Donnerstag, 30. Januar 2014

Poesie der Generationen

Mit dem Ettikett Generation Y werden von Soziologen die Jugendlichen bezeichnet, die um die Jahrtausendwende im Teenager-Alter waren. Es sind dies die Geburtsjahrgänge etwa von 1985 bis 1992. Diese Altersgruppe gilt damit als die Nachfolger der Generation X (etwa 1967-1985). Davor gab es die Baby-Boomer (in Deutschland etwa 1955-1967, in den USA 10 Jahre früher).

Die Generation Y gilt als vergleichsweise gut ausgebildet und zeichnet sich durch eine 'technologie-affine Lebensweise'  aus, da es sich um die erste Generation handelt, die größtenteils in einem Umfeld von Internet und mobiler Kommunikation aufgewachsen ist. Sie sei optimistisch und selbstbewusst und hätte wenig Vertrauen in die Regierung. Sie konsumiere massiv elektronische Medien, sie ernähre sich einseitig und fühle sich von der gesellschaftlichen Teilhabe weitgehend ausgeschlossen. So ähnlich steht es bei Wikipedia. Das sind sicherlich Verallgemeinerungen, die von dem etwas auffallenden Benehmen Einzelner ausgehend auf eine ganze Altersgruppe übertragen wurden.

Ich benutzte das Wort Altersgruppe, weil man bei Generation eher an einen Zeitabschnitt denkt, der Eltern von Kindern abgrenzt, also rund 30 Jahre. Die digitalen Eingeborenen (engl. digital natives), die uns ja im Internet sagen, wo es lang geht, entstammen vorwiegend dieser Altersgruppe.
 
Julia Engelmann

Durch den SPIEGEL wurde ich diese Woche auf Julia Engelmann (Jahrgang 1992) aufmerksam. Die junge Schauspielerin hatte den Auftritt ihres Lebens im Mai 2013 in Bielefeld anlässlich eines Poetry Slams. Seither haben über 4,5 Millionen Besucher bei Youtube ihren Vortrag gehört. Wie der SPIEGEL schreibt, hat Frau Engelmann diesen phänomenalen Erfolg noch nicht verdaut. Sie ist seither nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten und schickt ihre Mutter vor. ‚Mit einem „Wir“ hat sie das Sprechermikrofon erkämpft. … Jetzt will sie nicht mal mehr „ich“ sagen‘ meint der SPIEGEL.

Julia Engelmann drückt mit ihrem Gedicht möglicherweise das Lebensgefühl ihrer Generation aus, wobei die Selbstverwirklichung eine zentrale Rolle spielt. Es reiche nicht gute Vorsätze zu haben. Man müsse auch selbst etwas tun, um sie umzusetzen. Um glücklich zu sein, müsse man auch mutig sein. Nur scheint das ihr selbst etwas schwer zu fallen.

Ihre Worte klingen – oberflächlich gesehen – klüger als die reine Fragerei, mit der Yuval Noah Harari (Jahrgang 1976), der Vertreter der Generation X, uns alle nur verunsichert. Bis er in das Pensionärsalter kommt, hat er hoffentlich einige brauchbare Antworten gefunden.

Generation Z

Meine Enkel gehören nicht zur Generation Y. Welchen Namen die Soziologen ihnen einmal verpassen werden, ist noch nicht heraus, vielleicht Generation Z. Das klingt sehr nach Ende einer Menschheitsperiode, was ihnen sicherlich nicht gefallen dürfte.

Meinen Enkel Marcus konnte ich bereits zweimal dazu überreden, in diesem Blog eine Kostprobe seiner Lyrik zur Verfügung zu stellen. Zu dem Video der Julia Engelmann gab er nachstehende fachmännische Bewertung ab.

Ich finde den Text sehr gut. Keine unnötigen Satzumstellungen, so dass dieser altertümlich klingt, nur um einen Reim zu erschleichen. Auch keine Zweckreime oder der gleichen. Das faszinierende ist auch, dass der Text klingt als würde er vorgelesen bzw. vorgetragen wie eine gewöhnliche Rede. Die Reime und Stilmittel stehen nicht so sehr im Vordergrund wie der Inhalt. Dieser ist auch sehr modern, was mir persönlich gefällt. Die Autorin wirkt dadurch eher wie eine Philosophie- statt eine Psychologie-Studentin. Dennoch frage ich mich, warum ausgerechnet dieser Text, bzw. dieses Video so einen Hype bekommen hat. Andere vom selben Kanal sind schließlich ebenbürtig.

PS: Ein Grund, der mich reizte, diesen Beitrag noch zu bringen, war die Möglichkeit, einen neuen Rekord (seit September 2012) aufzustellen. Das hier ist der zehnte Beitrag in diesem Monat. Ich verspreche, dass ich diesen Rekord selbst nicht so bald antasten werde.

Montag, 27. Januar 2014

Der Hominiden Aufstieg zu Selfmade-Göttern

Dieses Mal befasse ich mich mit einem Buch, das mir über Google+ empfohlen wurde. Dort fand ich eine Rezension eines Lesers aus Furtwangen im Schwarzwald, die ich auszugsweise wiedergebe.

Unsere Welt ist voll von abstrakten Ideen, ohne dass wir uns darüber bewusst sind. … Die Leistung des Buches besteht darin, dem Leser wirklich klar zu machen, dass es sich nicht um reale Dinge handelt, sondern um Konventionen, die in der Kultur derart tief verankert sind, dass alle daran glauben. … Die Naturwissenschaften erlauben aber weiße Flecken und genau dies ist das Erfolgsgeheimnis, um weiter zu kommen … Kann das Buch jedem, der unkonventionell denkt, wärmstens empfehlen.

Ich habe die 528 Seiten in einer Woche gelesen. Ich werde den Inhalt von hinten erzählen. Nur so versteht man nämlich das Buch. Der letzte Satz heißt sinngemäß: Gibt es etwas Gefährlicheres als unzufriedene und verantwortungslose Selfmade-Götter, die nicht wissen, was sie wollen? Ich konzentriere mich im Folgenden darauf, diesen Satz mit den Gedanken des Autors zu erklären.

Zunächst zum Autor. Yuval Noah Harari (Jahrgang 1976) ist Historiker an der Hebrew University in Jerusalem. Das Buch erschien 2011 auf Hebräisch, wurde zuerst ins Englische übersetzt und erschien im September 2013 in Deutsch mit dem Titel Eine kurze Geschichte der Menschheit. Der Titel klingt an Stephen Hawkings Kurze Geschichte der Zeit an, die sich nur mit der physikalischen Weltgeschichte befasst. Ganz bescheiden räumt der Autor ein, dass die Physik bereits etwa 13,5 Milliarden Jahre aufzuweisen hat, die Chemie etwa 13,2 Milliarden, die Biologie etwa 3,8 Milliarden, die Menschheitsgeschichte jedoch nur 70.000 Jahre. Eine ähnlich breite Darstellung von Geschichte gab Ian Morris, dessen Buch ich im Juli 2011 besprach. Hararis Buch ist wesentlich unterhaltsamer und wendet sich an eine breitere Leserschaft. Es verpackt eine bittere Botschaft mit sehr viel Zuckerguss. Ich habe selten ein so spritziges Buch gelesen.

Wer sind diese Selfmade-Götter?

Das sind natürlich wir, die jüngsten Vertreter der Art Homo Sapiens. Das Prädikat Sapiens (Lateinisch für weise) haben wir uns selbst verliehen. Der Sapiens (so nennt ihn der Autor der Einfachheit halber) war bisher durch physikalische, chemische und biologische Gesetzmäßigkeiten und Möglichkeiten beschränkt. Im Moment ist er gerade dabei diese Fesseln abzuwerfen. Er kann nicht nur Masse in Energie umwandeln, wie bei der Atombombe geschehen, er kann auch neue Arten von Lebewesen schaffen. Zuerst betrieb er nur die Veränderung der Gene durch Zuchtwahl. Anders als die Natur gab er fetten und trägen Hühnern den Vorzug. Jetzt kann er die Tiere und Pflanzen direkt verändern. Er macht selbst Design und erschafft (als Kunstwerk) ein fluoreszierendes Kaninchen. Er kann Wesen schaffen, in denen einzelne Organe, etwa Augen oder Ohren, Implantate bekommen, die ihre Wirkungsweise verändern oder verbessern.

Er kann Beschränkungen seines Gehirns bezüglich seiner Speicherkapazität erweitern durch externe Speicher. Er versucht das Denken nachzuahmen oder Geräte mit Gedanken zu steuern. Als erstes Lebewesen hat er – soweit wir dies wissen  ̶  seinen Fuß auf andere Himmelskörper gesetzt. Er steht kurz davor zu verstehen, was es heißt, die Endlichkeit der Funktion seiner lebenswichtigen Organe zu überwinden. Innerhalb einer Generation hat er seine Lebensspanne um mehr als 10% gesteigert. Dass er alsbald (d.h. noch in diesem Jahrhundert) den eigenen Tod ausschalten kann, ist vorstellbar.

Vermittels der Gentechnik versetzt sich der Sapiens in die Rolle eines Gottes. Nach der Anwendung auf Pflanzen und Tiere folgt ihre Anwendung auf den Menschen. Die bisherige Geschichte der Menschheit ist nicht mehr als eine Vorgeschichte.

Hinterlassene Spur der Verwüstung

Im Laufe seiner 70.000 Jahre währenden Geschichte verbreitete sich der Sapiens bekanntlich von Afrika aus über die ganze Erde. Seine erste große Meerüberquerung – vergleichbar mir der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus – war die Besiedlung Australiens vor 45.000 Jahren. Sie hatte den Effekt, dass alle dort lebenden großen Tiere (Megafauna) ausgelöscht wurden. Dasselbe geschah in Sibirien mit den dort lebenden Landtieren (Mammut) sowie nach Überqueren der Beringstraße vor 16.000 Jahren auf dem amerikanischen Kontinent (Säbeltiger, Riesenfaultier).

Seinen Artgenossen erging es nicht besser. Bei der Besiedlung Amerikas und Australiens überlebten etwa 10% der Ureinwohner. Die Kariben und später die Tasmanier wurden völlig ausgelöscht. Cortez und Pizarro, die jeweils mit einer kleinen Truppe ein großes Reich eroberten, benutzten dieselbe Strategie. Sie gaben sich zuerst als Botschafter aus und nahmen anschließend den jeweiligen Herrscher als Geisel, ehe sie das Volk dezimierten. Wie später bei dem Thema Religion ausgeführt, waren auch die Mitglieder derselben Volksgruppe nicht sicher vor einander.

Natürlich verdanken wir es modernen Vertretern des Sapiens, dass wir Vergangenes überhaupt verstehen und es lesen können, sofern es eine Schrift gab. Das gilt für Ägyptisch wie für Babylonisch, Sanskrit und die Maya-Inschriften.

Verbreitete Unzufriedenheit und Ziellosigkeit

Sehr bedrückend ist der Befund, dass der Sapiens zwar über Gefühle und Verstand verfügt, er aber nicht weiß, was er will. Er weiß nicht, was Glück oder Zufriedenheit ist. Diese Begriffe kommen in der Geschichtsschreibung nicht vor. Nichts belegt dieses Problem deutlicher als die Selbstmordrate. Da die zitierten Zahlen mir etwas unwahrscheinlich vorkamen, habe ich Hararis Quelle nachgeprüft. Es ist der Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2004 (S. 124). Danach gab es im Jahre 2002 auf diesem Planeten 1,26 Mill. Tote bei Verkehrsunfällen, 382k durch Ertrinken, 312k durch Feuer, 172k Kriegstote, 569k sonstige Gewaltopfer sowie 873k Selbstmorde. Die am Schluss genannte Zahl ist etwa 1,5% aller Toten eines Jahres (57 Mill.).

Konflikte, bei denen ein Land das andere überfiel, um an dessen Rohstoffe zu gelangen, scheinen weniger sinnvoll geworden zu sein. Nur Saddam Husseins Überfall auf Kuweit, der 1990 zum zweiten Golfkrieg führte, ging noch eindeutig in diese Richtung. Die Anzahl der bewaffneten Konflikte überhaupt scheint jedoch unverändert zu sein. Für sie haben sich andere Gründe gefunden.

Es sei eine Illusion zu versuchen, dem Leben Einzelner oder dem aller Menschen einen Sinn zu geben. Die Erde bestand nämlich bevor es Menschen gab und kann ohne Menschen weiterbestehen.

Vom Jäger- und Sammlerparadies zur bäuerlichen Idylle

Vieles von dem, was Harari sonst noch über die Menschheitsgeschichte sagt, ist zwar nicht neu, wird aber sehr treffend und oft überspitzt formuliert. Die längste Periode war die der Jäger und Sammler. Sie formte die Gene des Sapiens. In der Überlieferung war es ein Paradies. Man brauchte keine Uhr und keinen Kalender. Die Ernährung war sehr abwechslungsreich. Nicht eingestehen wollen wir uns, dass Fleisch oft knapp war. Der Sapiens pulte es oft als Mark aus Knochen, die Hyänen liegen ließen. Das Feuer verlieh dem Sapiens eine große Macht. Er konnte bereits seine Umwelt durch Brandrodungen verändern. Er konnte Dinge durch Kochen besser verdaulich machen. Das verkürzte den Darm und ergab mehr Energie für das Gehirn.

In der bäuerlichen Periode, die vor etwa 9.000 Jahren begann, hat sich zwar das Gehirn des Menschen verkleinert, aber die Kinderzahl pro Frau schoss in die Höhe. Es kam zu einer ersten Bevölkerungsexplosion. Die Weltbevölkerung wuchs von einer auf 10 Millionen. Während die Sammler sehr gesund lebten, kam es bei Bauern bereits zu ansteckenden Krankheiten (Tuberkulose, Masern, Pocken), die von Tieren übertragen wurden. Der Übergang zur Landwirtschaft erfolgte (vermutlich) gleichzeitig an vielen Orten. Die Agrarpflanzen wie Weizen, Reis und Kartoffeln ‚domestizierten‘ den Menschen (und nicht umgekehrt).

Die Tiere, die der Mensch züchtete (Rinder, Ziegen, Hühner) hatten fortan ein trauriges Schicksal. Anzunehmen, sie hätten keine Gefühle, sei Unsinn. Sie vermehrten sich teilweise noch schneller als der Mensch. Es gibt heute über eine Milliarde Rinder. Täglich werden mehrere Millionen Hühner getötet. Der Kampf gegen Ameisen, Spinnen und Kakerlaken dauert unverändert an. Der Mensch fing an, die Zukunft zu planen. Anstelle der kleinen Rudel (unter 30 Leuten) entstanden komplexe Gesellschaften und Staaten.

Warum Europa einmal modern und erfolgreich war

Um 1500 begann die dritte Periode der Menschheitsgeschichte. Sie kann als die Periode der Wissenschaft angesehen werden und begann zuerst in Europa. Die alten Kulturen (Ägypter, Perser, Chinesen) glaubten alles zu wissen. Was sie nicht wussten, war irrelevant. Die Europäer akzeptierten weiße Flecken auf der Landkarte und in der Wissenschaft. Ihr Eingeständnis des Nicht-Wissens wies der Beobachtung eine zentrale Rolle zu. Die Europäer entwickelten neue Fähigkeiten, die zu einer wissenschaftlichen Revolution führten. Aus Beobachtungen entstand Wissen. Neues Wissen wurde für wichtiger gehalten als alte Überlieferungen - zumindest von Einigen von ihnen.

Die Europäer verbanden ihren Vorsprung in den Wissenschaften mit den wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen von Kapitalismus und Imperialismus. Sie eroberten andere Teile der Welt, nicht nur um zu besitzen, sondern um etwas Neues zu entdecken. Die vormodernen Herrscher hatten Priester, Philosophen und Dichter finanziert. Jetzt standen Kapitäne und Offiziere im Vordergrund, mit Wissenschaftlern und Kapitalgebern im Rücken. Ein funktionierendes Rechtssystem ermöglichte die Expansion der Wirtschaft auf der Basis von Krediten. Es entstand ein allgemeiner Fortschrittsglaube, der sowohl von der Wissenschaft wie von der Wirtschaft genährt wurde.

Was machen wir mit Neandertaler und Co.?

Die Art des Homo Sapiens hatte Vorgänger unter den Hominiden (auch Menschenaffen genannt) und wird wo möglich auch Nachfolger haben. Inzwischen weiß man, dass der Sapiens sich mit seinen Vorgängern vermischt hatte. So besitzen westliche Menschen etwa 4% Gene, die vom Neandertaler stammen. Der Denisowa- und der Java-Mensch haben sogar einen höheren Anteil hinterlassen.

Angeblich wird mit der Idee gespielt, (aus rein wissenschaftlichen Gründen) den Neandertaler aus seinem Genom zu rekonstruieren. Man könnte dann die Entwicklung unseres Gehirns besser studieren. Mit dieser Diskussion wird die Frage aufgeworfen, für wen die Menschenrechte gelten. Die gleiche Frage gilt für neue Wesen, die ganz allein durch die Technik geschaffen werden (Stichwort Künstliches Leben). Es wäre anzunehmen, dass sie uns nicht nur körperlich, sondern auch intellektuell überträfen. Das führt wiederrum zu der Frage, was wollen wir werden oder was wollen wir wollen?

Über abstrakte Ordnungen und fiktive Geschichten

Harari widmet sehr viel Aufmerksamkeit einer auch von mir in diesem Blog mehrfach aufgegriffenen Frage, nämlich der Rolle von Abstraktionen. Für einen Geisteswissenschaftler wie Harari ist dies ein faszinierendes Thema, für einen Ingenieur ist es ein Gräuel.

Wenn wir alle Vorgänger des Sapiens mit hinzurechnen, hätte unsere Geschichte nicht vor 70.000 sondern vor 700.000 Jahren begonnen. Ab da erfolgte die erste der vielen Revolutionen in der Geschichte der Biologie, die so genannte kognitive Revolution. Es entstanden Lebewesen wie die Menschenaffen, die über ein komplexes Gehirn verfügten. Wie alle Affen, so hatten auch die Vormenschen ein großes Interesse an sozialer Information. Kein Lebewesen klatscht so gerne und so viel. Es ist unsere Sprache, die es erlaubt, auch über Dinge zu reden, die es gar nicht gibt (Legenden, Mythen, Götter). Einige abstrakte Ordnungen sind uns auch heute noch sehr wichtig, z.B. Geld, Gesetze und Organisationen. Diese Dinge existieren nicht real, sondern nur in den Köpfen von Menschen. Sie sind soziale Konstruktionen oder Fiktionen.

Geld ist eine äußerst geniale Abstraktion. Es macht Tauschgeschäfte möglich, ohne passende Tauschobjekte vor Ort haben zu müssen. Harari nennt Geld den ‚Gipfel der Toleranz‘. Es gibt nichts, was Völker mehr verbindet. Es schafft Vertrauen und setzt Vertrauen voraus. Für die 473 Billionen Dollar, die im Jahre 2006 die Wirtschaft der Welt ermöglichten, waren nur 47 Billionen als Bargeld im Umlauf. Der Rest existiert nur in Form eines Kredits auf einem Computer-Konto.

Eine weitere Meisterleistung ist die um 3000 vor Chr. von den Sumerern erfundene  (Keil-)Schrift. Sie diente zunächst der Buchhaltung, gestattete es aber später auch Heldentaten, Mythen und soziale Gefühle zu beschreiben. Das so beliebte Geschichtenerzählen wurde zur Kulturleistung erklärt. Man nennt es Literatur. Gemeinsamkeiten auf verschiedenen Gebieten, die zuerst durch eine herrschende Gruppe oder durch die gemeinsame Sprache (oder ‚Rasse‘) begründet wurden, sonderten sich als spezielle Kultur ab. Aus Rassismus wurde Kulturismus. Allmählich geht es jetzt in Richtung einer einheitlichen Weltkultur und einer einzigen Menschheitsgeschichte, eine Idee, die bei Ian Morris auch schon anklang. Es wäre an der Zeit, dass Juristen einmal mit Biologen reden – lässt der Autor so ganz am Rande einfließen.

Vergleichende Religionslehre

Sehr provozierend klingt das, was Harari zum Thema Religion zu sagen hat. Die Jäger und Sammler waren Animisten, die Bauern Theisten. Es waren oft Zufälle, die den Ausschlag gaben, dass eine bestimmte Religion zur Staats- oder Weltreligion wurde, andere zur Sekte verkümmerte. Nicht alle Religionen sind universell und missionierend. Außer dem Buddhismus haben alle Weltreligionen auch Gewalt angewandt.

Das Judentum sei immer ein regionaler Monotheismus gewesen. Das Christentum wurde durch Paulus auf den Weg zur Weltreligion gebracht. Der Monotheismus kann nicht das Böse in der Welt erklären. Das tun jedoch dualistische Religionen wie die Anhänger des Zarathustra. Im Grunde gäbe es nur Mischungen von Monotheismus, Dualismus und Animismus. Die modernen ‚Naturgesetz-Religionen‘ wie Liberalismus, Kapitalismus, Kommunismus und Nationalismus würden auch als Ideologien bezeichnet.

Was ist Geschichte?

Das Studium der Geschichte kann uns (nur) lehren, welche Möglichkeiten bestanden, die nicht ergriffen wurden. Historiker könnten Geschichte nicht erklären. Sie können nicht sagen, warum ein bestimmter Weg genommen wurde. Geschichte verläuft chaotisch. Sie wird durch Vorhersagen beeinflusst. Sie hat nicht den Zweck, dem Menschen zu nutzen.

Sonntag, 26. Januar 2014

Hartmut Wedekind bespricht Hasso Plattners Buch über ‚In-Memory Data Management‘

Manchmal weht auch der Mantel der Fachgeschichte um diesen Blog. Nachdem ich, angeregt von Hartmut Wedekind, es wagte Hasso Plattner zu einem Interview zu bitten, war ich überrascht wie schnell ich Antwort bekam. Das Interview ist der Spitzenreiter unter den Beiträgen des letzten Jahres, was die Zahl der Besucher betrifft.
                     
Bei der Rezension des Plattner-Buches geht es um dasselbe Thema. Es ist dies eine Revolution der Datenbanktechnologie, die von Deutschland ausgeht. Wie es sich für einen Wissenschaftler gehört, verweist Wedekind auf die geistige Vaterschaft der dabei zur Anwendung kommenden Ideen. Für einen Praktiker ist geistige Vaterschaft sekundär. Entscheidend ist das Produkt. Termin und Qualität sind die Türöffner. Sie bestimmen, ob die Idee Relevanz für die Praxis hat. Im Falle von HANA mache ich mir keine Sorgen.

Für die Rezension bitte hier klicken!

Mittwoch, 22. Januar 2014

Obama, die Geheimdienste und wir

Dass jetzt auch Präsident Obama damit begonnen hat, die seit einem halben Jahr andauernde NSA-Affäre aufzuarbeiten, scheint für viele Beobachter ein enormer Durchbruch zu sein. In Deutschland ist die Reaktion darauf sehr unterschiedlich. Bei vielen Kommentatoren scheinen sich die Erwartungen nicht erfüllt zu haben. Andere äußern sich verhalten positiv, so Clemens Binninger, der neue Vorsitzende des Parlamentarischen Kontrollgremiums (PKGr) des Bundestages. Binninger sieht uns ‚auf einem Weg zu einem gemeinsamen Grundverständnis, welches nicht nur dem Sicherheitsbedürfnis unserer Staaten Rechnung trägt, sondern auch dem Datenschutz und den Bürgerrechten.‘ Man beachte die Reihenfolge!

Erwartungen, die sich zweifelsohne nicht erfüllten, gingen in die Richtung, dass der ‚Whistleblower‘ Edward Snowden einen Verdienstorden erhält, zumindest aber straffrei wieder in die USA einreisen darf. Ebenso nicht erfüllt hat sich die Hoffnung, dass Obama alle 16 Geheimdienste, zumindest aber die NSA, auflöst, ober aber in ihren Aufgaben beschneidet. Die NSA ist lediglich der zweitstärkste der Auslandsdienste, was Geld und Personal anbetrifft, hinter der CIA. Dazu ist die NSA ausgesprochen zurückhaltend und passiv. Alle Aktionen liegen nämlich in der Verantwortung der CIA, egal ob sie Angriff oder Verteidigung betreffen.

Der Cyberkrieg ist (leider) nicht zu Ende

Obama räumt ein, dass übertrieben wurde. Die Staatschefs befreundeter Länder will man in Zukunft etwas pfleglicher behandeln. Leider sieht er sich nicht in der Lage, den Cyberkrieg als beendet zu erklären. Das würde auch alle Experten, die mit der Materie leidlich vertraut sind, vor den Kopf stoßen. Lediglich über die Zahl der täglichen ‚Kriegshandlungen‘ gehen die Meinungen auseinander, ebenso über die Zahl der Betroffenen (in der Wirtschaft oder privat), sowie die Zahl der aktiv beteiligten Länder und Personen. Das vor einem Jahr in diesem Blog besprochene Buch über Cyberkrieg von Sandro Gayken enthält diverse Schätzungen. Genau weiß er es auch nicht. Klar ist nur, dass die amerikanischen Einrichtungen auf der ganzen Welt (weiterhin) das Angriffsziel Nr. 1 sind. Die Anzahl der täglichen Angriffe ist signifikant.

Viele Leute in Deutschland scheinen überrascht zu sein, dass Obama keine einseitigen ‚Abrüstungsschritte‘ im Cyberkrieg seitens der USA vornimmt. Weil Deutschland (relativ) wenig für seine Sicherheit tut, sollten es die USA auch, ist eine Logik, für die er in seinem Lande wenig Zustimmung findet. Nachdem die USA mit Tausenden von Kriegstoten dafür bezahlten, dass sie die Rolle des Weltpolizisten spielten, ziehen sie sich aus diesem Geschäft so schnell wie möglich zurück. Auch die Länder, die bisher vom direkten Engagement der USA profitierten, sehen die Rolle der USA heute anders als vor zehn Jahren. Sie erwarten nur noch Waffen (Nachtsichtgeräte, Drohnen) und Geheimdienst-Informationen, keine Soldaten mehr.

Dass deutsches Staatsgebiet von Aufklärungssatelliten überflogen wird, steht nicht zur Diskussion, ebenso wenig die Überwachung des elektronischen Nachrichtenverkehrs, der nach Deutschland hinein bzw. aus Deutschland herausfließt. Der innerdeutsche Verkehr (ohne den der Kanzlerin) bleibt unverändert im Absaugbereich der NSA. Unsere deutschen Geheimdienste sind nicht ganz unglücklich über das Ergebnis dieser Beratungen. Sie können ihre Aufgabe nämlich nur erfüllen, wenn sie Unterstützung von ihren amerikanischen Kollegen bekommen. Das gilt auch innerhalb Deutschlands, wie die so genannte Sauerland-Gruppe bewies.

Obama ist nicht mehr jugendlich, noch naiv

Obama war es seinem Image und Selbstbildnis schuldig, dass er einen offenen und ehrlichen Umgang mit den Partnern in der Welt pflegt. Er hatte dies vor seiner Wahl, z.B. bei seinem Besuch in Berlin, versprochen. Dass er dieses und andere Versprechen (z.B. Guantanamo betreffend) nicht halten kann, darunter muss er selbst ganz ordentlich leiden. Obama hat gelernt, was Verantwortung heißt. Als Präsident und Oberbefehlshaber bekommt er tägliche Briefings, vor allem von den Leuten, die er mit der Sicherheit des Landes beauftragt hat. Die Bedrohung des Landes ist echt und größer als der Durchschnittsbürger es für möglich hält. Ob es zu Anschlägen und Überfällen kommt, dafür trägt er das volle Risiko. Gleichzeitig wird ihm gesagt, dass die USA die Kapazität haben, dem Unheil entgegen zu wirken. Dabei ist eine Beschränkung auf nachträgliche Aufklärung und Abschreckung nicht mehr ausreichend. Es müssen vor allem die Vorbereitungen und Absichten der Angreifer erkundet werden.

Im Dezember 2013 erhielt er einen ausführlichen Kommissions-Bericht mit 46 Empfehlungen. In einer Rede, die er Mitte Januar vor den Verantwortlichen im Justizministerium hielt, erläuterte er, was er davon implementieren will. Zur Beruhigung der deutschen Kanzlerin gab er noch zusätzlich ein ZDF-Interview.

Von den ursprünglichen Vorschlägen will Obama (natürlich) nur den Teil implementieren, der ohne große Erschütterungen und Umorganisationen möglich ist. Er gesteht zu, dass Ausländern die gleichen Rechte eingeräumt werden müssen wie Amerikanern, dass nur bei begründetem Anfangsverdacht (engl. reasonable articulate suspicion) ermittelt werden darf, dass die Software verbessert werden soll, usw. Mich überrascht es nicht, dass die USA nicht bereit sind, den Vorsprung aufzugeben, den sie ganz offensichtlich haben.

Wer soll und kann das Internet kontrollieren?

Vorweg schicken möchte ich, dass der Eindruck falsch ist, dass das Internet daran schuld ist, dass Computer ausspioniert werden. Die Spionage hat lediglich neue Möglichkeiten bekommen. Die Frage, wer das Internet kontrollieren darf, ist ebenfalls nicht neu. Das Ringen um diese Frage ist so alt wie das Internet. Lange erhob die so genannte Internet-Gemeinde den Anspruch, dass der Staat unter allen Umständen außen vor bleiben müsse. Einige ‚Internet-Junkies‘ verkündeten bereits, dass sie die gesamte Wirtschaft gleich mitübernehmen würden. Im Moment scheint dieser Traum zu verfliegen. Das Internet sei kaputt, beklagen die einen (z.B. Sascha Lobo). Andere meinen, es müsse general-überholt oder besser vollkommen neu entwickelt werden. Vor einigen Wochen beschrieb ich in diesem Blog die Ziele, die von der EU in der Forschung verfolgt werden.

Unter den Ideen, die jetzt kursieren, taucht immer wieder ein nationales oder rein europäisches Netz auf. In Anbetracht der internationalen Verknüpfung von Wirtschaft und Wissenschaft kann man diese Vorschläge nicht ernst nehmen. Noch skurriler wird die Diskussion, wenn auch nationale Suchmaschinen, Datenbanksysteme oder Betriebssysteme gleich mit gefordert werden. Politische Gremien, denen vorgeschlagen wird, entsprechende Resolutionen zu verfassen, kann man nur Zurückhaltung empfehlen. Es sei denn, sie wollen sich der Lächerlichkeit preisgeben.

Die Frage bleibt, wieweit die Politik sich einschalten muss. Offensichtlich geht es nicht länger, dass man staatliche Interessen völlig ignoriert. Mit Staat ist hier nicht ein einzelner Staat gemeint, sondern die Völkergemeinschaft. Über diesen Fragenkomplex wird es hoffentlich in Zukunft noch eine intensive Diskussion geben. Sie muss auf politischer Ebene ausgetragen werden. Die Fachleute müssen sie allerdings unterstützen. Was sonst dabei herauskommen kann, haben die oben genannten Beispiele gezeigt.

Wie kann ein Informatik-Chef seiner Verantwortung gerecht werden?

Der Informatik-Chef, besser bekannt als Chief Information Officer (CIO), hat zweifellos die Verantwortung, für das von ihm betreute Unternehmen eine klare Richtung vorzugeben. Tut er es nicht, hat er jeden Anspruch verloren, mehr als nur Sachbearbeiter zu sein. Erscheint die gerade skizzierte Aufgabe als schwierig, so ist dies jedoch kein Grund, ihr aus dem Wege zu gehen. Primäres Ziel muss sein, realistisch zu informieren. Der CIO darf kein Wunschdenken predigen.

Ohne vollständig sein zu wollen, gebe ich ein paar Anhaltspunkte. Jeder CIO muss eine klare Vorstellung davon haben, was das Internet ist und nicht ist. Einige Gedanken dazu gab es in einem früheren Eintrag dieses Blogs. Er muss eine fachlich gut fundierte Meinung haben, die nicht von den fast täglich erscheinenden epochalen Erkenntnissen irgendwelcher selbst ernannten Internet-Gurus auf den Kopf gestellt wird.

Er muss in einfach zu verstehenden Worten erklären können, was das Besondere an den von Informatikern verwendeten Medien ist, sowohl den Speicher- wie den Übertragungsmedien. Ein paar Stichworte: Die Speichermedien sind zwar Jahrzehnte haltbar, aber nicht ewig. Man muss Vorkehrungen betreiben, nicht nur gegen das ‚Verblassen‘, sondern vor allem gegen die technische Überalterung. Gemeint ist damit, dass unsere Medien meist nur von einer Generation von Gerätetechnik lesbar sind.

Wenn Daten lesbar sind, dann kann es jeder tun, der über die jeweilige Technik verfügt, ohne dass er Spuren hinterlässt. Wer liest kopiert. Wenn keine besondere Vorsorge getroffen ist, kann er auch verändern und löschen. Diese Aussage gilt sowohl für Speicher- wie für Übertragungsmedien. Übertragungen können per Kabel oder drahtlos erfolgen, und zwar in großen Massen. Das Abhören ist sehr leicht zu bewerkstelligen. Datenträger (USB Sticks, externe Platten) können sehr leicht entwendet werden, sowohl dauernd als auch nur vorübergehend. Einen gewissen Schutz bietet die Chiffrierung. Es ist eine mathematische Umrechnung. Wer das Verfahren kennt, kann es nachvollziehen. Wenn nicht, ist es sehr schwierig, aber nicht unmöglich, an die Inhalte zu gelangen.

Schließlich muss jeder CIO eine praktikable Sicherheitsstrategie haben. Diese regelt, wer für welche Daten und Medien welche Zugriffsrechte hat, wie diese Rechte realisiert, fortgeschrieben und überprüft werden und welche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden.

Snowden, ein Glücksfall?

In mancher Hinsicht war Edward Snowden ein Glücksfall, obwohl es vor allem den Amerikanern schwerfällt, dies zu sehen. Er hat viele Leute aus einem zwar nur eingebildeten Paradies vertrieben. Fast alles, was in diesem Beitrag diskutiert wurde, wurde durch sein Verhalten beeinflusst. Die Sicherheitsdiskussionen der Vergangenheit wurden so zu sagen auf den Kopf gestellt. Plötzlich standen nicht die eigentlichen Angreifer im Vordergrund des Interesses, sondern die Verteidiger. Vieles was selbstverständlich schien, wurde in Frage gestellt.

Manchmal erschien es, als ob wir kurz vor der von Sandro Gayken skizzierten Radikallösung stünden, nämlich der Entinformatisierung und der Entnetzung. Wir Informatiker müssen uns bewusst sein, wie sehr damit die Grundlagen unserer beruflichen Tätigkeit ins Wanken geraten. Es muss uns eine Verpflichtung sein, dafür zu sorgen, dass nicht das Kind mit dem Bade ausgekippt wird. Vielleicht fällt Ihnen, lieber Leser, ein besseres Bild ein, um diese Gefahr zu beschreiben.

Nachtrag vom 23.1.2014

Was die Diskussion um die NSA-Affäre so schwierig macht, ist die Tatsache, dass unterschwellig eine sicherheitspolitische Abwägung stattfindet, deren sich viele Leute jedoch nicht bewusst sind. Sie ist innerhalb eines beschränkten Rahmens durchaus sinnvoll.

Man geht davon aus, dass auch die Verbrechensabwehr nicht mit letzter Präzision arbeiten kann. Ihr unterlaufen manchmal Fehler. Man muss sich daher fragen: was ist einem lieber, eine Überwachungsmaßnahme oder Kontrolle zu viel durchgeführt oder ein Verbrechen oder schweres Eigentums- oder Sexualdelikt zu wenig verhütet oder aufgedeckt. Anders ausgedrückt, sind konkrete Verletzungen an Leib und Leben schlimmer als die Verletzungen abstrakter Rechte?

Wer so fragt, weiß bereits die Antwort, welche die Mehrheit der Bevölkerung geben wird. Wem die Antwort nicht gefällt, vermeidet oder unterdrückt daher die Frage. Es ist offensichtlich, dass viele Leute darauf los reden, ohne besonders viel nachzudenken. Nachdenken ist ja oft auch anstrengender als reden.

Einen Terrorakt mit unschuldigen Toten fassen die meisten Leute als ein Verbrechen auf. Ob es alle Bürger tun, ist durchaus fraglich. Manche halten Terrorakte aus politischen Gründen für gerechtfertigt. Diejenigen, die bei uns so denken, trauen sich nicht, es auch laut zu sagen. Es könnte ja unangenehme Folgen für sie haben (Verdacht des Angriffs auf freiheitlich demokratische Grundordnung).
                                           
In der Terminologie von Clemens Binninger kann man die Frage auch anders ausdrücken: Hat staatliche Sicherheit Vorrang vor Datenschutz und Bürgerrechten? Dass die Angelsachsen anders reagieren als wir Deutschen, ist bekannt. Es ist dies nicht eine Frage der stärkeren Ausprägung des demokratischen Bewusstseins, sondern von Pragmatismus, ja vielleicht sogar von weltpolitischem Verantwortungsgefühl. Letzteres ist ja in Deutschland weniger entwickelt als in einigen andern Ländern.

Nachtrag am 25.1.2014:

Ehe ich das Thema NSA ganz verlasse, möchte ich noch einen etwas ausgefallenen Gedanken loswerden.

Aus Sicht der Verbrechensverhütung und -aufklärung haben die Enthüllungen von Edward Snowden nicht nur Nachteile. Es würde mich nämlich nicht wundern, wenn die Aktivitäten von Terroristen im zweiten Halbjahr 2013 zurückgegangen wären [siehe unten, Nachtrag 7.3.2014]. Auch das hätten wir dann Edward Snowden zu verdanken. Es ist nämlich nicht auszuschießen, dass sogar potentielle Terroristen überrascht waren über den Aufwand, den staatliche Stellen ihretwegen betreiben.

Säbelrasseln oder Militärparaden sollen ja eine abschreckende Wirkung im konventionellen Zwist zwischen Völkern haben. Eine Katze, die mit einer Schelle um den Hals herumläuft, fängt bekanntlich nur wenige Mäuse. Sie hält sie aber vermutlich doch davon ab, die Vorräte im Keller anzuknabbern. Es ist dies die zweitbeste Methode. Sie ist rücksichtsvoller, ja humaner, aber weniger nachhaltig. Terroristen und Mäuse zu fangen und aus dem Verkehr zu ziehen, das wäre nachhaltig.

Noch ein anderes Bild möchte ich zur Erklärung anführen. Radarfallen werden deshalb hinter Hecken oder Zäunen aufgestellt, um die Raser auf frischer Tat zu überführen. Würde man stattdessen alle 2-3 km eine Pappnachbildung eines Polizisten hinstellen, hätte das auch einen Effekt auf die Verkehrsmoral. Geheimhaltung hat Vorteile. Die Offenheit ist keine reine Verschwendung.

An sich ist Nachhaltigkeit sehr zu empfehlen, vor allem dann, wenn der Nachschub an Ressourcen begrenzt ist. Ist der Nachschub schier unbegrenzt und so leicht zu gewinnen wie bei Terroristen, laufen beide Ansätze auf dasselbe hinaus. Einige Terroristen mögen angesichts der Stärke der Gegenwehr ihre Pläne nicht nur zeitlich verschieben, sondern sogar ganz aufgeben. Wie weit dies der Fall ist, müsste sich aus dem anfangs erwähnten Abflauen ihrer Aktivitäten ersehen lassen.

Nachtrag vom 7.3.2014

Ich bin immer wieder überrascht, wie einfach es heute ist, Fragen zu beantworten, die früher viel Aufwand gekostet haben. Wikipedia führt u.a. Buch über alle weltweit durchgeführten Sprengstoffanschläge seit 2002. Daraus ergibt sich, dass es zwischen Juli und Dezember 2012 insgesamt 85 Anschläge gab, im selben Zeitraum des Folgejahres jedoch nur 13. Das ist ein Rückgang um 85%. Die Werte pro Monat enthält folgende Tabelle:


Der Anschlag im Dezember 2013 erfolgte aut den Bahnhof der russischen Stadt Wolgograd. Es sollten die Olympischen Spiele in Sotschi verhindert werden.

Sonntag, 19. Januar 2014

Von der Proto-Religion zum Abstraktionismus (oder umgekehrt)

Nach den Feiertagen begann mein Blog-Koautor Hartmut Wedekind eine Diskussion über religiös-philosophische Fragen. Ab und zu konnte ich es mir nicht verkneifen einzuhaken. Hier eine verkürzte Wiedergabe einiger interessanter Passagen. Hatte  ich gehofft, die wiederholt aufflammende Diskussion über Abstraktionitis (oder die mildere Form des Abstraktionismus) beerdigt zu haben, so hatte ich mich getäuscht. Wie der Hydra im griechischen Mythos so wachsen dieser Schlange immer wieder neue Köpfe. ‚Repetitio est mater studiorum‘ sagte schon der Lateiner. Ohne Wiederholung kein Studium.

Am 5.1.2014 schrieb Hartmut Wedekind:

Die Literatur zum  Thema „Leib-Seele“  (engl. mind-body) füllt Bibliotheken, nicht nur seit Platon (im Westen) mit seiner Einsicht in eine unsterbliche Seele. Die Kernfrage lautet: Wenn der Körper oder der Leib durch den Tod vernichtet wird, bleibt dann die Seele, falls es eine gibt? (Vielleicht sagt man doch besser angelsächsisch und  profan „mind“, denn  „mindless“ will niemand gerne sein.) Als mein Vater 1967 starb, öffnete meine Mutter, die bei ihm weilte, nach altem Brauch das Fenster, damit seine Seele entfliehen konnte. Naiv und vielleicht unvorstellbar heute.

Das von Aspekten körperlicher oder physischer Realisierungen Absehen, ist eine klassisch wissenschaftliche Vorgehensweise, insbesondere modern mit großem Erfolg als Abstraktion in der Informatik praktiziert. Das „Cloud Computing“, heute in aller Munde, ist ja z.B. nichts anderes als dieses Absehen von der Physis oder schnöden „Körperlichkeit“ einer vorgegeben Hard-und Software.

Die Denkweise bei wissenschaftlicher Abstraktion ist folgende: Man sieht Konkreta, z.B. Leiber, Körper oder Magnetisierungen (auf Medien) und versucht, bei Veränderungen derselben unverändert zu bleiben. Statt „unverändert“ sagt man auch „invariant“. Das ist der „Pep“, scholastisch würde man sagen das „Wesen“ der Abstraktion, dass man nach dem schaut, was nach Veränderungen bleibt. Das Invariante interessiert denn Menschen kolossal, nicht nur wenn er von Seele, sondern auch von Nachhaltigkeit (sustainability) spricht, z.B. beim Baumbestand unserer Wälder und beim Denken in Kategorien der Bildung. Nachhaltiges Denken ist invariantes Denken, also notgedrungen abstrakt und somit nicht für jedermann sofort ohne Mühen zugänglich. Das „sofort“  ist ein wichtiger Punkt. Im Politischen muss alles sofort ohne Mühen verständlich sein, was nicht geht. Es sei denn, wir wären alle Genies, was offensichtlich nicht der Fall ist.

In den Wissenschaften, zumindest wenn sie konstruktiv vorgehen, ist es nun so: Wenn das Konkrete zerstört wird, verschwindet auch das Abstrakte. Von Unabhängigkeit des Abstrakten vom Konkreten kann in Wissenschaften keine Rede sein. Jeder weiß, was es bedeutet, wenn die Festplatte seines PC im Eimer ist und man nicht durch eine Kopie gesichert ist. „Taking a copy“, das gibt es bei Menschen nicht. Also wandert die (abstrakte) Seele nach der konkreten, körperlichen Zerstörung mit ins Grab.

Was bleibt konstruktiv wissenschaftlich: Nichts! So gesehen sind konstruktive Wissenschaften nihilistisch angehaucht. Das stimmt, aber trotzdem helfen sie beim „mind-body“ Problem weiter. Und um ein Weiterkommen, darum geht es ja nach all den Jahren seit Platon. „Lesson learned?“ fragt man modern, wenn man zurück schaut. Das methodisch aufgebaute, invariante Denken, das Vermögen, Unveränderbares herauszuheben, ist eine großartige mentale Leistung der Abstraktionslehre, die aber „nichts“ darüber aussagt, wenn Konkreta beim Verändern gänzlich verschwinden (physischer Tod). Was bleibt dann bei Total-Destruktion vom Körper als Veränderung gedacht? Jetzt muss man sich besinnen, auch in wissenschaftlicher Absicht. Antwort: Es bleibt nur nachhaltig die Methode des Denkens an sich.

In einem Lexikon lese ich unter „Methode“ die griechische Wortbedeutung: medodoz, entstanden aus der Weg (odoz) nach .. hin (meta) zu etwas. Das A (a) und O (w) des Weges kennen wir nicht, es ist unverfügbar. Aber den Weg (odoz) von A nach O, den können wir bestimmen. Das ist nicht nur in den Wissenschaften so. Wissenschaften, das ist nichts Anderes als hochstilisiertes, gewöhnliches Leben. Und so gesehen ist Abstraktion, das invariante Sehen auf dem Weg von A nach O von fundamentaler Bedeutung für unser Leben. Und wegen der Fundamentalität nicht nur vor, sondern auch nach der Zerstörung.

PS. Ich schreibe das so leicht vor mich hin. Hoffentlich ist das eine verdauliche Kost. Aber: Es ist doch eigentlich so einfach und steht überall geschrieben, nicht nur in heiligen Büchern.

Am 7.1.2014 fügte er hinzu:

Hätte ich zu sagen, würde das Fach Geometrie mit seinen Vorgängen zur Idealisierung (Ideenbildung) als eine Art „Vor-Religion“ (Proto- Religion) eingeführt. Ich weiß natürlich, dass das nicht geht, aber ein Religionslehrer könnte trotzdem darauf eingehen.

Unsere geometrischen Formen (Kreis, Dreieck, bis hin zu den Platonischen Körpern) sind Ideationen [Fremdwort-Duden: Terminologische Bestimmung von Grundtermini], aus einer Idee geboren. Ideen bleiben, auch wenn die Physis z.B. durch Tod verschwindet. Kreis bleibt Kreis für alle Zeiten in allen Formen. Wie kann man den Begriff der (unsterblichen) Seele klar machen, ohne auf Platon auch als Geometer einzugehen, der auch von einer Unsterblichkeit der Seele sprach?

Aus einer Schrift meines Kollegen Inhetveen entnehme ich den folgenden Satz: „Glaubt man der Überlieferung, so stand über dem Eingang zu Platons Akademie der Satz: Kein der Geometrie Unkundiger trete unter mein Dach“. Stellen Sie sich mal vor, aus „Dach“ würde „Kirche“. Was dann? Zur Ideenlehre, die auch abstrahiert, wenn das Körperliche verschwindet, gehört der Begriff „Unendlichkeit“ (theologisch: Ewigkeit). Schon Euklid sagte: Zwei parallele Geraden schneiden sich im Unendlichen. Die Mathematik kann ohne den Unendlichkeitsbegriff im Großen wie im Kleinen nicht auskommen.

Am 7.1.2014 schrieb ich:

Ich finde die Diskussionen über Theologie und Geometrie äußerst interessant. Statt zu sagen, zwei Parallelen schneiden sich im Unendlichen, würde ich sagen, sie schneiden sich nie. Das gilt, so weit man dies bei klarem Verstand feststellen kann. Dass Menschen auf einer Kugeloberfläche, wie unsere Erde sie näherungsweise besitzt, glauben alle Meridiane seien Parallelen, ist bekannt. Sie schneiden sich jedoch, da sie nicht wirklich parallel sind. Ihr Abstand ist nicht konstant. Idealisierungen [Fremdwort-Duden: Verklärungen, Verschönerungen] können das Denken erleichtern. Genauso belebt ein kleiner Schnaps die Stimmung und fördert die Verdauung. Zu viel davon ist jedoch schädlich.

Noch am 7.1.2014 erwiderte Hartmut Wedekind:

Es ist bloß so: Euklid benutzt den Ausdruck "unendlich". Siehe Postulat 5, das sogenannte Parallelen-Axiom: ....zwei gerade Linien, die bei Verlängerung ins Unendliche sich treffen......"Nie" ist in der Logik ein Quantor, "unendlich" ist ein Prädikat(or). Aber, ob man es so oder so ausdrückt ist wurscht. Ich hatte gerade einen Computermenschen bei mir. Der sprach laufend von "Aliases" und meinte Synonyme. Gleichbedeutendes liegt hier vor, wenn man "wurscht" sagt.

Darauf entgegnete ich:

Da unterscheiden wir uns. Hätte Euklid gesagt, die Erde sei eine Scheibe, müssten Sie es glauben. Ich fühle mich in dem Punkte frei.

Am 8.1.2014 schrieb Hartmut Wedekind:

Aber die Alexandriner (Erastosthenes, Euklid etc.) wussten schon, dass die Erde eine Kugel ist, deren Durchmesser sie mit erstaunlicher Genauigkeit berechnen konnten. So steht es in dem Buch "Das Mittelmeer" von David Abulafi, das ich gerade lese.

Am 16.1.2014 griff ich die Diskussion wieder auf:

Die Geometrie, für die ich ja einmal als Geodät gründlich ausgebildet wurde, liefert schöne Beispiele, um unsere Diskussion fortzuführen. Dass die Erde keine Kugel ist, wussten die beiden erwähnten Alexandriner natürlich noch nicht, heute weiß es aber jedes Kind. Dennoch tun viele Leute so, als ob diese Herren (und ihre Zeitgenossen) uns unverrückbare Weisheiten gelehrt hätten. Auch bei Ihnen höre ich Ähnliches oft heraus: Das hat schon Platon gesagt, deshalb ist es so.

Sie sagen, Abstraktionen seien das A und O der Wissenschaft. Ich sage, sie sind eher Gift und schädlich. Jeder Lehrer, der einen Schüler glauben macht, es gäbe irgendwo (außer im Kopf des Lehrers) Kreise, Kugeln oder andere geometrische Figuren, der gehört auf der Stelle gefeuert. Er verbreitet nämlich Irrlehren, ja Lügen. Es gibt für die idealen Figuren und Körper nur Annäherungen, auch Approximationen genannt. Den vermuteten pädagogischen Nutzen bezahlen wir möglicherweise mit einem geistigen Schaden.

Sie sagen, wir Informatiker müssen uns von der Physis lösen und abstrahieren. Auch das betrachte ich als Irrweg. Wenn es eine Funktionalität gibt, die nützlich ist, sollten wir (so schnell wie möglich) nach anderen Realisierungen derselben Funktionalität suchen. Deshalb sollten wir nach zwei bis drei guten Alternativen suchen, aber nicht nach einer Abstraktion. Das ist vielleicht philosophisch interessant, aber nicht zielführend für Ingenieure und Informatiker. Nur die realen Variationen kann man nämlich bewerten, nicht die Abstraktion. Mit Bewerten meine ich festzustellen, ob sie billiger, leistungsfähiger oder sicherer gebaut werden können als das Original.

Abstraktionen sind (leider) abstrakt. Sie existieren nicht wirklich, sondern nur im Kopf von Menschen. Daher kann man nicht allzu viel mit ihnen anfangen, wenn man von Gedankenspielen einmal absieht. Da sich darauf lediglich manuelle oder intellektuelle Methoden anwenden lassen, ist es kein Ansatz, den Informatiker verfolgen sollten. Es gibt genug Richtungen, in denen man empirisch verifizierbare Aussagen machen kann, mit der Chance ihre Relevanz maschinell zu validieren.

Moderne Wissenschaften wie die Biologie zeigen den Weg. Alles was in der Biologie gilt, ist auch (irgendwann) für die Informatik nutzbar. Das ist bei Philosophie oder Theologie nicht der Fall. Die Mathematik liebt bekanntlich die Abstraktion. Daher betrachte ich (zuviel) Mathematik auch für Informatiker als schädlich - ein Punkt, bei dem ich heftigsten Widerspruch von Kollegen bekomme.

Ob die Menschheit gut daran tut, sich eine ideale Welt vorzustellen, oder – obwohl wir es besser wissen – gar nicht anders können, ist eine interessante Frage. Vielleicht ist das Leben ohne einen Schuss Idealismus nicht lebenswert. Diese Betrachtung liegt aber auf einer anderen Ebene. Mir geht es darum, die Gewichte richtig zu setzen, wenn es um die Auswahl des Lehrstoffs und der Lehrmethoden für Informatiker und Ingenieure geht. Ich sehe es nicht als meine primäre fachliche Aufgabe an, die Fahne des deutschen Idealismus hochzuhalten, sei es gegen den angelsächsischen Positivismus oder gar den französischen Nihilismus. Das können andere viel besser.

Noch am 16.1.2014 schrieb Hartmut Wedekind:

Man kann geometrische Ideale wie Ebene und Kugel auch handwerklich erzeugen, ohne eine vorauszusetzende Theorie. Wer uns das vorgeführt hat, ist der Mathematiker und Wissenschaftstheoretiker Hugo Dingler (1881-1954), der die Geometrie operativ begründet hat. Herausgestellt wurde von Dingler das Dreiplattenverfahren zur Realisierung  von Ebenen. Das Verfahren wird durch die Vorschrift bestimmt, drei (grob vorgegebene Platten) jeweils paarweise bis zur Passung aneinander abzuschleifen. Dieser Weg zur Herstellung angenähert ebener Oberflächenstücke ist dadurch ausgezeichnet, dass nicht auf Vorformen zurückgegriffen werden muss, wie das etwa beim Gießen der Fall ist. Dingler war ein typischer Konstruktivist, für den methodisch nichts verfügbar ist, was nicht vorher operativ explizit eingeführt wurde. Dingler war auch um eine Letztbegründung bemüht, die von vielen Philosophen, z.B. auch aus der Popper-Gegend, bestritten wird. Das Dreiplattenverfahren wird hier eigenartigerweise nicht anerkannt. Man präferiert das Münchhausen-Trilemma des Popper-Schüler Hans Albert (Mannheim).

Das Abschleifen funktioniert auch beim Herstellen von Kugeln als Realisation eines Ideals. Die Linsenschleifkunst lehrt uns, wie kugelförmige Linsen dadurch hergestellt werden, dass zwei Glasblöcke gegeneinander gerieben werden, bis man zu ausreichend genauen Kugeln gelangt ist. Spinoza (1632 - 1677) war ein großartiger Linsenschleifer, der seinen Lebensunterhalt mit Linsenschleifen verdienen musste. Seine beachtliche Metaphysik, die ihn berühmt machte, brachte ihm offensichtlich nur wenig ein.

Wir erinnern uns an Anaxagoras (500 - 428, ante), ein Vorsokratiker, besser in unserem Zusammenhang, ein Vorplatoniker. Er sagte: „Der Mensch ist das klügste Wesen, weil er Hände hat“. Über seine Hände kommt der Mensch offensichtlich auch in Annäherung zu Idealen (Realisate). Ob Spinoza, der Linsenschleifer, Metaphysiker und frommer Jude, auch darüber nachgedacht hat, wie die Seele des Menschen durch Abschleifen zustande kommen könnte? An mir, jedenfalls, ist in meinem bald 80-jährigen Leben viel herumgeschliffen worden. Das sollte ein Spaß sein.

Und dann kam der Nachsokratiker und Platon-Schüler Aristoteles (384 - 322, ante) und drehte denn Satz des Anaxagoras um: “Es ist die Klugheit des Menschen, der er seine Hände verdankt“. Sein Lehrer Platon ist deutlich heraus zu spüren. Erst kommen des Menschen Einsichtskräfte, sein „mind“ (Seele) und erst dann seine Hände. Zu schleifen gibt’s platonisch nichts. Dafür gibt es aber auch keine irdische Letztbegründung im Dinglersche Sinne.

NB (Bertal Dresen): Bekanntlich hat das Wort 'begreifen' (engl. to grasp) seine doppelte Bedeutung erhalten, weil uns die Hände beim Denken helfen.

Am 17.1.2014 schrieb ich:

Um Sie weiter zum Nachdenken zu verleiten, möchte ich einwenden, dass das Abschleifen des Herrn Dingel eine idealisierte Aufhängung und sehr idealisierte Schleifbewegungen voraussetzt, sonst wird keine Oberfläche wie die andere. Das macht aber auch nicht allzu viel aus. Entscheidend ist, die Definition (und Realisierung) muss gut genug sein für den Zweck. Für die Brillen und Okulare des Herrn Spinoza reichte das Verfahren sicherlich. Die heutigen Anforderungen sind vermutlich höher. Dafür gibt es ja auch bessere Geräte.

In früheren Beiträgen hatte ich auf die Vielzahl der Bedeutungen des Begriffs Abstraktion hingewiesen (Gruppierung in Logik oder Mengenlehre, Entkörperung, bewusste Weglassung von Details). Vielleicht können Sie mir den wahren Grund nennen, warum Informatiker wie Sie auf ein so vages Konzept soviel Zeit verschwenden. Das versetzt mich immer wieder in Staunen.

Zur Illustration der ersten der drei erwähnten Bedeutungen möchte ich eine Notation wählen, die Ihnen als Datenbänkler nicht ganz fremd sein sollte. In SQL sähe ein Beispiel wie folgt aus.

SELECT Person FROM Europa WHERE Geschlecht = 'männlich';

Das Problem ist natürlich die Tabelle Europa. Mathematiker lösen das Problem, indem sie die FROM-Klausel ganz weglassen. Ihnen macht es nichts aus, wenn diese Menge gegen unendlich wächst. Ein Informatiker sollte aber auf der Hut sein; selbst dann, wenn er für die NSA arbeitet oder ein Big-Data-Fan ist.

Am 18.1.2014 schrieb Hartmut Wedekind:
 
Wie unterscheiden sich die Aussagen: „a ist Typ vom A“  und „a ist Element von A“? Ganz einfach. „a ist Typ von A“ ist intensional. Ich könnte auch sagen: „a hat die Eigenschaft von A“.  Was extensional (umfänglich) alles hinter A steckt , brauche ich nicht zu wissen.

„a ist Element von A“ ist extensional. Jetzt habe ich die verdammt Pflicht und Schuldigkeit zu sagen, ob die Extension (Umfang, Mächtigkeit) endlich oder undendlich ist. In der Informatik ist alles endlich, weil wir hier auf Erden sind und konstruktiv denken. Die Mathematik ist daran nicht gebunden und sehr unbekümmert. In der Mathematik können unendliche Mengen durch unendliche Systeme dargestellt werden. In der Informatik konstruieren wir erst methodisch  Aussageformen A(x), um darin unendliche Mengen behandeln zu können, z.B. A(x) = die Menge aller Punkte x zwischen a und b.  

In der Mathematik hat es ja auch einen Riesenkrach gegeben zwischen dem Holländer L.E. Brouwer (1881 – 1966) und David Hilbert (1862 – 1943), („ Wir lassen uns durch diesen Herrn nicht aus dem Cantorschen Paradies vertreiben“).  Intensionalität ist in der Mathematik kein besonderes Thema, in der Informatik schon;  Extensionalität wird in der bekannten Mengenlehre (set theory) behandelt, ein Paradestück der Mathematik.

Noch am 18.1.2014 antwortete ich:

Den Unterschied zwischen Typ und Menge in der Mathematik haben Sie schön erklärt. Das Problem ist, dass Typen in der Programmierung immer Mengen sind. Ihre Unterscheidung hilft nur Mathematikern, aber nicht auch Informatikern. Sie mögen einwenden, dass dies dieselben Informatiker sind, die mit ‚reellen‘ Zahlen rechnen. Verdopplung von Dummheit ergibt leider noch keine Klugheit.

Genauso beschäftigt mich ‚die Frage nach der Existenzweise der Abstrakta: Wo sind die eigentlich?` so fragten Sie im Teil III Ihres leider zu wenig diskutierten Spektrum-Beitrags von 2004. Ihre Antworten waren zwar klar, aber wenig hilfreich.

In unseren Köpfen, in einem Computer oder gar im Platonschen Ideenhimmel? In welchem Sinn existieren sie? Die Antwort lautet: wir brauchen über ihre Existenz nichts zu behaupten, es gibt sie nur im Sinn einer sehr praktischen und nützlichen „façon de parler“. ... Mathematiker nennen alle Abstrakta Äquivalenzklassen und vertrauen hinsichtlich ihrer Existenz in aller Regel auf Platon.

Es ist mein Verdacht, dass Informatiker, wenn sie über Abstraktion und Äquivalenzklassen reden, lediglich Mathematik-Kenntnisse vortäuschen wollen, aber gleichzeitig beweisen, dass sie nicht nachgedacht haben.

Aus der Diskussion zwischen uns beiden (nicht nur der laufenden) können Leser folgende (gefährliche) Aussagen ableiten:
  • Informatiker sollten endlich Rechner bauen, die mit (abstrakten) Zahlen und nicht mehr mit (konkreten) Ziffern rechnen.
  • Informatiker täten gut daran, sich mit dem Begriff des Unendlichen zu beschäftigen, etwa bezogen auf Mengen, Ausdehnung, Genauigkeit, Laufzeit, Speicher und Haltbarkeit.
  • Die Seele sei eine Abstraktion des Körpers, so wie Obst eine Abstraktion für Äpfel ist (Meines Erachtens ist es im ersten Fall wohl eine Vergeistigung, im andern Fall so etwas wie ein Überbegriff. Die lateinischen Fachbegriffe habe ich gerade nicht parat).
  • Seele (engl. soul) und Verstand (engl. mind) seien dasselbe.
Das kann doch nicht unser Ernst sein? Sollten wir unsere ‚façon de parler‘ nicht etwas sorgfältiger wählen? Nur darum geht es mir.

Gleich darauf erwiderte Hartmut Wedekind:

Sie schreiben: “Abstraktionen sind (leider) abstrakt. Sie existieren nicht wirklich, sondern nur im Kopf von Menschen. Daher kann man nicht allzu viel mit ihnen anfangen, wenn man von Gedankenspielen einmal absieht“.

Das stimmt nicht mit der Standardterminologie überein. Man unterscheidet hier zwischen wirklich und fiktiv. Fiktiv ist z.B. das, was auf der Bühne geschieht. Der scheinbar oder fiktiv tote Hamlet steht wieder auf und lässt sich beklatschen.  

Abstraktionen sind wirklich, sprachlogisch und nicht psychologisch durchgeführt. Man sagt auch “Abstraktionen sind eine „façon de parler“. Wenn das „Parler“ verschwindet (sie wischen die konkrete Ziffer an der Tafel aus), verschwindet auch die Abstraktion, die Zahl. Der Ausdruck „wirklich“ kommt in der Standardterminologie auch vor. Zwei intensional (inhaltlich) gleiche Aussagen (Synonyma) stellen denselben Sachverhalt dar. Wahre Aussagen (konkret) führen zu wirklichen Sachverhalten (abstrakt), auch gleichbedeutend „Tatsachen“ genannt (matter of fact). Sie  stehen den fiktiven Sachverhalten (Hamlet stirbt) gegenüber.

Man erschließt sich die Wirklichkeit über Sprache, d.h. über Aussagen. Die Wirklichkeit selber, wie z.B. der PC vor mir, schweigt, die redet (bekanntlich) nicht. Sie, die Wirklichkeit, kann auch nicht darüber entscheiden, ob meine Aussage wahr oder falsch ist. Die Wirklichkeit, man sagt auch die Welt, wird über Sprache erschlossen. 

„Sprache und Welt“ ist ein riesiges Thema. Statt Sprache (lat. lingua. mit der Nebenbedeutung „Zunge“) oder Sprachvermögen sagt das Christentum auch „spiritus sanctus“ und hypostasiert ihn und macht daraus zu Pfingsten ein großes Fest. Was kommt eher? Die Wirklichkeit und dann die Sprache oder umgekehrt? Besteht die Welt mit ihren Gegenständen schon als „Dinge an sich“, bevor der Mensch sie benennt, oder „entsteht“ die Welt erst mit der Sprache und ihren Benennungsmöglichkeiten? Ist das ein Henne-und-Ei Problem?

Die Informatik ist ein hoch philosophisches Fach, was im Allgemeinen unbekannt ist. In Konstanz auf einer Philosophentagung wurde im Oktober 2013 diese Frage im Zusammenhang mit dem aufkommenden „Internet der Dinge“ (Internet of Things, IoT) diskutiert. Das kommende „Internet der Dinge“, so eine Antwort auf die Frage, ist das „Ding an sich“, welches schon (unberührt) da ist, wenn wir kommen und dann alle Gegenstände mit einem Eigennamen, einer RFID (radio frequency identification) versehen. Selbst hat das IoT als „Ding an sich“ keinen Namen, den man dann in ein Lexikon eintragen könnte. Es ist ja „an sich“ oder besser „für sich alleine“ schon ein Ding. 

Wie der Ausdruck „Welt“ oder das Wort „Gegenstände“ ist „Internet der Dinge“ ein Wort „sui generis“, dessen Gebrauch wir synsemantisch einüben. Das steht so in der „Logischen Propädeutik“ von Kamlah/Lorenzen (S.49) und soll nicht weiter ausgeführt werden. Aber Journalisten sollten das Wort synsemantisch und ordentlich einüben. Für Kant noch war „das Ding an sich“ das Unwort des Jahres 17??. Der kluge Mann hat sich furchtbar darüber als eine bloße Schimäre aufgeregt. 

Abschlussgedicht am 19.1.2014:

Primordiale Reduktionen

Zuerst walkte es kantisch aus dem Nichts.
eh Kamlahs Geist über den Gewässern schwebte;
es hatte der Worte viele, aber noch keine Dinge.
Nur der Untergrund ganz mächtig bebte.

Dann kam das IoT, ein Ding an sich,
Und besiedelte den Globus total; 
Es verschob die Platten am Tisch
Und wärmte die Ursuppe zum Mahl.

Die Evolution wurde zur Computation,
Sog Informationen mit großer Gier.
Von der Komplexität immer mehr angetrieben,
nichts ist von allem geblieben.

Obama hat Merkel durch die NSA geadelt.
Dagegen sind Titel der Queen ein Relikt.
Sir Elton John nach Buckingham geradelt. 
Trug das Hosenband ganz geschickt.

Sascha Lobo schreibt wieder Briefe,
Die bringt die Post per Fahrrad ins Haus.
Evgenij Morozov*) tröstet ihn aus der Tiefe.
Das IoT mache den Dingen den Garaus.

Michael Schumachers Zustand ist stabil,
Weltmeister sind wir lieber im Export;
Der Zuwanderer brauchen wir heute viel;
Schi-Biathlon ist ein toller Sport.

Putin trifft sich mit Schwulen und Lesben,
Und feiert in Sotschi ein Fest.
Da strömen sie auch von Westen,
Die einst huldigten Marxens Manifest.

*) Näheres bei Heise

Montag, 13. Januar 2014

Denkwürdiges aus dem Inkareich

Ein Besuch im Lindenmuseum in Stuttgart am letzten Samstag veranlasst zu einigen Gedanken über einen sehr interessanten Ausschnitt der Geschichte der Menschheit. Die nicht-europäischen Kulturen haben mich schon seit meiner Jugend (beim Viehhüten) beschäftigt. Viele von ihnen habe ich und meine Frau in späteren Jahren auf Reisen besucht, sei es in Asien oder Amerika. Mit den Inkas klappte es leider nicht, dass wir ihre Welt besuchten, dafür kamen sie zu uns nach Stuttgart. Das musste ich ausnutzen. Einige Eindrücke aus der Inka-Ausstellung will ich wiedergeben, erweitert um Gedanken zu heutigen ähnlichen Situationen und Lösungen.

Besiedlung und Wanderung

Dass die ganze Besiedlung Amerikas über die Landbrücke der Beringstraße erfolgte. wird kaum bestritten. Der Zeitpunkt des Vorstoßes aus Sibirien ist weniger klar, ebenso die Dauer und Art der Ausbreitung nach Süden. Jedenfalls stieß der Homo sapiens bis nach Feuerland vor. Was Charles Darwin um 1830 dort kennenlernte, war nicht allzu beeindruckend. In drei Gegenden waren die Spanier im 16. Jahrhundert dagegen auf Hochkulturen gestoßen, bei den Azteken in Zentral-Mexiko, den Maya in Guatemala und Yukatan und den Inkas in Peru.



 © Wikipedia

Bei den Inkas muss man sich immer wieder daran erinnern, dass mit ihrer Herrschaft nur eine Zeitperiode gemeint ist, die unserem Mittelalter (13. bis 16. Jahrhundert) entspricht. Vorgänger-Kulturen haben Namen wie Chimu, Moche und Nasza. Der Name Inka bedeutet Herrschaft.

Die Inkas seien Klimaflüchtlinge gewesen, hieß es. Sie wären aus dem Hochland Boliviens, der Gegend um den Titicaca-See, nach Cusco herabgestiegen, als ihre Heimat sie nicht mehr ernähren konnte. Andere Forscher vermuten auch einen Aufstieg aus dem Amazonas-Becken. Darauf deuten gemeinsame mythologische Vorstellungen. Die gefiederte Schlange, Quetzalcoatl bei den Azteken genannt, taucht nicht nur bei den Mayas auf, sondern auch bei den Inkas. Vielleicht trifft beides zu. Nur war die eine Wanderung früher als die andere.

Klima- oder Armutsflüchtlinge gab es immer wieder und überall. Mal zogen Europäer über den Atlantik, heute drängen Asiaten und Afrikaner über das Mittelmeer. Fast alle Menschen wanderten einmal.

Absicherung gegen Hungersnöte

Die besondere Geografie Südamerikas bewirkte, dass die Lebensbedingungen sich von Ort zu Ort sehr unterschieden. Sehr früh entstand ein reger Austausch von Landesprodukten. Es gab keine Währung, sondern nur einen Tauschhandel. Wenn infolge von Katastrophen (Überschwemmungen, Vulkanausbrüchen) das Saatgut verloren ging oder aufgezehrt wurde, kam es immer wieder zu Hungersnöten. Die Inka benutzten ihre Macht, um systematisch gegen Hungersnöte vorzubeugen. Sie legten einerseits Lager an, andererseits planten sie den Anbau von Früchten, verteilt auf das ganze Staatsgebiet. Das ganze gebirgige Land war durch Terrassen erschlossen. Ihre Pflege wurde zur staatlichen Verpflichtung erhoben. Ihre Straßen verbanden den Wirtschaftsraum über Tausende von Kilometern. Lama-Karawanen besorgten den Gütertransport. Gut trainierte Läufer übermittelten Nachrichten. Die Haltbarkeit vieler Lebensmittel, vor allem von Kartoffeln, wurde unter anderem durch Schockgefrierung erreicht.

Die Schaffung großer Wirtschaftsräume erfolgt auch heute mit einem ähnlichen Ziel, aber weniger konsequent. Anstelle von Straßen stellen die Fluglinien und Schiffsrouten heute die Verbindungen her. Ohne die Verwendung ausgeklügelter Kühlsysteme ist kein Transport von Nahrungsmitteln mehr denkbar. Auch unser System ist sehr künstlich und daher verletzlich. Zwischen den Weltregionen werden Handelsabkommen langwierig ausgehandelt. Kriege finden in einer etwas subtileren, aber nicht weniger effizienten Form statt als früher. Die neueste Form heißt Cyber-Krieg.

Kultur ohne Schrift und Rad

Gegenüber andern hochentwickelten Wirtschaftsräumen kam man ohne die Erfindung der Schrift und des Rades aus. Was die Frage einer Schrift anbetrifft, ist die Forschungslage noch unklar. Offensichtlich hatten die vielen Farben und Webmuster eine Aufgabe. Wir können sie noch nicht interpretieren.


© Lindenmuseum

Dass es nicht zur Erfindung des Rades kam, hat zwei Gründe. Das Gelände, in dem die Inkas ihren wirtschaftlichen Schwerpunkt hatten, weist sehr große Höhenunterschiede auf. Der zweite Grund war, dass es keine Zugtiere gab. Als Kleinkamele sind Lamas zwar sehr gut als Lasttiere verwendbar, nicht jedoch als Zugtiere.

Bevölkerungspolitik im Dienste der Wirtschaft

Um die Produktion der notwendigen Güter sicherzustellen, fanden Zwangsumsiedlungen ganzer Bevölkerungsgruppen statt. Dabei wurden keine Rücksichten auf ethnische oder sprachliche Eigenheiten genommen. Wo es an Mais fehlte, wurden Maisbauern angesiedelt. Wo Terrassen benötigt wurden, wurden Experten für Terrassenbau hin beordert.

Das einer Währung am nächsten kommende Wirtschaftsgut waren Textilien. Das Angebot an fremde Staaten, sich dem Wirtschaftsraum der Inka anzuschließen, wurde mit Geschenken schöner und wertvoller Textilien begleitet.

Die Abhängigkeit der Anden-Westseite vom Schneewasser der Berge führte zur besonderen Verehrung von Berg-Gottheiten. Außer Naturalien wurde diesen Göttern auch Tieropfer, ja sogar Menschenopfer gebracht. So legten vor wenigen Jahren die infolge der Erderwärmung zurückweichenden Gletscher die Mumien kleiner Kinder frei. Sie waren im berauschten Zustand ausgesetzt worden und anschließend erfroren. Besser erging es den jungen Frauen, die in klosterähnlichen Konventen eine sorgfältige Ausbildung in fortgeschrittener Haushaltstechnik erfuhren. Sie ergaben gleichzeitig ein Reservoir für politisch motivierte Heiraten.

Die Ausbildung des Fachkräftenachwuchses ist auch heute ein primäres Anliegen des Staates. Die Ausbildung für sakrale Tätigkeiten und Tätigkeiten in der Familie hatte auch bei uns noch bis vor kurzem einen hohen Stellenwert.

Quipus und die Informationstheorie

Der Unterstützung der ökonomischen Planung wie der Verteilung diente ein ausgeklügeltes Buchhaltungssystem. Es war eine Buchhaltung ohne Schrift, nur mit Zahlen. Nichts ist davon übrig geblieben außer etwa 800 Knotenschnüre, Quipus genannt. Fast die Hälfte (289) davon liegt in einem einzigen Museum, dem Museum für Völkerkunde in Berlin-Dahlem.


© Lindenmuseum

Das abgebildete Exemplar enthält das Vielfache des Informationsgehalts einer Lochkarte. Jede senkrechte Schnur entspricht einer Dezimalzahl, wobei in der Regel bis zu vier Dezimalstellen vorkommen können, also ein Wert zwischen 0 und 9999. Diese Quipu hat etwa 90 Schnüre, d.h. sie enthält etwa 90 Zahlenwerte. Diese sind in etwa 20 Gruppen zusammengefasst. Soweit ist alles klar. Genau wie bei einer Lochkarte, die wir irgendwo in einer Schublade finden, wissen wir nicht was die Zahlen bedeuten. Es kann eine Bevölkerungsstatistik für einen Bezirk sein, verbunden mit Nahrungsmittelvorräten und dem Steueraufkommen. Es sind bestimmt keine Lottozahlen oder Sudokas. Wir würden eine Beschreibung benötigen oder ein Programm, das die Daten verarbeiten kann. In den Anden gab es speziell ausgebildete Quipu-Ersteller und Quipu-Leser. Ihr Wissen steht uns nicht mehr zur Verfügung.

Das gleiche Schicksal droht zum Beispiel unseren Lochkartenbeständen, d.h. es ist ihnen größtenteils bereits widerfahren. Das Problem der partiellen Codierung von Informationen haben wir uns in den Jahrzehnten seit Einführung der Lochkartentechnik in riesigem Umfange geschaffen. Der Wechsel von Lochkarten zu Magnetbändern und Magnetplatten hat dieses Problem nicht vereinfacht, sondern verschlimmert. Informatiker sind sich dieses Problems kaum bewusst. Der Grund dafür liegt nicht zuletzt in der Fokussierung auf einen etwas seltsamen Informationsbegriff. Weder Shannon noch Chaitin (mit dem algorithmischen Informations-Begriff) sind für dieses Problem sensibel. Sie trugen mit dazu bei, dass Generationen von Informatikern ebenfalls zur Nicht-Sensibilität erzogen wurden. Die theoretische Klarheit und die mathematische Reinheit ihrer Informationsbegriffe verdanken diese Ansätze bekanntlich der Tatsache, dass die Bedeutung wegabstrahiert wurde. Erst in neueren Systemen kommt Typinformation oft explizit vor. Manchmal wird sogar versucht, auch die Semantik zu kodieren.

Gesellschaftsstruktur und Arbeitsteilung

Die Gesellschaft zur Zeit der Inka hatte eine klare Struktur. An der Spitze stand der Adel, also die Nachfahren der Einwanderer. Am unteren Ende war das aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen bestehende Volk. Dazwischen war das Heer der Staatsdiener, nämlich Soldaten, Beamte und Priester. Die Erträge des Landes wurden nach einem einfachen Schlüssel aufgeteilt. Ein Drittel ging an die Götter, ein weiteres Drittel an den Staat, das restliche Drittel verblieb den Erzeugerfamilien. Außer Abgaben gab es eine Verpflichtung zum Frondienst für den Staat. Für die Zufriedenstellung der Götter, also die Organisation religiöser Riten, war der Adel zuständig. Das beinhaltete auch die Sammlung astronomischen Wissens, die Festlegung des Kalenders und die Festsetzung von Festzyklen.

Die Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen führte auf der ganzen Welt zu vielfältigen Formen. Im Moment finden überall Änderungen statt, wobei man deutlich unterscheiden kann zwischen den einzelnen Ländern. Nicht überall gehören starre Strukturen der Vergangenheit an.

Untergang einer Kultur

Für jede Menschengruppe, die Jahrtausende in Isolation lebte, ist das Auftauchen unbekannter fremder Menschen ein Schock. Bei den Inkas herrschte die Vorstellung, dass die Ahnen nicht tot waren, sondern sich in eine andere Welt (oder Weltregion) verabschiedet hatten. Viracocha, der Urvater der Inka-Dynastie, soll übers Meer, also den Pazifik, verschwunden sein. Als Pizarros Schiffe 1532 an der Küste erschienen, glaubte man deshalb Viracocha käme zurück.



© Lindenmuseum

Während seiner zweijährigen Gefangenschaft in Cajamarca musste Atahualpa einsehen, dass diese Vorstellung trog. Er wurde dann zum Zerstörer der eigenen, indigenen Kultur. Um sein Leben zu retten, ließ er alle Goldschätze aus dem ganzen Lande abtransportieren. Sie wurden größtenteils von den Spaniern eingeschmolzen. Nur wenige versteckte Überreste blieben erhalten.

Dass die Großen der Welt oft ganze Länder und Kulturen ins Verderben mitreißen oder zumindest damit drohen, ist auch uns bekannt. Hitler war einer von ihnen, aber Gaddafi, Saddam Hussein und Assad sind noch viel frischer in Erinnerung.

Verdankung

Der Kuratorin der Ausstellung, Doris Kurella, danke ich nicht nur dafür, dass sie die Inkas nach Stuttgart gebracht hat. Sie gab auch eine sehr gute Führung zu den Exponaten. Ich danke auch zwei ungenannten Helfern aus der Familie, die den Besuch möglich machten.
 

Am 14.1.2014 schrieb Gerhard Schimpf aus Pforzheim:

Vielen Dank für die lesenswerte Zusammenschau der Inka Kultur und danke auch für die Erinnerung an diese wegweisende Ausstellung im Lindenmuseum. Ich war vor zwei Jahren mit meiner Frau unterwegs in Chile und Argentinien - immer entlang der Andenkette von Nord nach Süd bis Patagonien. Im Nordwesten Argentiniens befinden sich schöne Kolonialstädte, die bei uns kaum bekannt sind. Wir hatten viel Zeit, um herumzustöbern. In Salta sind wir auch auf Spuren der Inkakultur gestoßen. Der kleine Bericht erinnert an die im Beitrag erwähnten Kinderopfer.