Dienstag, 29. Mai 2012

Quantifizierung von Information und Schönheit – ein Jahrhunderttraum

Die Vermessung der Welt trieb die Menschen schon immer an. Das bezieht sich nicht nur auf Längen und Breiten, um die sich Carl Friedrich Gauß verdient machte. Alle physikalischen Phänomene möchte man quantifizieren, also in Zahlen ausdrücken. Nur was man messen kann, verstehe man, sagte Baron Kelvin. Auf ihn geht eine in den angelsächsischen Ländern benutzte Temperaturskala zurück. Auf zwei weitere Versuche, die Welt zu vermessen, also mit Zahlen zu beschreiben, will ich im Folgenden eingehen. Sie haben Einiges gemeinsam. Zumindest einer von ihnen hat auch einen Bezug zur Informatik. Ein Kollege bezeichnete beide Initiatoren sogar als ‚Heroen‘.
 
Claude Shannon

Claude Elwood Shannon (1916-2001) fragte sich in den 1940er Jahren, wie man eine verlustfreie Datenübertragung über die damals sehr im Blickpunkt stehenden elektrischen Leitungen sicherstellen kann. Mit Hilfe der Puls-Code-Modulation gelang es, eine als Kontinuum vorliegende Nachricht in befriedigender Annäherung digital darzustellen. Mit dieser Methode wurde es möglich, Sprache zu telegrafieren.


Shannon, der für die Bell Telephone Laboratories arbeitete, war mit den technischen Fragen der Datenfernübertragung vertraut. Es geht darum, die Datensignale vom Hintergrundrauschen zu trennen. Außerdem versucht man, während der Übertragung aufgetretene Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Dazu ist es notwendig, redundante (d.h. keine zusätzliche Information tragenden) Daten mitzusenden, um dem Datenempfänger eine Datenverifikation oder Datenkorrektur zu ermöglichen.

Bereits 1948 veröffentlichte Shannon seine berühmte Arbeit mit dem Titel ‚A Mathematical Theory of Communication‘ In diesem Aufsatz konzentrierte er sich auf das Problem, unter welchen Bedingungen eine von einem Sender kodierte und durch einen gestörten Kommunikationskanal übermittelte Information am Zielort wiederhergestellt, also ohne Informationsverlust dekodiert werden kann. Es ging um den Informationsgehalt digitaler Signale. Dabei konnte er sich auf das aus der Physik bekannte Konzept der Entropie beziehen.

Eine Besonderheit liegt darin, dass er Information als „physikalische Größe“ mit einer Maßeinheit, dem Bit, definierte. Das erlaubte quantitativ exakt, den Aufwand für die technische Übertragung von Informationen in verschiedener Gestalt (Töne, Zeichen, Bilder) zu vergleichen, die Effizienz von Codes sowie die Kapazität von Informationsspeichern und Übertragungskanälen zu bestimmen. Erscheint am Empfänger stets das gleiche Zeichen, so ist die Wahrscheinlichkeit p = 1 und die Information I = 0 bit. Es wird keine Information übertragen, da feststeht, welches Zeichen als nächstes in der Zeichenkette (Nachricht) auftreten wird. Die Nachricht ist somit leer. Sendet die Nachrichtenquelle beide Dualzeichen mit gleicher Wahrscheinlichkeit, d.h. p = 1/2, so ist I = 1 bit für jedes einzelne Zeichen. Sendet die Quelle n verschiedene Zeichen mit den gleichen Wahrscheinlichkeiten p=1/n, dann ist I = -ln p, also der natürliche Logarithmus von der Wahrscheinlichkeit p. Die Maßeinheit ist bit/Zeichen. Eine etwas komplizierte Formel liefert das Shannonsche Maß H für den mittleren Informationsgehalt von Zeichen, die mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten auftreten. Durch die von Shannon eingeführte Betrachtungsweise wird der Begriff der Redundanz definiert. Er hat für die Datenübertragung und Kodierung weiterhin zentrale Bedeutung.

Von November 2009 bis April 2010 gab es im Heinz-Nixdorf-Museum in Paderborn eine Sonderausstellung über Claude Shannon. Dazu schrieb damals der Spiegel:

„Er [Shannon] war eines der größten Genies des 20. Jahrhunderts, der Vater des Bits und Pionier unseres Informationszeitalters.“ [Spiegel online 2.11.2009].

Dass Shannons Informationsbegriff sich für die Informatik eher als Hemmschuh denn als Hilfe erwies, wurde auch in diesem Blog schon mehrmals bemängelt. Erst durch die Berücksichtigung von Bedeutung, also der Interpretation der Zeichen, wird Information zu dem allgemein gültigen Konzept, das der Informatik den Namen gab.

George Birkhoff

Der zweite ‚Heroe‘ ist George David Birkhoff (1884-1944). Er war als Mathematiker und Naturwissenschaftler schon lange erfolgreich, als er begann nach einer einheitlichen Regel zur ästhetischen Beurteilung bestimmter Klassen von Kunstwerken zu suchen. Er bereiste deshalb ein Jahr lang die Welt, um solche ästhetischen Objekte, beispielsweise chinesische Vasen oder Gedichttexte in unterschiedlichen Sprachen, zu studieren. Im Jahre 1928 kam er zu seiner Formel für das ‚ästhetische Maß‘:

M = O/C

Im Falle einfacher Grafiken ist die Ordnung O von geometrischen Zusammenhängen abhängig. Eigenschaften wie Symmetrie und Ausgeglichenheit sind zu beachten. Die Komplexität (Complexity) C dagegen definiert die Anzahl aller Punkte des Objekts, welche die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen. Wie die einzelnen Faktoren zu bestimmen sind, hatte Birkhoff 1933 in dem Buch „Aesthetic Measure“ beschrieben. Als eine ganz einfache Klasse ästhetisch vergleichbarer Objekte wählte Birkhoff die Polygone. 



Die einzelnen Maßzahlen zur Berechnung legte er wie folgt fest:

Komplexität (C) : Die kleinste Anzahl derjenigen Geraden, auf denen sämtliche Polygonseiten liegen.
Ordnungsmaß (O) : Die Summe aller Ordnungselemente: V+E+R+HV+F. Dabei sind:

V (Vertikale Achsensymmetrie): Falls das Polygon eine vertikale Achsensymmetrie aufweist, so wird V=1 gesetzt; in allen anderen Fällen gilt V=0.

E (Gleichgewicht): Ruht das Polygon auf einer ausreichend langen, horizontalen Seite oder auf zwei oder mehreren getrennten Stützpunkten, während der Schwerpunkt zwischen den äußeren Stützpunkten liegt, so gilt E=1; ist dies nicht der Fall, setzt man E=-1.

R (Rotationssymmetrie): Besitzt ein Polygon Rotationssymmetrie, so gibt es einen kleinsten Winkel α = 360/q, um den es zu drehen ist, damit es sich mit der Ausgangslage deckt. Ist Rotationssymmetrie vorhanden, so setzt man R=q/2=180/α; in allen anderen Fällen gilt R=0.

HV (Horizontal-Vertikal-Netz): Liegen alle Polygonseiten auf einem rechtwinkeligen Horizontal-Vertikal-Netz, so setzt man HV=2. HV=1 für wenige Ausnahmen und HV=0 in allen anderen Fällen.

F (allgemeine Form): Wenn jeder vom Zentrum des Polygons ausgehende Strahl die Begrenzungslinie der Form nur einmal schneidet, oder wenn jede beliebige vertikale/horizontale Gerade diese Begrenzungslinie maximal in zwei Punkten schneidet, setzt man F = 0, in allen anderen Fällen gilt F = -2.

Birkhoff hatte ein ästhetisches Maß auch für bestimmte Musikgattungen oder Gedichte definiert. Es ist wesentlich schwieriger zu verstehen als das gerade gezeigte Beispiel.

Bense und Gunzenhäuser

Birkhoffs Vorgehensweise wurde um 1957 von dem Stuttgarter Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Max Bense aufnommen und für eigene Untersuchungen an Texten und einfachen Grafiken ausgeweitet. Sein Doktorand Rul Gunzenhäuser hat das Verfahren in seiner Dissertation „Ästhetisches Maß und ästhetische Information“ von 1962 kritisch untersucht. Er zeigte ferner auf wie sich von einer solchen ‘Theorie der ästhetischen Form‘ aus Brücken schlagen lassen zu andern statistischen und kybernetischen Theorien, die in der modernen Ästhetik bei der Wahrnehmung und bei der Kritik ästhetischer Objekte Anwendung finden können. Beispielsweise lassen sich bestimmte ästhetische Maße in Birkhoffs Theorie durch Modelle der Informationsästhetik interpretieren und verfeinern. Dies war dann ein Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen von Max Bense und seinen Schülern (Felix von Cube, Helmar Frank, Theo Lutz). In Anlehnung an die Stuttgarter Architektur kam hierfür der Begriff der ‚Stuttgarter Schule‘ auf.

  
Gunzenhäuser kam unter anderem zu der Aussage, dass die absoluten Werte des Birkhoffschen Maßes zwar wenig Sinn machen, dass aber in bestimmten (gewichteten) Differenzen der Werte eine nachvollziehbare Aussage stecken kann. Als Beispiel: Hat ein Kunstwerk A den ästhetischen Wert 7, ein anderes Kunstwerk B den Wert 11, so bedeuten diese absoluten Werte nichts. Schon die einfache Differenz drückt aus, dass nach den im Maß zur Anwendung kommenden Kriterien B „schöner“ ist als A. Darüber wird man sich sogar unter mehreren Betrachtern einigen können. Dasselbe gilt ja auch für die Bewertung  von Kandidatinnen in einem Schönheitswettbewerb, den Vergleich von Angora-Katzen und Schoßhunden (unter und zwischen einander) oder den Vergleich von Schlagern in einem europäischen Wettbewerb.

Es ist ein Traum, den viele Naturwissenschaftler seit drei Jahrhunderten träumen, dass die quantitative Herangehensweise zu einem tieferen Verständnis der Natur führt, als wenn man nur beobachtet, aber nicht misst. In den beiden hier zitierten Fällen zeigt sich, wo die Grenze liegt. Zumindest Birkhoffs Sicht der Dinge findet heute kaum noch Unterstützung. Wie auch Gunzenhäuser zugibt, ist die von Birkhoff begründete quantitative Ästhetik heute ‚mausetot‘. Gunzenhäuser fand später den Weg von der Philosophie und Mathematik in die Informatik. In diesem Blog gab er im letzten Jahr ein ausführliches Interview über seine Beiträge.

Am Donnerstag, den 24. Mai 2012, feierte Gunzenhäuser sein Goldenes Promotionsjubiläum im Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) Eulenhof der Universität Stuttgart. Bei dieser Gelegenheit ließen die Festredner die Erinnerung an Shannon, Birkhoff und andere Heroen des Geistes aufleben, die Gunzenhäusers Weg begleiteten. Einer der Redner, Frieder Nake aus Bremen, fügte vergnüglich hinzu, dass das Bild, das die griechische Mythologie von Heroen hat, auch zulässt, dass sie scheitern. Die Anwesenden wünschten dem fast 80-jährigen Unruheständler weitere aktive Jahre. Bertal Dresen schließt sich an.

Samstag, 26. Mai 2012

Ist Griechenland ein gescheiterter Staat? (mit Nachträgen)

Letzte Woche benutzte ein deutscher Banker zum ersten Mal das Wort vom ‚failed state‘ in Bezug auf Griechenland. Bisher wurde dieses Attribut vor allem auf Somalia bezogen. Im Gegensatz zu Somalia scheint die griechische Polizei noch einem einzigen Oberherrn zu dienen. Es sind zwei Kriterien, die im Falle Griechenlands zu der Einstufung als gescheiterter Staat Anlass geben:

- Das Land ist außerstande, sich zu regieren. Nach den gerade erst durchgeführten Wahlen erwies sich die politische Klasse als unfähig, eine Regierung zu bilden. Am 17. Juni finden Neuwahlen statt. Es stehen dieselben Parteien und Personen zur Wahl wie vor sechs Wochen. Warum soll das Ergebnis anders sein? Die Alternative, eine Militärregierung zu bilden, ist verbraucht.

- Die Bürger distanzieren sich vom Staat. Reiche Bürger haben ihr Geld in großem Umfang ins Ausland transferiert. Die im Land verbliebenden kleinen Geschäftsleute und Handwerker weigern sich Steuern zu zahlen. Frau Lagarde, die IWF-Chefin, fleht die Griechen an, sie sollten es doch den Kindern zuliebe tun. Krankenhäuser besucht man lieber im Ausland. Die Müllabfuhr und die Stromerzeugung funktionieren noch, aber auf niedrigem Niveau. Schlaglöcher auf den Straßen gab es schon immer.

Der zu erwartende Sieger der bevorstehenden Wahl, Alexis Tsipras, will weder sparen noch Schulden tilgen, erwartet aber, dass die reichen Europäer sein Land weiter aushalten. Obwohl alle ausländischen Politiker den Griechen raten, diesen Mann nicht zu wählen, werden sie es trotzdem tun. 

Was bleibt in der Situation zu tun?

Niemand glaubt, dass Europa das Mutterland der Demokratie in den Abgrund stürzen lässt (Orkus sagen die Griechen dazu). Mit Niemand meine ich sowohl Griechen wie Nicht-Griechen. Dasselbe glaubt auch Herr Tsipras. Die andern Politiker Europas, die Merkels, Schäubles und Junckers tun dies auch. Nur sagen dürfen und wollen sie es nicht. Ob die nächsten 10-20 Jahre so verlaufen, wie Frau Merkel dies erhofft, ist also eine offene Frage. Wie auch immer, es wird für Griechenland kein Zuckerlecken sein. Der Traum vom Euro hat sich immer mehr zum Alptraum entwickelt. Er hat es – anders als geplant – geschafft, große Animositäten zwischen den Völkern Europas zu verursachen. Ich möchte Frau Merkel nicht raten, ihren nächsten Urlaub in Griechenland zu verbringen.

Was passieren wird, ist aber bereits zu erkennen. Da weder BMW (wegen der bayrischen Könige) noch Mercedes in Griechenland Autos montieren lassen wollen, wird sich der `Brain drain‘ fortsetzen. Wie die Stuttgarter Zeitung vor kurzem berichtete, erreichten uns in 2011 etwa 24.000 Einwanderer aus Griechenland, ein Plus von 90% gegenüber dem Vorjahr. Sie vertraten fast ausschließlich die Altersgruppe zwischen 18 und 26 Jahren und zogen vor allem in die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Da gerade im Süden Deutschlands über einen akuten Mangel an Fachkräften geklagt wird, fanden sie (zusammen mit etwa der gleichen Zahl Spanier) eine positive Aufnahme.

Im Grunde ist dies das Beste, was passieren kann. Nur im Ausland werden junge Griechen vom 8-17 Uhr arbeiten und freudig Steuern zahlen. Andernfalls würden sie den Job bald los sein, oder des Landes verwiesen werden. Diese Art von Erwachsenenbildung funktioniert nur in Nord- und Mitteleuropa, nicht in Griechenland. Diejenigen Griechen, die in ihrem Lande bleiben möchten, sollten wir dafür bezahlen, dass sie ihre Badestrände sauber halten. Dies ist übrigens eine Idee aus Thilo Sarrazins neuestem Buch. Es ist eine sehr praktikable Idee.

Nur als kleiner Nachschlag einige historische Hinweise und Erläuterungen. Die berühmte attische Demokratie herrschte nur im Stadtstadt Athen, nicht in Sparta, Theben oder Delphi. Sie betraf nur freie Männer, keine Frauen und Sklaven. Während und nach den Peloponnesischen Kriegen regierten Tyrannen. Alexander, der Mazedonier, brachte griechisches Denken nach Ägypten und an den Indus. Demokratien hinterließ er keine. Auch das am längsten bestehende griechische Weltreich, das von Byzanz, ist nicht als Demokratie bekannt. Erst Thomas Jefferson gab der alten Idee neues Leben.

Nachtrag am 28.5.2012, 13 Uhr:
 
Es ist beruhigend, dass Leute, bei denen man Sachverstand vermutet, Vorschläge machen, wie es mit Griechenland weitergehen soll. Der Vorschlag von Thomas Mayer von der Deutschen Bank gefällt mir besonders gut. Einen griffigen Namen hat das Ganze bereits: Geuro.

Der griechische Staat bezahlt seine Beamten, Pensionäre und Zulieferer mit Schuldverschreibungen. Sie sind in Euro ausgedrückt. Wenn der Staat damit geschickt umgeht, muss ihr Wert nicht allzu sehr vom echten Euro abweichen. Alle Euro-Konten bleiben bestehen, sowie der Euro als Zweitwährung. Steuern und Zölle werden in Geuro bezahlt. Dieses Geld bleibt im Lande und kann daher die Wirtschaft beflügeln. Die andern Euro-Länder haben keine Verantwortung mehr für Griechenlands Binnenkonjunktur und den Wohlstand seiner Bürger.

Bei diesem Vorschlag scheint die Frage lediglich zu sein, wie intelligent und fleißig sind die Griechen. Vermutlich müssen die externen Gläubiger einen noch höheren Anteil der jetzigen Schulden abschreiben. Sie müssten aber keine neuen Darlehen an griechische Bürger und Firmen geben. Ich frage mich, wo liegt der Haken?


Nachtrag am 29.5.2012:

Mit dichterischer Verve beschrieb Nobelpreisträger Günter Grass vor vier Tagen das Schicksal des griechischen Volkes. Es sei Europas Schande - nicht das, was Griechenland tut oder nicht tut, sondern das, was wir ihm antun. 

Nachtrag am 5.6.2012:

Unter der Überschrift ‚Darf man sich den Gexit vorstellen?´ führt die FAZ einen Blog zu dem Thema Euro und Griechenland. Prominenter Blog-Schreiber ist Thomas Straubhaar.

Nachtrag am 18.7.2012: 

Griechenland hat gewählt. Die Anti-Europäer wurden nur zweiter Sieger. Mal sehen, was der Sieger zustande bringt. Klar, dass Deutschland weiter zahlen darf.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Die Piraten, der CCC und die Informatik (mit Nachträgen)

Am 18.5.2012 schrieb Hartmut Wedekind aus Darmstadt.

Bald wird alles anders sein“ heißt der Titel von Frank Rieger vom Chaos Computer Club (CCC) in der FAZ vom 18. Mai. Das, was der kluge Herr Rieger (Jahrgang 1971) in der FAZ heute flott über eine ganze Seite schreibt, das kann ja wohl nicht unwidersprochen so stehen bleiben. Ich fürchte aber, das bleibt unwidersprochen so stehen. 

Was schreibt der Herr Rieger? Der Roboter (Automat) und die Algorithmen übernehmen oder rauben uns unserer Arbeit. Die Roboter und Algorithmen und nicht unsere Arbeit muss deshalb zentral besteuert werden. Sie, der Roboter und die Algorithmen (die Wörter fallen laufend), haben unsere Rente und ein Grundeinkommen für jeden zu erwirtschaften. Wie bei den Physiokraten in Frankreich unter Quesnay (1758) nur die Landwirtschaft zu besteuern ist (impôt unique), so verlangt Rieger eine Automatensteuer. Rieger ist kein Physiokrat (Landwirtschaftokrat), sondern ein Automatokrat, der auch eine Zentralsteuer (impôt unique) fordert.

Herr Rieger hat sicherlich die früher schon an den Himmel gemalte „menless factory“ im Sinn. Seine Rede ist mindesten 30 Jahre alt, als man der Automatisierungstechnik noch Himmlisches zutraute. Heute wird aber z.B. der Himmel (die Decke im Auto) wieder von Hand montiert. Die Automatisierung war mit allem Drum und Dran zu kompliziert. Dass Triviales automatisierbar ist (Rasenmähen, Staubsaugen Zähneputzen, etc.), braucht Herr Rieger mir nicht zu sagen. Wenn‘s aber etwas subtiler wird, ist die Riegersche Piraten-Welt am Ende. Die CCC-Leute wollen offensichtlich Tante Emma schocken und Wahlen gewinnen.

Der junge Mann, der Herr Rieger, hat sicher einmal Ökonomie studiert. Dass unsere Prozess- und Arbeitswelt aber nicht von Algorithmen, sondern von Interaktionen dominiert werden, das sieht er nicht. Gerade der dialogische Zusammenhang zwischen Mensch und Maschine macht doch heute das Salz in der Suppe aus. Wir sind doch längst an die Grenzen menschenloser Automation gestoßen. Nicht der Algorithmus (das ist Opas Informatik), sondern die Interaktion steht doch im Zentrum des Interesses. Das kann man auch aus dem modernen BPMN 2.0 erkennen.

Ich befürchte, dass hier der (zukünftige) Chefökonom der Piraten spricht. Dahinter steht also eine politische Macht. Wer von den Philosophen, Informatikern, Ökonomen tritt dem entgegen, damit aus der Macht keine Nacht wird? Wenn ich das machen würde, dann heißt das bei der pseudo-intellektuellen FAZ nur „der redet ein alter Sack, ein Emeritierter, der hat sowieso keine Ahnung mehr...

PS: Ich glaube, ich merke so langsam, wohin die Reise der Piraten geht. Die konventionellen Parteien (inkl. Die Grünen) stehen dem paralysiert gegenüber. Die sind schlicht überfordert, bei dem politischen Personal. „Alles wird anders“ sagen die Piraten und ihr (gemeint sind die anderen politischen Aktivisten) könnt verschwinden.

Am 19.5.2012 fügte Hartmut Wedekind hinzu:

Der Terminus „Moore’s Law“ fällt, so ich mich erinnere, mehrfach in dem Aufsatz von Rieger. Mit „Moore‘s Law“ versuchen die Piraten die paralysierten Parteien hinweg zu blasen.

So stark politisch wie die Grünen werden die wahrscheinlich auch. Man muss nur so trommeln wie der Herr Rieger. Deshalb muss die Philosophie das rechte Maß finden. Politik und politische Ökonomie ist eine Sache des Augenmaßes (Max Weber).

Am 21.5.2012, 9:42 Uhr, antwortete Elisabeth Heinemann ebenfalls aus Darmstadt:

Die Piraten sind im Grunde die Konstruktivisten der heutigen Internet-Jugend: ihre herausragende Eigenschaft ist es, fortwährend die neuen Methoden nicht nur aufzuzeigen, sondern auch selbst einzusetzen und dem „gemeinen Volk“ zu sagen.. so könnt‘ ihr’s machen. Lösungen für die Probleme haben sie nicht und wollen sie auch primär gar nicht haben. Sie sind, auf den Punkt gebracht, eine Methoden-Partei. 

Und die Hauptmethode bzw. Eigenschaft eines zukünftigen Cyber-Bürgers ist es, über die Fähigkeit zur kontinuierlichen Rekonstruktion der Begriffe für Dinge und Ereignisse der realen Welt zu verfügen.

Am 21.5.2012, 10:37 Uhr, antwortete Hartmut Wedekind:

Schnellantwort: Eine Konstruktion, als Kosmos gedacht, steht doch dem Chaos diametral gegenüber. Kosmos war für die Griechen der bekannte, geordnete Weltraum. Chaos war für die Griechen die Unordnung, die klaffende (geistige) Leere.

Wenn Piraten sich unter dem Label „Chaos“ wohlfühlen, dann sind das unserer Antipoden, mit denen wir eigentlich in den Wissenschaften nichts zu tun haben wollen und auch können. Eine chaotische Wissenschaft gibt es nicht. Piraten sind alle Paul Feyerabends, „anything goes“ am PC. Von Informatik haben die sicherlich keine Ahnung.

Am 21.5.2012, 11:27 Uhr, antwortete Elisabeth Heinemann:

Vielleicht ist das ein wenig „kurz“ gedacht. Die Piraten sind als Europa-weite Bewegung nicht identisch mit dem deutschen CCC. Und auch aus Chaos kann „Gutes“ erwachsen. Es wäre schade, wenn man die Piraten nur auf ihr teilweise „chaotisches“ Auftreten reduzieren würde und die Hinweise auf die heutige Lebenspraxis im Cyber-Zeitalter unbeachtet ließe. Da verschenkt man eine Chance. Denn die Zukunft wird in diese Richtung gehen. Dann doch besser mitgestalten und zum Positiven wenden, anstatt von vorneherein verdammen.

Und was die Roboter angeht… die Maschinenstürmer in Deutschland waren da ja nicht anders (zwichen 1815 und 1849). Auch die wollten Maschinensteuer einführen wegen des Verlusts der menschbetriebenen Arbeitsplätze.

Am 21.5.2012, 14:27 Uhr, schrieb Hartmut Wedekind:

Schon der Titel [des Beitrags von Rieger in der FAZ] ist haarsträubend. Wenn der Autor „alles“ als All-Quantor verstanden wissen will. würde er bescheiden sagen „Bald wird einiges anders“. Dann würde ich innerlich nicht revoltieren. Der Satz „Bald wird alles anders“ ist ein empirischer Allsatz vom Typus „Alle Vögel können fliegen“. Wenn man (wie in [1] behandelt) auf einen Pinguin zeigt, der bekanntlich einen Vogel ist, der nicht fliegen kann, dann fällt der Satz umgehend ins Chaos. Das heißt der Satz ist falsch. Popper sprach vom Falsifizieren.

„Bald wird alles anders sein“. Wenn ich jetzt auf eine, sagen wir in aller Kürze, „Entität“ zeige, die sich nicht ändern wird, dann geht auch dieser Satz in den Orkus oder ins Chaos. Er ist falsifiziert nach Popper.

Wo ist der Pinguin? Was wird sich nicht ändern? Ganz einfach. Die Schemabildung, das Zentralproblem der Informatik (Teil 1 von Informatik als Grundbildung [1]). Automaten und Automatisierung, auf die Herr Rieger setzt, setzt ein Schematisieren voraus. Automatisch muss alles nach Schema eff gehen. Auch Algorithmen, die Herr Rieger so preist, sind Schemata. Erst recht Interaktionen über ein kompliziertes User Interface, das die Hälfte der Entwicklungszeit einer Anwendung kostet (so Volker Stiehl). Ich will mich doch nicht in einzelnen Ausprägungen (threads oder instances oder Tupeln) herumtummeln. Das ist etwas für Chaoten und Piraten, die damit der Tante Emma oder zurückgebliebenen Politikern imponieren wollen.

Wenn der Herr Rieger mit seinem Manifest als politscher Ökonom (der berühmteste war Karl Marx, der den Ausdruck mit seinem „Kapital“ ja auch in die Welt gesetzt hat) nur ein bisschen nachgedacht hätte, wäre er als Manifest-Schreiber (auch hier stammt das berühmteste Manifest, eben das „ Kommunistische Manifest“,  vom großen Karl) auf Hegel in Jena, der Lehrer vom Karlchen mit dem Barte, gestoßen. Frank Rieger hätte dann das Thema dialektisch anpacken müssen, um nicht haarsträubend zu wirken. Sein Thema müsste lauten „ Was sich bald ändert und was bleibt“. Hier stehen sich die beiden Pole das „Ändern“ und das „Bleiben“ dialektisch gegenüber und verlangen nach einer Synthese. Das ist natürlich nichts für Tante Emma und die pseudo-intellektuelle FAZ. In Interaktionen sind die Menschen, die Herr Rieger beraubt sieht, mitten drin. Es gibt immer mehr Interaktions-Arbeitsplätze. Tief unten drin laufen auch unsichtbar einige von den beschworenen Algorithmen des Herr Rieger, als Schemata vorhanden und durch einen Benutzer instanzialisiert.

Warum kommt man unweigerlich, wenn man das Thema „Was bleibt?“ anstimmt, zu dem, was ich schon angedeutet habe. Wesentliches von dem, was bleibt, steht in „Informatik als Grundbildung“ [1]. In dem Geiste “Was bleibt“ ist die Serie ja auch 2004 und 2005 geschrieben worden.


Referenz

1. Wedekind, H., Ortner, E., Inhetveen, R.: Informatik als Grundbildung. Informatik Spektrum 27(2): 172-180 (2004) und folgende vier Hefte.


Nachbemerkung

Heute, am 23.5.2012, las ich (Bertal Dresen) den zitierten Artikel im Netz. Er hat eine geänderte Überschrift. Sie lautet: ‚Roboter müssen unsere Rente sichern‘. Der Artikel erinnert stark an Jeremy Rifkins Buch ‚Das Ende der Arbeit‘‚ dessen englische Version bereits 1995 erschien. Das sind immerhin 17 Jahre her. Es besteht also kein Grund zur Aufregung. Auch Rifkin argumentierte für arbeitsloses Grundeinkommen. Wenn es dieser Idee so ergehen sollte wie James Tobin mit der von ihm im Jahre 1972 vorgeschlagenen Finanztransaktionssteuer, so werden sich unsere Enkel etwa im Jahre  2035 näher mit ihr befassen.

Dass die Piraten auf dieser Idee abfahren, zeigt, dass sie etwas moderner sind als die Sozialdemokraten. Ihr Stammvater Karl Marx hatte schon 1875 einen grauen Bart.


Am 23.5.2012, 13:58 Uhr, schickte Hartmut Wedekind der FAZ einen Leserbrief. Er ist im Stil zu schön und in der Aussage zu treffend, um ihn meinen Leserinnen und Lesern vorzuenthaltern.
 
Leserbrief
„Bald wird alles anders sein“

In seinem Manifest (FAZ vom 18.Mai 2012) „ Bald wird alles anders sein“ verkündet Frank Rieger vom Computer Chaos Club  prophetisch, dass durch Automatisierung und Algorithmen binnen Kurzem eine Totalveränderung unserer Gesellschaft folgen wird, wie  „Moore’s Law“ es befiehlt. Nun werden z.B. Logik und Arithmetik, wesentliche Komponenten im menschlichen  Leben,  in Zukunft zwar erweitert, aber sicherlich  nicht verändert, womit sich  Riegers Allsatz wenigstens formal   als eine falsche  Prophetie erweist. Aber auch inhaltlich ist es so, dass viele Schemata, das sind allgemeine Aspekte  von Abläufen, nicht ändern werden. Man denke z.B. an das Schema der Doppelten Buchhaltung. 

Rieger wäre gut beraten gewesen, wenn er nicht prophetisch, sonders dialektisch vorgegangen wäre. „Was sich bald ändert, und was bleibt“ müsste sein Thema lauten, dem man dann  natürlich nicht mehr das Prädikat  „Manifest“ zubilligen kann.  Im zentralen Fach „Informatik“ steht die Entwicklung  von Schemata, die jeglicher Automatisierung vorausgeht, im Mittelpunkt des Anwendungsgeschäftes. Die Informatik als Fach möchte sicherlich nicht ephemer sein, was ihr in der Welt des „Alles-Anders“ aber blüht.  

Auch die von Herrn Rieger empor stilisierten Algorithmen sind Teil-Schemata, die aber in einem viel größeren  Zusammenhang gesehen werden müssen. Und der Zusammenhang heißt „Interaktion“,  mit der großen Fragestellung,  wie man menschliche Handlungsschemata und maschinelle Ablaufschemata in einer Schnittstelle (user interface, UI) unter  einen Hut bringt. Bei der Entwicklung von Anwendungssystemen  wird in Sachen „user interface“ ein  beachtlicher   Aufwand getrieben, weil man um die Wichtigkeit der Präsentation gegenüber dem Menschen weiß. Viele unserer Arbeitsplätze sind  bleibende Interaktionsarbeitsplätze  und die Algorithmen des Herr Rieger  laufen „irgendwo in einem Keller auf dieser Welt“. Eine Sondersteuer, wie offensichtlich verlangt, auf diese Arbeitsplätze, weil im Keller etwas läuft, wäre absurd und chaosreif.

Prof. em. Harmut Wedekind


Am 24.5.2012, 15:30 Uhr, schickte Albert Endres aus Sindelfingen folgenden Leserbrief an die FAZ: 

Leserbrief
Zukunft unserer Enkel sichern

Frank Riegers FAZ-Artikel hat in der Online-Version einen sehr ansprechenden Titel bekommen. ‚Roboter müssen unsere Rente sichern‘ heißt es jetzt. Lasst uns also die papierne Version vergessen, an der sich Logik-Fans so festbissen. Mit der Online-Version lässt sich nämlich sinnvoll arbeiten und weiter diskutieren.

Zunächst muss man Rieger zugestehen, dass er noch um seine Rente besorgt ist. Vielleicht hat er bisher wenig selbst für seine Altersversorgung getan. Er hätte dann eine große Sorge weniger, wenn er andere Leute dazu überreden könnte, es statt seiner zu tun. Dass er deshalb gleich unseren ganzen Staat in die Pflicht nimmt, ist sehr egoistisch. Da ich aufgrund meines Alters mir keine Sorgen um meine Rente mache, möchte ich die Zeitachse um 50 Jahre verlängern. Es ist die Zeit, wenn meine Enkel gerne in den Ruhestand gehen möchten.

Viele Ideen in dem Beitrag von Rieger sind sehr nützlich. Es täte unserem Lande sehr gut, wenn ab und zu positive Utopien in die Diskussion gebracht würden. Es gibt heute sehr viele Leute oder Clubs, die auf Angst und Untergang hinarbeiten. Auch in konkreten Dingen macht der Artikel beachtenswerte Aussagen. Indem er Roboter betont, gesteht er zu, dass wir in Zukunft weiterhin gut sein müssen in der Produktion materieller Güter. Zu diesen gehören in erster Linie Lebensmittel für die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung. Noch viele Roboter-Anwendungen in der Landwirtschaft sind verbesserungsfähig. Das beginnt mit dem Pflügen, setzt sich fort beim Säen und Ernten. Letzteres ist teilweise sehr kompliziert, will man es automatisieren. Beispiele sind Kartoffelernten, Obstpflücken, aber auch Melken und Schlachten. Der Einsatz in der industriellen Fertigung (z.B. Auto- und Maschinenbau) und im Bauwesen ist heute so selbstverständlich, das man darüber nicht reden muss.

Von elementarer Bedeutung sind Roboter auch für die Rohstoff- und Energiegewinnung. Ich denke an den Bergbau, die Waldwirtschaft und die Gewinnung von Solarenergie. Aber auch die Aufbereitung von Wasser und die Entsorgung von Abfällen sind wichtige Einsatzgebiete für Roboter. Jeder weiß, dass Roboter noch nicht sehr gut im Selbstlernen sind. Fast jeder Einsatz in einem neuen Gebiet erfordert ausführliche Programmierung. Dafür müssen Leute ausgebildet werden. Außerdem müssen sie motiviert werden, sinnvollen Tätigkeiten nachzugehen. Das Chaos (im Kopf einiger Leute) zu beschreiben und zu bedauern, ist nur ein geringer Teil davon.

Damit kämen wir zur Produktion nicht-materieller Güter. Während die von Roboter übernommenen Arbeiten meistens sehr unbeliebt und gefährlich waren, ist dies bei den primär den Intellekt fordernden Arbeiten nicht so. Die Computer fanden dennoch Eingang. Von der Materialverwaltung und der Finanzbuchhaltung ausgehend, unterstützen sie heute Menschen in vielen anderen Tätigkeiten. Vor allem die letzten 20 Jahre zeigten, dass in Bildung und Unterhaltung der Computer eine zunehmende Rolle spielt. Gerade die bildenden Künstler (Autoren, Musiker), aber auch Journalisten, Lehrer und Wissenschaftler entdecken immer neue Möglichkeiten, wie man Computer zu seinem Nutzen einsetzen kann. Manchmal geht dies so rasch, dass man glaubt, Computer hätten die Absicht, Menschen in ihrer Wirkungsdomäne einzuengen oder sie sogar zu vertreiben.

Dieses ganze Spektrum neuer Möglichkeiten für den Einsatz von Computern und Robotern sollte man sehen. Die Gesellschaft und die Wirtschaft sollten und können sie nicht ignorieren. Man muss aber nicht zu allererst die Gesellschaftsform ändern, um überhaupt reagieren zu können. Weder Bürokraten noch Revoluzzer, weder Despoten noch Oligarchen haben einen Startvorteil. Eine offene und demokratische Gesellschaft kann dieser Aufgabe bestens Herr werden. Vielleicht werden nur einige zusätzliche Diskussionen erforderlich. Diese Diskussionen sollte man ernsthaft betreiben, denn sie kosten Zeit.


Am 24.5.2003, 19:10 Uhr, schrieb Peter Hiemann aus Grasse:

Frank Riegers FAZ-Artikel „Roboter müssen unsere Rente sichern“ bietet lediglich einen Überblick der technischen Veränderungen der derzeitigen industrialisierten Welt. Er bietet keinen vernünftigen Ansatz für gesellschaftliche Analysen.

Unter einem evolutionären Gesichtspunkt ist sicher, dass technologische Veränderungen immer Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen und deren Institutionen nach sich ziehen. Evolution bedeutet aber auch, dass Mutationen gesellschaftlicher Programme (Institutionen) veränderte Systemstrukturen und neues Systemverhalten (Systemzustände) bewirken, die nicht vorhersehbar sind.

Die derzeitigen kritischen globalen ökonomischen und ökologischen Indikatoren deuten darauf hin, dass der Generation unserer Enkel viel Arbeit bevorsteht, existierende Gesellschaftsstrukturen so umzubauen, damit ein würdevolles Leben aller Individuen weltweit zukünftig möglich ist. Diese Arbeit betrifft geistiges, politisches und vor allem ökonomisches Umdenken. Dazu gehören auch neue Regelungen, wie gesellschaftliche Infrastrukturen finanziert werden können. Geistige Neuorientierungen erfordern sogar mehrere Generationen.

Bei dem Umbau gesellschaftlicher Strukturen kann Informationstechnologie nur hilfreich sein. Diese Arbeit lässt sich nicht an Roboter delegieren.


Am 25.5.2012, 9:32 Uhr, schrieb Hartmut Wedekind:

Hier eine Ermahnung an alle, auch an die CCC-Leute, aus Faust I:

„Mein teurer Freund, ich rat Euch drum
Zuerst Collegium Logicum.
Da wird der Geist Euch wohl dressiert,
In spanische Stiefeln eingeschnürt,
Daß er bedächtiger so fortan
Hinschleiche die Gedankenbahn,
Und nicht etwa, die Kreuz und Quer,
Irrlichteliere hin und her.
Dann lehret man Euch manchen Tag,
Daß, was Ihr sonst auf einen Schlag
Getrieben, wie Essen und Trinken frei,
Eins! Zwei! Drei! dazu nötig sei.“

Ihr H. Wedekind, ein Logik-Freak

Montag, 21. Mai 2012

China und Chinesen – Eindrücke und Erinnerungen

Zu Weihnachten 2011 bekam ich Henry Kissingers China-Buch geschenkt. Mit dem Buch traf man voll meinen Geschmack. Mit China und Chinesen habe ich mich immer wieder beschäftigt. Es führt einfach kein Weg an ihnen vorbei. Das Buch gibt nur einen kurzen Abriss der chinesischen Geschichte, um sich dann den Personen und Perioden zuzuwenden, mit denen Kissinger selbst zu tun hatte. Kissinger war als Nixons Sicherheitsberater und Außenminister seines Nachfolgers Ford aktiv. Da er auch später nicht ganz von der politischen Bühne verschwand, behandelt er etwa die Zeit von 1957 bis 1990 als Zeitzeuge und Beteiligter. Er betont vor allem das chinesische Staatsverständnis und die außenpolitischen Ziele und Zwänge, mit denen er konfrontiert wurde.

Kissinger fand, dass Mao Zedong (1893-1976) – wie alle gebildeten Chinesen – sehr vertraut mit der Geschichte des Landes war. Im Gegensatz zu andern Ländern gab es China immer. Es gab keinen Anfang und wird auch kein Ende geben, nur Fluktuationen zwischen Aufstieg und Niedergang. Aufstieg ist verbunden mit Vereinigung und Expansion. Niedergang ist Zersplitterung und Fremdherrschaft. Aber jede Fremdherrschaft (wie etwa die Mongolen) wurde absorbiert, und zwar von der chinesischen Verwaltung und der Kultur. Auch die Demütigung seit dem 19. Jht durch die Europäer war zwar fatal, aber das chinesische Volk wird sie verkraften. Davon war Mao überzeugt.

Mao sah sich selbst als Philosoph und Lehrer. Einerseits wollte er Altes zerstören, anderseits glaubte er an die Kraft des Volkes und der Kultur. Er verblüffte seine Mitstreiter, wenn er auf Analogien in der Geschichte verwies oder auf Erkenntnisse der Militärstrategen von vor 1000 Jahren. Aus Maos Sicht war der Koreakrieg eine von Russen und Nordkoreanern provozierte Auseinandersetzung, in die China wider Willen hineingezogen wurde. Anders war es dagegen bei den beiden Taiwan-Krisen. Hier wollte China lediglich klarmachen, dass es nicht gewillt ist, Taiwan abzutreten. Es hatte daher kein Interesse, nur die der Festlandküste vorgelagerten Inseln Quemoy und Matsu zu erobern, sondern beschoss sie regelmäßig im Zweitage-Rhythmus. Die Aktion der 1000 Blumen sei eine Anwandlung im positiven Sinne gewesen, um in der Partei neuen Ideen Auftrieb zu verschaffen. Der Kulturkampf war bereits eine von Altersangst bestimmte Abwehrmaßnahme. Er befürchtete, seinen Einfluss zu verlieren. Als daraus mehr Schaden als Nutzen entstand, riss er das Steuer herum.

Außenpolitisch suchte Mao Hilfe in Moskau, als er noch nicht fest im Sattel saß. Später sah er Russland als größten Gegner und größte Gefahr an. Über das Verhältnis der beiden Länder sagte er, dass es in den nächsten 10.000 Jahren voller Spannungen sein würde. Als Kossygin zu einem Versöhnungsversuch nach Beijing kam, meinte er, dass diese Zeit der Spannungen sich vielleicht um 1.000 Jahre verkürzen ließe, ändern würde sich jedoch nichts. Er sah in den USA einen strategischen Partner und arrangierte sich mit ihnen. Es kam 1972 zum Treffen mit Nixon in Beijing. China verzichtete nicht auf Taiwan, war aber bereit, die Lösung (um einige Jahrzehnte) zu verschieben. Als die USA anschließend Abrüstungsgespräche mit Russland begannen, war Mao zutiefst enttäuscht.

Der mit westlicher Denkweise vertraute Zhou Enlai (1898-1976) diente Mao mit Kompetenz und Gewissenhaftigkeit ähnlich wie ein Mandarin dem Kaiser. Deng Xiaoping (1904-1997) dagegen vertrat nach Maos Tode eine völlig eigene Politik, die China zurück in die Gemeinschaft der Völker führte. Er gestand öffentlich ein, dass China nur aufholen konnte, indem es von andern Ländern lernte – etwas, das Mao nicht über die Lippen ging. Er besuchte die USA, Japan und Singapur und lobte deren technische Leistungen. Als es so aussah, als ob Russland mithilfe Vietnams eine Einkreisung Chinas betrieb, holte er 1979 unter amerikanischer Duldung zu einem Präventivschlag aus. Aus chinesischer Sicht war dies der dritte Indochina-Krieg, aber der erste, in dem sie direkt involviert waren. Am Befreiungskampf gegen die Franzosen (1946-1954) waren sie völlig unbeteiligt. Im Kampf gegen die Amerikaner (1964-1975) leisteten sie nur technische Hilfe. Ähnlich wie im Korea-Krieg ging es jetzt darum, die Einkreisung Chinas durch eine fremde Großmacht zu verhindern. Zweimal waren dies die USA, – davon ging man jedenfalls aus – jetzt die Sowjetunion.

Das Verhältnis zum Westen und insbesondere das zu den USA erhielt einen schweren Rückschlag Mitte 1989 durch das  Massaker am Platz des Himmlichen Friedens (Tiananmen-Platz). Kissinger ist bemüht, die Handlungsweise der chinesischen Regierung aus machtpolitischer und strategischer Sicht zu erklären. Als prominenter China-Freund reist er bereits Ende 1989 privat ins Land mit dem Ziel, den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Nicht nur im Falle Chinas schwankten die späteren US-Präsidenten in ihrer Außenpolitik zwischen der strikten Beachtung der Souveränität fremder Staaten und der gezielten Einmischung in die innern Angelegenheiten. Ersteres wird von Kissinger als das Prinzip des Westfälischen Friedens von 1648 bezeichnet. Letzeres drückt sich in humanitären Interventionen der Vereinten Nationen oder der NATO aus, etwa in Liberia oder dem Kosovo, aber auch in Appellen gegen die Inhaftierung einzelner Dissidenten oder Bürgerrechtler. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Aufstieg Chinas zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt erscheint langfristig ein strategischer Konflikt mit den USA als unvermeidbar – zumindest nach Ansicht mancher Leute. Um dem vorzubeugen, empfiehlt Kissinger eine Ko-Evolution beider Mächte zu einer pazifischen Gemeinschaft. Soweit das Buch des heute 90-jährigen Henry Kissinger.

Mao hatte eine hohe Meinung von der Lebenskraft und Leidensfähigkeit des chinesischen Volkes, aber auch von seiner Intelligenz und seinem Fleiß. Auch Kissinger vertritt dieselbe Einschätzung. Meine Kontakte mit chinesischen Kollegen können dies nur bestätigen. Ich will dies am Beispiel eines meiner Freunde erläutern, mit dem ich heute noch Kontakt habe.

Wir lernten uns 1963 in New York kennen. Er und seine Familie, die einst zur kaiserlichen Beamtenschaft gehörte, hatte China nach der Machtergreifung Maos verlassen. Er hat an der New York State University Mathematik und Physik studiert und danach eine Stelle bei IBM angenommen. Parallel zu seiner Industrietätigkeit promovierte er in Informatik an der Columbia University. Seine Frau betrieb ein China-Restaurant. Das einzige Kind lebte größtenteils bei den Großeltern. Nach erfolgreichem Abschluss der Promotion übernahm mein Freund eine Abteilungsleiterstelle bei IBM in Austin, TX, in einem Unix-Projekt. Während dieser Zeit betrieb seine Frau ein lebhaft besuchtes kantonesisches Restaurant in Austin. Jeden Abend verbrachte mein Kollege im Restaurant der Ehefrau an der Kasse. Nach etwa fünf Jahren verließ er IBM, um eine eigene Firma auf dem Gebiet der Telekommunikationsnetze zu gründen. Als diese Firma genügend Potenzial besaß, um sie an die Börse zu bringen, veräußerte er sie. Er gründete eine neue Firma, die er nach 2-3 Jahren ebenfalls an die Börse brachte. Im Jahre 1995 schied er im Alter von 60 Jahren auch aus dieser Firma aus. Seither ist er Rentner und verbringt das Jahr, indem er zwischen seinen Wohnungen in Boston, Shanghai und am Comer See wechselt.

Um etwas über das Land und seine Leute zu sagen, will ich drei Episoden wiedergeben, die meine Frau und ich bei einer Chinareise im Jahre 1987 erlebten. Es war die Regierungszeit von Deng Xiaopeng und die Öffnung des Landes hatte soeben begonnen. Die Reise führte über Beijing, Xian, den Kaiserkanal, Nanking, Shanghai, Kanton (Guangzhou) zum Li-Fluss. Sie endete in Hongkong. Die Reise vermittelte einen ausgezeichneten Eindruck von der Größe und Vielseitigkeit des Landes und der Schönheit der Landschaft. Die Episoden sollen Hinweise geben auf den Charakter des Volkes.

- In der alten Kaiserstadt Xian besuchten wir die Wildgans-Pagode. Von hier hatte im Jahre 628, während der Tang-Dynastie, der Mönch Xuan Zang die berühmte Reise nach Westen angetreten, die ihn über die Seidenstraße nach Indien führte. Von dort kehrte er 657 mit den Schriften Buddhas zurück, die er dann in Xian ins Chinesische übersetzte. Sein Kaiser ließ daraufhin den Buddhismus als Religion zu. Im 14. Jahrhundert entstand hier eines der klassischen chinesischen Epen, das diese Reise behandelt. 


Bestaunte Ausländer

Als wir die Pagode besichtigten, waren auch viele Chinesen dort. Plötzlich gab man mir ein kleines Kind. Ich war etwas entsetzt, bis dass der Reiseleiter mir klar machte, dass man mich nur mit dem Kind auf dem Arm fotografieren wollte. Für Chinesen, die damals selten Europäer sahen, waren wir etwas Besonderes, nämlich die Riesen mit den langen Nasen.


Stadtleben

- Wenn immer wir einzeln auf der Straße auftauchten, wurden wir nicht selten von jungen Leuten angesprochen. Sie versuchten, in der Unterhaltung mit uns ihre Eng­lischkenntnisse zu testen, bzw. zu verbessern. Oft waren es nur zwei Sätze, die man kannte. ‚What is your name?‘ und ‚Where are you from?‘. Dann grinste man und ging davon. Einmal antwortete ich auf die zweite Frage wie fast immer: ‚We are from Germany‘. Daran schloss sich folgender Kommentar an: ‘Many humans come to China, but mainly west humans’. Mein Gegenüber meinte natürlich ‚Germans‘, aber es klang ganz anders. Wollte ich die Gegenüber verwirren, sagte ich schon mal, dass wir aus Luxemburg kämen. Dann stutzten sie und meinten, wir würden sie verulken.

 
Individualverkehr

- Eine Episode betraf unseren chinesischen Reiseleiter. Wenn wir von Ort zu Ort wechselten, wurden unsere Koffer immer per Lastwagen zum Bahnhof oder zum Flugplatz transportiert. Wir mussten feststellen, dass sie meistens reichlich lädiert ankamen. In einer Stadt sahen wir den Grund. Die Koffer wurden einfach vom Lastwagen auf die Straße geworfen. Wir baten unsern Reiseleiter daraufhin, sich dafür zu verwenden, dass mit den Koffern sorgfältiger umgegangen wird. Er versprach dies zu tun, war aber selbst skeptisch. Deshalb riet er uns, jeden Koffer mit einem Lederriemen zusammenzubinden. Er würde uns diese kostenlos besorgen. Am nächsten Morgen hatte er die entsprechende Anzahl von Riemen. Als wir fragten, wo er sie her hätte, stöhnte er. Er habe fast die ganze Nacht darauf verwandt und habe die halbe Stadt abgeklappert, bis er sie hatte. Wie groß muss seine Enttäuschung gewesen sein, als einen Tag später alle Koffer ohne die Riemen im nächsten Hotel ankamen. Wir mussten ihn trösten. Erwähnt sei noch, dass unser Reiseleiter uns am Schluss der Reise noch ein festverschnürtes Päckchen anvertraute, das wir seiner Frau brachten, die in Tübingen Jura studierte.

Donnerstag, 10. Mai 2012

Facebooks Börsengang – was steckt dahinter? (mit Nachträgen)

Diesen Monat kann man mal wieder Kapitalismus in Aktion studieren. Das IPO von Facebook steht an. IPO heißt ‚Initial Public Offering‘, zu Deutsch Börsengang. Es wurde schon länger davon gesprochen. Jetzt scheint es ernst zu werden. Am 18. Mai soll es soweit sein. Auch dem Spiegel war es bereits eine Titelgeschichte wert. Besonders interessieren mich in diesem Fall folgende Fragen:

(1) Was ist das Geschäftsmodell und wird es tragen?
(2) Was steckt technisch hinter der Firma, und welche Rolle spielt dies?
(3) Welche Leute sind bestimmend?
(4) Warum geht so etwas in den USA, aber kaum bei uns?

Um den strengen Regeln des amerikanischen Aktienrechts zu genügen, hat der von mehreren amerikanischen Banken und der Deutschen Bank herausgegebene Prospekt fast 200 Seiten, Die im folgenden genannten Zahlen stammen fast ausschließlich aus diesem Dokument. Angeboten werden 337 Mio. Aktien. Der Preis wird noch festgelegt. Er soll zwischen 28 und 35 US$ liegen. Der Firmengründer, Mark Zuckerberg, will 57% der Aktien behalten. Da Facebook keinen Mangel an Bargeld hat, wird der Börsengang vermutlich primär von Banken betrieben.

Das Geschäftsmodell

Das Unternehmen ist nur acht Jahre alt, ist aber bereits weltbekannt. Es hat angeblich über 900 Mio. monatlich aktive Nutzer. Auch meine Enkel und die Enkel meiner Geschwister gehören dazu. Ganz ähnliche Ideen verfolgten StudiVZ und SchülerVZ, aber auch MySpace. Sie blieben auf der Strecke. Wenn das Wachstum bei Facebook anhält, wird noch in diesem Sommer die Grenze von einer Milliarde Nutzern durchbrochen. Etwa 100 Mrd. so genannte Freundschaftsbeziehungen würden gepflegt. Täglich sollen 500 Mio. Nutzer aktiv sein und 250 Mio. Fotos hochgeladen werden. Fast drei Mrd. Bewertungen und Kommentare werden täglich abgegeben. Das sind astronomische Zahlen! Das alles sind aber zunächst nur Kosten, es sei denn man weiß, wie man diese Zahlen zu Geld macht. Erinnern möchte ich an Youtube oder Skype. Sie berichten seit Jahren ähnliche Zahlen, haben aber noch kein Geld verdient.

Die bereits von Google mit großem Erfolg angewandte Geschäftsidee heißt: Wer viele Nutzer an sich binden kann, der ist für die Werbebranche attraktiv. Für Werbung entscheidend ist die Aufmerksamkeit, die man von seinen Nutzern bekommt. Ich erinnere mich an einen Vergleich vor einigen Jahren als Google noch deutlich mehr Nutzer hatte als Facebook. Damals wurde argumentiert, dass Facebook-Nutzer mehr wert seien (für die Werbebranche), da sie mehr Zeit im Netz verbrächten als Google-Nutzer. Der Werbeumsatz von Facebook ist inzwischen signifikant und stetig wachsend. Mit 3,5 Mrd. US$ hat er aber erst 10% von Google erreicht. Man hofft auf mehr.

Dafür wurde das Schlagwort der sozialen Werbung (engl. social ads) erfunden. Bei Google verrät der Nutzer sein Interesse dadurch, dass er etwas Bestimmtes sucht. Es können Jagdwaffen, Reiseziele, Bücher, Küchengeräte oder Computer sein. Daraus wird geschlossen, dass er in nächster Zeit dergleichen kaufen wird. Google versteigert die Positionen, die auf bestimmte Waren hindeuten, an seine Werbekunden. Facebook lässt seine Nutzer über alles Mögliche abstimmen. Durch Betätigung der Schaltfläche ‚Gefällt mir‘ kann man positive (aber keine negativen) Bewertungen abgeben. Ob dies mit einer bevorstehenden Kaufentscheidung zu tun hat, ist offen. Man kann jedoch Rückschlüsse darauf ziehen, zu welcher politischen, kulturellen oder altersmäßigen Gruppierung jemand gehört oder sich hingezogen fühlt. Entsprechend kann man Beziehungen herstellen zwischen Individuen und Freundeskreisen einerseits und politischen und gesellschaftlichen Initiativen andererseits. Interessiert daran dies zu erfahren sind Zeitungen, Verlage, Parteien und dgl. Aber auch für Tierfreunde, Sportgeräte- oder Pharmahersteller kann die Information von Interesse sein. Während Googles Stärke in der zielgerichteten Produktwerbung liegt, scheint Facebook mehr für Image-Werbung geeignet zu sein. Das ist ein wesentlich kleinerer Markt.

Dass Facebook mehr über seine Nutzer weiß als Google, ist kein Geheimnis. Die Nutzer teilen sich gegenseitig mit, was sie gerade tun, welche Hobbies und Präferenzen sie haben, und vieles andere mehr. Die Frage ist, welche Informationen darf Facebook auswerten und seinen Werbekunden zur Verfügung stellen. Die Grenze zur Verletzung der Privatsphäre liegt hier sehr nahe. Die Frage ist, wieweit es Facebook gelingt, diese Grenze zu verschieben, ohne auf Gegenwind zu stoßen. Hier liegt die Problematik von Facebook. Im Prospekt wird dies ignoriert bzw. heruntergespielt.

Das technische Vermögen

In diesem Punkte schweigt sich der Prospekt aus. Auch andere Quellen sind da nicht sehr ergiebig. Vermögen ist hier im doppelten Sinne zu verstehen, nämlich was die Firma besitzt und was sie kann. Facebook hat offensichtlich ein Zahlungssystem entwickelt sowie Visualisierungs-Software für Beziehungsnetze. Das Zahlungssystem deutet darauf hin, dass man auch den Versandhandel im Auge hat, ein Markt, der von Amazon beherrscht wird. Auch können Nutzer eigene Anwendungen (Apps) entwickeln. Hier scheint die Firma Apple Pate zu stehen, die mit den Apps für iPhone und iPad auf eine Goldader gestoßen ist. Ganz offensichtlich hofft man darauf, dass die große Anzahl der Nutzer die Attraktivität des Facebook-Netzes nicht nur durch ihre zeitliche Aufmerksamkeit sondern auch durch kreative Beiträge steigern wird.

Eine gewisse Bedeutung hat die Spielefirma Zynga. Ihre Spiele generieren Umsatz für Facebook. Durch den sehr teuren Aufkauf der Firma Instagram zeigte Facebook, dass man sehr an Fotobearbeitung und Foto-Sharing interessiert ist, eine Anwendung, die von Yahoo mit Flickr bedient wird.

Der Prospekt zeigt auch, dass sehr viel Geld für den Erwerb von Patenten ausgegeben wurde. Da nicht angegeben wird, um welche Patente es sich handelt, können auch keine Rückschlüsse gezogen werden, welche Aktivitäten oder zukünftigen Produkte geschützt werden müssen. Im Zweifelsfalle ist es eine Maßnahme, die nur dazu dient, sich Freiraum zu verschaffen oder sich Verhandlungsmasse zuzulegen.

Interessant ist, wo die Hauptrisiken für die Firma gesehen werden. Genannt werden: Bindung alter und neuer Nutzer, Verlust der Werbekunden, Blockade des Zugriffs auf Benutzerdaten (durch mangelnde Bereitwilligkeit der Nutzer oder gesetzliche Barrieren), Eindringen von Schad-Software, sowie Verlust von Herrn Zuckerberg, Frau Sandberg und anderer. Die Entwicklung von technisch attraktiven Produkten spielt offensichtlich nur eine untergeordnete Rolle.

Mitarbeiter und Geldgeber

Die Firma Facebook wurde 2004 von Mark Zuckerberg und seinen Kommilitonen Eduardo Saverin, Dustin Moskovitz und Chris Hughes gegründet. Zuckerberg war damals Student in Harvard und 20 Jahre alt. Nach der Installation in Harvard wurde ihr erstes System zunächst auf Universitäten und Colleges um Boston übertragen. Ein früherer Rechtstreit um die kommerzielle Nutzung des Produktes scheint beendet zu sein. 


Zuckerberg 2005 (Quelle Wikipedia)

Zuckerberg hat heute eine klar dominierende Stellung. Das drückt sich sowohl in seinem Einkommen aus als auch in seinem Einfluss. Beleuchtend ist die Tatsache, dass in 2011 sein Gehalt von 704.000 US$ allein durch Flugkosten von rund 700.000 US$ ergänzt wurde. Der Aufsichtsrat der Firma, das Direktorium, besteht ausschließlich aus Leuten, die ihm nahestehen und die er berufen hat. Unter diesen fallen einige besonders auf, so Marc Andreesen (ehemals Netscape), Sean Parker (ehemals Napster), Peter Thiel (ein deutsch-stämmiger Wagniskapitalgeber) sowie Dustin Moskovitz (ein Kommilitone aus der Harvard-Zeit).

Neben Zuckerberg spielt heute vor allem Sheryl Sandberg eine hervorgehobene Rolle. Sie wurde von Google abgeworben, wo sie für den weltweiten Online-Verkauf verantwortlich war. Vorher leitete sie den Stab des amerikanischen Finanzministers Larry Summers. Der Entwicklungsleiter heißt Mike Schroepfer. Er war bei Sun tätig, bevor er 2005 zur Mozilla Corporation stieß, wo er die Entwicklung des Firefox-Browsers leitete. Die jetzige Aufgabe hat er seit Juli 2008.


Facebook hat 3.200 Mitarbeiter. Im Vergleich zu Apple (46.600) und Google (24.400) ist das wenig. Daher ist das Verhältnis von Umsatz zu Gewinn noch sehr gut. Andererseits lassen sich kaum Produkte erwarten, die an die von Apple und Google heranreichen.

Warum gibt es solche Erfolgsgeschichten so selten bei uns?

Diese Frage stellen sich viele, vor allem die Politiker. Die Antwort ist leider nicht eindeutig. Studienabbrecher, die Firmen gründen, gibt es bei uns auch. Gute Ideen offensichtlich auch. Sie müssen allerdings einen Finanzierer finden, der dafür sorgt, dass daraus Produkte oder Dienstleistungen für den Weltmarkt entstehen. Der deutsche Markt ist zu klein. Auch an Geld mangelt es nicht. Wie mir ein Branchenkenner gestand, investieren Deutsche ihr Geld lieber in amerikanische Startups als in deutsche Neugründungen. Das ist traurig, aber wahr.

In unserer Branche haben SAP und Software AG vor Jahrzehnten gezeigt, wie die Internationalisierung klappt – sogar ohne Fremdkapital. Natürlich hat sich seither Einiges geändert. Die Notwendigkeit, gleich an den Weltmarkt zu denken, ist heute zwingender denn je. Wir haben viele Unternehmen, große und kleine, in den verschiedensten Branchen, die gezeigt haben, wie dies heute geht. Wer nicht den Mut oder die Kraft hat, dies selbst zu tun, kann sich anderer Firmen als Träger oder Türöffner bedienen. Besonders die Automobilindustrie müsste ein Gespür für das Potential mobiler Informatik-Anwendungen haben. Weder in dieser noch in andern Branchen mangelt es an Kreativität. Natürlich wäre es schön, wir könnten von der Informatik-Branche dasselbe sagen. 

Facebook zeigt auch, – sollte es weiterhin Erfolg haben – dass Produkte nicht alles sind. Man hat in erster Linie einen Anziehungspunkt geschaffen für vorwiegend junge Menschen. Spötter sagen, dass das Durchschnittsalter der Nutzer bald unter 14 Jahren liegen wird, mit einer Tendenz noch weiter zu fallen. Zumindest für diesen Teil der Erfolgsstory ist es schwer, ihn sich außerhalb der USA vorzustellen.
 
Nachtrag am 19.5.2012:

Gestern um 11:30 Uhr New Yorker Zeit (15:30 Uhr MEZ) wurde der Handel mit Facebook (Kürzel: FB) eröffnet. Der Kurs ging zunächst auf 43 US$. Im Verlaufe des Tages sank er wieder auf den Ausgabekurs von 38 US$. 

Im vorbörslichen Handel sei das Interesse sehr groß gewesen. Es wurden statt der geplanten 337 Mio. insgesamt etwa 480 Mio. Aktien angeboten. Der Investor Peter Thiel soll einen Teil seiner Aktien abgegeben haben.


Nachtrag am 30.5.2012

Heute fiel der Kurs auf 25 US$. Ein Experte hat auch den Grund entdeckt. Facebook habe im Gegensatz zu Google kein tragfähiges Geschäftsmodell. Das ist aber keine neue Erkenntnis (siehe oben!). Wieso redet man erst jetzt darüber?

Freitag, 4. Mai 2012

Abstrakt, logisch und virtuell – so liebt es die Informatik

Diese drei Begriffe sind unentbehrlich für die Informatik-Literatur. Sie erscheinen sowohl in populären wie in wissenschaftlichen Werken. Nur ungern lasse ich mich in terminologische Dispute ein. Manchmal wird man dazu mehr oder weniger gezwungen, wie dies in den zurückliegenden Beiträgen geschah. Ich komme mir dabei vor, als ob ich mit Treibsand ein Haus bauen will.

Die besten Chancen verspreche ich mir, die Bedeutung der obigen drei Begriffe in den Griff zu bekommen, indem ich gleichzeitig das Gegenteil mit betrachte. Die Begriffspaare grenzen ein, vor allem gegenüber der Benutzung in andern Wissenschaften, etwa der Mathematik oder Physik.


Begriffspaar 1: Abstrakt – konkret

Es gibt in der Informatik beiderlei Datentypen, beiderlei Methoden und Klassen sowie beiderlei Syntax. Außerdem gibt es beiderlei Automaten und beiderlei Arbeit (letzteres bei Karl Marx). Ich werde nur die ersten vier Fälle durch einen kurzen Hinweis erläutern.

Ein abstrakter Datentyp (ADT) ist ein Verbund von Daten zusammen mit der Definition aller zulässigen Operationen, die auf sie zugreifen

Eine abstrakte Klasse bezeichnet in der objektorientierten Programmierung eine spezielle Klasse, die mindestens eine, aber auch mehrere abstrakte Methoden enthalten (also Methoden ohne Rumpf, nur mit der Signatur). Per Definition können abstrakte Klassen nicht instanziiert, d.h. keine Objekte von ihnen erzeugt werden.

Eine abstrakte Syntax beschreibt die generische Struktur von Daten unabhängig von der Kodierungstechnik, die benutzt wird, um diese Daten zu repräsentieren.

 Abb..1: Abstraktionsstufen eines Bildes

Bedeutung 1A (Umgangssprache): Abstrakt ist gleichbedeutend mit vage, verschwommen, aber auch (laut Duden) vom Dinglichen gelöst, rein begrifflich und vergeistigt. Man ist frei von körperlichen Eigenarten und Beschränkungen und ohne Bezug zur Realität. Abstrakte Darstellungen eines Gegenstandes lassen Details weg. So versteht sich auch die abstrakte Kunst. Diese Bedeutung deckt sich mit dem lat. abstractus = abgezogen. Konkret ist gegenständlich. Das grafische Beispiel in Abb. 1 zeigt verschiedene Abstraktionsgrade desselben Bildes.

Bedeutung 1B (mathematische Logik): Der Mathematiker Gottlob Frege (1848-1926) erkannte, dass durch (manche) Abstraktionen Äquivalenzklassen entstehen. So erlaubt eine Abstraktion es, Dinge zu vergleichen oder als Menge zusammenzufassen, die vorher nicht vergleichbar waren. Beispiele aus dem Alltagsleben sind:

1 Tisch, 4 Stühle, 2 Vasen, 3 Bilder, 1 Schrank → 11 Einrichtungsgegenstände

oder

2 Äpfel, 3 Birnen, 6 Erdbeeren und 10 Weintrauben → 21 Stücke Obst, oder besser etwa 2 Kilo Obst.
  
In der Informatik gelten beide Bedeutungen. Im Zusammenhang mit formatierten Daten scheint die Bedeutung 1B sehr hilfreich zu sein (siehe Wedekind [1]). Bei nicht-formatierten Daten (Texten, Bildern) kommt meistens Bedeutung 1A zum Tragen. Bekanntlich sind die darauf basierenden Anwendungen enorm im Vormarsch.

Sonderfall: Der Abstrakt eines Textes ist eine kurze, prägnante Zusammenfassung eines längeren Textes.


Begriffspaar 2A: Logisch – physisch

Es gibt in der Informatik beiderlei Sätze (in der Datenverwaltung), beiderlei Schemas (bei Datenbanken) und beiderlei Laufwerke (in der Rechner-Konfiguration)

Bei Magnetbändern und Platten ist ein physischer Satz (Block) technisch bedingt und stimmt oft nicht mit einem logischen Satz überein. Der kann größer oder kleiner als ein Block sein.

Während das interne Schema die physische Gruppierung der Daten und die Speicherplatzbelegung beschreibt, gibt das logische Schema (abgeleitet aus dem konzeptionellen Schema) den grundlegenden Aufbau der Datenstruktur wieder. 

Plattenbereiche (Partitionen) können von Betriebssystemen wie physische Laufwerke behandelt werden. Man bezeichnet solche Partitionen daher auch als logisches Laufwerk.

Logisch ist etwas, wenn es so ist, wie vernünftige Menschen es haben möchten. Eine logische Aussage macht Sinn, ist folgerichtig und enthält keine Ungereimtheiten. Das Wort kommt von griechisch logos = Wort. Physisch ist so, wie es von Natur aus ist.


Begriffspaar 2B: Logisch – arithmetisch

Es gibt beiderlei Ausdrücke in fast allen Programmiersprachen. Logische Ausdrücke bestimmen den Programmfluss, d.h. welche Pfade durchlaufen werden. Arithmetische Ausdrücke geben an, welche Funktionswerte berechnet werden.

Begriffspaar 3: Virtuell – real

Es gibt in der Informatik beiderlei Adressen, beiderlei Speicher, beiderlei Laufwerke und beiderlei Maschinen. In der Physik gibt es virtuelle Bilder (siehe Abb. 2) und virtuelle Teilchen, in der Betriebswirtschaftslehre virtuelle Organisationen. Die vier Verwendungen in der Informatik sind kurz vorgestellt. Eine fünfte folgt als Sonderfall.

Eine virtuelle Adresse ist die Adresse in einem virtuellen Speicher. Der virtuelle Speicher bezeichnet den vom tatsächlich vorhandenen Arbeitsspeicher unabhängigen Adressraum, der einem Prozess vom Betriebssystem zur Verfügung gestellt wird.

Als virtuelles Laufwerk bezeichnet man die funktionelle Nachbildung (Emulation) eines Laufwerks inklusive eines Datenträgers bzw. Wechselmediums..

Eine virtuelle Maschine ist ein simulierter Computer. Er besteht nicht aus Hardware, sondern aus Software. Auf einem reellen Computer können gleichzeitig mehrere virtuelle Maschinen betrieben werden

Abb. 2: Virtuelles Bild im Spiegel. Quelle: Wikipedia

Virtuell bedeutet, dass etwas nicht in der Form existiert, in der es zu existieren scheint, aber in ihrem Wesen oder ihrer Wirkung einer real existierenden Sache gleicht (siehe Duden). Die Form ist ohne Beschränkung, ohne Makel. Das Wort kommt von lat. virtus = Tugend. Es war ursprünglich ein Synonym für Abstrakt, ist es aber nicht mehr. Real ist echt vorhanden.

Sonderfall: Virtuelle Realität

Hier liegt so etwas wie eine Contradictio in adiecto (widersprechendes Adjektiv) vor. Das ist der Fall, wenn ein Adjektiv und ein Substantiv eine Wortgruppe bilden, die von ihrer Bedeutung her nicht zueinander passen. Beispiele sind "weißer Rappe" und "schwarzer Schimmel". Der Begriff Realität ist hier irreführend. Alles ist virtuell wie in einem Spiegel. Da die Objekte um einen herum angeordnet sind, und man mit ihnen interagiert, glaubt der naive Nutzer, er interagiere mit der Realität.

Nachtrag: Implizit - explizit

Nicht zur Informatik sondern zur Mathematik gehört das Begriffspaar implizit und explizit. Computer zwingen Informatiker meistens dazu, explizit zu sagen, was sie wollen und wie dies geschehen soll. Bei impliziten Angaben (seien es Funktionen, Gleichungen oder Wissen) stellt ein normaler Computer sich mit Recht stur. Erst wenn er sich klar wurde, dass er eigentlich alles können müsste, was ein Mensch kann, fängt er an, Formeln zu manipulieren. Mit Hilfe von Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) versucht er Gleichungen zu lösen, d.h. aus der impliziten in die explizite Form umzuwandeln.

Nachgedanken

Die Beschäftigung mit Terminologie legt einige Gedanken nahe über das Wesen von (natürlichen) Sprachen. Sie sind vorwiegend Hilfsmittel der Kommunikation zwischen gleichzeitig existierenden Gesellschaften oder Gruppen. Sie sind Vereinbarungen zwischen den aktuellen Teilnehmern eines meist über Jahre hinweg bestehenden Kommunikationsfadens (engl. thread). Man beginnt dabei nicht am Punkt Null, sondern verwendet, was man von Andern gelernt hat. Die ‚Andern‘ sind Eltern, Lehrer, Medien und Clique.

Verschiedene Gruppen, auch im selben Sprachraum, verändern die Sprache nach Bedarf. Oft tun sie es auch willkürlich. Jede Sprache hat nur endlich viele Wortstämme. Diese werden ergänzt, indem man andere Sprachen als Steinbruch verwendet.

Die verschiedenen Gruppen, Gesellschaften und Zeiten haben dafür verschiedene Favoriten. Alt-griechische, lateinische, französische und englische Lehnworte verraten, von wem sie wann adoptiert wurden. Mit ihrer Hilfe lassen sich auch Begriffe verfeinern, wie bei Feier, Fête und Party. Sprachnutzer führen selten ganz neue Worte ein, viel öfters re-interpretieren sie bestehende Worte und Begriffe. Eine beliebte Methode der Neuschöpfung sind Abkürzungen, wie Azubi, GAU und EKG.

Manchmal verwirren Sprachnutzer Außenstehende oder hängen sie einfach ab. Nur beschränkt werden Anstrengungen unternommen, dass auch Außenstehende den Informationsaustausch einer Gruppe voll verstehen. Das gilt auch zwischen verschiedenen Generationen. Vieles von dem, was in der Sprachforschung an wissenschaftlichen Erkenntnissen gewonnen werden kann, ist historischer, wenn nicht gar anekdotischer Natur.

Zusätzliche Referenz
  1. Wedekind, H., · Ortner , E., ·Inhetveen, R.: Informatik als Grundbildung, Teil III: Gleichheit und Abstraktion. Informatik-Spektrum 27,4 (August 2004), 337-341 

Am 4.5. um 16:45 Uhr schickte Hartmut Wedekind folgenden Kommentar: 


Die Schiffbrüchigen
Eine Anekdote von Otto Neurath (1881 -1945),
nacherzählt von Hartmut Wedekind

Otto Neurath, der Cheforganisator des Wiener Kreises um Rudolf Carnap (1891- 1970), hat eine wunderschöne und lehrreiche Anekdote  darüber verfasst, wie wir unsere  Wissenschaftssprache aufbauen sollten, um nicht endgültig in einem Meer von Unbestimmtheiten abzusaufen. Diese Geschichte von Schiffbrüchigen, die wir nun nacherzählen, wird in der Literatur wieder und wieder zitiert, z.B. bei W.v.O. Quine  in seinem Werk  „Word and Object“,  bei Paul Lorenzen in seinem Essay „ Methodisches Denken“  und von Helmut Seiffert in seinem Büchlein „Wissenschaftstheorie “.  Schiffbrüchige, die sich ein stolzes Schiff auf hoher See selbst wieder flott machen, das ist der Inhalt der alte Seemanns-Story von Otto Neurath, auch für Piraten geeignet, die durch das Netz wegen der schier unendlichen Verfügbarkeit in einen anarchischen Vollrausch geraten sind.

Wo fangen wir bei unserem Aufbau einer Wissenschaftssprache an?

Eine „ tabula rasa“, einen absoluten Anfang gibt es nicht. Würden wir diesen voraussetzen, so würde das im Bilde der Seefahrt bedeuten, wir sind an Land und bauen oder reparieren in aller Ruhe ein Schiff in einer Werft.  Das geht aber nicht. Wir sind mit unserer natürlichen Sprache als ein Schiff immer schon auf hoher See und es gibt kein Land ringsum, um dort Reparaturen oder ganze Havarien auszubessern. Es gibt keinen Anfang. Und trotzdem haben unsere Vorfahren dieses Schiff gebaut. Diese konnten offensichtlich schwimmen und haben sich irgendwie aus herumtreibendem Holz zunächst ein Floß gezimmert, dieses immer wieder verbessert, bis es heute zu einem stolzen Schiff geworden ist.

Wir Schiffbrüchigen müssen mitten im Meer nun eine Rekonstruktion unseres Schiffs vornehmen. Das heißt, wir müssen ins Wasser springen, vor dem wir keine Angst haben dürfen, weil uns sonst der Seemannstod ereilt. Wir finden schwimmend erste Planken als Prädikate, mit denen wir herum schwimmende Holzteile unterscheiden können. Wir kennen Regeln, um Holzteile oder Prädikate zusammenzufügen. Durch Regeln verbinden wir die Prädikate auch zu einem Begriffssystem usw. so lange, bis wir wieder flott sind. Was wird aber aus unseren Mitseefahrern, die sich an der Rekonstruktion nicht beteiligen? Die gehen mit dem havarierten Schiff im Meer der Unbestimmtheit unter, obwohl sie versuchen werden, auf ein paar Planken festgeklammert mehr oder weniger vergeblich ihr Leben zu retten.

Die Quintessenz der Neurath‘schen  Story oder die „Moral von der Geschicht“ nach Seifert:
1. Es gibt keinen absoluten Anfang.
2. Trotzdem können wir es unternehmen, eine Wissenschaftssprache von Anfang an systematisch aufzubauen (d.h. auf hoher See schwimmend ein neues Schiff zu zimmern).

Eine Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen. Ich bezweifele, dass es sehr realistisch ist, in stürmischer See aus herumtreibendem Holz mehr als nur ein primitives Floß bauen zu wollen. (BD)

Am 6.5.2012 schrieb Hartmut Wedekind:
 
Allegorien wie das Beispiel von Schiffbrüchigen gehören nicht in die realistische (wirkliche) Welt. Allegorien, so steht in meinem Lexikon, sind seit der Antike uneigentliche Redefiguren, die etwas anderes als den wörtliche Sinn zum Ausdruck bringen. Sie gehören in den Bereich des analogischen Denkens (Analogie = Entsprechung). „Ritter Tod und Teufel“ von Dürer sind auch nicht realistisch. Sie sind im übertragenen Sinne vom Betrachter zu verstehen.