Mittwoch, 24. August 2011

Über Georg Forster (1754-1794) und die Französische Revolution

Dieses Mal beginne ich mit einem Zitat aus einem meiner vielen Reiseberichte [1]:

James Cook besuchte diese Insel [Raiatea] mehrfach. Georg Forster wunderte sich in seinem Reisebericht, warum in dieser von paradiesischem Überfluss bestimmten Landschaft, der König von Bora Bora sich veranlasst sah, Raiatea zu erobern. Die Natur des Menschen sei wohl doch nicht nur durch seine Bedürfnisse erklärbar. Raiatea bildet zusammen mit der Insel Tahaa eine große Lagune. Der emotionale Höhepunkt der ganzen Reise war die abendliche Ausfahrt aus dieser Lagune. Nicht nur versank die tropische Sonne im Meer, in weiter Ferne erschien schemenhaft das unverkennbare Bergprofil von Bora Bora.


Lagune von Tahaa

James Cook tat bekanntlich mehr für die Erkundung der Erde als irgendein anderer Entdeckungs­reisender vor ihm. Seine zweite Reise zwischen 1772 und 1775 sollte dazu dienen, den um den Südpol der Erde vermuteten Kontinent zu entdecken, ein Problem, das der britischen Admiralität sehr am Herzen lag. Mit an Bord waren Vater Reinhold Forster und sein 17-jähriger Sohn Georg. Cook war in letzter Minute auf sie gekommen, da der Wissenschaftler, der ihn bei der ersten Reise begleitet hatte (Sir Joseph Banks), darauf bestand eine Gruppe von Musikern mitnehmen zu dürfen, was Cook nicht akzeptierte. Beide Forsters hatten gute naturwissenschaftliche Kenntnisse und sollten alles Wissenswerte über die Beschaffenheit der zu entdeckenden Länder und die Eigenarten der Völker dokumentieren. 

Auf seiner dreijährigen Reise besuchte Cook unter anderem Neuseeland, die Tonga-Inseln, Neukaledonien, Tahiti, die Marquesas-Inseln sowie die Osterinsel. Obwohl er mehrmals weit über den südlichen Polarkreis hinaus vorgedrungen war, kam er zu dem sich später als falsch herausstellenden Ergebnis, dass es dort kein Land gäbe. Cook unternahm zwischen 1776 und 1779 eine dritte Weltreise, bei der er ums Leben kam.

Nach der Reise erhielt Reinhold Forster von der britischen Admiralität (unter dem Earl of Sandwich) keine Genehmigung sein sehr umfangreiches wissenschaftliches Material zu veröffentlichen. Nur der Sohn erhielt die Erlaubnis einen populär-wissenschaftlichen Reisebericht zu schreiben. Das 1778 erschienene Werk [2] war eines der frühesten Reisebücher überhaupt und machte den Autor berühmt. Immer wieder ergänzte er die Beobachtungen durch philosophische Betrachtungen über das Gesehene. Das ist nur zu verstehen, wenn man weiß, dass Georg Forster bereits als Zehnjähriger zusammen mit seinem Vater an einer Reise durch die  Kirgisensteppe am Unterlauf der Wolga teilgenommen hatte. Mit 13 Jahren gab er in England sein erstes Buch heraus, eine Übersetzung von Lomonossows ‚Kurze Russische Geschichte‘ vom Russischen ins Englische.


Reinhold und Georg Forster

Nach seiner Weltreise avancierte Forster nicht nur zum Liebling der Pariser Salons, wo man sich besonders für die Lebens- und Liebesgewohnheiten der Südsee-Insulaner interessierte. Auch die vornehme Royal Society in London nahm ihn 1777 als Mitglied auf. Ebenso taten dies die wissenschaftlichen Akademien von Berlin bis Madrid. Da die Ehrungen aber kein Geld einbrachten, suchte er nach einer festen Anstellung in Deutschland. Das erste Angebot, das er annahm, war in Kassel, wo er von 1778 bis 1784 an einer höheren Schule Naturgeschichte lehrte. Seit dieser Zeit stand er außerdem in regem Austausch mit den wichtigsten Vertretern des Geisteslebens in Deutschland, u.a. mit Lessing, Kant, Herder, Wieland und Goethe. Auch wurde er Mitglied einer Freimaurer-Loge.

Forster heirate 1785 Therese Heyne, die Tochter eines Göttinger Altertums­wissenschaftlers, die bereits als Schriftstellerin einen Namen hatte. Die Forsters hatten zwar drei Kinder, führten aber keine sehr glückliche Ehe. Schließlich verließen ihn seine Frau und die Töchter. Forster hatte um diese Zeit eine Professur für Naturgeschichte an einer Hochschule im polnisch-litauischen Wilna (dem heutigen Vilnius) inne. Die Tätigkeit dort sagte ihm allerdings wenig zu. Umso mehr freute es Ihn, als ihm die Leitung einer auf vier Jahre geplanten russischen Pazifik-Expedition angeboten wurde. Die Expedition kam jedoch nicht zustande, da 1787 der Russisch-Türkische Krieg ausbrach. 

Daraufhin nahm Forster 1788 – auf Anraten und durch Vermittlung seiner Freunde – die Stelle des Oberbibliothekars der Universität Mainz an. Weder die vorwiegend mit kirchlicher Literatur bestückte Bibliothek, noch die von Adel und Klerus dominierte kurfürstliche Residenzstadt begeisterten den nicht-adligen Protestanten. Ihm kam es vor allem darauf an, wieder in Deutschland zu sein, um den Kontakt mit seinen Freunden pflegen zu können. Als einer der ersten besuchte ihn Wilhelm von Humboldt, der gerade in Paris den Sturm auf die Bastille als Augenzeuge erlebt hatte. Im Frühjahr 1790 unternahm er gemeinsam mit Alexander, dem jüngeren der Humboldt-Brüder, eine ausgedehnte Reise, die ihn in die Österreichischen Niederlande (dem heutigen Belgien), nach Holland, England und Paris führte. Dort nahmen beide am 14. Juli an den Feiern zum Jahrestag der Revolution teil. Seine Eindrücke schilderte Forster in dem zwischen 1791 und 1794 erschienenen dreibändigen Werk [3]. Auch in diesem und späteren Büchern frönt er seiner Lust am Philosophieren. Hier einige Kostproben:

Nur der Geist, der selbst denkt und sein Verhältnis zu den Mannigfaltigkeiten um sich her erforscht, nur der erreicht seine Bestimmung.

Das sicherste Zeichen eines zerrütteten, schlecht eingerichteten, kranken Staats hat man immer darin, wenn er große Mengen Müßiggänger ernährt.

Die Empfindung, die das Schöne hervorruft, ist vom Reize unabhängig und durch keine Operation der Vernunft erklärbar.

Mäßigung ist die Tugend, die unserem Zeitalter am meisten fehlt.

Alles Gute geschieht langsam und allmählich. Nicht das verzehrende Feuer sondern die mild erwärmende Sonne leuchtet wohltätig, zerteilt die Dünste und fördert das schöne Wachstum organischer Wesen.

Reisen ist eine große unvergleichbare Quelle der sichersten Belehrung durch die eigenen Sinne.

Unwissenheit ist der große allgemeine Unterdrücker aller gesellschaftlichen Verträge, und diesen zu stürzen durch sanfte, wohltätige Verbreitung des Lichts der Vernunft, ist fürwahr die edelste Rache.


 Georg Forster 1792

Die Verhaftung des französischen Königs führte zum Angriff der vereinigten preußisch-österreichischen Truppen auf die Französische Republik. Nach der berühmten Kanonade von Valmy (am 20.9.1792), bei der Goethe zugegen war, zogen sich die Alliierten überraschend zurück. Im Gegenangriff stieß die französische Revolutionsarmee unter General Custine im Oktober 1792 bis Mainz vor. In Mainz war es bereits vor Eintreffen der Franzosen zu Ausschreitungen gekommen, in deren Verlauf auch das Universitätsgebäude verwüstet worden war. Auf Bitten seiner Freunde stellte sich Forster an die Spitze einer Bürgerdelegation, die mit General Custine verhandelte, um die Universität zu retten. Als die Franzosen den Mainzer Bürgern vorschlugen, eine eigene Republik zu gründen, wurde Forster zu deren Vizepräsidenten ernannt. Außerdem beteiligte er sich an der Gründung des Jakobinerclubs „Freunde der Freiheit und Gleichheit“ und ließ sich als Abgeordneter in den Rheinisch-Deutschen Nationalkonvent wählen. Es war dies das erste demokratisch gewählte Parlament in Deutschland.

Von Januar bis März 1793 war er Redakteur von „Die neue Mainzer Zeitung oder Der Volksfreund“ und schrieb mehrere Beiträge, in denen er die Revolution verherrlichte. Seine Aufrufe und Reden [4] aus der Zeit der Mainzer Republik zeugen von sehr viel Idealismus. Sie regen heute noch zum Nachdenken an:

Die Zeit wird kommen, wo man den Wert des Menschen weder nach angeborenem noch nach zufälligem Range, weder nach Macht noch nach Reichtum, sondern allein nach Tugend und Weisheit schätzen wird.

Irgendwann muss das Gute doch zuerst an den Tag kommen und sich über die ganze Erde verbreiten. Ein Mainzer erfand die Buchdruckkunst und warum nicht ein Franke die Freiheit des 18. Jahrhunderts?

Wir rücken nicht, bis Freiheit und Gleichheit und die unumstößlichen Grundsätze menschlicher Glückseligkeit anerkannt sind.

Unvollkommenheit und Irrtum sind allenthalben der Menschen Los. Unsittlichkeit und Unverstand aber sind im Durchschnitt nur Resultate der Unwissenheit und Untätigkeit.

Im Verlaufe des Jahres 1793 veränderte die Französische Revolution radikal ihren Charakter. Es begann mit der Hinrichtung Ludwigs XVI. im Januar, über die Übernahme des Wohlfahrtsausschusses durch Robespierre im Juni, der Ermordung Marats im Juli, und endete mit der Hinrichtung Marie Antoinettes und der Gironde-Führer im Oktober, und dem Ersatz des Christentums durch den Kult der Vernunft im November. Eine Zeit des brutalen Terrors brach aus.

Im März 1793 hatte der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent die Loslösung der Mainzer Republik vom Deutschen Reich beschlossen. Forster und zwei weitere Mitglieder des Nationalkonvents wurden nach Paris entsandt, um die Angliederung an Frankreich zu beantragen. Der Antrag wurde zwar vom französischen Konvent einstimmig angenommen, hatte sich aber durch die im Juli 1793 erfolgte Rückeroberung von Mainz durch die Truppen der preußisch-österreichischen Koalition erledigt. Aufgrund eines Dekrets Kaiser Franz II., das die Zusammenarbeit deutscher „Untertanen“ mit der französischen Revolutionsregierung unter Strafe stellte, verfiel Forster der Reichsacht und konnte nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Völlig mittellos und ohne seine Frau und seine Kinder blieb er in Paris. 
 
Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Befürwortern der Revolution, wie etwa Friedrich Schiller, wandte sich Forster selbst unter dem Eindruck des Terrorregimes nicht von den revolutionären Idealen ab. Er sah die Ereignisse in Frankreich als ein Naturereignis an, das man nicht aufhalten könne und das seine Energien freisetzen müsse, um nicht noch zerstörerischer zu wirken. Noch kurz vor seinem Tod schrieb er:

Die Revolution ist ein Orkan. Wer kann ihn hemmen? Ein Mensch, durch sie in Tätigkeit gesetzt, kann Dinge tun, die man in der Nachwelt nicht vor Entsetzlichkeit begreift.

Georg Forster starb im Januar 1794, noch nicht 40jährig, an einer Lungen­entzündung in einer kleinen Dachwohnung in Paris. Sieben Monate später besetzten französische Revolutionstruppen Trier und das übrige Rheinland und blieben bis 1814.

Zusätzliche Referenzen:
  1. Endres, A.: In achtundzwanzig Tagen um die Welt (Frühjahr 2006). In: Gunst und Kunst des Reisens. Geschautes und Erlebtes aus sechs Jahrzehnten spannender Weltreisen. Sindelfingen: Eigenverlag 2009. Näheres auf Homepage des Autors.
  2. Forster, G.: Entdeckungsreise nach Tahiti und in die Südsee 1772-1775. Tübingen 1979 (Nachdruck)
  3. Forster, G.: Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, England und Frankreich im April, Mai und Juni 1790. Berlin 1793
  4. Jäckel, G. (Hrsg.): Der Freiheitsbaum. Die Französische Revolution in Schilderungen Goethes und Forsters 1792/93. Berlin 1983

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