Donnerstag, 17. Mai 2018

Krieg der Welten − 120 Jahre nach H. G. Wells

Das 1898 erschienene Buch Der Krieg der Welten von Herbert George Wells (1866-1946) gilt als ein Klassiker der Zukunftsromane. Eine Neuübersetzung erschien im Jahre 2017. Ich las sie dieser Tage mit großem Vergnügen. Der Plot ist schnell erzählt. Er regt allerdings zum Nachdenken an. Bekanntlich wurde das Buch 1938 von Orson Welles als Hörspiel in Form einer fiktiven Reportage des Radiosenders CBS ausgestrahlt, was zu heftigen Reaktionen in der Bevölkerung führte. Später gab es mehrere Verfilmungen.

Zeitraum und Umgebung der Geschehnisse

Die Handlung umfasst knapp zwei Wochen. Sie spielt im Westen und Süden von London. Die Hauptorte sind Woking, Byfleet, Weybridge und Leatherhead, aber auch Kensington und Wimbledon. Da die Verbreitung von Nachrichten auf Fernschreiben, Zeitungen und Zugreisende beschränkt war, wurde das Ereignis zunächst nur lokal beachtet. Je weiter weg, umso ungläubiger reagierten die Leute. Sie führten zunächst ihr gewohntes Leben fort. Am Schluss preist der Autor London als die ‚großartige Mutter aller Städte‘ und freut sich, dass sie überlebte.

Physikalische Grundlagen und Auslöser

Auf dem Planeten Mars werden an zehn aufeinanderfolgenden Tagen je eine Explosion in einem seiner Krater beobachtet. Einige Tage später zischten seltsame Meteoriten am Himmel und schlugen auf der Erde ein. Sie bildeten einen großen Einschlagtrichter, in dem ein großes zylinder-förmiges Geschoss mit Brandspuren zu erkennen war. Als es sich abgekühlt hat, entstiegen aus jedem Geschoss mehrere bärengroße unförmige Gestalten. Sie hatten weder Kinn noch Hals. Auffallend an ihnen waren große Augen, ein unförmiger Mund und eine Vielzahl von Tentakeln. Mit diesen konnten sie geschickter umgehen als wir mit unsern Fingern.

Es fehlte der bei irdischen Lebewesen abwärts der Schultern anzutreffende Körperteil vollkommen. Anstatt pflanzliche oder tierische Produkte zu zerkleinern und zu verdauen, ernährten sie sich nämlich von Blut [heute würde man Infusionen oder elektrische Ladungen sagen]. Mit andern Worten: Sie konnten auf Magen und Darm verzichten [also auf Chemie und Physik], dafür waren Gehirn und Hände weiter entwickelt als beim Menschen. Sie kommunizierten untereinander, auch ohne sich zu sehen [also per Telepathie oder Mikrowellen].


Marsianer in der Stadt

Im Vergleich zur Erde gilt der Mars als älter und früher erkaltet. Er hat weniger Masse und daher weniger Atmosphäre und Nahrungsquellen als die Erde. Seine Bewohner, im Buch Marsianer genannt, wissen dies und sehen die Erde als mögliche Kolonie an, auf der sie länger existieren könnten als auf dem Mars. Allerdings wiegen sie auf der Erde das Dreifache als auf ihrem Heimatplaneten, ihre Muskelkraft ist aber die gleiche. Sie können sich also nur mit Hilfsmitteln bewegen. Jeder der gelandeten Marsianer baute sich daher eine auf 10 Meter langen Spinnenbeinen ruhende Kampfmaschine. Räder gab es auf dem Mars keine [gab es auf der Erde auch nicht überall].

Waffen und taktische Vorgehensweise

Jeder Marsianer verfügte über einen handgroßen Parabolspiegel, mit dessen Hilfe er unsichtbare Blitze aussenden konnten [Laserstrahlen würden wir heute sagen]. Damit brachten sie Blei und Glas zum Schmelzen, verdampften Wasser und töteten Menschen und andere Lebewesen. Ferner verteilten sie tödliche Rauchschwaden [eine Art von Giftgas]. Mit ihrer Hilfe konnten sie einzelne Menschen oder Gruppen einschließen oder Flächen unbewohnbar machen.

Reaktion der Behörden und der Bevölkerung

Die englische Regierung schickte zuerst Husaren [also Kavallerie] vor Ort, danach Artillerie. Dieser gelang es einen der Marsianer beim Überqueren der Themse zu treffen. Er wurde von seinen Kollegen abtransportiert und die ganze Artillerie-Einheit mittels Giftgas ausradiert.

Als nach 10 Tagen alle Zylinder [sprich Raketen] im Umkreis von London gelandet waren und immer größere Landstriche in Beschlag genommen waren, breitete sich Panik aus. Die Bevölkerung der Stadt floh mit Kutschen, Pferdewagen oder Eisenbahnen in Richtung Norden. Andere, die es sich leisten konnten, flohen auf Schiffen in Richtung Holland und Frankreich. Es kam zu abscheulichen Szenen zwischen den Fliehenden.


Marsianer an der See

Die Angst und Verwirrung erreichten einen Höhepunkt, als die Marsianer damit begannen Fluggeräte zu bauen. Wohin soll man da noch fliehen?

Individuelle Reaktionen und Rettung

An zwei Romanfiguren veranschaulicht der Autor zwei extreme Reaktionsweisen von Menschen. Das eine ist ein Vikar, mit dem zusammen der Erzähler in einem eingestürzten Gebäude mehrere Tage lang gefangen war. Er sah die Ereignisse als Strafe Gottes an und isst und trinkt sich zu Tode. Eine andere Haltung vertritt ein Artillerist, der überlebt hatte. Der meinte, die Menschen sollen sich geschlagen geben und sich der fremden Macht unterwerfen. Sie könnten dann die Techniken der Marsianer lernen und selbst Kampfmaschinen bauen. Wenn sich genug Mutige fänden, könnte man die Marsianer irgendwann bezwingen.

Das Buch hat ein Happyend, und zwar ein ganz überraschendes. Wo immer die Marsianer waren, breitet sich anschließend eine Art von Efeu aus mit roten Blättern. Nach wenigen Tagen wird das rote Unkraut von Bakterien befallen und verdorrt. Unsere Erde ist nämlich voll von Mikroorganismen, die es auf dem Mars nicht gibt. Auch die gelandeten Marsianer werden von Bakterien befallen, gegen die sie keine Abwehrkräfte haben. In der zweiten Woche nach ihrer Landung sind alle getötet.

Nachgedanken und heutige Lehren

Wells kämpfte gegen Zeitgenossen an, die außerirdisches Leben für undenkbar hielten. Diese Meinung wird auch heute noch vielfach vertreten. Sollte es fremdes Leben doch geben, wie würden wir heute auf eine Begegnung reagieren? Es ist mein Eindruck, dass wir Menschen im Nachdenken nicht viel weiter gekommen sind als einst H. G. Wells. Wir haben alle Mond- und Marsbrocken, die zur Erde gelangten, einer Quarantäne unterzogen. Unsere Weltraumboten, etwa die beiden Voyager-Sonden, sind so gut immunisiert, wie wir dies können. Die Frage ist, ob dies reicht.

Freitag, 11. Mai 2018

Erkläre uns bitte die Welt, Opa! (von Peter Hiemann)

Auf meinen Freund und Ex-Kollegen Peter Hiemann ist immer Verlass. Nach Beiträgen im Juli 2016 und Dezember 2016 hatte er sein letztes Essay zum Jahreswechsel 2017/2018 zur Verfügung gestellt. Überschrieben war es mit ‚Einsicht ins Ich‘ und umfasste 99 Seiten. Sein neuestes Essay ist kürzer. Es umfasst nur zehn Seiten. Es ist überschrieben mit ‚Eine Interpretation der Welt des 21. Jahrhunderts‘.

Auch dieses Mal richtet er sich wohl unbewusst auch an seine Enkel. Bei vielen meiner Beiträge ist es jedenfalls so. Hiemann will aber nicht nur den nachfolgenden Generationen helfen, die Welt besser zu verstehen. Wir alle können davon profitieren zu erfahren, warum das aktuelle Geschehen so verwirrend erscheint und warum es so wichtig ist, zu berücksichtigen, wer was sagt. Damit schließt er sich natürlich selbst mit ein. Jeder ist geprägt von seiner Erfahrung, seiner Sozialisation. Er warnt vor Leuten, die glauben, eine ‚heile‘ Welt zu bauen oder sie nur herbeiwünschen. Augen auf für China und BlackRock!

Klicken Sie bitte  hier. Ich wünsche viel Spaß und Nachdenken beim Lesen.

Mittwoch, 9. Mai 2018

Karl Marx und die Digitalisierung

Am 5. Mai 1818, also vor 200 Jahren, wurde Karl Marx geboren. Alle Zeitungen sind derzeit voll von ihm. Mario Adorf durfte ihn im Fernsehen spielen. Als sein Trierer Landsmann habe ich meine eigene Sicht auf ihn. Sie mag etwas aus der Reihe fallen. Viele der aktuellen Veröffentlichungen fragen sich, was ein Denker von der Qualität eines Karl Marx wohl zum heutigen Hauptthema zu sagen gehabt hätte. Vielleicht hätte er uns erklärt, wie wir mit der Digitalisierung umgehen sollten. Die Not scheint wirklich groß zu sein. Möge uns doch der Himmel endlich einen Erleuchteten herabregnen. So lautet mein Stoßgebet.  

Biografisches     

Karl Marx wurde anfangs der Preußenzeit in Trier in eine von jüdischen Rabbinern abstammende Familie geboren, die zum Christentum konvertierte. Er absolvierte ein Studium von Jura und Philosophie in Bonn. Er wurde in Jena in Abwesenheit mit einer Arbeit über alt-griechische Philosophie promoviert. Er exponierte sich als Redakteur einer liberalen Zeitung in Köln, musste sich aber 1843 vor der preußischen Obrigkeit in Sicherheit bringen. Er ging mit der Familie (inkl. deutscher Dienstmagd) nach Paris und anschließend nach Brüssel. Der Wuppertaler Fabrikantensohn Friedrich Engels, den er aus seiner Studienzeit kannte, besuchte ihn dort mehrmals und inspirierte ihn zum Schreiben. Im Revolutionsjahr 1848 erschien in Brüssel das ‚Kommunistische Manifest‘, eine von ihm und Engels gemeinsam verfasste Streitschrift. 

Er kam kurz zurück nach Köln, floh jedoch wieder nach Paris, und endete schließlich in London. Er überlebte mühsam in Soho und sah das dortige Elend. Sein Freund Engels unterstützte ihn finanziell. In seiner Londoner Zeit erschien 1867 sein Hauptwerk. Es heißt Das Kapital, umfasst über 800 Seiten und sollte der erste Band eines mehrbändigen Werks werden. Vier seiner Kinder starben früh. Marx starb mit 64 Jahren relativ vereinsamt und liegt neben seiner Frau in London begraben. Drei Töchter überlebten ihn.    

Ausgelöste Bewegungen  

Während Marx und Engels den internationalen Charakter der kommunistischen Bewegung hervorhoben, gab es sehr bald in England, Frankreich und Deutschland kommunistische Parteien. Marx wollte jedoch mit ihnen nichts zu tun haben. Die folgten nämlich nicht seiner Theorie. Noch schlimmer waren die Sozialisten, die glaubten ganz ohne Revolution auszukommen. Später haben Lenin und Mao sich auf seine Lehre berufen, gingen aber völlig andere Wege. Die Lehre von Marx hat seine Adepten darin bestärkt, mit Gewalt eine Veränderung der Gesellschaft herbeizuführen. Er hat seine Leser in die Irre geführt, indem er vorhersagte, dass der Kapitalismus sich selbst zerstören würde.  

Wie wir wissen, kam es ganz anders. Der Kapitalismus passte sich an und bewies, dass er als Wirtschaftssystem dem Kommunismus haushoch überlegen ist. Seine dezentrale Planung kann Fehler vermeiden, an denen jede zentrale Planung hängen bleibt. Vor allem gibt der Kapitalismus vielen Menschen ein Gefühl von Freiheit. Sie dürfen selber planen und Dinge tun, die sie interessieren. Manchmal lässt sich sogar davon leben. Es ist eine bewusste Täuschung zu behaupten, dass mindestens die Hälfte der Menschheit nur dadurch überleben kann, dass sie ihre Muskelkraft anderen Menschen zur Verfügung stellt. Auf diesen gravierenden Beobachtungsfehler fallen auch heute noch viele Ökonomen und Gewerkschaftler herein.  

Meine Sicht des Wirtschaftens  

Kein Mensch ist verpflichtet, andere Menschen zu beschäftigen. Auch nicht die bösen Kapitalisten, selbst wenn sie in Geld schwimmen. Wer sein Vermögen schützt oder vermehrt, ohne andere Menschen auszunutzen oder zu übervorteilen, darf dies tun. Niemand sollte gezwungen sein, Almosen zu verteilen. Es ist aber gut, wenn Vermögende es tun. Vor allem aber müssen sie sich an den Aufgaben der Gemeinschaft (Katastrophenschutz, Verbrechensbekämpfung, Landesverteidigung und dgl.) beteiligen. Einzelne können reicher werden, ohne dass dafür andere etwas abgeben müssen. Der zur Verteilung anstehende wirtschaftliche Kuchen kann insgesamt anwachsen. Das scheint für viele Leute, z. B. für Sozialdemokraten und Gewerkschaften, undenkbar zu sein.

Kein Mensch muss arbeiten, erst recht nicht für andere Menschen. Niemand muss seine Arbeitskraft jemandem opfern, um zu überleben. Jeder Mensch muss sich jedoch ernähren. Das tun Jäger, Fischer und Sammler (oder Tahitianer), indem sie sich in der Natur bedienen. Bauern tun es, indem sie ein Feld oder einen Garten bearbeiten. Niemand sollte daran gehindert werden, sich selbst zu versorgen. Wieweit Fensterbänke oder Dachgärten hierfür ausreichen, sollte alsbald geklärt werden. Man darf auch betteln gehen (wie die buddhistischen Mönche), oder eine (Gratis-) Tafel besuchen. Wer stattdessen ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert (wie der zurzeit sehr bekannte Philosoph Richard David Precht), soll auch sagen, wer die dafür erforderlichen Summen aufbringen müsste. Das wird meist unterschlagen. Vielleicht denkt man an die Schöpfung von Kaufkraft per Bitcoins.

Nochmals Digitalisierung, diesmal aus Marxscher Sicht

Das Gespenst der Digitalisierung geht um. So modifizierte mein Kollege Hartmut Wedekind den ersten Satz des Kommunistischen Manifest in seinem Blog-Beitrag mit dem Titel Marx heute. Er schließt nicht aus, dass demnächst die Betroffenen unsere Digitalsysteme stürmen und demolieren werden. Wer wie die Marxisten glaubt, dass die Wirtschaft vorwiegend wegen der abhängig-beschäftigten Lohnarbeiter existiert, muss sich Sorgen machen über das Wegfallen toller von Unternehmern bisher nicht selbst wahrgenommener Aufgaben. Das beginnt mit dem Baumfällen, setzt sich fort in chemischen Fabriken, die Faservlies produzieren, dem Transport großer Rollen zu Druckereien, dem Bedrucken von Papier mit variablen Metallstücken (Typen genannt), der Belieferung von Buchläden per Lastwagen, usw. Dank des technischen Fortschritts, hier Digitalisierung genannt, können dutzendweise Arbeiten entfallen, die ein Unternehmer ohne Lohnarbeiten vergeben zu müssen, einfach ignorieren kann. Dies erweist sich für die Jünger von Karl Marx als unverkraftbar und darf daher nicht vorkommen.

Bekanntlich haben die ehemaligen Heizer auf Dampfloks es in einigen Ländern geschafft, auch auf E-Loks mitfahren zu dürfen. Da auch jetzt nach der gleichen Logik verfahren werden könnte, muss man den starken Arm zeigen. Büchermacher aller Länder vereinigt euch. So würde ich den Schluss des Kommunistischen Manifests verändern, wollte ich mich in die Marxsche Denkweise versetzen. Gemeint sind hier natürlich Setzer, Binder und Händler, nicht die Autoren. Nicht der kreative Originator zählt, sondern die Handlanger und die Abstauber. Ich habe Büchermacher gesagt, weil das Wort Buchmacher nicht ganz passt. Buchmacher leben nämlich davon, dass sie anderen Leuten Wetten verkaufen. Das ist Kapitalismus der schlimmsten Art.

Digitalisierung in Zahlen  

Die Digitalisierung begann vor etwa 50 Jahren und steigert sich gerade in die Phase einer Massenanwendung. Ihr Potential wird von immer mehr Menschen erkannt. Auch einige Warner sind plötzlich aufgewacht. 
                 
                
              Ausgewählte Zahlen   
 
Wie jeder Fachmann weiß, ist der technische Fortschritt bestimmend für unser Fachgebiet, die Informatik. Fortschritt lässt sich meist gut in Zahlen darstellen. In unserem Fach kommt man nicht umhin Werte zu verwenden, die sich über mehrere Größenordnungen verändern. So habe ich selbst erlebt, dass die Speicherkapazität von der Lochkarte bis hin zur SD-Karte (mit 2 Terabyte) um den Faktor von 25 Milliarden gewachsen ist. Diese Vervielfachung hat die meisten Menschen erst in den letzten 30 Jahren erreicht. In der obigen Tabelle habe ich das Jahr 2038 abgeschätzt, indem ich zuerst einen Vergleich der Jahre 1998 und 2018 vornahm. Dazu benutzte ich öffentlich zugängliche Datenquellen. Zitiert sind marktübliche Endnutzerpreise. Für die Netzübertragung habe ich den neuesten in Schweden angebotenen Preis (30 Euro für 10 Gigabit/Sekunde/Monat) gewählt.    

Für die beiden letzten Zeilen muss man wissen, dass die Bevölkerung Deutschlands mit 80 Millionen nahezu konstant blieb. Die Weltbevölkerung ist weiterhin steigend, und zwar mit den folgenden Werten: 1998: 5 Mrd., 2018: 7 Mrd., 2038: 11 Mrd. Außerdem ist angenommen, dass die Medienkapazität von 2 Terabyte, über die jeder Internet-Nutzer heute verfügt, sich im Laufe der nächsten 20 Jahre verzehnfachen wird.    

Neue Schreckensmeldungen    

Der SPIEGEL hat in Heft 19/2018 mal wieder einige Leute zu Wort kommen lassen, die die Digitalisierung in Grund und Boden verteufeln. Sie potenziere die Ausbeutung und Ungleichheit der Menschen, sie führe zum Anhäufen von Vermögen, sie mache es leichter den Einzelnen durch Roboter und Algorithmen zu ersetzen, sie mache ihn manipulierbar und ausnutzbar. Ich erspare es mir, die Leute namentlich zu benennen, die dies von sich gaben. Sie haben es nicht verdient.  

Der Haus-Philosoph des SPIEGEL hat sogar einen Hoffnungsschimmer entdeckt. Vielleicht sei es gar nicht so schlimm, wenn Robbies die körperliche Arbeit übernehmen, die im alten Griechenland ohnehin Frauen und Sklaven machten. Das erlaubte es Männern damals sich in Cafés zu treffen und Philosophie zu betreiben. Die Schlussfolgerung der SPIEGEL-Redaktion lautet: Wir brauchen neue Geschichten, um den bevorstehenden Wandel zu erklären und vorzubereiten. Ich möchte hinzufügen, dass dies bessere Geschichten sein müssen, als die Karl Marx erzählte oder die seine Adepten bis heute nachbeten.

Samstag, 5. Mai 2018

Liberale und konservative Politik frei nach Carsten Linnemann

Carsten Linnemann (* 1977) ist ein Politiker der jüngeren Generation und promovierter Volkswirt. Er ist Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung (MIT) der CDU/CSU und Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Bei den Bundestagswahlen 2009, 2013 und 2017 gewann er das Direktmandat im Wahlkreis Paderborn mit einem Spitzenergebnis. In einem Buch mit dem Titel Die machen eh, was sie wollen (2017, 168 S.) gibt er Antworten zu den Fragen, die ihm häufig von Wählern gestellt wurden. Da sie sich wohltuend von dem abheben, was sozialistische oder nationalistische Zeitgenossen bekunden, soll hier eine Auswahl wiedergegeben werden.

Gesellschafts-und Wirtschaftsordnung

Die durch unser Grundgesetz festgelegte Gesellschaftsordnung ist die repräsentative Demokratie. Dass diese Form gewählt wurde hängt mit der Geschichte unseres Landes zusammen und mit seiner Größe. Kleinere Länder, wie etwa die Schweiz, haben mehr Elemente einer direkten Demokratie als wir. Auf kommunaler und regionaler Ebene ist dies auch bei uns möglich und erstrebenswert.

Unsere Wirtschaftsordnung basiert auf dem Ordo-Liberalismus. Dieser wurde in den 1930er Jahren von Walter Eucken gelehrt und ist auch als Freiburger Schule bekannt. Von Ludwig Erhardt wurde er in die deutsche Politik eingeführt und als soziale Marktwirtschaft bezeichnet und beworben. Seine konstituierenden Prinzipien sind offene Märkte mit frei ausgehandelten Preisen, Privateigentum, Vertragsfreiheit, persönliche und unternehmerische Haftung sowie ein stabiler und verlässlicher staatlicher Rahmen.

Der Staat darf sich zwar wirtschaftlich engagieren, soll sich aber zurückhalten. Wieweit er korrigierend eingreifen muss, ist umstritten. Oft wird der Ordo-Liberalismus als Neo-Liberalismus verhöhnt. Das beruht meist auf einer Verwechslung mit dem Monetarismus, auch als Chicago-Schule bekannt.

Europäische Union und Euro

Die nationale Politik tut gut daran, die EU als Realität und Chance zu akzeptieren. Es gibt viele Dinge, die sie besser kann als ein Nationalstaat. Ein Beispiel ist die Auseinandersetzung mit international aktiven Monopolisten wie Google und Facebook. Die EU und der Euro haben auch Schwächen, die ausgebügelt werden müssen. Die einzelnen Länder treiben zurzeit eher auseinander als dass sie zusammenwachsen. So gibt es Dissensen mit Ungarn und Polen wegen ihrer Flüchtlingspolitik und wegen Verfassungsfragen. Die Europäische Zentralbank (EZB) versucht den Südländern Krediterleichterungen zu verschaffen, die zu Lasten der Nordländer gehen. Es fehlt auch eine Insolvenzordnung für Euroländer. Der Weg vorwärts mag zwar schwierig erscheinen, ein Zurück ist jedoch wenig sinnvoll. Der Brexit möge eine Ausnahme bleiben. Eine Warnung ist er auf jeden Fall.

Migranten und Flüchtlinge

Im Jahre 2015 hat eine Flüchtlingswelle von Afrika und Asien ganz Europa erschüttert. Nach geltendem Recht hatten 60-70% der Zugereisten keinen Anspruch auf einen Bleibestatus. Es waren dies Migranten, die ein besseres Leben suchten, aber keine Flüchtlinge, die einer Bedrohung entkommen waren und daher Schutz benötigten. Diese Gruppe von Menschen schafft uns das Problem, dass wir nur einen Teil zur freiwilligen Rückreise bewegen können. Die illegal Eingewanderten abzuschieben, ist fast immer mit Schwierigkeiten verbunden.

Es war eine Illusion anzunehmen, dass durch Flüchtlinge oder Migranten sich der Mangel an Fachkräften entspannen könnte. Dafür werden ganz andere Personengruppen benötigt. Um diese müssen wir gezielt werben.

Energiewende und Digitalisierung

Im Vergleich zu andern Ländern Europas ist bei uns die Energiewende besonders radikal. Mit dem Ausstieg aus den fossilen Energiequellen verbinden wir den Ausstieg aus der Kernenergie. Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) haben wir nicht nur das Preissystem des Strommarkts zerstört, wir machten uns auch von volatilen Stromquellen abhängig, die keine sichere Versorgung auf lange Sicht darstellen. Nicht nur der Verkehr, auch die Weiterentwicklung unserer Industrie verlangen eine wettbewerbsfähige und stabile Stromversorgung. Auch hier hat eine europäische Lösung bessere Chancen als rein nationale Bemühungen.

Bei der Frage der Digitalisierung räumt Linnemann ein, dass wir in Deutschland diesem Thema wegen Euro, Flüchtlingen und Energiewende zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Heute hänge Deutschland zurück, was den Ausbau eines Gigabit-Glasfasernetzes betrifft. In vielen Gesprächen mit Mittelständlern spiele dieses Thema eine Rolle. Einem Juwelier, der fragte, ob er auch davon betroffen sei, sagte Linnemann, er solle sich beraten lassen. Was ich dem Juwelier (und jedem Mittelständler) sagen würde, ist Folgendes: Er muss dafür sorgen, dass sein Angebot einzigartig wird und dass es im Netz bekannt wird. Dort muss er sehr schnell und verlässlich liefern und ein einfaches Abrechnungssystem zur Verfügung stellen. Mit anderen Worten. Er muss die ‚Amazonisierung‘ des Marktes akzeptieren, falls er nicht untergehen will.

Renten und Sozialstaat

Politiker müssen heute die Altersgruppe der Rentner besonders ernst nehmen. Diese stellen derzeit 40% der Wähler dar, mit steigender Tendenz. Das heißt aber nicht, dass sie Rentner bevorzugen müssen, und zwar zu Lasten jüngerer Menschen. Rentner haben dafür Verständnis. Es muss ihnen aber erklärt werden.

Das generelle Vorziehen des Renteneintrittsalters von 65 auf 63 sieht Linnemann als Fehler an. Er kenne keinen einzigen Dachdecker, der mit 64 Jahren noch seinen Beruf ausübte, aber mehrere Senioren, die an Marathonläufen teilnahmen. Deshalb habe er für eine Flexibilisierung gekämpft und auch durchgesetzt. Die so genannte ‚Schweigende Mitte‘ ist es, die wenig politische Forderungen stelle. Wenn sie es doch tut, dann fordert sie eine Reduzierung der Sozialabgaben. Linnemann hält nichts von einer Alters- und Krankenversicherung aus einem Topf. Er fände es aber gut, wenn der Staat Rückstellungen bilden würde für Beamtenpensionen und diese nicht der nachfolgenden Generation von Steuerzahlern aufbürden würde. Mit Wolfgang Clement, einem früheren SPD-Politiker, ist er sich einig: ‚Alle rufen nach dem Staat, ... selbst die Gewerkschaften‘. Für Konservative und Liberale soll der Staat mehr Schiedsrichter als Mitspieler sein. Als Alleinunterhalter ist er unerwünscht.

Politische Teilnahme und Demokratie-Stil

Nicht nur Politiker hätten einen Reputationsverlust erlitten. Genauso betroffen seien  Manager, Journalisten und Gewerkschaftler. Das Phänomen existiere aber nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und den USA. Es artikuliere sich oft als Kampf gegen das Establishment. Dass Abgeordnete als ‚die da oben‘ bezeichnet werden, sei nichts Neues. Das habe ihm der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert gesagt, der über 30 Jahre im Parlament war.

Leider sind rund 40 % der Abgeordneten des deutschen Bundestages Juristen, Politologen und Soziologen. Es fehlten Selbständige und Ingenieure. Bezüglich der Frage, ob es Volksabstimmungen auf Bundesebene geben sollte, ist er derselben Meinung wie die Väter und Mütter des Grundgesetzes. Sie hatten Angst vor und schlechte Erfahrungen mit Demagogen und Manipulatoren.

Für politische Bildung mehr zu tun, ist zweifellos sinnvoll. Ob dazu gehört, dass Zeitungslesen als Schulfach eingeführt wird, wie dies Renate Köcher vorschlägt, ist sehr fraglich. Eine große Koalition (Groko) fördert das Gefühl der Alternativlosigkeit. Das hilft der AfD. Politiker könnten sich ruhig etwas zurücknehmen. Sie dürfen eingestehen, dass sie nicht alles wissen. Sie sollten daher Gesetze mit Verfallsdatum vorsehen. Sie sollten nichts schönreden, aber auch nicht schwarzmalen. Von Franz-Josef Strauß stamme der Satz: ‘Ein Politiker muss dem Volk aufs Maul schauen, aber er darf ihm nicht nach dem Mund reden‘.

PS. Wer sagt, die CDU sei nichts als ein Kanzlerwahlverein, der hört vermutlich nicht genug hin.

Freitag, 27. April 2018

Digitalisierung und KI als angebliche Bedrohung für Demokratie und Gesellschaft

In meinen bisherigen Ausführungen zum Thema Digitalisierung habe ich mich primär mit ihren technischen Aspekten befasst, so auch in einem vor Kurzem erschienenen Interview. Die Künstliche Intelligenz (KI) habe ich bisher nur sporadisch angesprochen. Bei vielen aktuellen Stellungnahmen stehen für beides ihre gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen im Vordergrund. Über die Dramatik mancher Darstellungen und Schlussfolgerungen kann ich nur staunen. Ein Beispiel hierfür ist das Buch Das Ende der Demokratie (2016, 512 S.) der Juristin Yvonne Hofstetter (*1966). Sie ist im Hauptberuf Geschäftsführerin der Beratungsfirma Teramark Technologies in Freising bei München. Der Untertitel des Buches lautet: ‚Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt.‘ Wen das nicht aufrüttelt, der muss taub oder dement sein. Alle Parteien im Bundestag müssten sich angesprochen fühlen, nicht nur die der Groko. Vielleicht erfasste es bereits den bayrischen Landtag. Das ist mir jedoch entgangen.

Digitalisierung und KI, zwei Technologien ganz besonderer Art

Für einen Laien birgt die Informatik offensichtlich zwei Bedrohungen, die sich gegenseitig komplementieren. Die eine bereitet der anderen den Weg. Durch die Digitalisierung werden die Schleusen geöffnet für eine Überschwemmung mit Daten. ‚Big Data‘ nennt man das Phänomen. Die KI liefert ungeahnte Werkzeuge, um diese Datenflut zu steuern und zu analysieren. Ihre Möglichkeiten gehen weit über das hinaus, was ein einzelner Mensch kann. Sie ermöglicht Einsichten, die ansonsten unmöglich wären. Sie gestattet es, Dinge festzustellen oder zu finden, die selbst einem versierten Fachmann entgehen würden. Hofstetter fühlt sich berufen und verpflichtet, auf die daraus erwachsenen Gefahren hinzuweisen und zu warnen. Bezüglich konkreter Empfehlungen zur Lösung der Probleme tut sie sich etwas schwer.

Digitalisierung als Fluch der Menschheit

Gleich an Anfang fragt Hofstetter: Was wird aus Gesellschaft und Mensch, wenn die KI immer mehr an Einfluss gewinnt? Selbst der klügste Mensch könnte heute die ihn umgebende Komplexität nicht mehr beherrschen, sei es in der Medizin, den Finanzmärkten, im Verkehr, dem Klima, etc.. Der selbstbestimmte Mensch der Aufklärung sei vergreist. An seine Stelle trete der ‚homo informaticus‘. Der gehorche Computern und Assistenzsystemen. Es herrsche ein digitaler Imperialismus, der alles überwacht. Sein Werkzeug sei das Internet. Es wurde eingeführt mit dem Versprechen von mehr Demokratie. Gebracht habe es mehr Überwachung.

Die Digitalisierung zerstöre alles, was war. Sie verändere die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Als Kulturleistung überwinde sie alles was Natur ist, genau wie alle andern Kulturleistungen der Menschheit vorher. Sie erlöse die Welt von ihren Leiden. Big Data helfe dabei. Mathematiker, Physiker, Ingenieure und Informationstheoretiker wüssten Bescheid [Informatiker kommen im Buch kaum vor]. Sie alle bezeichneten die Digitalisierung als Debakel.

Die Digitalisierung verändere die Vorstellung von Mensch, Gesellschaft und Staat. Die Überwachung sei systemisch. Wir Deutsche könnten das Überwachen besonders gut. Dabei erinnert Hofstetter an das Jahr 1848 und das Schicksal von Robert Blum. Er war Mitglied des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments und wurde in Wien standrechtlich erschossen. Auch ein Aufstand wie der 1989 in der DDR sei nicht mehr möglich, da inzwischen alle Leute per Handy überwacht würden. Wenn wir KI treiben, kopierten wir den Menschen. Der Mensch würde zum Ding. Das selbstfahrende Auto träfe Entscheidungen über Leben und Tod. Schon Norbert Wiener (1894-1964) habe in seiner Kybernetik Mensch und Maschine gleichgesetzt. Chiles Salvador Allende (1908-1973) wollte die Wirtschaft seines Landes 100% durch Maschinen steuern lassen. Heute bräuchten wir keinen Staat mehr. Er sei zur nutzlosen Hülle verkommen. Das Smartphone fülle die Leere aus, die durch den von Nietzsche verkündeten Tod Gottes entstand.

Komplexe Systeme, selbst in der Physik

Früher hätten Physiker nach Invarianzen und Symmetrien gesucht. Erst die Biologie entdeckte die Emergenz. Jetzt befassten sich alle Wissenschaften mit Komplexität, wie sie die Chaos-Theorie lehrt. Komplexe Systeme seien meist dynamisch und verschachtelt. Ihre Teilsysteme bewegten sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Die Digitalisierung träfe auf komplexe adaptive Systeme von Systemen. Wie beim Einschlag eines Meteoriten, so läuft nichts linear ab. Ohne Smartphones hätte sich die Migrationswelle des Jahres 2015 anders entwickelt. Eine Twitter-Nachricht der Nürnberger Migrationsbehörde (BAMF) vom 25. August 2015, dass Dublin für Syrer ausgesetzt sei, hätte sich wie ein Lauffeuer im Netz verbreitet. Zwei Tage später fand man 71 Erstickte in einem Kühllaster auf der Autobahn. Die Chaos-Theorie komme mit deutlich weniger heftigen Störungen aus, nämlich der berühmten Bewegung eines Schmetterlingsflügels.

Modellvorstellungen für Gesellschaft und Demokratie

Wie lässt sich die repräsentative Demokratie modellieren? Das diskutiert Hofstetter mit zwei nicht-fiktiven, namentlich genannten Mitarbeitern ihrer Firma. Sie liefern dazu eine Reihe von Gedanken und versuchen sich an der Implementierung von Modellen. Es verschafft damit dem Buch eine Art von Spannung, da das Ergebnis erst auf der allerletzten Seite verraten wird. Hofstetter bricht dort das unvollendete Projekt ab.

Immerhin, die gestellten Fragen lockern den Text auf. Wie beschreibt man die Grundprinzipien einer Demokratie? Was ist die Nutzenfunktion einer Demokratie? In welchem Zusammenhang stehen so unterschiedliche Ziele wie Glück, Zufriedenheit, Sicherheit, Bildung, Gesundheit und Einkommen? Wie kann eine KI [hier als Personifikation gedacht] sie erkennen? Wieviel Gruppen-Psychologie muss berücksichtigt werden? Schließlich: Wie erkennt man Muster in Daten? Korrelationen zu finden reicht sicher nicht. Sind Interaktionen mächtiger als Algorithmen? Ein weiteres schönes Forschungsthema!

Für die Modellbildung könnte ein Multi-Agenten-System (MAS) dienen. Es ist dies ein Thema, das einst die KI-Forschung umtrieb. Man hat bekanntlich die Finanzmärkte durch idealisierende Modelle zu erklären versucht, mit bescheidenem Erfolg. MAS-Modelle müssten besser sein, da man mit ihnen auch Crashs simulieren kann. Crashs seien intrinsisch für Finanzmärkte. MAS-Modelle seien übrigens vor 20 Jahren in der europäischen Forschung entstanden. Leider sei der europäische Vorsprung inzwischen ‚evaporiert‘.

Mögliche Zukünfte für Europa

Anstatt Prognosen abzugeben werden mehrere mögliche Szenarien durchgespielt, wie sich die europäischen Demokratien entwickeln könnten. Da das Buch etwa ein Jahr vor der letzten Präsidentenwahl Frankreichs entstand, lag es nahe sich zu überlegen, was passieren könnte, wenn Marine Le Pen die Wahl gewinnt. Es wird angenommen, dass sie Frankreich wie versprochen aus dem Euro und der EU führen würde. Euroland und EU würden aufhören zu existieren. Interessant ist dabei die Annahme, dass Le Pen eine bargeldlose Währung einführt (‚digifranc‘ genannt). Diese würde dem Euro gegenüber um etwa 20% abgewertet. Das würde zu Unruhen in Paris führen. Wie gut zu wissen, dass dieses Szenario uns erspart blieb. Viel schwerer tun sich die Modellierer damit, die Zinspolitik der EZB vorherzusagen und zu bewerten, oder gar den Brexit mit allen seinen Folgen durchzuspielen.

Besonderheiten der digitalen Wirtschaft

Die Besonderheiten, die eine digitalisierte Wirtschaft auszeichnen, sind hinlänglich bekannt. Hofstetter hebt einige von ihnen besonders hervor. So mache die Digitalisierung alles smart: Städte, Häuser, Kühlschränke, usw. Zusätzlich zu den globalen Strömen von Gütern, Menschen und Geld, kämen jetzt auch Informationsströme hinzu. Drei Länder nähmen hier Spitzenpositionen ein: USA, Singapur und die Niederlande. Software fresse die Welt auf – ein berühmtes Zitat von Marc Andreessen. Was wir verstehen, kann automatisiert werden. Immer öfter verdränge Kapital Arbeit. Die Kapitalbesitzer werden reicher, die Arbeiter ärmer. Der normale Mensch nimmt nicht mit seiner Arbeit, sondern mit seinen Daten an der Wirtschaft teil. Er erhält eine scheinbar kostenlose Teilhabe.

Hofstetter zitiert die bekannte Studie der Universität Oxford, dass 50% aller heute aktiven Berufe in Zukunft wegfallen werden. Um wie viele Stellen es sich dabei handelt, weiß sie auch nicht. Dass viele digitale Produkte nur verschenkt werden, beunruhigt sie zutiefst [Dass dieselben Unternehmen dennoch hohe Einnahmen verzeichnen, scheint ihr entgangen zu sein].

Lernende KI-Systeme

Sehr viel Akribie wird darauf verwandt zu erklären, wie eine KI lernt. Heutige neuronale Netze würden über Gedächtnis und Hierarchien verfügen. In den Tiefenschichten würden Neuronen nicht nur parallel, sondern hintereinander geschaltet. Sie würden auf jeder Ebene einzeln trainiert. Zusätzlich würden Markov-Ketten benutzt. Mehrfach wird Jürgen Schmidhuber (*1963) erwähnt, ein Münchner Informatiker, der in Lugano lehrt. Auch er arbeite an einem digitalen Weltmodell.

Künstlicher Politiker und gelenkte Gesellschaft

Ein weiteres Projekt ihrer Mitarbeiter besteht darin, einen künstlichen Politiker zu bauen (Ai genannt). Er soll darauf trainiert werden politische Unfälle zu verhindern. So soll er die Franzosen davon abbringen, Marine Le Pen zu wählen. Das soll geschehen, indem entsprechende Nachrichten erzeugt und im Netz verbreitet werden. Hofstetter gibt zu, dass wir nicht wissen, was die Digitalisierung alles bewirkt. Sie glaubt, dass die aus der Biologie bekannte Selbstregulierung komplexer Systeme zu unsicher ist. Wer die Demokratie retten will, muss daher eine algorithmische Kontrolle zulassen und vorsehen. Jedenfalls wäre eine Lenkung durch Algorithmen billiger als die klassische Demokratie. Auch hätte sie Vorteile bezüglich ihrer Bequemlichkeit.

Positives Recht gegenüber Code als Recht

Juristen bewegt die Frage, ob die Gesetzgebung grundsätzlich an das Medium Text gebunden ist, oder anders ausgedrückt, kann nicht Programmcode Recht etablieren? Ein gedruckter Text stellt nur eine Vorschrift dar, an die man sich halten kann oder auch nicht. Ein Code würde das Gesetz erzwingen. Das wäre besonders dann der Fall, wenn ein KI-System Teile der Gesellschaft steuert.

Neues Phänomen: Informationskapitalismus

Waren die bisherigen Ausführungen eher allgemeiner Art, wird die Autorin in einem Punkte relativ konkret. Sie prägt den Begriff des Informationskapitalismus und setzt ihn mit der Überwachung durch ein Konsortium privater Unternehmen gleich. Es handelt sich um Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft, abgekürzt GAFAM [die Firmen IBM, Oracle und SAP dürfen sich freuen, dass sie nicht dabei sind]. Die fünf genannten Firmen hätten sich eine Macht angeeignet, die eigentlich nur dem Staat zustünde. Sie würden die Bürger entmündigen. Da nur Google weiß, wie sein Suchalgorithmus funktioniert, würde diese Firma entscheiden, was Relevanz für uns hat und was Wahrheit sei. Ein Nachprüfen sei unmöglich.

Der Zugriff auf Wissen müsste Teil der Daseinsvorsorge sein, für die der Staat zuständig ist. Es müsste auf Ausgewogenheit und Balance Wert gelegt werden. [Hier frage ich mich immer, was mit Staat gemeint ist. Ist es der Bundestaat Delaware, die USA, die Volksrepublik China, die Bundesrepublik Deutschland oder die EU?]. Die Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) hätte bereits Forderungen erhoben und die Verantwortungen definiert, die von Informationsdiensten erfüllt werden müssen. Die EU habe den Kampf aufgenommen und mit der Datenschutzverordnung (DSGVO), die im Mai 2018 in Kraft tritt, die Richtung vorgegeben.

Kritische Bewertung

Ich kann der Autorin des Buches nicht den Vorwurf ersparen, dass es ihr primär darum geht, einen Popanz aufzubauen. Ein Popanz ist eine Schreckgestalt, eine vermeintliche Bedrohung. Um zu einer echten Gefahr zu werden, müssen zuerst noch eine ganze Reihe von Dingen zusammenkommen, von denen nur schemenhafte Vorahnungen existieren. Das schließt nicht aus, dass einzelne Dinge durchaus bedrohliche Formen annehmen können oder bereits angenommen haben.

Der Umschlagtext, den ja der Verlag und nicht notwendigerweise die Autorin selbst verfasst hat, geht eindeutig in diese Richtung. ‚Der Umbau der Gesellschaft in die Herrschaft der künstlichen Intelligenz ist in vollem Gange. Ob wir sie tatsächlich wollen, darüber haben wir niemals demokratisch abgestimmt. Drohen also Freiheit und Demokratie zwischen Politikversagen und Big Data zerrieben zu werden?‘ Die Frage wird offen gelassen. Meine Antwort heißt eindeutig: Nein.

Nicht verhehlen möchte ich meine Sorge, dass diese Art von Veröffentlichungen nicht dazu geeignet ist, die in Deutschland leider immer noch anzutreffende Technikfeindlichkeit zu überwinden. Wenn auch nicht alle sich davon beeinflussen lassen, was Juristen zu technischen Fragen zu sagen haben, ist der potentielle Schaden nicht zu ignorieren.

Dienstag, 17. April 2018

Nochmals: Digitale Transformation und die deutsche ACM

Die Association for Computer Machinery (ACM) ist die bekannteste Computer-Fachgesellschaft der Welt. Ihre deutsche Sektion wird dieses Jahr 50 Jahre alt. Aus diesem Anlass veranstaltet sie im September diesen Jahres ein zweitägiges Symposium in Heidelberg. Im Vorfeld dieses Symposiums wurde ich gebeten in einem Interview einige Fragen zum Thema Digitale Transformation zu beantworten. Dabei habe ich zum Teil auf Material zurückgegriffen, das ich bereits in diesem Blog veröffentlicht hatte. Einige Aussagen sind neu oder neu formuliert.

Sie finden das Interview hier.

Das deutsche Chapter der ACM richtet sich einerseits an Praktiker, die sich bei der sehr akademisch ausgerichteten Gesellschaft für Informatik (GI) nicht gut aufgehoben fühlen. Andererseits betont es den internationalen Charakter der Informatik sehr stark. Es werden nicht nur Kontakte nach Nordamerika (USA, Kanada) gepflegt, sondern auch innerhalb Europas sowie nach Indien, Japan und China. 

Einen kurzen Überblick über die relevanten Fachgesellschaften unseres Fachgebiets gab ich im Februar 2011 in diesem Blog.

Mittwoch, 11. April 2018

Politik und Volkswirtschaftslehre frei nach Hans-Werner Sinn

Als ich dieser Tage die Autobiografie von Hans-Werner Sinn las, musste ich immer an einen weltbekannten Spruch denken, von dem es viele Fassungen gibt. Hier eine kleine Auswahl:

Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand. (Theodor Fontane, 1819-1898)

Wenn mein Sohn mit 20 Jahren nicht Kommunist ist, so enterbe ich ihn; wenn er mit 30 noch immer Kommunist ist, so enterbe ich ihn auch. (George Clemenceau, 1841-1929)

Wer mit zwanzig kein Revolutionär war, hat kein Herz. Wer es mit dreißig noch ist, hat keinen Verstand. (George Bernard Shaw, 1856-1950)

Wer vor seinem dreißigsten Lebensjahr niemals Sozialist war, hat kein Herz. Wer nach seinem dreißigsten Lebensjahr noch Sozialist ist, hat keinen Verstand. (Benedetto Croce, 1866-1952)

Offensichtlich machten Menschen immer wieder dieselbe Erfahrung, unabhängig von der Sprache und dem Kulturkreis. In der Volkskunde nennt man der Gleichen eine Wandersage. Sie wird an vielen Orten gleichzeitig erzählt. Man achte auf die kleinen Nuancen!

Jugend- und Lehrjahre

Hans-Werner Sinn (*1948) wird dieses Jahr 70 Jahre alt. Nach rund 100 Büchern und Buchbeiträgen hat er jetzt seinen Lebensbericht vorgelegt. Er trägt den bescheiden klingenden Titel Auf der Suche nach der Wahrheit (2018, 672 S.). Ihn zu lesen ist Arbeit. Er ist eine Fundgrube, wenn man verstehen will, woher die deutsche Kassandra ihre Weisheiten bezieht. Oft wirken ja seine Worte wie die der berühmten trojanischen Königstochter.

Sinn wuchs als Einzelkind auf. Sein Vater war Lastwagenfahrer und späterer Taxiunternehmer in dem 4000 Einwohner zählenden Dorf Brake, das heute ein Teil von Bielefeld ist. Ab dem 18. Lebensjahr arbeitete er als Fahrer im Familienbetrieb mit und wurde – wie sein Vater – Mitglied der SPD. In Münster, wo er studierte, schloss er sich dem Sozialistischen Studentenbund an. Man besuchte Oradur in Frankreich und Lidice in der CSSR. Im Jahre 1968 nahm er an Dutschke-Demos in Berlin teil und fuhr zum Prager Frühling. Bei der Störung einer NPD-Veranstaltung 1970 in Münster wurde er mitverprügelt. Mit 23 Jahren heiratete er eine Mitstudentin, mit der er drei Kinder hochzog.

Sinns Sinneswandel kam, als er begriff, dass nicht die Studenten und linke Ideologen Recht hatten, sondern seine Professoren. Die machten aus dem Sozialisten einen Marktliberalen. Das mag fast wie ein Wunder klingen. Er lernte, dass nur die Marktwirtschaft mit einer freien Gesellschaft kompatibel ist, so wie dies Friedrich August von Hayek (1899-1992) lehrte. Nur wenn Eigentumsrechte definiert sind, ist ein Markt möglich. Eigentum kann an Immobilien (Grund und Boden, Häuser, Wohnungen), Gütern und geistigen Leistungen (Erfindungen) definiert sein. Wer die bessere Verwendung für die angebotenen Güter und Leistungen hat, zahlt mehr, so lehrte es Ronald Coase (1910-2013). Gewinn ist zwar kein edles Motiv, es ist aber sehr erfolgreich, um die Produktion und den Austausch von Waren und Ideen anzutreiben. Dass Sinn heute vielfach als Marktradikaler oder Neoliberaler beschimpft werde, sei zwar falsch, täte ihm aber nicht weh.

Als entscheidend für die Ausprägung seiner Persönlichkeit und die Einstellung zur Wissenschaft sieht Sinn seine beiden Aufenthalte in Nordamerika. Er verbrachte ein Jahr an der University of Western Ontario in Kanada sowie ein Semester in Stanford in Kalifornien. Die Berührung mit der nordamerikanischen Art habe ihn intellektuell sehr viel weitergebracht. Er sei offener und leistungsbezogener nach Deutschland zurückgekehrt. Er hätte sich mehr zugetraut, und das schon am Anfang der Karriere. [Da ich die gleichen Erfahrungen gemacht hatte, kann ich dies sehr gut nachempfinden].

VWL-Theorien und ihre Anwendung

Die Volkswirtschaftslehre (VWL) ist eine Sammlung sich widersprechender oder sich ergänzender Theorien. Es sind Theorien darüber, wie und warum die Wirtschaft eines (einigermaßen großen) Landes funktioniert, was sie antreibt, sie begünstigt oder ihr schadet. Kleine Länder, Städte oder Staatenverbünde fallen nicht darunter. Die bekannteste VWL-Theorie ist die des Engländers John Maynard Keynes (1883-1946). Sie besagt, dass ein Staat Gutes tut, wenn er Schulden macht, um der Wirtschaft zu helfen. Die meisten heutigen VWLer sind Keynsianer. Mit ihnen habe ich mich in diesem Blog schon vor Jahren auseinandergesetzt. Eine völlig gegensätzliche Sicht vertreten die Neoliberalen. Seit Margaret Thatcher und Ronald Reagan deren Ideen in praktische Politik umsetzten, sind sie auf dem Rückzug. Das Wort Neoliberaler ist zum Schimpfwort geworden.

Zwischen Keynsianern und Neoliberalen stehen die Neoklassiker. Das ist die Denkschule, zu der sich Hans-Werner Sinn in etwa zurechnet. Diese Theorie setzt zwar auf einem freien Markt auf. Der Staat muss jedoch immer dann eingreifen, wenn das Gleichgewicht der Kräfte sich nicht von selbst einstellt. Der vollkommene Markt und der Homo oeconomicus sind das Ideal, so wie ein Arzt ein Idealbild des Menschen braucht, um Krankheiten zu erkennen. Menschen machen systematische Fehler. Sie denken zu wenig an die Zukunft und ignorieren Kosten, die sie verursachen, wenn sie nicht direkt dafür zahlen müssen. Ein Beispiel ist die Nutzung von Luft und Wasser, also der Umwelt. Sie muss daher vom Staat geschützt werden. Unternehmen müssen gezwungen werden für alle Kosten aufzukommen, die sie verursachen. Man nennt dies auch negative externe Effekte für die Allokation. Sehr schön finde ich die von Sinn berichtete Kritik an der von ihm vertretenen VWL-Theorie durch einen kanadischen Neoliberalen (Mike Parkin): Über die Korrektur von Marktfehlern durch wohlmeinende Politiker brauche man nicht nachzudenken, da es beides nicht gibt.

Sinn missfiel, dass VWLer normalerweise nur mit ihren Kollegen und Studierenden reden. Politiker direkt zu beraten klappe nur in Ausnahmefällen. Das liegt nicht daran, dass sie ‚beratungsresistent‘ seien, sondern dass sie mehr Aspekte im Blick haben müssen, als dies Wissenschaftler tun. Die Vermittelbarkeit an die Wähler ist nur ein Aspekt. Sinn entschloss sich daher, mit vielen Themen sich direkt an die breite Öffentlichkeit zu wenden. Findet ein Thema Resonanz, können Politiker es nicht mehr ignorieren. Einige bekannte Bücher, die Sinn publizierte, dienten diesem Zweck. Manchmal erfüllten sie ihn auch.

Fehlerhafte deutsche Wiedervereinigung

Zu der Zeit, als die deutsche Wiedervereinigung anstand, war Sinn Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesministers für Wirtschaft. Er war voll für Helmut Kohls 10-Punkte-Programm. Dennoch schrieb er zusammen mit seiner Ehefrau Gerlinde 1991 das Buch Kaltstart, das sich mit einigen Aspekten des Prozesses kritisch auseinandersetzte. Angeregt vom Nobelpreisträger Paul Samuelson (1915-2009) warnte er vor zu schnellen Lohnerhöhungen in Ostdeutschland. Die Gewerkschaften und die westdeutschen Unternehmer aber wollten es anders. Anstatt für einen Ausverkauf der Betriebe plädierte er für Joint Ventures, so wie sie in der CSSR im Falle von Skoda erfolgreich waren. Bei den Wohnungen im Osten hätte er dem Verkauf an die Bewohner den Vorzug gegeben gegenüber dem Verkauf an Großinvestoren.

Reform des Sozialstaats

Sinn und seine Mitarbeiter hatten 2002 ein Gutachten zur Reform des Sozialstaats erstellt, das weitgehend von der Hartz-Kommission übernommen wurde. Die Empfehlungen wurden Teil der Agenda 2010, mit der Gerhard Schröder die Grundlagen für einen bis heute anhaltenden Aufschwung legte. Damals galt Deutschland als der ‚kranke Mann‘ Europas. Danach wurde Deutschland zur Lokomotive Europas. Sinn fasste seine Gedanken in einem 2003 erschienenen Buch zusammen. Es trägt den Titel ‘Ist Deutschland noch zu retten?’ Die Hartz-Reformen wurden bekanntlich in vier Stufen eingeführt. Die letzte ist vom Februar 2005 und ist als Hartz IV im Volksmund bekannt.

Migration in die Sozialsysteme

Der deutsche Sozialstaat ist laut Sinn zu einer Versicherung mit einer zunehmenden Zahl schlechter Risiken geworden. Als die EU die Freizügigkeit für Osteuropäer durchsetzte, setzte eine nicht begrenzbare Migration ein. Nicht nur der Lohnunterschied, sondern die Summe aller staatlichen Leistungen führt zu Migration. Als 2015 außer den Osteuropäern auch noch Afrikaner und Asiaten (Afghanen und Syrer) sich auf den Weg nach Europa machten, nahm in England die Angst übermäßig zu. Der Brexit hätte vermieden werden können, hätte man England Vorschläge gemacht, die die Migrationsangst eingedämmt hätten. Eine Möglichkeit wäre gewesen zu unterscheiden zwischen erwerbbaren und ererbbaren Sozialleistungen. Für letztere müsse das Herkunftsland aufkommen. Jetzt hat Deutschland einen wichtigen Partner in der EU verloren, der bereit gewesen wäre, marktwirtschaftliche Prinzipien zu verteidigen. Nach einer Berechnung des Freiburger Finanzwissenschaftlers Bernd Raffelhüschen kostet jeder Flüchtling Deutschland rund 450k Euro. Spanien hat als erstes Land die an seinen Küsten gelandeten Flüchtlinge zurückgeschickt. Inzwischen macht dies Italien auch.

Probleme der Energiewende

Mehrmals  hat sich Sinn in den letzten Jahren mit den durch die Abschaltung der Atomkraftwerke sich ergebenden Problemen befasst. Sein letzter mir bekannt gewordener Vortrag zu diesem Thema war im Dezember 2017. Er hatte den Titel Energiewende politisch geistesgestört! Er hielt ihn an der LMU in München. Der Vortrag ist nicht nur voller Daten, sondern auch erschütternd in seiner Aussage. Danach brauchen wir Atomstrom, um den flatternden Solar- und Windstrom zu ergänzen. Auch werden wir unsere Kohlekraftwerke so schnell nicht los.

Euro-Krise und EZB

Mit keinem Thema ist Sinn in der deutschen Öffentlichkeit mehr bekannt geworden, als mit seiner Position in der Euro-Krise und seiner Kritik an der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB). Im Jahre 2010 sei Griechenland de facto pleite gewesen. Nur der damalige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet zusammen mit Nicolas Sarkozy und Dominique Strauß-Kahn hätten sich für eine Rettung Griechenland (engl. bail out) stark gemacht. Sie brachen damit den Maastricht-Vertrag. Später hätte der derzeitige EZB-Präsident Mario Draghi weitere Maßnahmen ergriffen, die vornehmlich den Südländern zu Gute kamen. Die EZB vergibt inzwischen kostenlose Kredite in Höhe von fast einer Billion Euro (so genannte Target-Salden). Deutschland haftet dafür mit rund 30 % der Summe.

Da der Euro-Kurs relativ niedrig ist, d.h. im Vergleich zu einem hypothetischen DM-Kurs, sind deutsche Exporte in der ganzen Welt billig. Davon profitiert der exportierende Teil unserer Wirtschaft. Laut Sinn ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) schon seit einigen Jahren im Fallen begriffen.

München auf der Weltkarte der Wissenschaft

Sinn sieht es als seinen Verdienst an, dass die Universität München (LMU) einen ihr gemäßen Platz im internationalen wissenschaftlichen Tagungs- und Publikationsbetrieb gefunden hat, zumindest auf seinem Fachgebiet, der Finanzwissenschaft. Er hat das von ihm seit 1999 geleitete ifo-Institut budget- und personalmäßig stabilisiert. Er selbst sieht seinen Ruhestand als großes Sabbatical, das es ihm gestattet seine Gedanken weiter in Büchern, Vorträgen und Diskussionen in Deutschland und im Ausland zu verbreiten. [Auch da kann ich ihm nachfühlen]