Samstag, 31. Mai 2014

Europa hat gewählt – was nun?

In der Zeit zwischen dem 22. und 25.5. haben 28 EU-Länder ein neues, so genanntes Parlament gewählt. Ich mache absichtlich eine Einschränkung bei der Benutzung des Begriffs Parlament, weil dieses Parlament nicht die vollen Funktionen einer Volksvertretung besitzt. Das Bundesverfassungsgericht sieht dies bekanntlich auch so. Bekannte Einschränkungen sind, dass es weder Gesetze initiieren kann, noch aus seiner Mitte eine Regierung bilden kann, noch seinen Sitzungsort selbst wählen kann. Daran wird sich in naher Zukunft auch nichts ändern. Trotzdem ist es interessant, einige der nach der Neuwahl anstehenden Fragen zu stellen, etwa diese: Welche Folgen wird diese Wahl in Europa haben? Welche Initiativen seitens der EU sind zu erwarten? Was wird sich für uns EU-Bürger ändern? Wie geht es weiter mit dem Projekt Europa?

Wahlverlauf und Wahlergebnis

Zum ersten Mal bestimmten die Kandidaten für das Amt des Präsidenten der EU-Kommission den Wahlkampf. Martin Schulz und Jean-Claude Juncker tourten durch ganz Europa und bestritten diverse Talkshows. Die Wahlbeteiligung lag geringfügig höher als 2009. Das betraf vor allem Litauen und die beiden Krisenländer Griechenland und Zypern, aber auch Deutschland, wo in einigen Ländern gleichzeitig Kommunalwahlen stattfanden. Im Gesamtergebnis liegt die EVP an der Spitze, die Juncker als ihren Kandidaten nominiert hatte. Schulz sträubte sich (so wie 2005 sein Parteifreund Gerhard Schröder) zunächst gegen die Niederlage. Er lenkte jedoch innerhalb weniger Tage ein und ließ Juncker vom gesamten Parlament zum Wahlsieger erklären.

Das Besondere am Wahlergebnis ist der starke Zuwachs europa-kritischer Parteien in vielen Ländern. In Frankreich erreichte der Front National (FN) von Marine Le Pen glatte 25% und wurde zur stärksten Partei des Landes. In England verdoppelte Nigel Farage den Anteil der Stimmen für die Unabhängige Partei (UKIP) auf 27,5%. Sowohl UKIP wie der FN fordern den Austritt ihres Landes aus der EU. In Österreich gewann die Freiheitliche Partei (FPÖ) fast 20% der Stimmen. In Griechenland liegt die linke europa-feindliche Partei Syriza vorne (26,6%). In Deutschland hat es die Alternative für Deutschland (AfD) von Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel geschafft von null auf 7% zu gelangen. Die AfD verlangt die Abschaffung des Euro bzw. die Spaltung in einen Nord- und Süd-Euro, will aber die EU beibehalten. Zusammen erhielten die europa-kritischen Parteien 119 der 751 Abgeordnetensitze (15,8%)..

Bildung der neuen Exekutive

Gemäß dem Vertrag von Lissabon von 2007 wird der Präsident der Kommission vom Ministerrat vorgeschlagen und vom Parlament gewählt. Dass sich das Parlament so schnell einigen konnte, ist ein Indiz dafür, dass die Schwierigkeiten für die Bildung einer Exekutive ganz wo anders liegen. Als Exekutive (ein Begriff der im besagten Vertrag nicht vorkommt) bezeichne ich die gesamte Kommission inklusive Außenbeauftragtem sowie den Ratspräsidenten.

Es war David Cameron, der britische Premierminister, der angesichts der Europa-Müdigkeit in seinem Lande davor warnte, so weiter zu machen wie bisher. Es müssten effektive Maßnahmen zum Abbau des Brüsseler Wasserkopfs ergriffen werden. Das könnten aber nicht Leute, die wie Juncker und Schulz mit dem bisherigen System verwachsen sind. Es müssten neue Leute her. Alles andere ignoriere den Wählerwillen. Dem scheinen sich der Ungar Viktor Orban, der Holländer Mark Rutte und der Schwede Fredrik Reinfeldt anzuschließen. François Hollandes Reaktion ist mir nicht bekannt. Angesichts dieser Diskussion hat Bundeskanzlerin Merkel Abstand davon genommen, den EVP-Kandidaten Juncker um jeden Preis durchzusetzen. Da sie dafür vor allem von ihrem deutschen Koalitionspartner, der SPD, kritisiert wurde, hat sie inzwischen zu Junckers Gunsten umgeschwenkt.

Der Ministerrat hat den derzeitigen Ratspräsidenten Herman Van Rompuy beauftragt zu sondieren, Er soll bis Ende Juni sowohl eine inhaltliche Strategie für die nächste Legislaturperiode unterbreiten, sowie Vorschläge für das Führungspersonal, das diese Strategie implementieren kann. Das klingt nicht schlecht. Man muss fragen, warum diese Arbeit nicht bereits vor der Wahl zumindest teilweise gemacht wurde. Die Antwort: So funktioniert die Europa-Politik leider nicht. Erst die Wahl hat die Fakten geschaffen, die dazu führen, dass einige Leute mit dem Nachdenken beginnen. Im Folgenden will ich einige Gedanken formulieren ähnlich denen, die möglicherweise auch Herman Van Rompuy durch den Kopf gehen werden.

Mögliche Strategien für die Exekutive

Die Aufgabe einer Exekutive ist es, Fakten zu schaffen. Im Falle der EU-Kommission werden ihre Aufgaben primär von den Mitgliedsstaaten festgelegt. Deren Organ ist der Ministerrat. Alle bisherigen Verhandlungen deuten in Richtung einer Großen Koalition für die nächsten fünf Jahre, d.h. einem ausbalancierten Geschäft zwischen Konservativen und Sozialisten. Rein zufällig lassen sich damit auch die deutschen politischen Verhältnisse sehr gut abbilden. Mit Ausnahme der in Hamburg erscheinenden Wochenzeitung Die Zeit hat bisher kein Beobachter die Sichtweise von David Cameron und seinen nordeuropäischen Verbündeten ernst genommen. Sie fordert den ‚Reset‘ (auf Deutsch: Neustart) der EU-Politik. Als Begründung wird angegeben:

Eine EU ohne Großbritannien wäre eine Schneckenhaus-EU. Bieder, protektionistisch, selbstgefällig und ohne ein notwendiges häretisches Korrektiv. Es wäre eine EU zum Davonlaufen. 

Um der britischen Gefühlslage entgegenzukommen, muss die EU die Achtung, wenn nicht sogar die Wiederherstellung nationaler Rechte demonstrieren. Am schönsten wäre es, sie könnte gleichzeitig ihre Brüsseler Verwaltung reduzieren. Das wäre deutlich überzeugender als nur von der Verringerung von ‚Bürokratie‘ zu reden, also dem, was Edmund Stoiber als soziale Altersleistung versprochen hatte. An die Stelle von ‚mehr Europa‘ also mehr Bürokratie, träte der Abbau von Bevormundungen.

Die Kompetenz der EU-Kommission, und folglich ihre Chancen, liegen bei den Aufgaben, bei denen es Nationalstaaten heute schwer haben. Der Schutz der Umwelt und die Sicherung der Energieversorgung sind naheliegende Beispiele. Aber auch der Schutz europäischer Verleger gegen Google und Facebook, oder auch der Schutz kontinental-europäischer Bürger gegen amerikanische und chinesische staatliche Überwachung kann nur die EU wirkungsvoll betreiben. Einzelstaaten fühlen sich schnell überfordert. Wieweit diese Forderungen berechtigt sind, ist eine andere Frage, die zu diskutieren sich lohnt.

Die anstehenden Verhandlungen über das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) bieten sich an, um die Rolle der EU-Kommission in neuem Licht erscheinen zu lassen. Nicht nur der Datenschutz kann hier vertraglich geregelt werden, auch die Behandlung gentechnisch veränderter Lebens- und Futtermittel. Die Hauptgefahr, die man bei einem engeren Schulterschluss zwischen EU und USA nicht außer Acht lassen darf, ist die vermehrte Angst, die sich in Osteuropa, Südamerika, Afrika und Asien einstellen kann bezüglich einer drohenden Hegemonie.

Die Einschaltung der EU-Kommission bzw. ihrer Außenvertreterin bei politischen Krisen war bisher alles andere als ein Erfolg. Sowohl in Afrika (Libyen, Mali, Zentralafrikanische Republik) wie in Osteuropa (Georgien, Ukraine) war ihre Rolle entweder marginal oder unglücklich. Hier ist überall entweder die USA in besonderer Weise gefordert, oder die früheren Kolonialmächte England und Frankreich spielen noch gerne eine Sonderrolle. Die Aufnahme neuer Mitglieder in die EU rückt immer mehr in weite Ferne.

Mögliche Themen für das Parlament

Die Möglichkeiten des EU-Parlaments beschränken sich darauf, alle möglichen Themen zu diskutieren. Dazu gehören alle von der Kommission beschlossenen, eingeleiteten oder durchgeführten Aktionen. Auch von außerhalb der Kommission kommend, gibt es eine Vielzahl von Themen, die das Parlament beschäftigen kann und soll. Ich erwähne die Migrationsproblematik, die zwei unterschiedliche Dimensionen hat. Einmal geht es um die Wanderung innerhalb der EU, also von Rumänien und Bulgarien in die reichern Länder. Zum andern geht es um die Wanderung von außen in die EU, hauptsächlich über das Mittelmeer. Es gibt für beides keine leichten Antworten, umso wichtiger ist die Diskussion. Weitere sehr universelle Probleme sind die Zunahme der Verstädterung, die Versteppung landwirtschaftlich nutzbarer Flächen, sowie die Verseuchung der Luft und der Böden mit der daraus resultierenden Gefährdung der Nahrungsmittel.

Ein spezielles Thema möchte ich hervorheben, dem sich das EU-Parlament unbedingt stellen muss. Ihm gehören jetzt über 100 Abgeordnete an, deren Ziel es ist, die dem Parlament zugrunde liegende gesetzliche Ordnung zu verändern. Andernorts gilt dergleichen als Subversion und Hochverrat. Die EU besitzt keine Möglichkeit, die von diesen Abgeordneten betriebenen subversiven Tätigkeiten zu verhindern. Insbesondere besteht keine Möglichkeit, ihnen das Mandat zu entziehen, wie dies Adolf Hitler mit den kommunistischen Abgeordneten nach dem Reichstagsbrand von 1933 tat. Es besteht nur die Möglichkeit, sich mit ihnen argumentativ auseinander zu setzen. Sie zu ignorieren reicht nicht. Man muss die Widersprüchlichkeit in ihren politischen Ansichten und in ihrem Verhalten thematisieren. Man muss klar machen, dass es marginale Ansichten sind, die nicht das Interesse der Öffentlichkeit verdienen. So muss man z.B. darauf hinweisen, welchen Dienst die UKIP der Wissenschaft ihres Landes erweist, indem sie effektiv die Vergabe von EU-Fördermitteln an britische Einrichtungen unterbinden will. Auch kann man eine Abstimmung herbeiführen, bei der Deutschlands Austritt aus der Euro-Zone zur Wahl steht, so wie dies von der AfD gefordert wird.

Mögliche Fortschritte des Projekts Europa

Von Friedrich Merz und Wolfgang Clement beeinflusst, hatte ich im August 2012 die Frage gestellt: Wieviel Europa darf es denn sein? Ich hatte die Diskussion nach elf Themengebieten strukturiert.
  • Außen- und Entwicklungspolitik
  • Verteidigung, Verbrechen und Migration
  • Währung, Finanzen und Steuern
  • Wirtschaft und Technologie
  • Energie und Klima
  • Landwirtschaft und Verbraucherschutz
  • Forschung und Wissenschaft
  • Industrie- und Verkehrspolitik
  • Sozial- und Gesellschaftspolitik
  • Gesundheits- und Drogenpolitik
  • Bildungs-, Sport- und Kulturpolitik
Es ist nicht davon auszugehen, dass die größeren EU-Länder wie Deutschland, England und Frankreich weitere wesentliche Verantwortungen auf diesen Gebieten an Brüssel abgeben möchten. Eine differenzierte Betrachtung kann daher nur weiterhelfen. Das Prinzip der Subsidiarität muss konsequent zur Anwendung kommen. Dabei ist Sensibilität für Stimmungslagen etwas, was Europa-Politiker noch mehr als andere benötigen.

Montag, 26. Mai 2014

Alice Endres über moderne Landwirtschaft zwischen Ökologie und Ökonomie

Alice Endres (Jahrgang 1964) ist Landwirtin im Kreis Bitburg in der Eifel. Der Betrieb ruht auf drei Säulen, dem Anbau von Körnerfrüchten, der Milchviehzucht und dem Betreiben einer Biogas-Anlage. Alice vertritt die Interessen der milcherzeugenden Betriebe in der Milcherzeugergemeinschaft  Milch Board. Außerdem kandidierte sie auf der Liste der Grünen bei der Landtagswahl 2013 in Rheinland-Pfalz. Alice und ihr Mann Thomas, ein Sohn meines Bruders, haben vier erwachsene Kinder.



Bertal Dresen (BD): Da ich gerade erst wieder in der Eifel war, drängt sich mir eine Reihe von Fragen auf, die das Schicksal der Landwirtschaft generell betreffen. Aufgrund meiner sporadischen Besuche sehe ich den Wandel, soweit er die Eifler Landwirtschaft betrifft, möglicherweise deutlicher als jemand, der dauernd am Ort ist. Vor einem Jahr fiel mir der Übergang zu einer Monokultur besonders auf. Auf der ganzen Flur schien es nur noch Mais zu geben. Dieses Mal erklärte mir mein Bruder, dass es nur noch zwei Betriebe im Dorf gäbe, die Milch erzeugen. In vielen der einst so stolzen Bauernhäuser wohnen nur noch ein oder zwei alte Leute. Übertreibe ich?

Alice Endres (AE): Zum großen Teil hast Du Recht. Dieser Wandel findet leider in ganz Deutschland statt. Als ich 1981 in Deinem Heimatdorf meine landwirtschaftliche Lehre begann, gab es dort noch über zwanzig Bauernbetriebe. Alles war kleinparzelliert. Man baute auch noch die arbeitsintensiven Rüben an, die ich persönlich für ein gutes Viehfutter halte. Diese passen arbeitstechnisch nicht mehr in den heutigen Betriebsablauf. Außerdem gab es Sommergerste für die Bitburger Brauerei. Diese bezieht heutzutage die Sommergerste teilweise aus den Kornkammern Europas, wo sie günstiger als im klimatisch benachteiligten Gebiet der Eifel produziert wird.

Zum Heute: Insgesamt gibt es noch drei Bauern in Deinem Heimatdorf. Einer von ihnen betreibt zwar noch Ackerbau, hat aber die Viehhaltung aufgegeben. Wir selbst haben eine Dreier-Fruchtfolge: Wintergerste-Mais-Weizen im Ackerland, sowie Weide, Ackerfutter und Luzerne im Grünland. Damals bewirtschaftete Dein Bruder etwa 25 Hektar, auf denen sowohl das Futter für das Vieh als auch Verkaufsgetreide angebaut wurden. Wir bewirtschaften heute rund 200 Hektar, mehr als acht Mal soviel. Unsere Fruchtfolge gestalten wir natürlich so, das unsere Arbeitsabläufe rational sind. Wir hatten z.B. im ersten Jahr nur Gerste in einem Teil unserer Flur, im zweiten Jahr Mais und im dritten Jahr nur Weizen. Letztendlich wirkt dies optisch wie eine Monokultur, vor allem wenn alle verbleibenden Bauern mit ihrer Fruchtfolge parallel wirtschaften. Aber gerne gebe ich die Frage zurück: Was ist Monokultur? Wir halten bei uns eine gesunde Fruchtfolge ein! Da ist der Maisanbau (die ‚Vermaisung‘) in Baden-Württemberg wesentlich intensiver, da dort die großen Zuchtbetriebe für Maissaatgut stehen.

BD: Im Nachbardorf fiel mir auf, dass die Zahl der Windräder sich verdoppelt hatte. Mein dortiger Kontakt bestätigte, dass eine Genossenschaft den ganzen Rotorpark betreibt; dass also der ganze Ort daran verdient. Ist das überall so?

AE: Die Situation ist ganz typisch. Energiegenossenschaften sind politisch gewollt. Ich selbst halte sie für gut. Die Energiewende wurde leider politisch eingerichtet, bevor diese im Detail organisiert wurde.

BD: Was in Deutschland bezüglich der Energiewende allgemein passiert ist, habe ich in meinem Blog zu beschreiben versucht. Das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) war ein so großer Erfolg, dass wir jetzt ein Überangebot an Strom haben. Dumm ist nur, dass für die Förderung Laufzeiten versprochen wurden, die viel zu lang waren.

AE: Dass wir jetzt ein Überangebot an Strom haben, ist leider so. Die für die Förderung zugesagten langen Laufzeiten sind jedoch nicht schuld daran. Die Investitionen in alternative Energien sind teuer. Wer darin investierte, musste kalkulieren können. Die Subvention der Kernkraftwerke (AKW) war und ist letztendlich wesentlich teurer für alle.

BD: Die Stromerzeugung ging fast vollständig in die Hände mittelständiger Unternehmen über, besonders an der Küste. In vielen Gegenden verschafft das EEG Bauern ein alternatives Einkommen. Ist das bei Euch auch der Fall?

AE: Dass die Stromerzeugung in die Händ mittelständiger Unternehmen übergeht, das war der ursprüngliche Gedanke der Grünen. Fakt jedoch ist, das die CDU das EEG dahingehend erweitert hat, dass die Mittelständler nicht mehr die Profiteure sind. Stattdessen sind es die Konzerne mit Expansionsgedanken, die in die landwirtschaftlichen Betriebe inklusive Energieproduktion eingestiegen sind. Wir gehören noch zu den etwa 25% der Anlagen, die Privaten gehören. Wir haben uns nicht in die flächenunabhängige Größe treiben lassen, was sich jetzt als gut herausstellt, da die anderen die Eigentümerschaft über ihren Betrieb zunehmend verlieren.

BD: Warum ist das so?

AE: Das Kapital versucht dank seiner Spekulationsgewinne (‚Blasengeld‘) in Realwerte und Land zu investierten. Das ist jetzt wirklich keine Schwarzmalerei. Vor einem Monat  ̶  es hat mich wirklich erstaunt  ̶  kam ein Bericht im ZDF, dass 70% der landwirtschaftlichen Fläche in Brandenburg von Investoren übernommen worden sei. Den Landwirten steht es zur Rückpacht wieder zur Verfügung.

BD: Dass die Produktion von Lebensmittel in der Hand von Bauern bleiben soll, ist eine ganz andere Forderung. Hast Du Zahlen, aus denen hervorgeht, wie weit das überhaupt noch der Fall ist? Meines Erachtens sind die meisten Hühnerfleisch-Produzenten keine Bauern (mehr). Es gibt Argumente, dass die Qualität umso besser gewährleistet werden kann, je industrieller die Produktion erfolgt.

AE: An Zahlen zu kommen, wie weit die Landwirtschaft noch in Bauernhand ist, oder aber in industrieller Hand, ist sehr schwer. Ich habe jedoch eine Aussage eines Bauern (ehemals Kuhbauer, jetzt Hähnchenmäster). Vor zwei Jahren auf einer Veranstaltung in Niedersachsen kam ein Mann auf mich zu, als ich gerade aufbrechen wollte. Er sagte, er sei mit dem Milchgeld nicht mehr zurechtgekommen, und habe sich dahingehend beraten lassen, einen Geflügelmaststall zu bauen, um Einkommen zu generieren. Er hat dem zugestimmt, die Bank auch, aber er hat sich letztendlich durch eine Abnahmegarantie komplett an einen (bekannten) Konzern verkauft. Er kriegt die Küken von diesem, muss Futter von diesem beziehen, muss 28 Tage Antibiotikazusätze füttern, dann, um einen negativen Antibiotikatest beim Schlachten zu bestehen, fünf Tage einen Kortisonzusatz geben, um das Immunsystem bis zur Schlachtung runterzufahren. Der Bauer, der dies sagte, litt ungemein unter dieser Situation. Er war sich dessen sehr bewusst, kann aber finanziell nicht mehr aus dieser Schraube raus. Seitdem kann ich kein Puten- oder Hähnchenfleisch mehr essen! Das gleiche ist im Schweinebereich der Fall. Industriell heißt immer groß, viele Tiere auf wenig Fläche; bedeutet vermehrten Medikamenteneinsatz. Das ist einfach Fakt! Industriell verkauft sich als sicher und sauber, fast steril. Ob das gesund ist, ist die Frage.

BD: Ein weiteres Argument ist, dass wir die Nothilfen an Entwicklungsländer erst dann loswerden, wenn wir ihre Agrarprodukte in unsere Märkte lassen. Dass die geografische Nähe der Agrarproduktion zum Verbraucher ökologische Vorteile habe, scheint mir oft nur vorgeschoben zu sein. Wenn die Eifler nur Eifler Erzeugnisse essen, fahren die Eifler eher mehr Auto, als wenn sie ihre Früchte von spanischen oder griechischen Äckern beziehen. Sehe ich das falsch?

AE: Es stimmt nicht, dass wir die Nothilfen an die Entwicklungsländer erst dann loswerden, wenn wir ihre Agrarprodukte in unsere Märkte lassen! Das ist das Wunschdenken unseres Wirtschaftsministeriums, mit denen ich auch ein Gespräch hatte. Die glauben, wenn es denn so wäre, diese Länder dann in der Lage wären, unsere Industriebetriebe durch Einkäufe zu unterstützen. Diese Annahme entspricht aber leider nur einem Wunschdenken.

BD: Kannst Du diese Vermutung belegen?

AE: Ich habe z.B. Frauen aus Burkina Faso kennengelernt. Wir haben seinerzeit Entwicklungsgelder in diese Region geschickt, so dass man dort eine Landwirtschaft zwecks Selbsternährung aufbauen konnte. Die EU hat aber zeitgleich Exportsubventionen an unsere Produzenten gezahlt, so dass diese unsere Produkte, vor allem auch unsere Abfälle wie Hühnerfüße, Schweineköpfe, Milchpulver, usw. in diese sich zart entwickelnden Märkte dumpten. Ein Paradox: Wir zahlen Entwicklungshilfe, damit sich die Drittländer ernähren können, zahlen Exportsubventionen, damit unsere Überproduktion in Drittländern billig abgesetzt werden kann, zahlen Subventionen an unsere Bauern, die mittlerweile etwa 70% von deren Betriebseinkommen ausmachen. Ist das nicht eine verkehrte Welt? Unsere Überproduktion in Deutschland führt auch noch zu massiven ökologischen Problemen, da eine standortintensive Tierhaltung zu gesteigerter Nitrateinbringung ins Grundwasser führt, und somit letztendlich zur Qualitätsminderung. Ich habe übrigens einen Vortrag von einem Prof. Binswanger gehört, einem schweizerischen Volkswirtschaftler, der sehr einleuchtend über die wirtschaftliche Entwicklung in der Welt berichtete und auch warnte. Im Rahmen meiner Parteimitgliedschaft hatte ich ein zwei-stündiges Gespräch mit Dirk Müller, einem Börsenguru, der unser Finanzsystem detailliert dargelegt hat, auch historisch hinterlegt

BD: Es gibt einen Mathias Binswanger an der Hochschule St. Gallen und einen Hans Christoph Binswanger an der Uni Zürich. Ich vermute es war der letztere. Er leitet ein Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft. Dirk Müller ist ein Börsenmakler und bekannter Autor. Seine Bücher sind Bestseller. Er hat den Beinamen ‚Mister DAX‘ und berät Politiker und Verbände in Finanzfragen. Auch Franz Josef Radermacher aus Ulm, mit dem Du über den Milch Board Kontakt hattest, engagiert sich sehr in ökologischen Fragen. Er plädiert unter anderem für einen Globalen Marshall-Plan. Das Thema Ökologie hat längst die Nische verlassen. Es sind heute nicht nur die ehemals als Spinner verschrienen Grünen, die sich des Themas annehmen. Die Gesellschaft als Ganzes befasst sich damit. Deine Meinungen repräsentieren inzwischen weitgehend den so genannten ‚Main stream‘. Fukushima war der Sargdeckel der Atom-Euphorie. Wir sind aber noch weit entfernt von einer stabilen Lage, sowohl was die Energie-Diskussion betrifft, als auch die politischen und sozialen Fragen überhaupt. Ich erwähne nur die Ungleichheits- und die Migrationsdebatte. Der dramatische Wandel wird noch eine Weile anhalten.

AE: Wir sind in Zeiten eines dramatischen Wandels, darin gebe ich Dir 100% Recht. Ich habe eine Aufarbeitung der letzten Wirtschaftskrise gelesen, und ich habe mich im Heute wiedergefunden. Ich habe viel mit meiner Tochter diskutiert, die ja zu Latein auch Geschichte studiert. Ihr Geschichts-Professor bedauere, dass die Geschichte nirgendwo zählt, sondern nur das Vorausgerichtete, obwohl Geschichte viel erzählen könnte.

BD: Vielen Dank, Alice, für dieses interessante Interview. Ich finde es sehr anregend, mit Dir zu diskutieren. Du weißt, meine Eifler Jugendzeit ist eine Zeit, zu der ich mich immer wieder hingezogen fühle. Dass die Eifel aber nicht mehr dieselbe ist, wie vor 60 Jahren, ist mir klar.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Auf den Spuren Alexander von Humboldts (1769-1859)

Im meinem Bericht über Georg Forster in diesem Blog schrieb ich:

Im Frühjahr 1790 unternahm [Forster] gemeinsam mit Alexander, dem jüngeren der Humboldt-Brüder, eine ausgedehnte Reise, die ihn in die Österreichischen Niederlande (dem heutigen Belgien), nach Holland, England und Paris führte. Dort nahmen beide am 14. Juli an den Feiern zum Jahrestag der Revolution teil.

Von den beiden Brüdern Wilhelm und Alexander von Humboldt ist es der jüngere der beiden, der seinen Ruhm seinen Reisen verdankt. Sein Bericht über die Südamerika-Reise hat mich schon seit meiner Jugend fasziniert. Ich bin ihm sogar ein Stück des Weges nachgereist. So wie er, so wollte ich meine Höhentauglichkeit am Teide (3718 m hoch) auf Teneriffa testen. Wir fuhren während unseres Urlaubs in Jahre 2009 mit der Gondel hoch. Humboldt hatte noch keine Gondel gehabt. Trotzdem machte er barometrische Höhenmessungen und korrigierte die Höhe um 50 Meter. Kaum hatte ich die Gondel verlassen, um weiter in Richtung Vulkanspitze zu marschieren, merkte ich, dass dies mich überforderte. Ich begann nach Luft zu schnappen und wurde schwindelig. Die nächste Gondel kam erst in einer halben Stunde. Ich hatte mich nie so sehr auf eine abwärts fahrende Gondel gefreut.

Um an die Westküste Südamerikas zu kommen, hatten meine Frau und ich zwei Anläufe in 2010 und 2012 unternommen. Beide scheiterten an Unfällen bzw. Erkrankungen, die einen von uns kurz vorher lahm legten.

Jetzt hat unser Blog-Freund Gerhard Schimpf es geschafft. Er stellte 159 Bilder ins Netz. Sie sind per Passwort geschützt. Als ich mich wunderte, warum es nur Kolumbianerinnen und Kolumbianer zu sehen gäbe, und keine Bauwerke und Vulkankegel, schrieb er:

doch es wird noch mehr kommen. Viel mehr. Ich habe beim ersten Durchgang durch eine Tonne von Fotos erst einmal die Personen herausgefischt. Wie nicht anders zu erwarten, steckt hinter jedem Foto eine Geschichte. Manchmal eine ganz phantastische und unerwartete. Wann trifft man schon mal in einem 100 Seelen Dorf in der Pampa eine Schönheitskönigin oder zwei Abiturientinnen, die einem als Museumsführerinnen das "Bett von Simon Bolívar" verkaufen wollen. Auf Nachfrage dann, na ja, ein landestypisches eben, wie man es damals hatte.

Die Reise durch dieses facettenreiche und komplexe Land, das gerade langsam wieder auf die Beine kommt, war so erlebnisreich, dass ich seit Wochen damit beschäftigt bin, das alles nachzuarbeiten. Wir folgten der Reiseroute Humboldts von Cartagena nach Bogotá und wir litten wie er unter der Hitze. Am Rio Magdalena kursierte der Witz: Hier ist es so heiß, dass die Hühner Spiegeleier legen.

Ich bin gespannt auf die anderen Bilder. Vielleicht wird es sogar einen Reisebericht geben.

NB: Humboldt wollte eigentlich mit Napoléon nach Ägypten. Eine schönere Expedition konnte sich damals kein Wissenschaftler vorstellen. Napoléon weigerte sich, ihn mitzunehmen; "Sie beschäftigen sich mit Botanik? Auch meine Frau betreibt sie!" Mit diesen Worten ließ Napoléon ihn abblitzen. Darauf fuhr er zum spanischen König. Für einen protestantischen Preußen eine ziemliche Überwindung. Der Rest ist Geschichte.

Mittwoch, 14. Mai 2014

Vom Garten Eden bis zu den Hängenden Gärten der Semiramis – was ist da Wahres dran?

Bei meinen diversen Reisen machte ich gerne einen Umweg, wenn es darum ging, einem in der frühen Geschichte der Menschheit überlieferten Großereignis auf den Grund zu gehen. Die folgenden fünf Sagen oder Geschehnisse sind relativ präzise dokumentiert. Gerade in den letzten Jahrzehnten wurden intensive Bemühungen unternommen, die etwas wunderlichen Ereignisse zu lokalisieren, bzw. zeitlich einzuordnen. Dass dabei moderne technische Mittel verwandt wurden, versteht sich von selbst. Im Folgenden wird für jedes Ereignis der neueste Stand der Forschung kurz beschrieben. Ich beschränke mich dabei auf Sagen aus dem östlichen Mittelmeerraum.

Garten Eden (vor etwa 12.000 Jahren)

Die Bibel (Genesis) lokalisiert den Garten Eden durch die Angabe von vier Flüssen, die aus ihm entspringen sollen: Euphrat, Tigris, Pischon und Gihon. Während mit Euphrat und Tigris das Zweistromland Mesopotamien ins Blickfeld rückte, gaben die beiden andern Flüsse Rätsel auf. Leute, die meinten, dass man geografische Angaben nicht ernst nehmen könnte, brachten den Nil, den Indus und den Ganges ins Spiel. Andere hielten die Idee bereits für absurd, überhaupt einen konkreten Ort zu vermuten. Der erste, der sich über diese Art von Bedenken hinwegsetzte, war übrigens Heinrich Schliemann (siehe unten).


Flüsse aus dem Garten Eden (nach D. Rohl)

In einer Fernseh-Sendung bei Phoenix wurden dieser Tage die Deutungsversuche des englischen Ägyptologen David Rohl vorgestellt. Er sieht im Pischon den Sefid Rud (auch Qezel Uzan genannt), der die Stadt Rascht südlich umfließt und im Kaspischen Meer endet. Der Grenzfluss namens Aras zwischen Armenien und der Türkei, bzw. zwischen der aserbaidschanischen Enklave Nachitschewan und dem Iran, soll bis ins 7. Jahrhundert Gyhun geheißen haben. Er umfloss einst das Land Kusch, das in der Bibel erwähnt wird. Er mündet in der Nähe von Baku ins Kaspische Meer. Der Garten Eden soll demnach in der Ebene zwischen der Stadt Täbris im Iran und dem Urmia-See gelegen haben. Das Wort Eden bedeutet im Sumerischen ‚Steppe‘. Die Gegend um den Urmia-See ist heute sehr trocken, der See selbst ist im Begriff zu versalzen und auszutrocknen. Paradies ist das altpersische Wort für umzäunten Palastgarten. Sprachgeschichtlich deutet alles auf einen von Steppe bedrohten Garten. Rohls Meinung würde von der Wissenschaft (noch) nicht akzeptiert, heißt es. Andere Autoren verweisen auf eine mögliche Lage südlich des Schatt el-Arab, dem Zusammenfluss von Euphrat und Tigris, im Gebiet des Persischen Golfes oder an versunkene Inseln in der Straße von Hormuz. Diese Lage erscheint mir weniger plausibel als Rohls Vorschlag.

In der Vertreibung aus dem Paradies sehen Kulturgeschichtler die Erinnerung an die Altsteinzeit, als der Mensch noch keinen Ackerbau kannte und als Jäger und Sammler wörtlich ‚von der Hand in den Mund‘ lebte. Diese Lebensweise wird in vielen Weltgegenden noch bis heute gepflegt, etwa in der Südsee. Zeitlich gesehen fand der Übergang von der Altsteinzeit zur Jungsteinzeit im Vorderen Orient (dem so genannten „Fruchtbaren Halbmond“) vor etwa 20.000 bis 12.000 Jahren statt. Es war die Zeit der ersten Garten- und Feldbearbeitung, der Domestizierung von Haustieren und der Gründung von Städten. In Europa und Amerika vollzog sich dieser Übergang erheblich später.

Sintflut (um 5.600 vor Chr.)

Während der Lokalisierungsversuch für den Garten Eden für mich neu war, gab es für die biblische Sintflut schon seit längerem Erklärungsversuche. Das Ereignis, dass hier seinen Widerhall findet, sei das Einbrechen von Mittelmeerwasser ins Schwarze Meer gewesen. Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass es außer in der Bibel auch im Gilgamesch-Epos und andern Dokumenten aus der Region erwähnt wird.

Während der Vergletscherung der Alpen und Skandinaviens (Würm- bzw. Weichsel-Eiszeit) vor etwa 12.000 Jahren lag der Wasserspiegel des Mittelmeeres etwa 120 Meter tiefer als heute. Später lag er immer noch etwa 35 Meter tiefer als heute. Als durch Zufluss vom Atlantik der Wasserspiegel weiter anstieg, wurde schließlich die Barriere zum Schwarzen Meer überschwemmt. Das geschah etwa 5.600 vor Christus. An Bohrkernen im Schwarzen Meer liegen die Ablagerungen eines Salzmeers über denen eines Südwassersees. Eine Sandschicht dazwischen bestätigt, dass es zwischenzeitlich heftige Turbulenzen und Wasserbewegungen gab.

Die Ufer rund ums Schwarze Meer waren um diese Zeit bereits dicht bewohnt, so dass es zur Überschwemmung menschlicher Siedlungen und Abwanderungen ins Landesinnere kam. Der Berg Ararat, an dem die Arche des Noah schließlich gelandet sein sollte, ist mit 5.137 Metern die mit Abstand höchste Erhebung im gesamten Gebiet. Er hüllte sich den ganzen Tag in Wolken, als ich 1989 in Eriwan, der Hauptstadt Armeniens, war. Wenn nicht an einer Bergwand, so kann der mittels eines Bootes geflüchtete Noah auch nach der Beruhigung des Wassers irgendwo in der Nähe an Land gegangen sein. Der bereits erwähnte Name der Enklave Nachitschevan heißt auf Deutsch ‚Land der Landung‘. In der Bibel und auch in den andern alten Schriften wird die Sintflut als göttliche Reaktion auf eine Rebellion verführter Menschen verstanden. Es wurde ein Teil der Menschheit flächendeckend ausgerottet.

Atlantis (um 1500 vor Chr.)

Jetzt kommt endlich eine Sage, bei der ich einige der vermuteten Lokalitäten selbst in Augenschein nahm. Der ursprüngliche und einzige Bericht steht bei Platon, und zwar in den um 360 vor Chr. verfassten Dialogen „Timaios“ und „Kritias“. Er soll die Sage in Ägypten erfahren haben. Laut Platon handelte es sich bei Atlantis um eine Seemacht, die ausgehend von ihrer „jenseits der Säulen des Herakles“ (also im Atlantik) gelegenen Hauptinsel große Teile Europas und Afrikas unterworfen hatte. Nach einem gescheiterten Angriff auf Athen sei Atlantis schließlich um 9600 vor Chr. infolge einer Naturkatastrophe innerhalb „eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht“ untergegangen. Während Althistoriker und Philologen überwiegend von einer Erfindung Platons ausgehen, vermuten manche Autoren einen realen Hintergrund der Geschichte und unternahmen unzählige Versuche, Atlantis zu lokalisieren (siehe auch Lokalisierungshypothesen zu Atlantis).

Nachdem der britische Archäologe Arthur Evans zu Beginn des 20. Jahrhunderts die minoischen Ruinen auf Kreta ausgegraben und die vormalige Existenz dieser bis dahin sagenhaften Kultur bewiesen hatte, wurden die ersten komplexen Theorien aufgestellt, welche das minoische Kreta als das von Platon beschriebene Atlantis identifizierten. Der griechische Archäologe Spyridon Marinatos (1901-1971) vertrat die Position, dass der Vulkanausbruch auf Santorin um 1500 vor Chr. eine Flutwelle (Tsunami) ausgelöst habe, welche die minoischen Zentren auf Kreta vernichtete. Ich besuchte 1988 die von Marinatos ausgegrabene Siedlung Akrotiri auf der Südseite der Insel Santorin. Spätere Forschungsergebnisse zeigten allerdings, dass der Untergang der minoischen Kultur erst geraume Zeit nach dem massiven Vulkan-Ausbruch erfolgte. Auf Kreta gab es zum Beispiel auch spätere Keramikstufen, die in Akrotiri nicht mehr vorkamen. Durch neuere dendrochronologische Untersuchungen wird der Ausbruch inzwischen auf das Jahr 1613 vor Chr. (+/- 10 Jahre) datiert. 


Ausgrabung in Akrotiri

Auch der französischen Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau (1910-1997) hat in den Gewässern vor Santorin im Auftrag der griechischen Behörden in den Jahren 1975 und 1976 nach Überresten von Atlantis geforscht. Sein Projekt soll mit 1,8 Mill. US-Dollar von der Staatskasse Griechenlands subventioniert worden sein. Da es völlig erfolglos verlief, ließ Cousteau die Öffentlichkeit wissen, bei der Sage von Atlantis handele es sich nur um ein von Platon geschaffenes Märchen. Das legendäre Inselreich habe es nie gegeben. In jüngster Zeit stoßen immer mehr Forscher (unter anderem aus Israel) zur ‚Minoer-Fraktion‘, wobei das Minoer-Reich als riesiges Seefahrer-Imperium angesehen wird, das sich über den gesamten Mittelmeer-Raum erstreckt haben soll.

Trojanischer Krieg (um 1300 vor Chr.)

Auch hier verbrachte ich 2003 einen ganzen Tag auf Spurensuche. Heinrich Schliemann (1822-1890) war der erste, der Homers Bericht in der Ilias einen wahren historischen Kern zugrunde legte. Er und seine Nachfolger  ̶  so der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann (1942-2005)  ̶  wiesen eindeutig nach, dass es der Hisarlik-Hügel bei Canakkale an der türkischen Dardanellenküste war, auf dem das Troja Homers stand. Die von Homer beschriebene Landschaft der Troas sieht genau so aus, wie er sie beschrieb. Das Meer ist sowohl in westlicher Richtung als auch nach Norden ungefähr gleich weit entfernt. Es war im Altertum sicherlich noch näher, da der Fluss, der an der Stadt vorbeifließt, Geröll und Sand angelandet und die Küstenlinie nach außen verschoben hat.


Osttor der Kernstadt

Im Grunde ist Troja ein riesiger Schutthügel, in dem Generationen von Archäologen ihre Grabungsspuren hinterlassen haben. Gut zu erkennen und gut beschildert sind die verschiedenen historischen Schichten, die mit Troja I bis Troja XIII bezeichnet sind. Troja VII gilt als die Schicht, die im trojanischen Krieg, also um 1300 vor Christus, zerstört wurde. Troja XII war eine römische Stadt. Troja XIII war ein byzantinischer Bischofssitz, der bis ins neunte Jahrhundert bestand. Unsere Besichtigung begann am Osttor der Stadt. Die freigelegte Stadtmauer ist hier mehr als fünf Meter hoch und schräg nach hinten geneigt. Mitten durch den Hügel von Hisarlik hat Heinrich Schliemann einen tiefen Graben in nord-südlicher Richtung gezogen. Er begann diesen an der Seeseite, da hier die Mauer etwas abgerutscht war. Er legte Häuser in der Schicht II frei, die mit Fischgrätmustern verziert sind und aus der Steinzeit stammen. 


Schliemann-Graben

Fündig wurde er aber schließlich am Westtor, als er neben der Rampe in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den so genannten Schatz des Priamos ausgrub. Heute sagen die Archäologen, hätte er ihn doch nur gleich am Anfang gefunden. Er hätte die Stadt weniger zerstört. In der Ebene zwischen nördlicher Stadtmauer und Meer liegen zwei Grabhügel, die seit der Antike als die Gräber von Achill und Hektor angesehen werden. Sie wurden bisher nicht geöffnet. 


Westtor mit Rampe

Der Tübinger Archäologe Korfmann war der Ansicht, dass Troja eine Handelsniederlassung der Hethiter war. Er fand unter anderem eine Tontafel in hethitischer Keilschrift. Darin schreibt eine Mutter ihrem Sohne: „Sag Deiner Frau, sie soll während Deiner Abwesenheit bei mir wohnen. Das ist besser für die öffentliche Meinung“. Dass nur deutsche Archäologen in Troja graben, fand unser Reiseleiter eher problematisch. Man erfahre dann nämlich nur, was gefunden wurde, wenn man deutsch lesen kann. Die türkische Regierung täte nichts, um ihre Bevölkerung über das Erbe aus griechischer Zeit zu informieren.

Hängende Gärten der Semiramis (um 700 vor Chr.)

Während der Turm von Babel eindeutig als gestufter Tempelturm (Zikkurat) erklärt wurde, ist die Lage und das Alter der Hängenden Gärten umstritten. Das Gebiet südlich von Bagdad mit den Städten Ur, Uruk und Babylon ist das Gebiet, in dem die Sumerer die ersten städtischen Siedlungen der Menschheit gründeten. Hier wurde auch die älteste Schrift der Menschheit, die Keilschrift, erfunden. Sie diente zur Unterstützung der Verwaltung und Buchhaltung. Die Gärten kommen in einer Vielzahl von Berichten meist griechischer Autoren vor. Sie galten als eines der sieben Weltwunder der Antike. Die griechische Sagengestalt der Semiramis wird manchmal mit der assyrischen Königin Schammuramat gleichgesetzt, die um 800 vor Chr. gelebt haben soll.

In den Quellen wird ein terrassenförmiges Gebäude beschrieben mit einer Seitenlänge von 120 Metern. Die Terrassen erreichten eine Höhe von etwa 25 bis 30 Metern. Unter den einzelnen Stufenabsätzen sollen sich Gänge befunden haben. Die Etagenböden sollen aus dicken Bleiplatten bestanden haben sowie Lagen aus Stroh, die mit Asphalt durchdrängt waren. Darauf war Humus angebracht. Der deutsche Archäologe Robert Koldewey (1855-1925) vermutete den Garten im Nordostteil des Südpalastes, dessen Fundament aus mehreren überwölbten Räumen bestand. Dieser Bau wird heute der Zeit des Nebukadnezar II. (605-562 vor Chr.) zugerechnet, unter dessen Herrschaft sich das jüdische Volk im babylonischen Exil befand.

 Künstlerische Darstellung (16. Jht)

Eine neue, recht überzeugende Auffassung wird von der englischen Assyrologin und Keilschriftexpertin Stephanie Dalley vertreten. Sie legte bereits Anfang der 1990er Jahre Argumente für die Deutung vor, die Hängenden Gärten seien der Palastgarten des assyrischen Königs Sanherib gewesen, der rund 100 Jahre vor dem babylonischen König Nebukadnezar II. gelebt hatte. Dieser Palastgarten liegt in Ninive am Tigris, einem Stadtteil der heutigen Stadt Mosul. Der Garten sei für Sanheribs Gattin Tāšmetun-Šarrat erbaut worden. Dalley untermauerte 2013 ihr Plädoyer für Ninive in einem Buch mit weiteren Belegen aus topografischen Untersuchungen und historischen Quellen. In einer von Arte ausgestrahlten Fernsehsendung zeigte sie vor kurzem Reste eines Aquädukts mit Saheribs Namen auf jedem Bogen. Die Bögen haben exakt die Form, wie sie in alten Zeichnungen vorkommen, welche die Hängenden Gärten darstellen sollen. Für die Gewinde, auch archimedische Schrauben genannt, mit deren Hilfe das Wasser innerhalb des Gartens nach oben transportiert wurde, wird in alten Keilschrifttexten das Wort für Dattelpalme benutzt. Eine Palme, deren Blätter spiralförmig von unten nach oben entfernt worden waren, gab ihr den erklärenden Hinweis. Wegen der militärischen Lage wagte sie es nicht, selbst das Palastgelände zu betreten. Sie fand jedoch zwei mutige Männer, die in ihrem Auftrage das Gelände fotografierten. Deutlich lässt sich ein zum Flussufer sich neigender Hang erkennen. Sanherib ist der hebräische Name des neuassyrischen Königs, der von etwa 705 bis 680 vor Chr. regierte. Er war der Sohn Sargons II., eines Königs, der Historikern besser bekannt ist und der von 721 bis 705 vor Chr. regierte. Im Jahre 612 vor Chr. wurde Ninive als dritte und letzte Hauptstadt Assyriens (nach Assur und Nimrud) von den Medern und Babyloniern zerstört.

Freitag, 9. Mai 2014

Über Logik, Verallgemeinerungen und Metapher in der Wissenschaft

‚Philosophische Interessen sind bei Ingenieuren häufig eine Alterserscheinung‘. Diesen Satz fand ich dieser Tage am Beginn eines Artikels von Heinz Zemanek über philosophische Aspekte der Informatik [1]. In den letzten Tagen griffen zwei meiner Freunde und Blog-Partner einen wissenschaftstheoretischen Themenkreis auf, der in diesem Blog früher schon aus etwas anderer Perspektive behandelt wurde. Es geht um die Rolle von Logik, Abstraktion und Begriffsbildung in den Wissenschaften.

Am 4.5.2014 schrieb Hans Diel aus Sindelfingen:

Vor einigen Tagen wurde ein Artikel von mir, den ich bei einem amerikanischen Physikjournal eingereicht hatte, zurückgeschickt mit der Begründung, der Artikel enthielte zu viele philosophische Betrachtungen. Auf meine Rückfrage hin, was dabei das Problem sei, kam folgende Antwort: "Theoretical physics is an exact science, in contrast to philosophy where logics or other sort of working rules" (sic!). Meine Reaktion darauf schwankt immer noch zwischen Empörung und Belustigung. Abgesehen davon, dass ihr Englisch nicht sehr verständlich ist, scheint die Redakteurin – von der ich annehme, dass sie Physikerin ist  ̶  Exaktheit und logische Korrektheit als Alternativen (oder gar Gegensätze) zu sehen.

In den Jahren, in denen ich mich mit einigen Gebieten der Physik intensiver beschäftigt habe, habe ich viele Stellen gefunden, wo die Physik alles andere als exakt ist. Oft ging dies einher mit unsauberer Logik. Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, wurden mir zwei Punkte bewusst: (1) Die Geringschätzung der Logik (und der Philosophen) ist weit verbreitet, selbst unter Naturwissenschaftlern. (2) Genau so weit verbreitet wie die Geringschätzung der Logik (und vielleicht sogar ein Grund für die Geringschätzung) ist das Unverständnis darüber, was eigentlich der Gegensatz zu Logik ist. Zum zweiten Punkt habe ich einige Gedanken:

(1) Logik versus Exaktheit: Ich bleibe dabei, dass ein solcher Gegensatz Unfug ist und eines Wissenschaftlers nicht würdig ist. Ich kann nur mit etwas gutem Willen spekulieren, dass die oben erwähnte Physikerin den Philosophen damit den Vorwurf machen will, dass diese zwar logisch sauber argumentieren, dies jedoch sehr oft auf der Grundlage von nicht exakten Fakten tun.

(2) Logik versus Intuition oder (Bauch-)Gefühl: Den Vorwurf, dass logisches Vorgehen oft weniger erfolgversprechend ist als auf das Gefühl oder die Intuition zu vertrauen, bekomme ich persönlich auch oft zu hören. Es gibt auch viele Bücher zu diesem Thema. In den Büchern werden natürlich auch viele (zum Teil berühmte) Beispiele genannt, wo tatsächlich die intuitive Vorgehensweise erfolgreich(er) war. Für mich hatten die Beispiele alle gemeinsam, dass entweder (a) die Faktenlage so dürftig war, oder (b) die Zeit innerhalb der eine Entscheidung gefunden werden musste so kurz war, dass logische Überlegungen zu recht zu Gunsten von Intuition zurückgestellt werden mussten. Es gibt natürlich auch viele Berufe in denen aus der Erfahrung erworbene Intuition einen großen Wert hat gegenüber Logik und Fachwissen.

(3) Logik versus Unlogik: Es gibt meines Erachtens sicher Gebiete, wo bei der Suche nach Erkenntnisgewinn die Anwendung von Logik einen sehr hohen Stellenwert hat. Für mich zählen dazu in erster Linie Mathematik und Philosophie. Daneben gibt es natürlich auch Gebiete, in denen andere Aspekte, wie das Erforschen der Fakten oder Intuition, wichtiger sind als logisches Denken (z.B. Archäologie, Zoologie, Psychologie, Medizin). Den begrenzten Stellenwert logischer Argumentation anzuerkennen, sollte jedoch nie bedeuten, dass unlogische Aussagen toleriert oder akzeptiert werden. Auch wenn die Wichtigkeit der Logik je nach Arbeitsgebiet unterschiedlich bewertet werden sollte, ganz ohne Logik, oder konträr zur Logik geht es nie.

(4) Logik versus Unentscheidbarkeit: Anfang des 20. Jahrhunderts dachten die "Päpste" der Mathematik (Hilbert) und der Philosophie (Russel) es müsse möglich sein, alleine durch logisches Schließen aus einem passenden Satz von Axiomen alle für das Gebiet (z.B. Arithmetik) wahren Aussagen abzuleiten. Ein anderer berühmter Mathematiker (Gödel) hat (auch alleine durch logisches Schließen) bewiesen, dass dies nicht möglich ist. Es gibt Aussagen für die, obwohl sie logisch sauber formuliert sind, grundsätzlich (d.h. nicht etwa auf Grund unklarer Faktenlage) nicht entschieden werden kann ob sie wahr oder falsch sind.

(5) Logik versus Absurdität: Die radikalste Infragestellung (westlicher) Logik ist mir in der chinesischen Philosophie des Taoismus begegnet. Es liegt in der Natur des Themas, dass das "Tao" nicht in einigen Sätzen erklärt werden kann (davon abgesehen, dass ich nicht sicher bin, es selbst verstanden zu haben). Man braucht dazu mindestens ein ganzes Buch. Aus dem Buch von Raymond Smullyan mit dem Titel "Das Tao ist Stille" dazu einige Sätze die vielleicht erahnen lassen, was mit "Tao" gemeint ist:

- Das Tao ist vage.
- Das Tao ist formlos.
- Das Tao und der Weise diskutieren nicht.
- Das Tao ist gut, aber ohne Moral.
- Das Tao ist ein erfrischendes Paradoxon.

Berühmt sind die kleinen, absurd anmutenden, Gedichte ("Haiku" genannt) der Tao-Weisen. Beispiel: Das Hundejunge,  Das nicht weiß, dass schon Herbst ist,  Muss ein Buddha sein.

Die obige Überschrift "Logik versus Absurdität" klingt geringschätzig, ist jedoch von mir nicht so negativ gemeint. Dahinter steckt die Vermutung, dass man den begrenzten Stellenwert der Logik nur unzureichend mittels Logik und logischer Argumente begründen kann. Dazu passt sehr gut, dass der Autor des oben zitierten Buches (R. Smullyan), der sich mit dem Buch als Tao-Verehrer geoutet hat, ein in Fachkreisen bekannter Professor für Mathematische Logik ist. Für mich ist er damit einer der wenigen Wissenschaftler, der bei aller Liebe zu seinem Arbeitsgebiet, doch dessen beschränkte Bedeutung anerkennt.

Am 5.5.2014 schrieb Peter Hiemann aus Zarzis (Tunesien):

Zu Platons Zeiten waren Philosophen angesehene Persönlichkeiten, die „Wissenschaft“ betrieben. Sie stellten sich den konkreten Problemen ihrer Zeit und fragten sich unter Anderem „Was kann ich wissen?“. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige heutige Philosophen die Domänen Logik, Erkenntnistheorie und Metaphysik für Kronen der obersten philosophischen Disziplin erachten, ohne ihre Aufmerksamkeit auf aktuelle Probleme unserer Zeit zu richten.

„Philosophen … beanspruchen mehr oder weniger, die letzten und unhintergehbaren Grundlagen allen Denkens und aller Wahrheit, d. h. die fundamentalsten Gesetze und Strukturen der Wirklichkeit darstellen zu können.“ (Wikipedia über Theoretische Philosophie).

Sollen Philosophen oder andere bekennende Logiker unter sich über Logik soviel disputieren, wie sie wollen. Ich bin der Meinung, dass das Thema Logik am besten bei Mathematikern aufgehoben ist. Der mathematische „Gigant“ David Hilbert war sich letztlich auch sicher, dass formal logisch korrekte Prozeduren nicht ausreichen, um alle logisch korrekten Aussagen in einem hinreichend komplexen System zu beweisen. Zu Ihren Einschätzungen über die generelle Wichtigkeit logischen Schlussfolgerns will ich mich aber gerne äußern:

Zu (1) „Die Geringschätzung der Logik (und der Philosophen) ist weit verbreitet, selbst unter Naturwissenschaftlern.“

Ich denke, dass alle Naturwissenschaftler ihre Denkmodelle, Arbeitshypothesen und Theorien in sich logisch schlüssig konstruieren und formulieren müssen. Das bedeutet aber nicht, dass naturwissenschaftliche Theorien ausschließlich auf formal logischen Prinzipien beruhen. Es gibt viele Beispiele für logisch korrekte Theorien, die aber durch empirische Erkenntnisse mit der Zeit „ergänzt“ wurden. Eines der bekanntesten Beispiele betrifft die Theorie unseres Sonnensystems: Ptolomäus → Kopernikus → Galilei → Kepler → Newton → Einstein → ??  An dem Beispiel lässt sich auch die abnehmende Rolle philosophischer (religiöser orientierter) Denkmodelle auf naturwissenschaftliche Modelle erkennen.

Zu (2) „Genau so weit verbreitet wie die Geringschätzung der Logik (und
vielleicht sogar ein Grund für die Geringschätzung) ist  das Unverständnis
darüber was eigentlich der Gegensatz zu Logik ist.“

Meines Erachtens existiert zu mathematisch definierter Logik kein Gegensatz. Gegensätzliche Einschätzungen von Theorien, die Naturphänomene erklären wollen, existieren aber sehr wohl. Die bekanntesten Beispiele betreffen die gegensätzlichen Vorstellungen von Vertretern des Kreationismus und Vertretern der Evolutionstheorie. Beide berufen sich auf logisch korrektes Schlussfolgern. Die Kreationisten basieren ihre Vorstellungen auf der Existenz eines transzendenten „Intelligent Designers“. Die Evolutionisten basieren ihre Vorstellungen auf empirisch beobachtbaren Prinzipien der Natur.

Am 6.5.2014 schrieb Hans Diel:

Bei Ihrem Bezug auf Hilbert bin ich mir nicht sicher ob die Erkenntnis von Gödel richtig interpretiert wurde. Deshalb nochmals:

Logik versus Exaktheit: Mir ist schon öfter aufgefallen, dass (scheinbar oder tatsächlich) bahnbrechende Erkenntnisse auf einem Gebiet der Wissenschaft, bei der Publikation in Zeitschriften und populärwissenschaftlichen Büchern, so vereinfacht und verallgemeinert werden, dass das Ergebnis ziemlich verbogen oder gar verfälscht wird. Vereinfachung ist bei derartigen Publikationen natürlich meistens notwendig. Oft wird jedoch unnötig verallgemeinert und die sachlich richtige und wichtige Erkenntnis zu einem allgemeinen Prinzip des Fachgebiets, oder gar der Weltanschauung erhoben. Ich nenne den Vorgang mal „Philosophierung“  (ein hässliches Wort. Weiß jemand ein besseres Wort?). Beispiele für Philosophierungen: Da werden aus:

 - (A) der Erkenntnis, dass der Ort des Elektrons zu gewissen Zeiten räumlich ausgedehnt ist, die Aussage (B) dass der Ort nur mit einer gewissen Präzision gemessen werden kann (Heisenberg).

 - (A) der Tatsache dass das Verhalten des Elektrons (oder Photons, etc.) schlecht mit dem klassischen Bild eines Teilchens oder einer Welle beschrieben werden kann, (B) das Komplementaritätsprinzip (Bohr).

 - (A) der Entdeckung, dass die Erweiterung des Lagrangian um einen Term der das Higgs-Teilchen vorhersagt, (B) die Aussage man habe nun (endlich) verstanden woher die Teilchen ihre Masse bekommen.

 - (A) der Feststellung, dass die Evolutionstheorie ohne die Annahme eines Ziels der Evolution auskommt, (B) die Aussage es gibt kein Ziel bei der Entwicklung des Lebens in unserem Universum.

 - (A) Erkenntnissen der Genforschung, (B) das Prinzip „der „egoistischen Gene“. 

 - (A) der Feststellung, dass die Formeln für die Berechnung von physikalischen Vorgängen keine Zeitrichtung bevorzugen, (B) die Aussage es gibt keinen Zeitpfeil bei der Entwicklung unseres Universums.

Die Liste könnte ich noch erweitern. Ich bin mir nicht sicher ob ich die A-Aussagen immer korrekt formuliert habe und ob der Unterschied zwischen den A-Aussagen und den B-Aussagen jeweils auf Anhieb ersichtlich ist. Diese Schwierigkeit  ist jedoch genau die Ursache des Problems. Die A-Aussagen sind die ursprünglichen exakten Aussagen der Wissenschaftler. Die B-Aussagen sind durch die „Philosophierung“ der A-Aussagen entstanden. Übrigens, kann es durchaus sein, dass auch (einige der) B-Aussagen zutreffend sind. Nur sollte man nicht so tun als wäre (A) und (B) identisch oder als würde (B) logisch zwingend aus (A) folgen.

Wenn also die oben erwähnte Physikerin geschrieben hätte „Die Physik ist eine exakte Wissenschaft und sollte sich nicht mit der Philosophierung ihrer Erkenntnisse beschäftigen“, dann hätte sie dafür meine volle Zustimmung. Leider muss ich jedoch feststellen, dass es fast immer die jeweiligen Wissenschaftler (z.B. Physiker) selbst sind die ihre (zweifellos wichtigen) Erkenntnis durch Philosophierung noch wichtiger machen wollen. Den Philosophen bleibt dann oft nur noch die unausgegorenen Philosophien der Naturwissenschaftler zu vertiefen oder abzuwandeln. Ich beobachte jedoch auch zunehmend, dass es Philosophen gibt die ein Fachgebiet (z.B. Physik) gut genug kennen, so dass sie die Originalaussage (A) kennen und verstehen und die jeweiligen logischen Schwachstellen beim Übergang von (A) nach (B) sehen.

Am 6.5.2014 antwortete Peter Hiemann:

Mein Verständnis von Hilberts Vorschlag, mit finiten Methoden die Widerspruchsfreiheit der Axiomensysteme der Mathematik nachzuweisen und Gödels Unvollständigkeitssatz, der unter anderem zeigt, dass das Hilbert-Programm die von ihm angestrebte vollständige Axiomatisierung der Mathematik nicht gänzlich erfüllt werden kann, basiert auf Douglas Hofstadters Erklärungen in dessen Buch „Gödel, Escher, Bach“. Hofstadter beschreibt, wie formale Systeme, die auf Axiomen beruhen, funktionieren.

Am 8.5.2014 ergänzte ich (Bertal Dresen) die obige Diskussion:

Da ich einige Tage verreist war, möchte ich dem oben gesagten drei Bemerkungen hinzufügen:

(1) Was Hans Diel als ‚Philosophierung‘ bezeichnet, nannte ich andernorts ‚unzulässige Verallgemeinerung‘ oder Abstraktionitis. Die Versuchung, in diese Falle zu geraten, ist umso größer, je mehr man von Abstraktionen schwärmt. Manche Naturwissenschaftler verlassen die wissenschaftliche Basis ihres Faches (oder die Wissenschaftlichkeit überhaupt), wenn sie anfangen zu verallgemeinern. Das gilt erst recht für Techniker und Ingenieure. Aussagen, die für Äpfel gewonnen wurden, können nicht deshalb auf Birnen übertragen werden, weil beide zur Oberklasse Obst gehören. Sie müssen zuerst (induktiv) auch für Birnen nachgewiesen werden. Nur externes (semantisches) Wissen gestattet die Deduktion, nicht die Mathematik. Nur wer die (biologische) Geschichte kennt, kann gewisse Eigenschaften aus der Oberklasse Obst deduktiv ableiten. Entsprechende Diskussionen in diesem Blog sind notorisch. ‚Genau hinsehen vermehrt das Unterschiedliche und reduziert das Gleiche‘ sagte Zemanek an der zitierten Stelle.

(2) Mir missfällt bei einigen Logikern deren Arroganz, die darin besteht, dass sie grundsätzlich jede Semantik ignorieren, also den Bezug auf die Realität. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie ihren Sport betreiben können. Der Preis ist der der Irrelevanz. Was kümmert uns die Erde mit ihrem Dreck, also ‚Banalitäten‘ wie Zeit, Geld oder Leben. Hauptsache, wir können (Gehirn-) Sport betreiben. Logik (erster Ordnung) ist ein Jonglieren mit drei Wörtern (‚nicht‘, ‚und‘, ‚oder‘). Erst im zweiten Semester kommen Ausdrücke mit Quantoren vor ('für alle' und 'es gibt'). Die Sprache, ein vom Menschen geschaffenes Werkzeug, ist die Hauptquelle ihrer Weisheit.

(3) Irgendwo habe ich in letzter Zeit gelesen, dass sehr oft am Anfang einer neuen Erkenntnis Metapher stehen. Wir stellen eine gewisse Ähnlichkeit fest und verwenden gemeinsame Begriffe. Nur so könnten wir denken. Erst wenn wir merken, dass die Metapher mehr schadet als nutzt, suchen wir ein neues Wort. Beispiele gibt es viele. Die Physik ist voll davon. Ich denke an Kraft, Ladung, Spannung, Strahlung, Welle, Widerstand und dergleichen. Oft übernehmen wir auch Begriffe aus andern Sprachen wie Latein und Englisch.

Referenz:
  1. Zemanek, H.: Philosophische Wurzeln der Informatik im Wiener Kreis. In: Philosophie und Informatik. (P. Schefe et al., Hrgs.) 1993

Montag, 5. Mai 2014

Über das Fellow-Programm der IBM – früher und heute

Das von Manfred Roux, einem der Betreuer dieses Blogs, durchgeführte Interview mit Namik Hrle (durch Anklicken aufrufen!) gibt Gelegenheit, an drei Fellows aus bzw. in Böblingen zu erinnern. Ein IBM Fellow ist die höchste technische Karrierestufe und Auszeichnung bei der Firma IBM. Das Programm besteht seit 1963. Früher konnten Fellows über fünf Jahre ihr Arbeits- und Forschungsfeld frei wählen und erhielten dafür ein Budget. Das Fellow-Stipendium konnte nach fünf Jahren um jeweils weitere fünf Jahre verlängert werden, nach entsprechender Bewertung. Jedes Jahr wurden weniger als zehn neue IBM Fellows ernannt.

Aus dem Böblinger Labor stammten Otto Folberth und Siegfried Wiedmann. Beide repräsentieren die Anfänge der Böblinger Halbleiter-Entwicklung. Dieser Bereich des Labors legte den Grundstein für den weltweiten Ruf des Labors.

Otto Folberth (1924- ) ist promovierter Physiker von der Universität Erlangen. Von 1952 bis 1960 war Folberth wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungslaboratorium der Siemens-Schuckert-Werke AG in Erlangen. Ab 1961 leitete er den Aufbau der Halbleiter-Entwicklung im Böblinger Labor der IBM. Die dort entwickelten hochintegrierten Halbleiterkomponenten, wie etwa der berühmte Riesling-Speicherchip, fanden Verwendung in vielen weltweit vermarkteten Computersystemen der IBM. Folberth wurde im Jahre 1974 zum ersten IBM Fellow in Deutschland ernannt. Ab 1983 bis zur Pensionierung im Jahre 1989 war er Direktor für Wissenschaft der IBM Deutschland. Von 1968 bis 1988 war er Lehrbeauftragter (und ab 1974 auch Honorarprofessor) an der Universität Stuttgart. Von 1988-1990 war Folberth Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft

Siegfried Wiedmann (1938- ) ist in Plochingen am Neckar geboren und hat an der Universität Stuttgart Elektrotechnik studiert. Er erwarb 1963 das Diplom und schloss 1967 seine Promotion ab. Danach arbeitete er für IBM im Labor Böblingen und in den USA. Im Jahre 1971 erfand er zusammen mit Horst Berger eine einfachere Logik für elektronische Schaltkreise. Diese als I2L (engl. integrated injection logic) oder MTL (engl. merged transistor logic) bezeichnete Schaltkreis-Logik erfordert pro Gatter nur zwei statt drei Transistoren. Sie benötigt deutlich weniger Strom und ist störungsunempfindlicher als die bis dahin benutzte Transistor-Transistor-Logik (TTL). Im Jahre 1977 erhielt er den seit 1919 vergebenen IEEE Morris N. Liebmann Memorial Award (mit Horst H. Berger). Er wurde 1979 zum IBM Fellow ernannt. Ab Mitte der 1980er Jahre wurde er Honorar-Professor an der TU Berlin, wo Horst Berger die Mikroelektronik aufgebaut hatte.

Neben Folberth und Wiedmann möchte ich einen dritten Fellow erwähnen, der für die Zeit seines Fellow-Stipendiums ins Böblinger Labor versetzt wurde. Um Heinz Zemanek zu würdigen, reichen einige wenige Zeilen nicht aus. Ich werde deshalb nur auf seine Böblinger Jahre eingehen. Wer ihn kennt, kann sich vorstellen, dass die Umsiedlung von der Weltstadt Wien in die schwäbische Provinz für ihn eher schmerzlich als erfreulich war. Das Wort der babylonischen Gefangenschaft fiel, ob von ihm oder seinen Freunden, weiß ich nicht mehr.

Heinz Zemanek (1920- ) hatte 1961 das Wiener Labor der Firma IBM gegründet, als er mit seiner Forschungsgruppe zusammen die Wiener Universität verließ. In den Jahren zwischen 1968 und 1975 wurde seine Gruppe mit der formalen Definition der Programmiersprache PL/I betraut. Die daraus hervorgegangene Vienna Definition Language (VDL) wurde weltbekannt. Nach der Überführung des Wiener Labors in ein Produktentwicklungslabor erhielt Zemanek 1976 den Titel und das Budget eines IBM Fellows. Sein Stipendium war mit einer Umsiedlung in das Böblinger Labor der IBM verbunden, wo es damals eine sehr aktive Compiler-Entwicklung gab. Zemanek wählte als Arbeitsgebiet die Grundlagen formaler Beschreibungsmethoden. Er befasste sich unter anderem mit dem römischen Architekten Vitruv (erstes Jahrhundert vor Christus), dessen Gedanken zur Arbeitsweise von Architekten er auf Computer-Systeme und Programmiersprachen übertrug. Mich überzeugte er, einen Umweg nach Chiwa in Usbekistan zu machen, zum Geburtsort von Al Choresmi, dem ersten Algorithmiker. Zemanek pflegte Kontakt zu mehreren deutschen Unternehmen und Universitäten. Als brillanter Redner war er sehr begehrt.