchen sie die Dinge zurechtzurücken.

Wir hätten zwar die erste Runde gegenüber dem Silicon Valley verloren, könnten die zweite jedoch gewinnen, wenn wir es richtig machen würden. Wir sollten nicht den Versuch machen, das Silicon Valley bei privaten Internet-Anwendungen einzuholen. Deutschland hätte aber gute Chancen bei Industrieanwendungen. Immerhin baue ja Tesla seine Elektroautos mit Robotern von Kuka aus Augsburg und mit Blechpressen von Schuler aus Göppingen.

Auch in Berlin, Hamburg, München und anderen Orten tue sich etwas. Von der Startup-Szene in Berlin rede inzwischen die ganze Welt. Oliver Samwer von Rocket Internet vereinige allein 150 Firmen mit 36.000 Mitarbeitern. Auch ströme mehr Wagniskapital nach Berlin (2,1 Mrd. in 2015) als nach London. Firmen wie Trump (Ditzingen) und Würth (Künzelsau) unterhielten dort Forschergruppen.

In München und Süddeutschland machten weniger die Finanz- und Marketing-Experten von sich reden, dafür aber einige Ingenieure. Die Firma NavVis in München baut Navigationsgeräte für Innenräume, die Firma Bragi eine Art von Hörgeräten im Ohr, mit denen man Maschinen steuern und kontrollieren kann. Weltbekannt sei inzwischen TeamViewer aus Göppingen, mit deren Software man Windows-PCs aus der Ferne warten kann. Der Marktführer bei 3D-Druckern sei die Firma EOS aus Krailling bei München.

Die deutsche Industrie sei besser auf das ‚Internet der Dinge‘ (engl. Internet of things, Abk. IOT) vorbereitet als die amerikanische. Die USA seien bereits zu sehr deindustrialisiert, um hier noch eine große Rolle spielen zu können. Deutschlands Vorteile lägen in seinem Bildungssystem (vor allem der fachlichen Qualifizierung), seiner Unternehmensstruktur (starker, flexibler Mittelstand) und dem ausgeprägten Sinn für Datenschutz und Datensicherheit. Es fehle an Wagniskapital (vor allem aus privater Hand) und einem gut ausgebauten Gigabitnetz. Es fehle auch an Leuten, die über das Positive mindestens so viel reden wie über das Negative, die nicht nur auf Risiken und Gefahren hinweisen. Wir bräuchten mehr Geschichtenerzähler.

Referenzen 
  1. Albert Endres, Dieter W. Fellner: Digitale Bibliotheken – Informatik-Lösungen für globale Wissensmärkte, 2000 
  2. Peter Mertens, Dina Barbian: Digitalisierung und Industrie 4.0 – Moden, modische Überhöhung oder Trend? 2016

Donnerstag, 4. Januar 2018

Putin zwischen Geheimdienstlern und Oligarchen

Im Februar 2014 befasste ich mich in diesem Blog zum ersten Mal ausführlich mit dem Phänomen Putinismus. Damals war der Begriff noch etwas ungewohnt. Ich kam zu der folgenden Aussage:

Es gibt in Russland offensichtlich keinen Schutz des privaten Eigentums oder anderer Bürgerrechte. Es wird von häufigen Zwangsräumungen von Wohnungen und mehr oder weniger willkürlichen Verhaftungen berichtet. Gewaltanwendung erscheint unverzichtbar bei der Durchsetzung politischer Ziele. Kurz vor den Olympischen Winterspielen wurde Chodorkowskij begnadigt und lebt inzwischen im Westen. Bezüglich Korruption liegt Russland an der Weltspitze. Es gibt keinen Mittelstand, nur Arme und Reiche (die berühmten Oligarchen). Eine Bürgergesellschaft ist erst im Entstehen und konzentriert sich auf Moskau.

Vor kurzem hat die Münchner Politologin Margareta Mommsen  (*1938) eine neue Analyse des Systems Putin vorgelegt, mit dem Titel  Das Putin-Syndikat  –  Russland im Griff der Geheimdienstler  (2017,  251  S.). Mommsen versucht darin, nicht nur den Werdegang von Wladimir Putin zu erklären, sie bemüht sich auch, die Kräfte zu identifizieren, auf denen Putins Macht beruht. Dies ist immer noch mit großen Unsicherheiten verbunden, ist aber nicht desto weniger interessant.

Präsident im Design

Jelzin hat bekanntlich 1999 einen allseits unbekannten ‚Leningrader Straßenjungen‘ namens Putin zu seinem Nachfolger bestimmt. Er ließ damit den damaligen Favoriten Boris Nemzow fallen. In der Wirtschaftskrise von 1998 hatten Oligarchen und Reformer an Einfluss verloren. Außerdem rief die NATO durch die Bombardierung Serbiens alte Ressentiments hervor und legte die Grundlage eines neuen Antiamerikanismus. Als Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB kannte Putin das Land wie kein anderer. Er konnte Jelzin Sicherheit und Straffreiheit gewähren. Dass er hart gegen Terroristen vorgehen konnte, hatte er in Tschetschenien bewiesen.

Um Putin beim russischen Volke bekannt zu machen, ersannen sich so genannte Spinndoktoren eine Werbekampagne. Dabei soll Tony Blair als Design-Muster gegolten haben, nach innen freundlich, nach außen hart. Die Bilder, die von Putin in die Welt gesetzt wurden, zeigten ihn beim Judo, beim Schwimmen, beim Reiten oder beim Kämpfen mit wilden Tieren.

Staat am Haken des Geheimdienstes

Aus russischer Sicht war die Perestroika verbunden mit dem Verfall der UdSSR als Staat. Sowohl Geheimdienstler wie Oligarchen waren sich darin einig, dass dem durch eine Wiedererstarkung des Staates entgegengewirkt werden müsste. Deshalb gab sich Russland eine Verfassung, die Prinzipien der 5. Republik Frankreichs und der USA kopierte. Die Macht des Präsidenten überragt die der Parteien und des Parlaments. Das Besondere für Russland: Die Exekutive verlässt sich weitgehend auf Sicherheitsleute. Putins Macht basiert – laut Mommsen – auf einem Syndikat bestehend aus Geheimdienstlern (russ. Silowiki) und Wirtschaftsbossen (meist Oligarchen genannt).

Als Vergleich zu Sowjetregierungen wird auch oft von einem ‚Zweiten Politbüro‘ gesprochen. Als seine acht Mitglieder listet Mommsen die folgenden Namen: Sergei Tschermessow, Juri Kowaltschuk, Sergei Schoigu, Dimitri Medwedew, Wjascheslew Wolodin, Igor Setschin, Arkadi Rotenberg und Sergei Sobjanin. Nominell gelten vier als Vertreter des FSB und vier als Vertreter der Wirtschaft, wobei unter den letzteren einige aus dem FSB hervorgingen. Zwei Leute gelten als Kandidaten, d.h. sie sind noch nicht vollberechtigt, nämlich Wiktor Solotow und Sergei Kirijenko. Der Patriarch der orthodoxen Kirche, Kirill, gilt als Ehrenmitglied. Schließlich sei die Kirche die geistige Klammer des Staates. Putin selbst sei nur ‚primus inter pares‘. Selbst sieht sich Putin als Managerpräsident, als höchster Angestellter Russlands.

Die heutige Staatsform Russlands sei eine ‚imitierte Demokratie‘ – meinen Beobachter. Damit ähnle sie den Systemen in Ungarn und der Türkei. Die Parteien und damit das Parlament (russ. Duma) hätten keine politische Funktion, sondern bestenfalls eine administrative. Das gelte insbesondere für die Partei ‘Einiges Russland‘, die über eine satte Mehrheit im Parlament verfügt. Die KP spiele nur noch eine geduldete Außenseiterrolle. Die Provinzen des Landes werden wie zu Sowjetzeiten von Moskau aus kontrolliert. Fünf von sieben Regionalpräsidenten sind Generäle. Sie verwalten ihre Provinzen wie Wehrbezirke.

Medwedew, der Statthalter im Tandem

Von den im vorigen Abschnitt genannten Namen ist uns Westlern eigentlich nur Medwedew bekannt. Als Putin aufgrund der Verfassung (einem Zugeständnis an demokratische Optik) nicht dreimal hintereinander Präsident werden konnte, tauschten sie die Rollen. Medwedew wurde Staatspräsident und Putin Ministerpräsident. Medwedew ist der Sohn zweier Professoren und stammt aus Sotschi am Schwarzen Meer. Auch er gilt als Nationalist, vertritt aber wesentlich moderatere Positionen als Putin. Er forderte mehrmals Reformen und ging auf den Westen zu. Er konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Er blieb als Schaufensterpräsident in unserem Gedächtnis.

Als 2012 ein erneuter Ämtertausch durchgeführt wurde, der Putin wieder ins Präsidentenamt hievte, kam es zu Demonstrationen. Diese wurden unter anderem von Alexei Nawalny angeführt. Nawalny wurde dafür zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Staatsdoktrin und Ukraine-Konflikt

In mehreren Reden, unter anderem zum Jahreswechsel 2000, hat Putin Aussagen zur Staatsdoktrin gemacht. Im Mittelpunkt steht die Betonung einer eigenen russischen Zivilisation, unabhängig vom übrigen Europa, sowie das Bestreben als Großmacht anerkannt zu werden. Damit verbunden ist der Glaube an einen starken Staat, in dem die Regierung für Ordnung und Kontrolle sorgt. Da den USA unterstellt wird, Russland klein und schwach halten zu wollen, nährt dies den Antiamerikanismus.

Putin selbst argumentierte in seinen frühen Jahren für eine Öffnung Russlands gegenüber Europa. Als er dabei das erwartete Entgegenkommen vermisste, begann für ihn die Suche nach der zivilisatorischen Einzigartigkeit Russlands. Da dies sich auch für die Propaganda als wichtig erwies, erfolgte ein Schulterschluss mit der orthodoxen Kirche. Den äußeren Anlass dazu boten die Frauen der Gruppe Pussy Riot, als sie im Jahre 2011 mit ihrer provokanten Aktion in einer Kirche den Patriarchen Kirill I. angriffen. Sie gaben der Regierung Gelegenheit, sie sehr streng zu bestrafen. Die Botschaft lautete: Das christliche Russland lässt nicht zu, was im verdorbenen und satanischen Westen an der Tagesordnung ist. Dazu gehört auch das Verhältnis zu Schwulen und Lesben. In Schulbüchern werden bevorzugt Siegesmythen aus der russischen Geschichte dargestellt. Sie begannen 1612 mit einem Sieg über Polen, setzten sich 1812 fort mit dem Sieg über Napoleon, und 1945 mit dem Sieg über Hitler-Deutschland. Der Sieg von 1918 sei von den Kommunisten verraten worden.

Als Gegenstück zur EU propagierte Russland plötzlich eine Eurasische Union für Wirtschaft und Kultur. Vom Westen wurde dies diffamiert als der Versuch wieder Einfluss auf die früheren Sowjetrepubliken und die Ostblockstaaten zu gewinnen. Russlands Nachbar, die Ukraine, schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Putin bot Wiktor Janukowytsch 15 Mrd. Euro an, wenn er sich nicht mit der EU assoziiere. Als er Putins Willen erfüllte, kam es im November 2013 zum Maidan-Aufstand und der Vertreibung Janukowytschs aus Kiew. Russland reagierte im März 2014 mit der Annexion der Krim und den sich anschließenden Kämpfen in der Ostukraine. Diese kulminierten im Juli 2014 im Abschuss des MH17-Fluges durch die Aufständigen. Putins Sympathie-Werte in Russland stiegen dabei auf rund 80%. Die ‚Heimholung der Krim' vereinigte nicht nur Tauben und Falken in Putins Umgebung, sondern das ganze Land.

Eklatante Justizskandale

Wie bereits im früheren Beitrag bemerkt, verfügen russische Bürger in ihrem Land über so gut wie keinen Schutz von Leben und Eigentum. Mommsen erinnert an einige Fälle, die auch in Deutschland bekannt wurden. Sehr bekannt ist der Fall des Mickail Chodorkowski. Zuerst wurde er des Steuerbetrugs bezichtigt und seine Firma Jukos ging an einen Staatskonzern (Rosneft) über. Nach mehrjähriger Haft wurde er in einem zweiten Prozess der Bestechung beschuldigt. Dieser Prozess wurde fehlerhaft geführt und politisch gesteuert (der Richter erhielt Telefonanrufe aus dem Kreml). Chodorkowski kam durch die Vermittlung Hans Dietrich Genschers frei und lebt jetzt im Westen.

Weniger bekannt ist der Fall des Sergei Magnitzki. Als Wirtschaftsprüfer deckte er einen Steuerbetrug in Ministerien auf. Es wurden rund 230 Mio. Dollar an Steuer-Rückzahlungen gewährt. Magnitzki wurde verhaftet, im Gefängnis gefoltert bis er dort 2009 starb. Er wurde 37 Jahre alt. Der US-Senat verhängte Einreiseverbote gegen alle Beteiligten, was Putin mit Gegenmaßnahmen beantwortete.

Die Journalistin Anna Politkowskaja hatte kritisch über Putin und den Krieg in Tschetschenien berichtet. Sie wurde im Jahre 2006 in ihrer Moskauer Wohnung erschossen. Als Täter wurden Tschetschenen angeklagt und verurteilt. Auf dasselbe Täterprofil führt der im Jahre 2015 nahe am Kreml erfolgte Mord an Boris Nemzow. Auch hier wurden Tschetschenen verdächtigt. Putin soll sich danach zwei Wochen lang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen haben.

Auftritt auf Weltbühne

Ein neues Element scheint erst in den letzten Jahren Eingang in Russlands Staatsdoktrin gefunden zu haben. Es ist der Leitsatz, dass kein Weltproblem mehr ohne Russland lösbar ist. Dem entsprechend engagierte sich Russland in Syrien. Wie es scheint hat Russland damit die Rolle übernommen, die die USA lange Jahre innehatten. Zur effektiveren Terrorbekämpfung baut Russland gerade eine so genannte Nationalgarde auf. Sie soll eine Personalstärke von 400.000 Mann erhalten.

Als Putins Sprachrohr bot Außenminister Sergei Lawrow 2016 der EU und den USA eine Kooperation 'auf Augenhöhe' an. Eine einzige Bedingung sei von Nöten. Es dürfte keine Einmischung in innere Angelegenheiten stattfinden. Auch dieses Mal war die Resonanz sehr lau. Westliche Diplomaten messen nämlich Russland primär an seinem Anteil am weltweiten BIP. Er beträgt bescheidene 1,5%. Dass Russland auf solche Behandlung sehr leicht beleidigt reagiert, macht die Dinge nicht einfacher.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Zwei Völker, die ihre Revolutionen überlebten

Wenn darüber gesprochen wird, was wir Deutschen nicht können, dann taucht oft die Bemerkung auf, dass wir nie eine richtige Revolution zustande gebracht hätten. Eigentlich bin ich darüber sehr froh. Was uns da erspart blieb, wird klar, wenn ich mir Frankreich und Russland ansehe. Rein zufällig las ich im letzten Quartal zwei Bücher, die sich mit zwei großen zurückliegenden und überwundenen Revolutionen beschäftigten, der französischen von 1789 und der russischen von 1917. Beide Ereignisse hinterließen ihre Spuren in der europäischen Geschichte. Sie strahlten auf ganz Europa aus. Man kann beide als fiebrige Erkrankungen ganz Europas ansehen.

Beispiel Frankreich

Ernst Schulin (1929-2017) war Professor für Neuere Geschichte in Freiburg. Sein Standardwerk Die Französische Revolution (2013, 307 S.) erhielt kurz vor seinem Tode eine Neuausgabe, in der aktuelle Forschungsergebnisse verarbeitet waren.

Die Literatur über die Französische Revolution fülle Bibliotheksregale. Das meiste sei politisch sehr einseitig. Die Revolution würde fast immer rechtfertigend erklärt. Zwei Autoren fallen aus diesem Rahmen. Alexis de Tocqueville versuche eine Art von Analyse. Vor allem ziehe er Vergleiche mit der ganz anders gearteten Entwicklung in den USA. Hippolyte Taine (‚Les origines de la France contemporaine‘) hat sein Werk in sechs Bänden gegliedert und bemühe sich um eine detaillierte und ausgewogene Darstellung. Edmund Burkes Betrachtungen aus der Sicht eines britischen Konservativen aus dem Jahre 1790 ('Reflections on the Revolution in France') wurden in ganz Europa sehr beachtet, so auch von dem jungen Clemens von Metternich. Für Karl Marx sei es schwer gewesen zu akzeptieren, dass die politische vor der sozialen Revolution kam.

Die Revolution brach nicht von einem Tag auf den andern aus ─ so die Sicht der Historiker. Sie hatte eine Jahrzehnte lang währende Vorgeschichte. Es gab immer mehr Beschwerdehefte (frz. doleances), schließlich führten Missernten zu höheren Brotpreisen. König Ludwig XVI. und sein Premier Jacques Necker wollten die Steuern erhöhen und riefen dazu eine Volksversammlung ein. Es erschienen dazu nur wenige Adelige und Pfarrer. Hauptsächlich waren es Vertreter des Dritten Standes (frz. tiers), also des gemeinen Volks. Die Versammlung nannte sich trotzdem Generalversammlung (frz. assemblé generale).

Der Marquis de Mirabeau verhinderte, dass der König die Versammlung auflöste. Die Angst vor deutschem und schweizerischem Eingreifen führte zur Aufstellung von Bürgerwehren. Durch den Sturm auf die Bastille (7/1789) verschaffte das Volk sich Waffen und befreite (nebenher) fünf Gefangene. Als der König nachgab, begann der Adel zu fliehen. In einigen Städten, so in Straßburg, wurden die Stadtoberen ersetzt. Als das Gerücht eines Adelskomplotts um sich griff, trieb dies die Bauern auf die Straße. Sie griffen Schlösser an, vor allem um die dort befindlichen Lehens-Urkunden zu vernichten. Eine Diskussion über die Privilegien des Adels führte (8/1789) zur Abschaffung der Feudalität, mit allen Privilegien. Die Versammlung begann damit, allgemeine Menschenrechte zu definieren wie dies 1776 in Virginia geschehen war.

Es waren die Frauen, die (10/1789) den König zwangen seinen Sitz von Versailles nach Paris zu verlegen. Dort bildete sich ein Bretonischer Club im Jakobiner-Kloster. Seine Mitglieder strebten eine Republik an. Ähnliche Aktivitäten gab es in 40 Städten des Landes. Es erschien eine Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften mit politischem Inhalt. Der König gestand ein, dass der sein Amt von Gottesgnaden und aufgrund der Staatsverfassung besitze. Es kam zur Abschaffung der Zünfte und einem Streikverbot der Handwerker.

Die Departements erhielten mehr Selbstverwaltung. Der Sprecher des jetzt Jabobiner genannten politischen Klubs, Maximilien de Robespierre, forderte das Wahlrecht auch für Leute ohne Besitz. Charles-Maurice de Talleyrand, der Bischof von Auton, erklärte, dass der Klerus nicht der Eigentümer von Kirchengütern sei. Daraufhin wurden diese der Nation (11/1789) zur Verfügung gestellt. Dafür erhielt die Kirche Schuldscheine (frz. assignats). Alle  religiösen Orden wurden (2/1790) aufgelöst; Priester wurden zum Eid auf den Staat verpflichtet. Die Jahresfeier des Bastille-Sturms fand mit einer großen Feierlichkeit (7/1790) auf dem Marsfeld statt. Die Messe wurde von Talleyrand zelebriert. Vertreter anderer Völker nahmen teil, so der  Baron von Cloots aus Kleve für Preußen. Auch Alexander von Humboldt und Georg Forster waren als Privatpersonen dort.

Im Jahr danach kam es zum Fluchtversuch des Königs (7/1791). Er wurde verraten und bei Varennes eingefangen. In Pillnitz beschlossen Österreich und Preußen einen gemeinsamen Kriegszug gegen Frankreich. Darauf erklärte Ludwig XVI. (4/1792) Österreich den Krieg. Das Marsailler Batallion marschierte in Straßburg ein und anschließend auf Paris zu. Es kam zur Erstürmung der Tuillerien (8/1792) durch die Massen. Die Schweizer Garde des Königs wurde gelyncht. Es starben über 600 Leute. Der König wurde gefangen gesetzt. Frankreich wurde zur Republik erklärt.

Nach der Kanonade von Valmy (9/1792), bei der auch Goethe anwesend war, räumten die Preußen das Schlachtfeld gegenüber den französischen Volkstruppen. Der Vorstoß der Franzosen endete in Mainz. Dort entstand eine Rheinische Republik. Forster wurde einer ihrer Sprecher. Auch die Königin verlor das Vertrauen des Volkes aufgrund der Halsbandaffäre, in die der Bischof von Straßburg involviert war. Zuerst wurde der König zum Tode verurteilt und (1/1793) per Guillotine hingerichtet. Wenig später traf die Königin dasselbe Schicksal.

George Danton und Jean-Paul Marat erschienen auf der Szene. Sie wurden jedoch ermordet bzw. von Robespierre aus dem Wege geräumt. Immer mehr bestimmten ehemalige Arbeiter (frz. sanscullotes) das Bild der Armee. Tausende starben bei Aufständen gegen die Republik, so in der Vendée, in Marseille und Lyon. Es gab Schauprozesse und Massenhinrichtungen. Auch Robespierre wurde hingerichtet (7/1794). Belgien und das Rheinland wurden erobert. Die Jakobiner und die Sonderausschüsse wurden schließlich aufgelöst, Es kam zur Thermidor-Regierung und zum Direktorium. Preußen schloss einen Sonderfrieden (5/1795) mit Frankreich. Darin stimmte es der Abtretung des Rheinlands an Frankreich zu. Als Napoleon gegen Österreich in Italien siegreich war, kam es zum Frieden von Campo Formio (10/1797). Anschließend begab sich Napoleon nach Ägypten. Dort wollte er die Engländer vertreiben. Der Revolutionskalender, der seit 1792 galt, wurde im Jahre 1805 abgeschafft. Zuvor (7/1801) hatte man sich mit dem Papst geeinigt und das Verhältnis zwischen Staat und Kirche durch ein Konkordat neugeregelt.

Beispiel Russland

Das soeben von Karl Schlögel (*1948) vorgelegte Buch Das sowjetische Jahrhundert: Archäologie einer untergegangenen Welt (2018, 912 S.) ist der Zeit von 1917 bis 2017 gewidmet. Schlögel war Professor für Osteuropäische Geschichte in Konstanz bevor er 1991 an die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder berufen wurde. Anders als Schulin konzentriert sich Schlögel nicht auf die historischen Abläufe. Im Blick stehen die Hinterlassenschaften. Was hat welche Spuren hinterlassen? Seine Beschreibung ist sehr detailliert und vielschichtig. Daher nur einige Auszüge.

Nach der Machtergreifung der Bolschewiken in Leningrad verfolgte Wladimir Iljitsch Lenin eine gezielte Umgestaltung der russischen Gesellschaft und Wirtschaft. Er entledigte sich aller bisherigen Würden- und Amtsträger. Sofern sie nicht von sich aus das Land verließen, half er auf drastische Weise nach. So landete 1922 in Stettin ein Schiff mit mehreren Hundert Künstlern, Philosophen, Juristen und anderen Intelligenzlern an Bord, die von Lenin persönlich ausgesucht und des Landes verwiesen wurden. Viele von ihnen zogen weiter nach Berlin, Paris oder den USA.

Die bisher vorwiegend agrarische Wirtschaft wurde völlig umgekrempelt. Große Stauwerke wie das am Djeper (Djeproges) oder Hüttenwerke wie in Magnitogorsk (am Ural) zogen Ingenieure und Fachkräfte aus Westeuropa und den USA an. Ein Kanal, der die Ostsee mit dem Weißen Meer verbindet, wurde in Angriff genommen. An ihm arbeiteten bis zu 200.000 Zwangsarbeiter, ehe er 1933 fertiggestellt wurde. Ein großer Anteil von ihnen waren frühere Geistliche und Lehrer. Das ländliche Russland, egal ob seine Landgüter einst aus Adels- oder Kleinbauernbesitz bestand, wurde in eine völlig unattraktive Kolchosenwirtschaft überführt. An ihre Stelle traten in den letzten Jahrzehnten große Agrarkonzerne. Selbst in den Gegenden mit besten Lössböden reichte der Ertrag nicht aus, um Lebensmittelimporte überflüssig zu machen.

Wie damals auch anderswo üblich, vor allem in den USA, so übernahm der Staat immer mehr die Steuerung der Wirtschaft. Dazu dienten die Fünfjahrespläne. Daneben war in Russland nur noch wenig möglich, eigentlich nur noch Kleingärten und Trödelmärkte. Neben der für die Kriegsführung so wichtigen Stahl- und Energieerzeugung, rangierten alle anderen Produktionszweige unter Fernerliefen. Erst für die später aufkommende Konsumwirtschaft ersetzte Plastik die Bedeutung von Stahl. Mit der Katastrophe des Atommeilers von Tschernobyl endete 1986 diese unheilvolle Entwicklung. Schlamperei und Rücksichtslosigkeit hatten Überhand genommen.

Für die russischen Städte und Bürger bestimmend war die Wohnwirtschaft. Besonders in Leningrad und Moskau spielten in den Anfangsjahren der Sowjetunion Gemeinschaftswohnungen (so genannte Kommulkas) eine große Rolle. Es waren dies zum Beispiel die früheren 12-Zimmerwohnungen von Adligen oder Kaufleuten, in die jetzt bis zu 12 Familien eingewiesen wurden. Mit dem Beginn der Entstalinisierung begannen industriell erstellte Wohngebäude das Stadtbild zu prägen. Als sozialistische Errungenschaft  stellten Plattenbauten seit 1955 eine Antwort auf die fortschreitende Landflucht dar. Es wird geschätzt, dass allein in Russland 170 Mio. Menschen in Plattenbauten lebten. Seit 1990 werden sie durch privates Wohneigentum ersetzt. Ein weiterer Bestandteil russischer Wohnkultur stellen die Landhäuser dar (Datschas genannt). Rund 40-60% der Stadtbevölkerung von Leningrad und Moskau soll über diese Möglichkeit verfügt haben.

Ganz typisch ist für eine staatliche Zwangswirtschaft der hohe Stellenwert, den Urlaub und Erholung einnehmen. Die Schwarzmeerküste, und hier besonders die Krim, wurde zum jährlichen Traumziel vieler Werktätigen. Eine direkte Zugverbindung verband für Urlaubsfahrer die Öl- und Gasfelder der Eismeerküste von Workuta mit Sotschi. Heißbegehrt waren die Plätze in Sanatorien und Erholungsheimen. Obwohl es Tausende davon gab, gab es Wartelisten, auf denen man langsam vorrückte. Nichts ging ohne Warteschlangen, selbst die Plätze in Gefängnissen. Das trieb schließlich die Planwirtschaft in den Ruin, es sei denn man konnte das Geschäft einem privaten Basar überlassen. Seit Russen wieder frei außer Land reisen dürfen, verloren alle Inlandsziele ihre Attraktion. Inzwischen bevölkern Russen die Strände der Türkei, Griechenlands und Ägyptens.

Etwas seltsam erscheint uns das Faible der Russen für Orden und Abzeichen aller Art. Damit profilierte sich jeder Betrieb bei jeder nur denkbaren Gelegenheit. Die Träger, die ja sonst möglichst gleiche Löhne und Arbeitsbedingungen hatten, fühlten sich hervorgehoben. Auch die Millionen, die im ‚großen vaterländischen Krieg‘ (dem 2. Weltkrieg) ausgezeichnet wurden, trugen ihr Ehrenzeichen voller Stolz. Ihren Kindern gaben die Eltern neue Namen, die an die neuen Heiligen des Kommunismus erinnern sollten (wie ‚Karlen‘ für Karl Marx + Lenin), Auch 'Rote Armee' oder 'Roter Oktober' wurden zu legalen Vornamen. Der medialen Selbstdarstellung dienten die jährlichen Paraden auf dem Roten Platz. Sie galten als Demonstration der staatlichen Macht und konnten bis zu zwei Mio. Teilnehmer mobilisieren. Ähnlich pompös liefen viele Sportparaden ab. Sie  beeindruckten unter anderem US-Präsident Eisenhower bei einem Besuch (1947).

Mit Geduld ertrugen die wenigen Intellektuellen, die im Lande geblieben waren, dass die Große Sowjet-Enzyklopädie, die 1925 begonnen wurde, keine Politiker, Künstler oder Geistesgrößen des alten Russlands benennen durfte. Sie  war ja auch nicht für Akademiker, sondern für Praktiker gedacht. Sie umfasste trotzdem 50 Bände. Die größte Bibliothek Moskaus (Leninka) umfasste schließlich rund 70 Mio. Bücher. Darunter gab es keines von Trotzki oder Solschenizyn. Seit 1929 waren rund 24 Mio. Bücher vernichtet worden. Danach wurde nur einseitig aufgefüllt. Ein Klavier galt als ein verhasstes Möbel des Bürgertums. Die oft von deutschen Einwanderern gegründeten Klavierbauerfirmen wurden verstaatlicht. Klaviere, die noch in Privatwohnungen vorhanden waren, wanderten in den Kulturpalast oder in die Parteizentrale. Als bekannte russische Kunstformen überlebten Ballett, Musik und Gesang die Revolution. Viele dieser Künstler durften reisen. Manche von ihnen nutzten sie zur Flucht (so Rudolf Nurejew).

Nichts charakterisiert die Sowjetunion mehr als die Zahl der Insassen von Strafgefangenenlagern (so genannten Gulags). Sie betrug 1923 rund  3,5 Mio. und stieg bis 1940 auf rund 18 Mio. an. Manche große Projekte wären ohne sie nicht zustande gekommen. Ganze Industriezweige hingen von ihnen ab, so die Goldgewinnung im äußersten Norden Sibiriens. Am Fluss Kolyma wurde bei bis zu -60 Grad von rund 100.000 Gefangenen nach Gold geschürft. Dies verschaffte Russland eine sagenhafte Kaufkraft. Der langjährige Leiter dieses Betriebs, Eduard Bersin, der maßgeblich das System der Gulags mitentwickelt hatte, fiel 1938 in Ungnade und wurde hingerichtet. Ihm wurde vorgeworfen, Gold zur Seite geschafft zu haben.

Im zweiten Weltkrieg erlitt das Land weitere schmerzliche Opfer: 26,6 Mio. Kriegstote, darunter 2,5 Mio. Juden. Die Belagerung Leningrads durch deutsche Truppen kostete allein fast einer Mio. Menschen das Leben. Langsam entwickelten sich Treffpunkte, bei denen sich Dissidenten heimlich trafen. Unter Nikita Chruschtschow kam es zu einer Art von Tauwetter. Leute wie Heinrich Böll und Hans Magnus Enzensberger kamen nach Moskau. Dennoch erfolgten die Ausweisungen Joseph Brodskys (1972) und Alexander Solschenizyns (1974) und die Verbannung Andrei Sacharows (1980). Im Jahre 1968 kam es zu Protesten wegen der Besetzung Prags. Als sich Russlands Grenzen 1990 öffneten, schwappten nacheinander drei Wellen aus dem Lande: Nahrungs-, Genuss- und Luxusmittel-Einkaufer, Verwandtenbesucher, Touristen.

Nach 1990 erhielt die russische Kirche einen großen Teil ihres früheren Besitzes zurückerstattet. Ein Beispiel ist das seit 1927 als staatliches Krematorium dienende Donskoi-Kloster. Die Glocken des Danilow-Klosters kamen sogar aus den USA zurück. Eine besondere Bedeutung hat die Klosterinsel Solowezki im Weißen Meer. Hier wurden einst bis zu 70.000 Gefangene festgehalten. Als Maxim Gorki die Insel 1929 besuchte, berichtete er noch, dass er beindruckt war, wie hier die Erziehung zum neuen Menschen Fortschritte mache. Hier ist heute eine Gedenkstätte.

Gehörte es früher zum Erlebnis besonderer Art mittels einer Fahrt auf der Transsibirischen Bahn die Weite des russischen Raumes zu erkunden, lässt sich heute die Strecke Moskau-Sankt Petersburg dank eines von Siemens gebauten Superschnellzugs in vier Stunden zurücklegen. Immer mehr Stätten, die in den letzten 100 Jahren eine Rolle spielten, werden in Museen umgewandelt. Ein bekanntes Beispiel ist das Lubjanka-Gebäude, der berüchtigte Sitz des russischen Geheimdienstes, angefangen mit der Tscheka, über den GPU, bis zum KGB und dem FSB. Auch die Namen von Straßen, Plätzen und U-Bahnstationen erfahren eine Art von Umkodierung. An die Stelle der Namen aus der sowjetischen Zeit treten wieder die alten Namen oder neue. Diejenigen Personen, die sich den früheren Staatsbesitz aneignen konnten, wurden überreich. Als Oligarchen übernehmen sie quasi die Rolle des ehemaligen Adels. Eine Verteilung des privaten Reichtums auf viele, wie anderswo in Europa, findet nicht statt.

Vergleichende Betrachtung

Die Französische Revolution war kurz und heftig. Nach einer Phase der Freiheit und der Menschenrechte erfolgten 2-3 Jahre des Terror. Dieser fand alsbald ein Ende und nach 12-15 Jahren begann die gesellschaftliche und politische Restauration unter Napoleon. Einige ihrer Grundideen (bürgerliche Freiheiten, zivile Standesämter, Eigentums- und Erbrecht) blieben bestehen und breiteten sich weiter aus. Bekanntlich überzog Napoleon ganz Europa mit Krieg und Ausbeutung. Dabei spielten Ideen, die aus der Revolutionszeit stammten, eine untergeordnete Rolle. Napoleon sah sich eher in der Nachfolge Karls des Großen. Dank Metternich wurde die vor-revolutionäre Ordnung weitgehend wiederhergestellt. Der Wiener Kongress schaffte ab 1815 zeitweise stabile Verhältnisse.

Die russische Revolution hatte fast 100 Jahre Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten. In den letzten zwei Jahrzehnten wirkten Kräfte, die sie infrage stellen, ja rückgängig machen wollten. Die Wirkung der russischen Revolution war umfassender und weitgreifender als die der Französischen Revolution. China und vor allem Nordkorea berufen sich noch heute auf das sowjetische Beispiel. Russland selbst hat einen Teil seiner militärischen Stärke während der Perestroika-Phase eingebüßt. Damit wollen sich Leute wie Wladimir Putin nicht abfinden. Er versucht mit aller Gewalt entgegenzusteuern. Dadurch ist Russland zu einem Unruhefaktor und einer neuen Bedrohung geworden. Im Gegensatz dazu ist Frankreich ein geradezu mustergültiger internationaler Partner geworden.

Mittwoch, 20. Dezember 2017

Reflexionen und Erkenntnisse zum Jahreswechsel (von Peter Hiemann)

Mein Freund und Ex-Kollege Peter Hiemann dürfte den Lesern dieses Blogs längst bekannt sein.  Seine letzten Essays wurden im Juli 2016 und Dezember 2016 veröffentlicht. Zum Jahreswechsel 2017/2018 hat er mir ein sehr ausführliches neues Essay zur Verfügung gestellt. Überschrieben hat er es mit ‚Einsicht ins Ich‘.

Geschrieben wurde es im Interesse seiner Enkelkinder. Es kann auch allen Lesern Anregungen geben, die nicht so viel Zeit haben wie der Rentner Hiemann, um Originalliteratur zu lesen. Ich schätze seine Überlegungen sehr, da sie die Überzeugungen eines Naturwissenschaftlers verbinden mit den Einsichten von Philosophen, Soziologen und Theologen. Seine 99 Seiten sind alles andere als langweilig. Von den Tälern des Alltags führen sie zu den Höhen des Geistes, also der menschlichen Vorstellung.

Klicken Sie bitte  hier. Mit dem Text verbinde ich meine Wünsche für frohe Festtage und ein gutes Neues Jahr, 

Ihr Blog-Verwalter Bertal Dresen, im Dezember 2017.

Donnerstag, 23. November 2017

Nochmals: Digitalisierung und ihre Auswirkungen

Das Thema Digitalisierung ist ein wahrer Dauerbrenner. Es vergeht keine Woche, in der es nicht im Fernsehen, in den Zeitungen oder in meinem Mail-Verkehr vorkommt. Ich greife heute einige Beispiele heraus, von denen ich glaube, dass sie interessant und erklärungsbedürftig sind. Die Auswahl von Themen belegt, wie breit das Spektrum ist. Daher glaubt fast jeder, dass er Kompetenz besitzt, die es ihm erlaubt mitzureden.

Jamaika-Konsens

Wie in meinem letzten Blog-Beitrag beschrieben, scheint die Politik vergessen zu haben, dass der Telekommunikatios-Markt privatisiert wurde. Es ist mir daher nicht klar, welchem Anbieter die Jamaika-Parteien auf die Beine helfen wollen. Im Zweifelsfalle ist es der ehemalige Staatskonzern Telekom. Sein Marktanteil liegt derzeit unter 60% und ist rasant im Fallen. Ich selbst habe nach über 50 Jahren seine Dienste gekündigt, da sie nicht mehr meine Ansprüche erfüllten. Außerdem herrscht in der Politik anscheinend die Meinung vor, dass man nur das Netz und die Geräte verfügbar machen muss. Alles andere komme dann von selbst. Dieselbe Denkweise wurde in der Vergangenheit meistens auch bei DV-Investitionen in Schulen angewandt. Daraus folgt nicht, dass sie richtig ist. Meist scheiterten die Projekte an Problemen mit unabgestimmter oder unbrauchbarer Software. Dass außerdem eine gewisse Schulung und Wartungskompetenz erforderlich ist, wird leicht übersehen.

Bayrischer Anstoß

Die bayrische Staatsregierung ist besonders aktiv darin, die Industrie und Wirtschaft des Landes nach vorne zu bringen. Hier die Selbstdarstellung der Bayrischen Digitalisierungs-Initiative:

Das Zentrum Digitalisierung.Bayern (ZD.B) ist eine deutschlandweit einzigartige Forschungs-, Kooperations- und Gründungsplattform, die als Impulsgeber in Zusammenarbeit mit Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und öffentlichen Maßnahmen wirkt.

Mein Kollege Manfred Broy und seine Mitarbeiter wollen von München aus die Fackel durch den gesamten Freistaat Bayern tragen. Es geht hier vorwiegend um das Wecken von Bewusstsein, das Knüpfen von Kontakten und die Schulung von Bannerträgen, so genannten Evangelisten. Die wissenschaftliche Arbeit ist nach Themenplattformen gegliedert.


Der Umfang der Initiative drückt sich in folgenden Zahlen aus: 20 neue Professuren zur Digitalisierung bayernweit (davon 15 besetzt), 10 Nachwuchsgruppen, ein Graduiertenkolleg, studentische Innovationslabore und Verstärkung der Entrepreneurship-Ausbildung.  Bayern gibt für das Thema Digitalisierung in der ersten Phase 2,5 Milliarden aus und nach Kabinettsbeschluss dieses Jahres in einer zweiten Phase ab 2018 bis 2022 noch einmal 3 Milliarden. Es ist zu hoffen, dass das Vorhaben Bayern einen Schub verleiht und über Bayern hinaus zu ähnlichen Bemühungen Anstoß gibt.

Potsdamer Offensive

Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam ist bahnbrechend tätig auf dem Gebiet des internet-basierten Lernens. Seine Massen-Online-Kurse (engl. Massive Open Online Course, Abk. MOOC) haben riesige Teilnehmerzahlen. Das Angebot ist verfügbar über eine Pattform, die OpenHPI genannt wird. Der Kollege Christoph Meinel engagiert sich im Geiste Wilhelm von Humboldts und plädiert dafür, vermehrt digitale Techniken dafür einzusetzen, um die berufliche Qualifikation und die Allgemeinbildung auf allen Ebenen der Ausbildung zu verbessern.

Darmstädter Perspektive

Mein Blog-Partner Hartmut Wedekind schrieb diese Woche:

Ist denn das so schwer, über Digitalisierung jenseits  eines  („politischen“) Breitbandausbaus zu reden? Vor langer Zeit hat eine berühmter Betriebswirt  (ich greife also in die Kiste der „Nicht-Fachidioten“) mal gesagt: Produktion, das Hervorbringen von Gütern, ist eine Kombination von Produktionsfaktoren. Ich brauche die Produktionsfaktoren nicht einzeln aufzuzählen. Wir gehen in eine Firma uns schauen sie uns an. Was sehen wir: Wir sehen Arbeitsprozesse, die einen Anfang und eine Ende haben. Jetzt versuchen wir, die Prozesse zu begreifen und mit hoch entwickelten Systemen (z.B. BPMN) aufzuschreiben. Wir gucken uns jeden einzelnen Teilprozess genau an, um die Frage zu beantworten, ob eine Automatisierung, bzw. eine Digitalisierung evtl. auch im Globalen möglich ist, und  dann wie?  Wenn ja, müssen wir explizit angeben, wie das technisch auch möglich ist und was das kostet, bzw. einspart. Schrittweise, zirkelfrei und alles explizit! Die Vernetzungskenntnisse einer Industrie 4.0 stehen uns zur Verfügung. Das war’s  dann, wenn wir damit fertig sind, und: Unsere Aufgabe ist beendet und wir können nach Hause gehen und meinetwegen Biertrinken. Den Fernseher aber, den schalten wir nicht mehr an. Da wird ja nur über Digitalisierung dilettantisch gefaselt, an dem wichtigen Begriff  „Arbeitsprozess“ (workflow)  mit all seinen Tücken vorbei. Das liebt man nicht. Das ist ja etwas für Fachidioten ohne eine globale  „Feldherren-Sicht, die ja sooo wichtig ist“.  Es laufen lauter Digitalisierungs-Feldherren  herum. Die sind aber, genau genommen, entbehrlich! Die wissen das bloß nicht. Das ist auch ein Problem. Wer bringt denen das bei?

Darauf entgegnete ich:

Sie machen meines Erachtens einen Fehler, den deutsche Techniker gerne machen. Wegen des von Henning Kagermann und Wolfgang Wahlster lancierten Begriffs ‚Industrie 4.0‘ setzen Sie Wirtschaft = Produktion. Das stimmte im England des 18. Jahrhundert. Heute ist aber der Dienstleistungssektor  der Wirtschaft mindestens so groß wie der Produktionssektor. Heute wird Deutschlands Industrie abgehängt von Firmen wie Amazon, Google, Facebook, Airbnb, Uber usw. Das sind alles Dienstleister.  Auch wir haben gute Dienstleister. Sie heißen Aldi, Lidl, Axel Springer und neuerdings Flixbus. Die Markennamen, die heute für Springer Geld verdienen, sind Stepstone, KaufDA und Idealo. Entscheidend ist die Kundenbeziehung und die Logistik. Ohne Digitalisierung und Netz ist da nichts. Bei Daimler und BMW tut sich irgendwann auch etwas. Das sind dann aber andere Autos als die, die man bisher baute. Im letzten SPIEGEL (Heft 47/2017) wird Flixbus beschrieben. Die Firma besitzt nur einen einzigen Bus, vermittelt aber über 1000 Fahrten pro Tag, quer durch ganz Europa. Meine Enkel fahren nur noch damit. Die Fahrpläne und Preise der Bundesbahn sind im Vergleich dazu total antiquiert. Der Steuerzahler darf die Bundesbahn demnächst subventionieren.

Pfälzer und Schweizer Sorgen

Katharina Zweig, eine junge Kollegin aus Kaiserslautern, hat eine Bürger-Initiative (engl. Non-government organization, Abk. NGO) namens AlgorithmWatch gegründet. Sie will Algorithmen überwachen, um zu sehen, was gut funktioniert und was nicht. Sie sieht dies als staatliche Aufgabe an, die derzeit nicht wahrgenommen wird. Mir scheint, dass man sich da eine unbegrenzte Aufgabe gestellt hat. Alle Informatiker Deutschlands zusammen genommen, wären überfordert.

Der Schweizer Physiker und Philosoph Eduard Käser zitiert heute in der NZZ die amerikanische Mathematikerin Cathy O’Neil wie folgt: 

Ein immaterielles Wettrüsten der Algorithmen findet statt, das für den Normalbürger unsichtbar bleibt, ihn aber aufgrund von schlampiger Statistik, voreingenommenen Modellen und einem fast gemeingefährlichen Vertrauen in computergenerierte Entscheidungen als Kollateralopfer zurücklässt.

Er fährt fort:

Aber die künstliche Intelligenz der Algorithmen «greift» uns nicht «an». Vielmehr macht sich in ihr ein Teil der menschlichen Intelligenz – nämlich der automatisierbare – breiter und breiter. Einseitige Denkdiät. Max Weber sprach von der Entzauberung der Welt durch wissenschaftliche und technische Rationalität. Das Gegenteil ist heute der Fall. Ein Riesenzauber kehrt zurück, in der Gestalt von Gadgets, die wir verehren, statt zu verstehen.

Die übertriebene Gläubigkeit an die Macht der künstlichen Intelligenz (KI) beunruhigt auch Informatiker. Ein prominentes Beispiel ist David Parnas mit seinem Beitrag in den Communications der ACM (10/2017). Fünfzig Jahre nach der Garmischer Konferenz scheinen die ingenieurmäßigen Methoden der Software-Entwicklung einen schweren Stand zu haben. Wer Digitalisierung in derselben Kategorie wie KI sieht, vergleicht Autofahren mit Ballonfahren.

 Philosophische Utopien

Richard David Precht ist ein in der deutschen Öffentlichkeit sehr bekannter Publizist und Philosoph. Er hatte mehrere Bucherfolge und ist in allen Medien präsent. Ein Interview mit ihm zum Thema ‘Digitale Revolution in der Gesellschaft‘ habe ich mir mehrmals angehört. Nach seiner Meinung führt die Digitalisierung schnurstracks zur Massenarbeitslosigkeit. Rund 50% der heutigen Jobs würden verloren gehen. Als Lösung plädiert er für ein bedingungsloses Grundeinkommen für Alle. Auf die Frage, wer dann die nötigen Steuergelder generiert, hatte er eine überraschende Antwort. Es dürften keine Steuern mehr vom Einkommen erhoben werden, sondern nur noch indirekte Steuern. Als Beispiel nannte er die Finanzsteuer, aufgrund der bei jedem Geldgeschäft 2% einzubehalten sei. Wer also 100 Euro von seinem Konto abhebt, bekommt nur 98 Euro. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Banken und ihre Kunden dies ohne einen Volksaufstand akzeptieren werden.

Mein Verständnis

Nach meinem Eindruck wird der Effekt der Digitalisierung teilweise unterbewertet, teilweise (dramatisch) überbewertet. In den 30 Jahren, in denen ich mich aktiv mit dem Thema befasste, war der Fortschritt beeindruckend. Die folgende Tabelle soll dies veranschaulichen.
            
            
Fortschreiten der Digitalisierung

Die Tabelle listet Erzeugnisse und Dienstleistungen, mit denen ich täglich persönlich arbeite oder die ich in Anspruch nehme. Vor 50 Jahren standen überall ‚As‘. Alle Erzeugnisse und Dienste waren analog, also meist auf Papier. Inzwischen gibt es bei mir keine papiernen Zeitungen, Zeitschriften, Fotos und neugekaufte Bücher mehr. Musik und Filme auf Vinylscheiben oder magnetischen bzw. photochemischen Trägern sind auch verschwunden.

Die Spalte Verwaltung enthält Planung, Konzeption, Disposition und Abrechnung. Sie taucht fast überall auf. Selbst bei den als analog bezeichneten Diensten ist bei deren Verwaltung die Digitalisierung sehr weit fortgeschritten. Die Darstellung soll vermitteln, dass Digitalisierung kaum als ein Thema der Zukunft angesehen werden kann. Sie ist seit 30 Jahren auf dem Vormarsch. Nachzügler wird es immer geben.

Warum tun sich viele Menschen mit der Digitalisierung so schwer?

Wie die Tabelle zeigt, sind ganz erhebliche Teile unseres Lebens betroffen. Es bleiben aber auch viele Bereiche unverändert. Betroffen sind am stärksten diejenigen Menschen und Tätigkeiten, die mit der Informations- und Wissensverarbeitung zu tun haben. Zu sagen, dass alle diese Tätigkeiten entfallen, wäre eine Irreführung. Sie ändern sich lediglich. Nicht die Verarbeitung von Information und Wissen entfällt, sondern die Herstellung, das Bedrucken, der Verkauf und der Transport von Papier (oder Vinyl). Der Anteil dieser Tätigkeiten an der heutigen Wirtschaft ist vergleichbar dem Anteil von Hufschmieden in der Pferde nutzenden Landwirtschaft voriger Jahrhunderte.

Es ist völlig verantwortungslos, aus der Digitalisierung eine Gefahr für die Intellektualität und Würde des Menschen abzuleiten. Das Gegenteil ist der Fall. Ich lese heute ein Vielfaches der Bücher, die ich früher las. Erstens werden mir viel mehr Bücher angeboten, also bekannt gemacht, als früher. Ich brauche nicht mehr zu warten oder irgendwo hinzufahren, um sie abzuholen. Schließlich kann ich die Schrift meiner Sehstärke und der Zimmerbeleuchtung gemäß anpassen. Dass der Mensch die Fähigkeiten verliert, die er nicht mehr benötigt, hat schon Sokrates (469 – 399 vor Chr.) mit Sorge erfüllt. Seit es handschriftliche Aufzeichnungen der Werke des Homer gibt, sank die Zahl derer, die sie auswendig kannten und sie von Ort zu Ort erzählten. Dafür aber gab es Leute, die 2000 Jahre später und in 2000 km Entfernung von Athen die Ilias und Odyssee lasen, allerdings nicht in handschriftlicher Form, sondern in lateinischen Druckbuchstaben und deutscher Sprache. Sokrates mag dies für unmöglich und undenkbar gehalten haben.