Samstag, 29. November 2014

Noch einmal: Informatik in der Schule

In mehreren früheren Beiträgen hatte ich mich mit der Rolle der Informatik in allgemeinbildenden Schulen befasst. Im Juni 2013 hatte ich absichtlich die durchaus provokative Überschrift Weg mit der Informatik aus den Schulen! gewählt. Fast gewinne ich den Eindruck, dass ich für meine Befassung mit diesem Thema bestraft werde. Zumindest lässt es mich nicht los. 

Informatikunterricht in der Praxis 

Am 26.11.2014 informierte ich einige Kollegen über die Reaktion meines 17-jährigen Enkels auf die Pressemitteilung der GI bezüglich der Anfängerzahlen in Informatik. Hier seine Mail: 

Ich weiß nicht wie zuträglich es für die Studierendenzahlen ist, wenn Informatik schon früh in der Schule unterrichtet wird. Es ist auf jeden Fall wichtig, aber schreckt im Moment noch mehr ab als es anzieht. Solche Erfahrungen habe ich jedenfalls bei mir im 4-stündigen Informatik-Kurs gemacht. Die Hälfte von uns meidet die Informatik inzwischen wie den Teufel und alle, die bis dato in Erwägung zogen das Fach zu studieren, sind von dem Zug abgesprungen. 'Informatikunterricht ja, aber nicht so wie das zurzeit läuft.' So aus dem Munde eines Klägers, für den Nullen und Einsen die Manifestierung aller negativen Gefühle und sämtlichen Missmuts geworden sind.

Da mein Enkel befürchtete, dass er in meinem Bekanntenkreis bald einen schlechten Ruf haben würde, schickte er am nächsten Tag eine ausführliche Klarstellung hinterher:

Bevor ich missverstanden werde, würde ich meinen Standpunkt gerne noch mal klarstellen. Meine erste spontane Nachricht wirkt vermutlich zu voreingenommen und mehr nach einer Hasspredigt, weshalb ich die Thematik hier gerne noch mal ausführlich besprechen würde. 

Ich will den Informatikunterricht an der Schule nicht völlig verurteilen. Unser Lehrer gibt sich Mühe, ist nahezu übereifrig. Hierbei ergibt sich das Problem, dass er die Anforderungen, die mit gestellten Aufgaben einhergehen, nicht einschätzen kann. In seinen Augen ist das einfach und eine geringer Zeitaufwand. Ich selbst bin aber schon tagelange vor Aufgaben gesessen, ohne auf eine Idee zur Umsetzung zu kommen, und musste Google und meine Familie zu Rate ziehen. Bei aktuellen Aufgaben (im Bereich technische Informatik) stößt teilweise schon mein Vater an seine Grenzen und nur zusammen mit seinen Kollegen kann man dann die Aufgabe stemmen. Für mich bleibt dann nur die Frage, wie das ein normal sterblicher schaffen soll. 

Wenn man auf die Idee kommt, ist die Umsetzung kein großer Zeitaufwand. Aber die Zeit für die Ideenfindung berechnet der Lehrer nicht ein. Entsprechend umfangreich sind die Hausaufgaben. Daraus resultiert die Tatsache, dass ich in Informatik 4-5 mal mehr Hausaufgaben machen muss als in ALL meinen anderen Schulfächern zusammen. Kein anderer Schulkurs hat eine derartige Belastung. Wir alle leiden darunter und kaum einer würde das Fach weiterempfehlen. Für ein 4-stündiges Fach ist der Aufwand zu groß und steht in keiner Relation zu alternativen Kursen. 

Bei mir dreht sich eben nicht alles um Nullen und Einsen. Ich muss auch Gedichte interpretieren, Vokabeln pauken und Strukturformeln verschiedener Stoffe klassifizieren. Und dann würde ich gerne das spärliche Zeitintervall, über dass sich meine freie Zeit erstreckt, auch mal für meine Interessen in Anspruch nehmen. Dass ich in naher Zukunft bereits erste Abiturprüfungen schreibe, brauche ich gar nicht erst zu erwähnen. 

In meinem Kurs gibt es auch große Klassenunterschiede in den Fähigkeiten. Für manche ist Informatik ein Hobby, für manche das Leben und für andere EIN Interessengebiet. Letztere kommen in meinem Kurs zu kurz. Auf die Schwachen wird erschreckend wenig Rücksicht genommen. Drei Leute mussten letztes Jahr wegen Informatik wiederholen. Ein weiterer aus meinem Kurs hat freiwillig wiederholt, um die Möglichkeit zu haben ein anderes Kernfach zu wählen, da sein Schnitt sonst zu schlecht ausgefallen wäre. 

Ich sehe meine Wahl, Informatik 4-stündig zu nehmen, auch als meinen größten Fehler in der Oberstufe, vermutlich in der ganzen Schulzeit. Die zukunftsweisende, von Dir oft gepriesene Informatik entpuppte sich für mich als zeitfressender Moloch, der mir den Glauben, meine Zukunft in Richtung Informatik zu orientieren, genommen hat. Oft genug wurde mir der Eindruck vermittelt, nicht gut genug zu sein, in Gruppenarbeiten der Klotz am Bein, während es anderen leicht fällt sich schnell in Schaltungen reinzudenken und wie Gatter kombiniert werden müssen. Um den gewünschten Effekt zu erreichen, brauche ich dafür meine Zeit. Mir wurde nie die Gelegenheit gegeben, Informatiker-Denken zu erlernen. Der Lehrer peitscht uns im Vollgalopp durch sämtliche Themen, die die Informatik zu bieten hat. Ich bekomme eine Doppelstunde Zeit, AVL Bäume zu verstehen. Eine weitere Gelegenheit wird mir nicht gegeben.  

Innerhalb der nächsten 3 Wochen gesellen sich 6 weitere Sortier- und Suchverfahren dazu. Sobald die Zugpferde des Kurses es verstehen, geht es weiter. Ich habe bereits versucht mit meinem Lehrer darüber zu sprechen, sah mich aber mit Unverständnis konfrontiert und bin lediglich auf taube Ohren gestoßen. In 4 Wochen Kryptographie von C wie Caesarcode bis V wie Vignerquadrat. Enigma etc etc. Zwei Wochen Induktiver Beweis, boolesche Ausdrücke und Überdeckungsoptimierung, etwas Mathematik lastigeres, endlich wieder etwas das ich kann. Nach 5 Wochen (mit Ferien dazwischen) muss man die technische Informatik verstanden haben, eigenständig Hardware-Stacks, RAMs und Carry Ripple Addierer bauen. Wie das geht, wird nicht erklärt. Man muss selber darauf kommen, usw. 

Und ich bin nicht der einzige, der leidet. Keiner verbindet das Fach mehr mit positiven Gefühlen. Das wirkt sich auch auf die Studienwahl aus. Von den ursprünglichen 80%, die das Fach studieren wollten, sind inzwischen nur noch 15-20% übrig geblieben. Konkret wollen aus einem Kurs mit 22 Schülern nur noch 4-5 ihre Zukunft der Informatik widmen. Das sind aber gerade die, die sich bereits als Zugpferde etabliert haben und in ihrer Freizeit nichts anderes machen. Sie wären also sowieso Informatiker geworden. Neue Zöglinge erschließt sich die Informatikwelt also durch das Angebot solcher Kurse nicht. Aber das ist nur der Informatikunterricht wie ich ihn erlebt habe. Ich, ein Kläger, für den Nullen und Einsen die Manifestierung aller negativen Gefühle und sämtlichen Missmuts geworden sind.


Um was geht es hier?


Mein Enkel hat mich lediglich auf eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis aufmerksam machen wollen. Der Präsident der GI warb für mehr Informatik-Unterricht an Gymnasien und andern allgemeinbildenden Schulen. Ich war so leichtfertig, diese Presseverlautbarung an einen Gymnasiasten weiterzuleiten. Dieser reagierte, indem er auf seine aktuellen Erfahrungen hinwies. Nur zwei Dinge fallen dabei ins Gewicht: (1) die unverhältnismäßig hohe Belastung; (2) der demotivierende Effekt.

Da dies nicht irgendwo in Deutschland geschah, sondern in einer süddeutschen Universitätsstadt mit Informatik-Angebot, gab mir das zu denken. Ob die Zahlen, die genannt wurden, statistisch relevant und genau belegbar sind, muss mein Enkel mir gegenüber nicht beweisen. Noch erwarte ich von ihm einen Kreuzzug an seiner Schule für eine Änderung. In einem Telefonat bemerkte er, dass sein Lehrer sich über das Fehlen eines maßgeblichen Lehrbuchs (mit Übungen) beklagt habe. Er hätte den Stoff selbst auswählen müssen, also improvisiert.  

Meines Erachtens liegt hier der wahre Skandal. Wieso ist es möglich, dass junge Menschen immer wieder zu Versuchszwecken missbraucht werden? Wenn schon Experimente im Unterricht vorgenommen werden, warum werden sie nicht besser in die Gesamtsituation der Schüler eingebettet und sorgfältig verfolgt und analysiert? Als persönliche Konsequenz habe ich meinem Enkel empfohlen:  

(1) Konzentriere Dich auf das Erreichen einer guten Abi-Note. Die ist sehr wichtig für die Bewerbung an Hochschulen. 

(2) Treffe Deine Wahl der Studienrichtung nicht nur aufgrund Deiner bisherigen Erfahrungen. Die schlechten Erfahrungen mit Informatik sollten Dich nicht dazu verleiten, einen Bogen zu machen um alle Ingenieurfächer. Das wäre eine Katastrophe.  

Zusätzliche Gedanken 

Ich will nicht zu sehr von diesem familiären Ereignis ablenken. Dennoch möchte ich ein paar weitere Gedanken hinzufügen. Die im oben erwähnten Beitrag beschriebene Idee zwischen Allgemeinbildung (engl. digital literacy) und Fachausbildung oder Nutzer- und Entwicklerkompetenz zu unterscheiden, ist offensichtlich in deutschen Schulen noch nicht angekommen. Wie sollte sie auch! Diejenigen, die Lehrer ausbilden, hängen anscheinend immer noch der Illusion an, dass die ganze Informatik zur Allgemeinbildung gehört. Das können eigentlich nur diejenigen glauben, deren Wissenstand bezüglich Informatik auf dem Stand von 1960 stehen geblieben ist. 

Natürlich ist Informatik keine (reine) Computerwissenschaft (engl. computer science), so wie Astronomie keine Teleskop-Wissenschaft ist. Es gehört mehr dazu. Auch kann die Informatik andere Fächer bereichern und modernisieren. Wenn von Informatiker-Denken (wie oben) die Rede ist, ist vermutlich das informatische Denken gemeint, wie es Jeanette Wing versteht. In dem Blog-Eintrag Informatisches Denken als Teil der Allgemeinbildung, ebenfalls vom Juni 2013, wurden einige Hinweise dazu gegeben. 

Es ist keine Schande, sondern durchaus von Vorteil, wenn man sein Hobby zum Beruf macht. Es gibt zwar den Gemeinplatz ‚ Wer sein Hobby zum Beruf macht, braucht sein Leben lang nicht zu arbeiten.‘ Es wäre ein großer Fehler, wenn jemand daraus den Schluss zieht, dass er auch nichts mehr zu lernen braucht. Als junger Mensch sollte man sich darum bemühen, sein Wissen und Können auf eine solide und breite Basis zu stellen. Wenn einem ein Informatiker sagt, dazu reiche ein Mathematik-Studium vollkommen aus, dann frage man ihn, wieso er sich denn Informatiker nennt. Leider gibt es unter Lehrern und Hochschulprofessoren für Informatik immer noch einige, die keinen Bezug zur Praxis des Faches und zur Lebenswelt generell haben. Wer diese Beziehung besitzt und ausstrahlt, für den ist es ein Leichtes, junge Menschen (wie meinen Enkel) von der Sinnhaftigkeit und dem Nutzen der Informatik zu überzeugen, ja zu begeistern. Wo kein Funke glüht, kann kein Feuer erweckt werden. 

Menschen wie Tim Berners-Lee, Larry Ellison, Dietmar Hopp, Bill Gates, Steve Jobs, Heinz Nixdorf, Hasso Plattner, Mark Zuckerberg und Konrad Zuse wären meines Erachtens von der Informatik, wie sie heute an deutschen Schulen und Universitäten gelehrt wird, abgeschreckt worden. Ohne kreative und unternehmerische Persönlichkeiten wie diese würde es allerdings heute Informatik nicht geben. Wen wundert es noch, dass diese Art von Informatikern unter den 50.000 oder so von deutschen Hochschulen mit einem Diplom versehenen Absolventen kaum anzutreffen sind? Vielleicht sollte mein Enkel seinem Gymnasiallehrer dankbar sein, dass er ihn vor diesem Studium rechtzeitig gewarnt hat.

Samstag, 22. November 2014

Westfälische und andere Weltordnungen, erklärt von Henry Kissinger

Wer kennt nicht Henry Kissinger, der 1923 in Fürth als Heinrich Alfred Kissinger geboren wurde und mit 15 Jahren Deutschland verlassen musste? Er wuchs im Stadtteil Washington Heights von Manhattan auf, kam als Soldat ins Nachkriegs-Deutschland und wollte Historiker in Harvard werden. Er wurde Sicherheitsberater mehrerer US-Präsidenten und späterer Außenminister. Er nahm großen Einfluss auf die amerikanische Politik und ist daher nicht unumstritten  ̶  in Amerika und anderswo. In Deutschland genießt er ein hohes Ansehen und gilt als Freund von Altbundeskanzler Helmut Kohl und Fan der Spielvereinigung Fürth. Seinen vielen Büchern, mit denen er seine und die US-Politik erläuterte, hat er in diesem Jahr eines hinzugefügt. Es heißt Weltordnung und hat 480 gedruckte Seiten. Ich las das Buch mit Vergnügen und kann es weiter empfehlen. 

Von der Weltordnung zum Völkerrecht 

Bei dem Wort Weltordnung denkt man an das Bestreben, in dem offensichtlichen Chaos, das sich im Wettbewerb der Nationen abspielt, für Recht und Ordnung zu sorgen. Nur ein ganz junger oder ein ganz alter Politiker, einer unter 30 oder einer über 80, haben den Mut, sich mit dem Thema zu befassen. Kissinger gehört zur zweiten Kategorie. Als Beispiel und Bezugspunkt benutzt Kissinger die Ordnung, die 1648 durch den Frieden von Münster und Osnabrück geschaffen wurde. Damals wurde ein 30-jähriger Religionskrieg beendet, der fast alle europäischen Staaten in Mitleidenschaft gezogen hatte. 

Der so genannte Westfälische Friede benutzte bestimmte Prinzipien, um wieder Ordnung herzustellen, und zwar in einer Weltregion, in der fast ein Jahrhundert lang nur Willkür und Gewalt herrschten. Es hatte sich eine Pattsituation eingestellt. Keine Macht war noch stark genug, um eine Ordnung vorzugeben. Die einzelnen Teilnehmer hatten sehr unterschiedliche Interessen und verfolgten unterschiedliche Ideologien. Es gab lange, penible Verhandlungen. Nur als Indiz: Der Tagungsraum wurde so umgebaut, dass jede Delegation einen eigenen Eingang hatte, damit alle gleichzeitig am Verhandlungstisch erscheinen konnten.  

In den Verhandlungen wurde alles ausgeklammert, über das vorher Krieg geführt worden war, also alle religiösen und politischen Streitfragen. Es ging nur darum, einen Modus vivendi, ein Prozedere, für die Zukunft zu finden. Es wurde eine inhärente Gleichheit souveräner Staaten vereinbart, unabhängig von ihrer Macht und ihrer inneren Ordnung. Es wurden keinerlei moralische Ansprüche erhoben, noch gab es einen supernationalen Ordnungshüter. Es wurde der Austausch von Diplomaten vereinbart, mit dem Ziel, den Frieden zu sichern. Für die Austragung von Streitigkeiten wurden Verfahrensweisen festgelegt. Daraus entstand das, was als Völkerrecht bezeichnet wird. 

Europäische Ordnungen und ihre Anfechtungen 

Die Westfälische Ordnung wurde in ganz Europa zur Seite geschoben, als sich mit der Französischen Revolution eine neue Staatsauffassung durchsetzte. Nicht eine Elite bestimmte jetzt die Politik, sondern die Masse des Volkes. Nicht die Rationalität gab den Ausschlag, sondern Emotionen. Napoléon ersetzte zwar die Massen durch seinen Willen. Mit dem Weltgeist zu verhandeln, war allerdings nicht vorgesehen. Der Wiener Kongress kehrte jedoch voll zur Westfälischen Ordnung zurück. Frankreichs Vertreter war als Vertragspartner voll akzeptiert. Metternich, Castelreagh und andere schufen eine Landkarte, in der Staaten eine strategische Aufgabe hatten. Nur deshalb kam das Rheinland zu Preußen, weil England keinen schwachen Nachbarn zu Frankreich haben wollte. Weder Bismarck noch Hitler ließen sich später in eine Ordnung zwängen. Über Bismarck und Preußen führte ein gerader Weg zum Ersten Weltkrieg. Da die Sieger in Versailles nur an Rache und nicht an Balance dachten, war Hitler unvermeidlich. Mit dem Zweiten Weltkrieg wiederholte sich die Katastrophe. 

USA und ihre geschichtliche Verantwortung 

Schon die Pilgerväter verfolgten das Ziel, sich von Europa abzusetzen und für sich eine bessere Welt zu schaffen. Spätere Politiker standen vor der Frage, ob sie diese Verantwortung nur für ihr Land oder für die ganze Welt hätten. Sie beantworteten diese Frage mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung. Die meisten akzeptierten es jedoch als Schicksal (engl. manifest destiny), dass sie gar nicht umhin könnten, sich der Verantwortung für die Welt zu stellen. Zwei Präsidenten, die sich besonders für den Weltfrieden engagierten, waren Woodrow Wilson und Franklin D. Roosevelt (FDR). Nur einer ihrer Vorgänger spielte eine starke Rolle in der Weltpolitik: Teddy Roosevelt. Er betrieb die expansivste Politik aller amerikanischen Präsidenten, annektierte Porto Rico, Hawaii, Guam und die Philippinen und vermittelte im Russisch-Japanischen Krieg einen Friedensvertrag. 

Wilson führte die USA in den ersten Weltkrieg, um universellen Moralansprüchen gerecht zu werden. Er wollte die Welt für die Demokratie retten. Er forderte den Rücktritt des deutschen Kaisers, bevor über Frieden verhandelt werden sollte. Das Schlimmste wäre, Deutschland würde das Regierungssystem beibehalten, das es in den Krieg trieb. Nur auf Demokratien sei Verlass. Kissinger macht keinen Hehl aus seiner Ansicht, dass der von Demokraten ausgehandelte, und Deutschland diktierte Friedensvertrag von Versailles alles andere als optimal war. Auch schuf Wilsons Betonung linguistischer und ethnischer Gesichtspunkte instabile Nationalstaaten in Europa mit gemischten Bevölkerungen. Anders als Frankreich nach dem Wiener Kongress, war Deutschland anschließend nur von Kleinstaaten umgeben, die nicht in der Lage waren, es in Schach zu halten.

Der von Wilson geschaffene Völkerbund war kein Zweckbündnis mit Zähnen, sondern ein moralisches Weltgewissen. Sein Scheitern war unvermeidlich. FDR hatte Wilsons Ideen weiter entwickelt. Die mit Churchill 1941 verfasste Atlantik-Charta definierte eine Weltordnung, in der selbst die damals noch bestehende britische Kolonialmacht keinen Platz mehr hatte. Die UN bekam mehr Biss als Wilsons Völkerbund, da sie mit vier Weltpolizisten (USA, UK, Sowjetunion und China) versehen war, die Aktionen ergreifen konnten.  

Herausforderung Kommunismus und sein Zusammenbruch 

Als ideologische und machtpolitische Herausforderung machte der Kommunismus von sich reden genau in dem geschichtlichen Moment, als Nazi-Deutschland und Japan bezwungen waren. FDR bemühte sich noch 1943 in Teheran um Freundschaft mit Stalin. Er hoffte, in Vieraugen-Gesprächen Weltprobleme ansprechen zu können. Er musste jedoch erfahren, dass dies nicht möglich war. Von da an blieb keine andere Wahl, als sich der ideologischen Schubkraft der Sowjets zu widersetzen. Es kam zur Gründung der NATO als gezielter Allianz gegen die russische Bedrohung. Eine generelle Friedenssicherung durch die UN war nicht länger möglich. Der Marshall-Plan leitete den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas ein. 

Harry Truman fiel die Aufgabe zu, die Widerstandskraft des Westens zu beweisen. Sein Test wurde der Koreakrieg und er bestand ihn glänzend. Er konnte den Aggressor zurückweisen und das eigene Militär in Schranken halten. Einen ähnlichen Erfolg hatte George Bush sen. später im zweiten Golfkrieg, als Sadam Husseins Angriff auf Kuweit zurückgeschlagen wurde. Im Falle Vietnams (und später im Irak und in Afghanistan) verlief die Sache weniger gut. Es kam zum Zusammenbruch des nationalen Konsenses. Übrig blieb ein von Wut und Trauma gespaltenes Land. Es war Ronald Reagan, der die Schwäche der Sowjetunion erkannte und den Kalten Krieg beendete. Er handelte nicht nur eine effektive Atomwaffenkontrolle aus. Mit Gorbatschow hatte er die ersten friedensstiftenden Gespräche (in Reykjavik), an deren Ende die deutsche Wiedervereinigung stand. 

Europäischer Einigungsprozess 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten Politiker wie Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide de Gasperi die Vision, die Fehler zu überwinden, die Europa zweimal in Katastrophen stürzten. Es kam zu den Römischen Verträgen und der heutigen EU. Die EU bedeutet kein Zurück zum Westfälischen Frieden, sondern dessen Weiterentwicklung. Wie einst im Hl. Römischen Reich rückt der Nationalstaat wieder in den Hintergrund, einer übergeordneten Idee zuliebe. Allerdings leidet die EU darunter, dass alle Politiker eine Politik des nationalen Vorteils betreiben müssen, um gewählt zu werden. 

Reich der Mitte 

China war ein auf sich selbst ruhender Staat seit 2000 Jahren, ehe der Westen von ihm Notiz nahm und umgekehrt. Es war eine Welt für sich und verfügte über eine eigene Weltordnung. Der Kaiser verlangte Ehrerbietung von allen Ländern ‚unter dem Himmel‘. Das musste König George III. von England zur Kenntnis nehmen, als seine Vertreter am chinesischen Hofe vorstellig wurden. ‚Wenn Ihre Leute nicht bereit sind den Kotau zu machen, sollten sie lieber zuhause bleiben. Und Geschenke können Sie sich sparen. Wir besitzen schon alles‘. so schrieb ihm 1793 der chinesische Kaiser. Da die Engländer sich nicht abweisen ließen und ein blühendes Opium-Geschäft aufbauten, ist dies ein Grund, warum China sich auch heute noch allen Offerten des Westens gegenüber skeptisch verhält. 

Obwohl beide, Amerikaner wie Chinesen, sich für einzigartig halten, kam es – nicht zuletzt durch Kissingers Wirken  ̶  zu einer Annäherung und vorsichtigen Kooperation. Am Anfang ging es darum. die Sowjetunion unter Druck zu setzen. Seit China als Wirtschafts- und Militärmacht zu den USA aufgeschlossen hat, geht es nicht nur um militärisches Gleichgewicht, sondern um eine strategische Partnerschaft. Dabei wird eine neue Form der Weltordnung entstehen. 

Muslimische Welt und islamistischer Terror 

Während die chinesische Weltordnung auf sich selbst beruht, ist dies beim Islam anders. Seit seinem Bestehen hat er das Ziel, die ganze Welt zu erobern. Mehrere Angriffe auf Westeuropa wurden zwar gestoppt (732 in der Schlacht von Tours und Poitiers, bzw. 1529 und 1683 vor Wien), nicht jedoch die Ausdehnung in Asien. Während im Falle Chinas und auch Russlands (dessen Behandlung hier weggelassen wurde) ein Interessenausgleich möglich zu sein scheint, ist Kissinger sehr skeptisch, wenn es um den Islam geht. Bei allen Auseinandersetzungen mit dem Islam stand ein prophetischer Absolutheitsanspruch im Wege. Man war unfähig, sich auf eine minimale Legitimität zu einigen. Die Eroberung neuer Länder war nicht ein imperialistisches Unterfangen, sondern religiöse Pflicht. Das Ziel war und ist ein superethnischer Staat, eine eigene, neue Weltordnung. 

In der christlichen Welt wurde irgendwann eine Trennung von Kirche und Staat vollzogen, eine Trennung, die der Islam bis heute nicht kennt. Der Gläubige hat die Aufgabe, den Dschihad, d.h. die Ausbreitung des wahren Glaubens, durch Herz, Zunge, Hände oder Schwert zu betreiben. Der Islam lässt keine dauernden Verträge zu. Die heutigen Grenzen im Nahen Osten wurden ihm ohnehin in einer Schwächephase nach dem Ersten Weltkrieg aufgezwängt (Vertrag von Sèvres, Sykes-Picot-Abkommen, Balfour-Erklärung). Die Muslimbrüder als politischste Bewegung innerhalb des Islams sehen sich mit ihrer Weltordnung einer westfälischen Ordnung gegenüber als überlegen an. Sie wollen den Säkularismus und die nationalen Grenzen überwinden. Westliche Politiker machen immer wieder den Fehler, dass sie die extreme Positionen, wie sie die Muslimbrüder vertreten, als metaphorisch oder verhandelbar ansehen. Sie sind es nicht. Gesprächsbereitschaft ist oft nur Taktik, es ist keine strategische Wende damit verbunden.  

Nach Ende des Kalten Krieges trat der Jahrhunderte alte Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wieder hervor. Für beide ist die Existenz Israels jedoch eine Glaubensfrage. Die Israelis halten ein früheres muslimisches Gebiet besetzt. Kein Muslim darf einmal besetztes Land wieder aufgeben. Osama bin Laden und seine Anhänger sahen friedliche Methoden als nutzlos an, um ihre Ziele zu erreichen. Sie bekämpften die USA, weil sie ihnen als der mächtigste Gegner ihres Glaubens erschien. Im Iran ist die Gegnerschaft zu den USA Teil der Staatsräson. Deshalb sind die Fortschritte bei der Urananreicherung nicht verhandelbar. 

Der so genannte Arabische Frühling hat bewiesen, dass die Hoffnung auf eine Verwestlichung Ägyptens und Tunesiens eine Illusion war (engl.: wishful thinking). Syrien und der Irak sind unfähig sich nach westfälischen Prinzipien zu gestalten; ebenso Libyen und Pakistan. Seit dem Auftreten der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) ist die Situation noch verworrener geworden. Die Werte des Westens, Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung der Frauen, werden weitgehend in Frage gestellt. In Indien, dem Staat mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt, leben zwar mehr Muslime als in Pakistan. Das Land ist aber eher bereit, den westfälischen Prinzipien zu folgen als der ganze Nahe Osten. Das gleiche gilt für andere fernöstliche Staaten wie Thailand und Vietnam. 

Perspektiven für eine friedliche Zukunft 

Trotz der wenig erfreulichen Aussichten des letzten Abschnitts hat die Politik die Aufgabe, Ordnung mit Freiheit zu versöhnen. Es besteht immer die Gefahr, dass Dämonen (Autokraten, Chaoten, Fanatiker) die Macht ergreifen. Es ist Staatskunst gefragt, um dies zu verhindern. Die UN besitzt viele Werkzeuge für friedenssichernde Maßnahmen. Sie ist jedoch gelähmt, wenn die Großmächte sich nicht einigen können. Frieden und Ordnung zu schaffen, ist ein fortdauernder Prozess. 

Die USA sind heute eine ambivalente Supermacht. Alle 12 Präsidenten seit Eisenhower konnten sich auf die Entschlossenheit des amerikanischen Volkes verlassen, überall auf der Welt für Demokratie und Freiheit einzutreten. Die USA laufen jetzt Gefahr der Überforderung und Desillusionierung. Aus den letzten drei Kriegen (Vietnam, Irak, Afghanistan) gingen sie nicht als Sieger hervor. Der den Amerikanern innewohnende Idealismus und Exzeptionalismus stoßen an Grenzen angesichts von Tausenden Toten. ‚Wir Amerikaner sind ein moralisches Volk.‘ so zitiert Kissinger seinen Amtsvorgänger George Shultz. ‚Die Außenpolitik soll Werte berücksichtigen. Wir sind aber auch ein pragmatisches Volk. Wir wollen, dass die Außenpolitik Wirkungen erzielt.‘ Amerikaner gehen am liebsten davon aus, dass Vernunft herrscht und dass ein friedlicher Kompromiss möglich ist.  

Die rein prozedurale, wertneutrale Weltordnung, wie sie beispielhaft im Westfälischen Frieden zum Ausdruck kam, gab keine Richtung für eine Weiterentwicklung vor. Sie sollte aber weiterentwickelt werden, auch über das hinaus, was bereits durch die EU für Europa realisiert wurde. Kissinger glaubt, dass die Technik und vor allem das Internet, ein großes Potenzial in Bezug auf die internationale Kommunikation besitzen. Die Multipolarität muss als Kern der Staatenordnung wieder fest in ihr verankert sein. Es ist möglich, dass regionale Blöcke die Aufgaben der Staaten übernehmen. Die Machtbalance muss durch eine neue Legitimität ergänzt werden. ‚Macht ohne Moral führt zum Kräftemessen, Moral ohne Ausgewogenheit zu Kreuzzügen‘ meint Kissinger. Beides sollte man tunlichst verhindern.  

Im Gegensatz zur Zeit des Westfälischen Friedens sollte man heute die Wirtschaft stärker berücksichtigen. Die globalisierte Wirtschaft ignoriert heute alle Grenzen, an die Politiker jedoch gebunden sind, seien es die von Staaten oder Staatenblöcken. Gipfeltreffen verkommen daher fast immer zu PR-Veranstaltungen, mit denen die nationale Wählerschaft beeindruckt werden soll. Dabei fehlt es nicht an Aufgaben und Problemen, die nur durch internationale Kooperation gelöst werden können. Die Geschichte kann zeigen, welche Konzepte sich bewährten und welche nicht. Die richtige Lösung muss jede Generation selbst suchen.

Sonntag, 16. November 2014

London und Rom - Eindrücke eines Gymnasiasten

Auf meinen Wunsch hin fasste mein Enkel Marcus (17) seine Eindrücke zweier Städtereisen in Gedichtsform zusammen. Nach London brachte ihn eine Klassenfahrt, nach Rom das Anhängsel an einen familiären Strandurlaub. 
 

LONDON & ROM 

Die Personen: M = Moderator, L = Londoner und R = Römer 

 

Zwei Weltmetropolen,

Eine schöner als die andere.

Welche wird sich den Titel holen?

 Im Folgenden treffen zwei aufeinander,

Ein Engländer und ein Italiener.

Das gibt Zank, klar!

Denn den Titel für die schönste Stadt will jeder.

 Also fangen sie an zu diskutieren.

Es gibt verschiedene Disziplinen.

 Die erste Frage

Bezieht sich auf die Lage.

Der Italiener beginnt mit seiner Stellungnahme:

 

R:

Rom, meine Stadt,

Liegt im Herzen des italienischen Stiefels,

Und da steht sie schon seit Jahrhunderten, wie Fels,

Beherbergt außerdem noch einen eigenen Staat,

Den Vatikan, es ist offensichtlich,

wer Gott auf seiner Seite hat.

Ihr habt keine Macht.

 

L:

Da hast du ja ein nettes Argument gebracht.

Aber wir in London sind multikulturell.

Da geben alle Götter was von ihrer Kraft ab.

Diesen Kampf gewinnen?

Kein Kraftakt,

Und wo wir schon bei Kultur sind.

Unser Shakespeare hat Theater revolutioniert;

Seit Tag Eins Zuschauer fasziniert

Und Regisseuren imponiert, sie inspiriert

 

R:

Pah!

Wir hatten schon Kultur,

Da haben bei euch noch die Kelten gehaust.

Wir haben fremde Welten bebaut

Mit antiker Kunst verziert.

Es ist offensichtlich, dass ihr gegen uns verliert.

 

L:

Wir und verlieren?

Ihr habt euch von Barbaren besiegen lassen,

Trotz eurer Waffen konntet ihr nichts machen.

Das römische Reich zerbrach.

Wir hingegen haben immer noch unseren Monarch,

Und Englisch wird auf der ganzen Welt gesprochen.

Oder hast du schon mal einen italienisch redenden Inder getroffen?

 

R:

Ja ihr wart mal groß,

Euer Reich hat große Flächen umspannt.

Aber keiner wollte bei euch bleiben,

Noch nicht mal Neuseeland.

Und dass man überall Englisch spricht

ist nicht euer Verdienst,

Nur weil die USA mitmischt...

 

M:

Halt stopp!

Hört auf euch zu streiten.

Es sollte nur um die Städte gehen.

Also an beide Seiten

Hört auf über die Länder zu reden.

 

L:

Nun gut,

Als fairer Sportsmann

Fang ich sofort an.

London hat viel zu bieten:

Den gotischen Baustil

Zum verlieben.

Und all die kleinen Backsteinhäuser.

Sie stammen noch aus Zeiten der Industrialisierung

Sie wurden seit dem nicht erneuert.

Denn noch blies kein Windzug sie hier um.

 

R:

Was sollen wir dann erst sagen.

Unsere Gebäude stehen schon seit 2000 Jahren.

Sei es das Kolosseum oder der Vatikan.

Das kann London nicht schlagen.

 

M:

Ich denke wir haben uns hier festgefahren.

Ich kann nicht sagen, wer die besten waren,

Weil man es unterschiedlich bemessen kann.

 Das Fazit fällt entsprechend aus.

Beide Städte haben es einfach drauf.

Beide haben ihren gewissen Flair,

Rom vielleicht ein bisschen mehr.

Dafür ist London als Metropole wichtiger...

 

R:

Hey das stimmt nicht, alle Wege führen nach Rom.

 

M:

Ich hätte nicht mit ihnen diskutieren sollen,

hab ich jetzt davon...

 

~~~~~~~

 

Nachtrag des Blog-Verwalters
 

Während meines Berufslebens und danach besuchte ich ebenfalls beide Städte, und zwar mehrmals. Anstatt zu versuchen, dem allgemeinen Eindruck etwas hinzufügen oder andere Schwerpunkte zu setzen, will ich nur einige Details von meinem letzten Rombesuch im Jahre 2002 nachtragen. Sie sind auf der CD Gunst und Kunst des Reisens enthalten. 

Patriarchalkirchen 

Bei diesem Besuch besuchten wir neben anderen Kirchen auch alle vier Patriarchalkirchen Roms. Statt einer ausführlichen Beschreibung, erwähne ich nur ihre Besonderheiten. Sankt Johann im Lateran war früher der Sitz des Papstes. Hier liegt Silvester II., auch bekannt als Gerbert d’Aurillac, begraben. Santa Maria Maggiore hat eine herrliche Seitenkapelle. Sankt Paul vor den Mauern ist die schönste Gesamtanlage. In ihrer Rotunde gibt es Rundbilder aller Päpste.

 
Abb. 1: St. Johann im Lateran 

In Sankt Peter waren wir dreimal. Der Grund dafür war die Suche nach dem Grab von Ludwig Kaas, über den ich gerade einen Artikel für das „Neue Trierische Jahrbuch“ geschrieben hatte.

Abb. 2: Santa Maria Maggiore 

Den ersten Versuch machten wir an einem Samstag (14.9.). Wir hatten eine Stadtrundfahrt mit dem Bus gebucht, die uns von der Station Termini zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt brachte. Dabei konnte man mehrmals aussteigen und eine oder zwei Stunden später weiterfahren. Unser erster Zwischenstopp war am Petersplatz. Wir folgten den anstehenden Gruppen durch die Sicherheitskontrolle in die Peterskirche. Dort stiegen wir in die Krypta hinab, in der sich die Papstgräber befinden. Wir suchten einen Seitengang, der zum Kaas-Grab führen würde, fanden aber keinen. Da der Fluss der Besucher in der Krypta nur in einer Richtung ging, stiegen wir am Ende der Krypta wieder nach oben. Vor dem Petersdom fragten wir einen Schweizer Gardisten (in Deutsch) nach dem deutschen Friedhof, dem Campo Santo Teutonico. Er zeigte uns die Richtung, sagte aber, dass er nachmittags geschlossen sei. Das beste wäre, wir kämen am nächsten Morgen um neun Uhr in die deutsche Messe in der benachbarten Kapelle. Dann könnten wir den Direktor bitten, uns hineinzulassen.

 
Abb. 3: St. Paul vor den Mauern

Da wir am Sonntag etwas anderes vorhatten, kamen wir erst am Montag (16.9.) wieder auf den Petersplatz. Der Schweizer Gardist erkannte uns wieder und ließ uns zum deutschen Friedhof durch. Dort fanden wir nach einigem Suchen das Grab von Johannes und Karin Schauff, sowie das von Schwester Pascalina Lehnert. Schwester Pascalina war die Haus­hälte­rin von Papst Pius XII. Schließlich fanden wir auch einen Grabstein von Ludwig Kaas. Darauf stand, dass er von 1952 bis 1965 hier gelegen habe, dann aber in die Basilika von St. Peter um­gebettet worden sei. Wir erkundigten uns im Nebenhaus, wie man zu den Gräbern im Peters­dom käme, und wurden an eine Seitentür der Kirche verwiesen, dem Büro der Aus­grabungen (Ufficio Scarvi). Als wir dort unseren Wunsch vortrugen, an einer Besichti­gungs­tour teilzunehmen, erhielten wir die Antwort: „Vielleicht nächste Woche; diese Woche haben wir schon zu viele Anmeldungen“. Wir machten uns den Vorwurf, mal wieder schlecht geplant zu haben, und stellten uns in die mehrere Kilometer lange Schlange, die zu den vatikanischen Museen führte.

 
Abb. 4: Schweizer Gardist 

Am Mittwoch darauf besuchten wir Sankt Paul vor den Mauern. Im Souvenirladen lag ein schöner Bildband über die Patriarchal-Basiliken Roms, den wir erwarben. 

Grab eines Trierers  

Im Abschnitt über den Petersdom befand sich ein kleines Bild, welches das Grab von Ludwig Kaas wiedergab, sowie eine Wegbeschreibung, wie man dorthin gelange. Nach diesem Fingerzeig war klar, dass wir noch ein drittes Mal suchen mussten. Am Donnerstag (19.9.) marschierten wir zielstrebig auf den Lon­ginuspfeiler zu. Das ist einer der vier Pfeiler, welche die Kuppel der Peterskirche tragen. Er ist benannt nach der Statue des Soldaten Longinus, der am Kreuz stehend mit seiner Lanze die Brust Christi öffnete, um seinen Tod festzustellen. Wir mussten feststellen, dass der Ein­stieg in die Krypta an dieser Stelle verschlossen war. Daraufhin gingen wir zum gegen­über­liegenden Andreaspfeiler und fragten einen der dort postierten Aufseher, ob er wisse, wo sich die deutsche Kapelle (capella tedesca) und das Grab von Prälat Kaas befinden. Er meinte, eine „Capella tedesca“ gäbe es nicht, aber das Grab von „Bischof Kaas“ sei gleich unten rechts. Wir stiegen also am Andreaspfeiler ein, fanden aber weder rechts noch links einen Hin­weis auf das Grab von Kaas.  



Abb. 5: Grab von Ludwig Kaas

Ich fragte auch eine Reiseleiterin, die gerade mit ihrer Gruppe aus einem abgeschlossenen Teil der Krypta herauskam. Da sie uns nicht helfen konnte, stiegen wir entgegen der Richtung des Besucherverkehrs wieder die enge Treppe nach oben. Oben ange­kommen, machten wir dem dort noch stehenden Wächter mittels trauriger und verzweifelter Mimik klar, dass wir erfolglos waren. Darauf gab er seinem gerade in der Nähe stehenden Chef ein Zeichen. Dieser deutete mir an, ihm zu folgen. Ich alarmierte meine Frau und hinunter ging es wieder über die steile Treppe am Andreaspfeiler. Unten ange­kommen, öffnete unser Begleiter mit seinem Schlüssel die rechte Seitenkapelle und deutete auf das Kaas-Grab. Ich machte schnell meine Photos. Als ich dem Oberaufseher zum Dank ein Trinkgeld geben wollte, lehnte er ab. Er schloss die Kapelle und wir folgten dem Touristen­strom zum normalen Ausgang. 

Andere Höhepunkte 

Natürlich besuchten wir auch einige der bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt, da wir zuletzt vor 30 Jahren dort waren. Wir benutzten ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel. Bei einer U-Bahnfahrt zog mich meine Frau plötzlich zur Seite. Sie hatte eine Hand gesehen, die unter einer Zeitung hervor kam und sich in Richtung auf meine Hosentasche bewegte.



Abb. 6: Spanische Treppe 

Die Spanische Treppe und die Fontanta di Trevi waren fest in der Hand von Touristen. Kaffee und Kuchen gab es im Cafe Greco nahe der Spanischen Treppe für 25 Euro.

 
Abb. 7: Bei Marc Aurel am Kapitol

Ganz in Ruhe konnten wir uns die Exponate in beiden Museen des Kapitols (Konservatorium, Neues Museum) ansehen. Der Blick über die Dächer der Stadt ist hier sehr lohnend. Dass die Statue des Marc Aurel die Jahrhunderte überlebt hat, hat er einem Irrtum zu verdanken. Man hielt den Reiter lange Zeit für Kaiser Konstantin, der ja bekanntlich das Christentum zur Staatsreligion gemacht hatte.


Abb. 8: Im Colosseum 

Das Collosseum wie das Forum konnten wir uns gründlich ansehen. Dass hier andere Touristen herum liefen, störte nicht. Wir besuchten auch das Goethe-Haus (Casa Goethe) an der Piazza del Populo und waren überrascht, dort das allseits bekannte Bild Tischbeins zu finden, das Goethe in der Campagne zeigt, also während seiner Italienreise. In der Casa Goethe sahen wir auch Goethes Versuche als Landschaftsmaler. Es war der am Hof des Königs von Neapel (in Caserta) tätige deutsche Maler Jakob Philipp Hackert, der mit ihm übte und ihn (zu unserer aller Glück) überzeugte, sich auf seine andere Begabung zu konzentrieren.


Abb. 9: In der Casa Goethe 

Dass Goethes Sohn in Rom begraben liegt, erfuhren wir erst als wir vor seinem Grab auf dem Evangelischen Friedhof standen. Auf demselben Friedhof bei St. Paul vor den Mauern liegen Wilhelm Waiblinger begraben, sowie ein Kind Humboldts (*1794 in Jena, †1803 in Rom). Wilhelm Friedrich Waiblinger (*1804 in Heilbronn; †1830 in Rom) war ein deutscher Dichter der Romantik und mit Hölderlin und Mörike befreundet.

Mittwoch, 12. November 2014

Prägen Romantik und Idealismus (immer noch) die deutsche Seele?

Als Romantik wird in der deutschen Kulturgeschichte die Zeit zwischen 1795 und 1848 verstanden. Im Westen Deutschlands, also meiner Heimat, ist es die Zeit vom Beginn der französischen Besatzung bis zum Scheitern der demokratischen Revolution. Die Wörter Romantik und romantisch bezeichnen heute einen Zustand starker Gefühlsbetontheit, verbunden mit der Sehnsucht nach einer verklärten, ja idealen Welt. Der Drang nach Unendlichkeit gehört dazu, sowie die Forderung nach völliger Subjektivität, Individualisierung, Freiheit und Unabhängigkeit, verbunden mit einer Vorliebe für das Traumhafte, Wunderbare, Unbewusste und Übersinnliche. Wir verbinden die Romantik mit Namen wie Novalis, Eichendorff und den Brüder Grimm, aber auch mit Lortzing, Richard Wagner und Ludwig II. von Bayern. Es war eine Gegenbewegung zur Aufklärung. 

Demgegenüber fasst der Begriff Idealismus unterschiedliche Strömungen und Einstellungen zusammen, die „hervorheben, dass die Wirklichkeit in radikaler Weise durch Erkenntnis und Denken bestimmt ist, oder dass Ideen die Fundamente von Wirklichkeit, Wissen und Moral ausmachen. Im engeren Sinn wird als Vertreter des Idealismus bezeichnet, wer annimmt, dass die physikalische Welt nur als Objekt für das Bewusstsein oder im Bewusstsein existiert oder in sich selbst. Eine typische Form des deutschen Idealismus verbindet sich mit Namen wie Hölderlin, Schelling und Hegel. Ihre geistige Heimat war das evangelische Stift der Universität Tübingen. 

Heutige Erscheinungsformen 

Sowohl romantische wie idealistische Vorstellungen haben im Leben der Deutschen eine große Rolle gespielt. Das gilt auch heute noch, im Jahre 2014. Man begegnet ihnen in vielen Lebensbereichen und Fachgebieten. Die Romantik treibt ihre Blüten bei Weihnachts- und Jahrmärkten,  Mittelalterfesten und Ritterspielen, Prozessionen und Wallfahrten. Ebenso bestimmt sie das Treiben von Heimat-, Schützen-, Trachten- und Wandervereinen. An Burgen und Schlössern, Sagen und Märchen, dem rheinischen Karneval und deutschen Gartenzwergen erfreuen sich Einheimische wie Touristen. Dabei geht es fast immer gegen die Vernunft, gegen das Rationale, gegen die Technik oder die Moderne. Es werden Probleme und Gefahren, Leid und Ungerechtigkeit ausgeklammert, ja das Alltägliche und Banale. Streng genommen steckt ein Stück Romantik auch im Programm der Grünen, der AfD, der Neo-Nazis und der Islamisten. Sie können und wollen sich nicht mit der gesellschaftlichen Realität abfinden. 

Eine von der Realität abgehobene Betrachtungsweise ist auch kennzeichnend für alle heutigen Anhänger des Idealismus. Sie sind eher in akademischen Kreisen zu finden als unter dem breiten Volk.

Blick nach anderswo 

Romantik und Idealismus gibt es auch in andern Ländern. Sie sind dort aber weniger bestimmend als in Deutschland. Besonders der Pragmatismus der Angelsachsen sticht als Gegensatz hervor. Es gibt dort weniger den  Streit zwischen Theorie und Praxis. Man darf mit einer unvollkommenen oder theoretisch nicht ganz durchdachten Lösung beginnen und verbessert diese Schritt für Schritt. Die Engländer können sogar eine Demokratie praktizieren, Jahrhunderte lang, ohne eine geschriebene Verfassung zu haben. Sie sprechen Recht, basierend auf dem Urteil von Laien.  

Die Romantik gibt es bei Angelsachsen, Franzosen und Russen auch, ist aber schwächer ausgeprägt als bei uns. Frankreich ist bekanntlich die Heimat des Rationalismus und der Aufklärung. In der Person Voltaires gab es eine Brücke nach Preußen, zu Friedrich dem Großen. Sie bestand nicht allzu lange. Danach übernahm die Romantik.  


Nachtrag am 13.11.2014:

In den Tagen als Alexander Gerst von der ISS zur Erde zurückkehrt, die ESA mit der Raumsonde Rosetta das Landegerät Philae auf dem Kometen Tschuri plaziert, die Terrororganisation Boko Haram immer noch hunderte Schülerinnen in Nigeria festhält, der IS weiterhin die syrische Stadt Kobane belagert, und die Präsidenten Obama und Xi sich auf langfristige Klimaziele einigen, sollte man sich eigentlich nicht nur mit Trends und Streitfragen der deutschen Vergangenheit befassen.


Die großen Fragen der Gegenwart und der Zukunft, welche die Menschheit als Ganzes berühren, sollten unserer Aufmerksamkeit nicht entgehen. Ich möchte daher in den kommenden Monaten versuchen, das Interesse der Beitragenden und der Leser wieder in diese Richtung zu lenken. Ob und wie weit es mir gelingt, wird sich zeigen. Eigentlich sind die bevorstehende Festtags-Saison und das Jahresende dafür besonders geeignet.


Nachtrag am 15.11.2014: 

Heute wies mich Hartmut Wedekind darauf hin, dass zum Deutschen Idealismus auch der Königsberger Kant und der Jenaer Fichte zu rechnen sind. Es gibt mehrere mögliche Erklärungen dieses Sachverhalts: 

(1) Meine Darstellung des Idealismus hatte einen süddeutschen Bias hin zum absoluten Idealismus. Sie erachtete die norddeutschen Beiträge als vernachlässigbar.
(2) Eine nationalbewusste deutsche Philosophie ist gründlicher als eine neutrale, wenn es um deutsche Beiträge geht.
(3) Die Südhessen denken eher an die Norddeutschen als Bayern, Franken und Schwaben. Ob sie als Norddeutsche (so genannte Fischköppe) kategorisiert sein wollen, ist eine andere Frage. 

Da Kant und Frege schon des Öftern gewürdigt wurden, würde es mich freuen, wenn man Hegel mal thematisieren könnte. Es gibt Leute, unter anderem in den USA, die mir klarzumachen versuchten, dass Hegel der einflussreichste deutsche Philosoph war.