Samstag, 26. Dezember 2015

Weihnachtliche Lyrik

Im dunklen Erdteil Afrika
von Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Im dunklen Erdteil Afrika
Starb eine Ziehharmonika.
Sie wurde mit Musik begraben.
Am Grabe saßen zwanzig Raben.
Der Rabe Num'ro einundzwanzig
Fuhr mit dem Segelschiff nach Danzig
Und gründete dort etwas später
Ein Heim für kinderlose Väter.
Und die Moral von der Geschicht? –
Die weiß ich leider selber nicht.

*****
In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee,
Da taten ihnen die Beinchen weh,
Und da verzichteten sie weise
Dann auf den letzten Teil der Reise

****
Herbstliche Wege

Des Sommers weiße Wolkengrüße
zieh'n stumm den Vogelschwärmen nach,
die letzte Beere gärt voll Süße,
zärtliches Wort liegt wieder brach.

Und Schatten folgt den langen Wegen
aus Bäumen, die das Licht verfärbt,
der Himmel wächst, in Wind und Regen
stirbt Laub, verdorrt und braun gegerbt.

Der Duft der Blume ist vergessen,
Frucht birgt und Sonne nun der Wein
und du trägst, was dir zugemessen,
geklärt in deinen Herbst hinein.

***
Logik

Die Nacht war kalt und sternenklar,
Da trieb im Meer bei Nordernay
Ein Suahelischnurrbarthaar. –
Die nächste Schiffuhr wies auf drei.

Mir scheint da mancherlei nicht klar,
Man fragt doch, wenn man Logik hat,
Was sucht ein Suahelihaar
Denn nachts um drei am Kattegatt?


In Mhabane im Swaziland


Weihnachten
im (Klima-) Wandel der Zeit
von Enkel Marcus (*1997)

Oh Tannenbaum, Oh Tannenbaum
Wie grün sind deine Blätter
Obwohl, bei diesem heißen Wetter
Seh ich keine weißen Äster
Der Schnee bleibt aus bis jetzt
Ist das zurückzuführen auf den Treibhauseffekt?
Nein, das ist an den Haaren herbeigezogen,
also habe ich Experten eingeflogen
Physiker und Astronomen
Aber sie sind nur laut und bewirken nichts,
wie Platzpatronen
Das bringt mir leider nichts
Doch plötzlich hab' ich einen Geistesblitz,
der Schuldige scheint
binnen Sekunden gefunden
Die Lösung war leichter als Baumwolle
Das Problem ist Frau Holle

Aber wo liegt das Problem?
Kämpft sie mit einem Personalstreik?
Oder erstickte sie bei der letzten Mahlzeit?
Und ihr Gesicht färbte sich lila violett.
Hat die Grippe sie niedergestreckt?
Liegt sie mit Fieber im Bett?
War sie nicht schwindelfrei,
stolperte durch ein Ozonloch
und fiel aus dem Himmelreich?
Kam irgendein Hohlkopf
und prügelte sie windelweich?
Es ist nicht sinnlich weiß,
trotz Winterzeit und für die Kinder bleibt nur
Matsch um Schneemänner zu bauen,
neidisch auf andere Länder zu schauen
und staunen,
denn der Schneefall in Nepal ist weiterhin kräftig,
lästig, dass wir grüne Weihnacht haben,
aber vielleicht hilft es einzuschlafen
und in ein paar Jahren, schweißgebadet,
aufzufahren, rauszustarren
und sich an weißen Farben zu laben.

Ansonsten bräun‘ ich mich in meinem Garten,
mit Sonnenbrille und Badehose,
der zukünftigen Wintermode.

Im Elephantenpark Addo

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Weltpolitische Bilanz ̶ Ein Jahresrückblick

Auf dem CDU-Parteitag diese Woche in Karlsruhe meinte Angela Merkel: "2015 ist ein unglaubliches Jahr". Eine solche Dichte und Abfolge von Ereignissen habe sie selbst noch nicht erlebt. Sie erinnerte an die Anschläge von Paris im Januar, die Verhandlungen in Minsk über einen Waffenstillstand in der Ostukraine, den bewusst herbeigeführten Absturz einer Germanwings-Maschine im März, den Tod Tausender Flüchtlinge im Mittelmeer und die Verhandlungen mit der griechischen Regierung wegen der Schuldenkrise. Obendrauf gab es noch den Syrienkrieg und die daraus entstandene Flüchtlingskatastrophe, sowie die erneuten Terrorattacken in Paris. Die Liste lässt sich fortsetzen. Erdbeben in Nepal, Dürre in der Sahelzone und in Kalifornien, sowie  ̶  zum etwas freundlicheren Ende des Jahres  ̶  der Atomvertrag mit dem Iran und die Klimakonferenz in Paris.

Normale oder außergewöhnliche Zeiten

The time is out of joint – Die Zeit ist aus den Fugen (eigentlich ‚ausgerenkt‘). So ließ Shakespeare bereits Hamlet sagen. Was damals in Dänemark die Gemüter beunruhigte, scheint heute in mehrfacher Potenz seine Fortsetzung zu finden. Naturkatastrophen gab es aber auch früher schon. Nur sind wir heute viel besser informiert als früher. Auch Kriege gab es immer wieder. So lebten wir in Deutschland zwar seit 70 Jahren quasi auf einer Insel des Friedens. Die USA dagegen waren seit 1945 an etwa 40 Kriegen beteiligt. Einige Arten von blutigen Auseinandersetzungen und von Menschen verursachten Katastrophen scheinen uns um diese Jahreswende besonders viel Sorge zu machen.

Bürgerkriege und Terror

Um den Bürgerkrieg in Syrien ging es in mehreren Beiträgen dieses Blogs. Ausführlich wurden die Gründe des Krieges und der Flucht behandelt. Einen Beitrag  übersetzte ich ins Englische, damit Halim und seine Freunde ihn auch lesen konnten. Halim ist das Pseudonym, das ich einem jungen Flüchtling aus Damaskus gab, der seit etwa einem Jahr in Deutschland lebt. Ich will daher heute einem Gefühl Ausdruck verleihen, das mich befällt, wenn ich von Amokläufen und Terrorakten höre, die von Einzelnen oder kleinen Gruppen ausgeführt werden.

Wie viele Menschen so bin auch ich sehr beunruhigt durch die Vielzahl der in rauschhafter Exstase vollbrachten Straftaten, seien es Amokläufe oder Terroranschläge. Immer ist der Tötungsdrang verbunden mit der Bereitschaft sich selbst zu opfern. Diese Täter können durch Androhung der Todesstrafe nicht abgeschreckt werden. Waren es in früheren Jahrhunderten einzelne fanatisierte Jünger, die für einen ‚Alten vom Berge‘ mordeten (die Assassinen), so ist es heute geradezu ein Massenphänomen. Nicht nur an Feiertagen, sondern an jedem Werktag stehen die todeswilligen Opfer wie Söldner bereit. Es ist egal, ob der Einsatz in Bagdad oder Damaskus erfolgt, oder in Boston, London, Paris oder Los Angeles. Fast könnte man meinen, die Täter wären von einer Art von Tollwut befallen, einer bekannten, auch auf Menschen übertragbaren Viruserkrankung. Der Rabies-Virus wird bekanntlich durch den Biss von Hunden oder Fledermäusen (Vampiren) übertragen. Lediglich der Schaum vor dem Mund wurde noch nicht beobachtet.

Dass Menschen rasend werden, ja die Kontrolle verlieren wie ein Tier, war früher vielleicht eine Seltenheit. Der menschliche Werwolf gehörte in den Bereich der Sagen. Vielleicht schafft es die Wissenschaft eines Tages festzustellen, welche hormonellen Veränderungen bei einem Menschen stattfanden, bevor er eine Tat vollbringt, die auch sein eigenes Leben kostet. Ob und welche Konsequenzen aus solchem Wissen gezogen werden, ist eine ethische Frage.

Flüchtlings- und Hungerkatastrophen

Das Wort ‚Flüchtlinge‘ wurde in Deutschland zum Wort des Jahres erkoren  ̶  was immer das bedeutet. Jedenfalls hat das Thema die größtmögliche Aufmerksamkeit erreicht. Zwischen der bayrischen CSU und der bundesweiten CDU ist – wie in der Politik üblich  ̶  vordergründig ein Streit um Worte entbrannt. Muss eine Obergrenze her, oder reicht eine Begrenzung und Kontigentierung. Es ist keine Frage, dass auf der Ebene der Kommunen längst die Knochenarbeit begonnen hat. Einige Gemeinden stoßen bereits an ihre Grenzen. Die Freiwilligen werden müde. Die Aufsichtsorgane und die Sicherheitskräfte drehen durch. Die Flüchtlinge, die vor den Ämtern seit Wochen Schlange stehen, werden nervös und ungeduldig. Mein Blogger-Freund Hartmut Wedekind hinterfragt daher das Mantra der Kanzlerin: "Wir schaffen das!". Wer ist "Wir" ? In Wedekinds eigenem Blog wird diese Frage beantwortet: „Für mich sind 'wir' unsere Flüchtlinge und die Deutschen". In mehreren Mails beschrieb er die Schwierigkeiten im Detail und die Wege, die er sieht, um weiterzukommen.

Das fürchterliche Theater, was wir mit dem Exodus erleben und noch erleben werden, kann man nur mit wissenschaftlichen Mitteln zu begreifen versuchen, wie das mein Kollege Inhetveen [in Wedekinds Blog] tat. Mein Syrer [von mir der Anonymität wegen Halim genannt] sagte mir gestern beim Essen, dass er die kubische  Gleichung [auf Seite 5] noch in arabischer Schreibweise gelernt habe. Die stammt laut Inhetveen aus dem 15. Jahrhundert. Jetzt kommt der Fortschritt: Seine jüngeren Schwestern haben die uns gewohnte lateinische Fassung gelernt. Der Fortschritt fand offensichtlich unter Assad statt. Doll! Araber sind Umstandskrämer, was man deutlich sieht. Seine weitere Bemerkung. Im arabischen muss die Gleichung von rechts nach links geschrieben werden, und unsere arabischen Ziffern sind verboten. Man muss die indischen nehmen. Als ich fragte, warum das, antwortet er: Araber haben einen Vogel. Sie sehen meinen Fortschritt am Mann, schön aber ungeheuer aufwendig. Mit einer Millionen kann man das nicht machen. Das überfordert. Das schaffen wir nicht, Frau Merkel! Mit Sicherheit nicht! Drei Wege stehen zur Diskussion.

(1) Wir schaffen das! Frage aber wie? Antwort: inschallah, so Allah will. Das ist der islamische Tunnelblick.  Ich nennen das naiv. Mein Kollege Inhetveen  [der über die arabische Kultur publiziert hat] meint, das läge auch an der Sakralsprache "Arabisch". Stellen Sie sich mal vor, wir würden noch sakral-lateinisch reden. Man nennt das Kirchenlatein. Das Wort "Dampfturbine" wird dann auf vatikanische Weise naiv latinisiert und erzeugt ein Lächeln.[Nachzulesen in Wedekinds Blog]

(2) Wir schaffen das! Frage aber wie? Antwort: Weil wir Deutschen stark sind. Das ist deutschnational. Ich nenne das dogmatisch und erzeugt ein schlechtes Gefühl in mir (Jahrgang 1935 und noch Pimpf)

Beide Ansätze sind mir fremd und unheimlich, weil die Geschichte zeigt, dass sie, wenn es schlecht läuft, auf direktem Weg in den Abgrund einer Selbstzerlegung  führen. Den Abgrund  von (2) haben  wir u.a.  vor 70 Jahren gesehen. Er ist in bleibender Erinnerung. Die Zerlegung von Europa findet gerade statt. Der Abgrund von (1) kann in der arabischen Welt beobachtet werden. Der egozentrische Tunnel führt striktament in die Selbstzerlegung.

(3) Es bleibt nur der dritte Weg, der kritische, das ist der schwerste. Es ist ein schmaler Grat. Aber er lohnt sich. Er geht von unten nach oben auf schmalem Grat, schrittweise, zirkelfrei und alles explizit machend, wobei man weiß, was man kann und nicht kann, weil das kritisch hinterfragt wird. Der Kritische weiß, was erreichbar ist und was nicht. Er ist über sich aufgeklärt. Auch  er hat Ideale. Die führt er kritisch-methodisch ein. Seine Hauptgegner sind die  naiven und dogmatischen Schwärmer. "Und so zerstört Freiheit im Denken, wenn sie so gar unabhängig von Gesetzen der Vernunft verfahren will, endlich sich selbst".  Wer hat das wohl gesagt? Nicht schwer zu erraten.

Von Menschen verursachte Klimaveränderung

Ist die Welt noch zu retten? So fragte ich im Dezember 2011 in diesem Blog. Auch damals stand die Welt unter dem Eindruck von Klimakonferenzen. Durban war soeben vorbei. Meine Schlussfolgerung lautete damals:

Die Probleme sind hart, aber zu lösen. Es bedarf allerdings enormer Ausdauer und organisierter Anstrengungen. Die Kosten werden uns astronomisch vorkommen. Die Lösungen fallen nicht vom Himmel. Menschen müssen und werden sich ihrer annehmen. Fragen wir uns, was die Bilanz dieses Jahres war, so ist Nüchternheit und Bescheidenheit angesagt. Natürlich war Durban erfreulicher als Kopenhagen. Der Weg ist aber noch weit, bis die Menschheit an einem Strang zieht.

Nach der Pariser Klimakonferenz 2015 glimmt Hoffnung, dass sich bei diesem Thema die Dinge doch noch zum Guten wenden. Dass das Klima sich verändert, kann an vielen Dingen beobachtet werden. Das größte Problem können die schmelzenden Grönland-Gletscher auslösen. Wird das in ihnen gebundene Wasser frei, hebt sich der Meeresspiegel. Ob dann auch New York versinkt, oder nur die Pazifikinsel Tuvalu, das weiß heute niemand. Das zusätzliche kalte Wasser kann auch den Golfstrom stören. Als Folge davon würden die Temperaturen in Nordeuropa fallen. Es stünde also eine Eiszeit ins Haus, ein Szenario, das der Sindelfinger Regisseur Roland Emmerich schon zu einem Film (The Day After Tomorrow) verarbeitete.

Darüber, ob Menschen die Hauptverursacher sind, wurde lange gestritten. Je genauer man Bohrkerne aus dem Grönland-Eis untersucht, umso häufiger lassen sich Schwankungen der Erdtemperatur feststellen, auch lange vor dem Beginn der Industrialisierung. Ihre Ursachen zu bestimmen, ist nicht leicht. Eine ähnliche Unsicherheit steckt in der Frage, ob vom Menschen zu ergreifende Maßnahmen ausreichen, um epochale Klimaveränderungen zu verhindern. Dass die Teilnehmerstaaten der Pariser Konferenz sich dennoch ein Zwei-Grad-Ziel gaben, ist sehr zu begrüßen. So weiter wie bisher! Das wäre ein schlechtes Motto.

Emotionalisierung und Rechtsruck der Wähler

In vielen Diskussionen mit Kollegen. vor allem aus dem akademischen Bereich, wurde bedauert, dass in der Politik zu sehr emotionale Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Würde doch die Vernunft herrschen, wäre alles besser. Der in mehreren europäischen Ländern zu beobachtende Zulauf rechter und rechts-extremer Parteien lässt sich nur so erklären. Mit Vernunft hat dies wenig zu tun. Was Viktor Orban in Ungarn, Jaroslav Kaczyński in Polen und Marine le Pen in Frankreich verkünden, ist der Geist eines Nationalismus, vor dem viele Europäer sich fürchten und von dem sie glaubten, dass wir ihn überwunden hätten. In Deutschland regen sich diese Geister auch. Der hiesige Rechtsdrall scheint jedoch anders und schwächer zu sein als bei unseren Nachbarn. Im SPIEGEL (Heft 51/2015) heißt es unter dem Titelthema Aufstand der Ängstlichen:

Einer neuen rechten Bewegung laufen die Bürger zu. Ihre Anhänger wirken wie Biedermänner, doch sie verachten das politische System und fühlen sich durch Flüchtlinge bedroht. Davon profitiert vor allem die AfD.

Mein Freund Peter Hiemann kommentierte den SPIEGEL-Artikel wie folgt:

Ich finde, der Titel „Aufstand der Ängstlichen“ und die geschilderten Situationen beschreiben die reale gesellschaftliche Situation in Deutschland nicht umfassend. Viele der derzeitigen politischen Argumente entsprechen sicher aktuellen und potentiellen Problemen, die durch Flüchtlinge unterschiedlichster Nationalität hervorgerufen sind. Die politischen Auseinandersetzungen können nur verstanden werden, wenn die Motivationen und Zielsetzungen der agierenden Eliten betrachtet werden. Ich habe mir die Grundsatzprogramme der existierenden Parteien genauer angeschaut und komme zu der Schlussfolgerung, dass sie nicht zeitgemäß sind. Die immer noch zitierte generelle Forderung nach 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit' reflektiert die gesellschaftlichen Verhältnisse des 18. Jahrhunderts. Die aktuellen Forderungen nach 'Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität' reflektiert die Verhältnisse der frühen Industriegesellschaft. Die existierenden Grundsatzprogramm adressieren individuelle emotionale Perspektiven. Es fehlen moderne konkrete Praxis bezogene und gesellschaftliche Orientierungen, die sich sowohl an relativ wohlhabende Personen als auch an Institutionen richten.

Eine Parole  wie 'Autonomie, Erkenntnis, Empathie' und die Forderung, gegenseitige  Beziehungen zu berücksichtigen, entspräche eher den gesellschaftlichen Anforderungen des 21. Jahrhunderts. Moderne Grundsatzprogramme der Parteien müssten erklären, wie autonome Tätigkeiten, Bildungsmöglichkeiten und Verständnis für gegenseitige gesellschaftliche Interessen gefördert werden können und egozentrische Zielsetzungen und Handlungen entgegengewirkt werden kann. Für die gegenwärtigen sogenannten 'rechtsorientierten' Tendenzen und Bewegungen in Europa und USA sind Eliten verantwortlich, die sich davon politische Vorteile versprechen. Die historisch etablierten Eliten sind in die Defensive geraten und müssen sich etwas einfallen lassen.

Zu diesem Thema gab auch Hartmut Wedekind einen Kommentar ab, den ich gerne wiedergebe.

Das Problem ist, dass es in Deutschland de facto keine Opposition gibt, wie das zu jeder ordentlichmen Demokratie gehört. "Aufstand der Ängstlichen" das ist doch wieder die übliche Emotionalisierung, die keinem hilft, nur dem eigenen Bauch und Gemüt. …De facto sind wir in Europa paralysiert, gelähmt. Wie nach einem Verlaufsgesetz der Physik kommen dann die Rechten, in ganz Europa, auch bei uns mit der AfD. Oben sitzen da die Professoren und unten die Proleten, sagt ein ausgetretener evangelischer Pastor. Stellen Sie nur mal vor, wir bekämen in Deutschland einen Knall wie in Paris.

Anstelle einer Schlussbilanz

Waren es um die Jahreswende 2011/2012 gerade erst 10.000 Seitenaufrufer, die diesen Blog besucht hatten, so waren es inzwischen nahezu 200.000. Allen, die noch kommen werden, wünsche ich ein glückliches und friedvolles Jahr 2016.

Dienstag, 8. Dezember 2015

Simone Rehm über die Aufgaben einer IT-Leiterin (CIO) in Zeiten der Digitalisierung

Dr. Simone Rehm war 14 Jahre lang Leiterin IT + Prozesse (engl. Chief Information Officer, CIO) bei der Firma TRUMPF GmbH + Co. KG in Ditzingen in der Nähe von Stuttgart. Die TRUMPF Gruppe ist einer der weltweit führenden Werkzeugmaschinenhersteller und insb. im Bereich Lasertechnik und Elektronik für industrielle Anwendungen engagiert. Seit 2012 war Frau Rehm auch vier Jahre lang Vizepräsidentin der Gesellschaft für Informatik (GI). 

Simone Rehm hat Informatik an der Uni Stuttgart studiert und wechselte nach dem Diplom 1986 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an das Forschungszentrum Informatik (FZI) in Karlsruhe in die Gruppe von Prof.Gerhard Goos. Nach der Promotion zum Dr. rer. nat. ging Frau Rehm 1992 zunächst in den IT-Bereich der Pharmaindustrie, bevor sie 1995 die IT-Leitung beim Südwestfunk (SWF), später Südwestrundfunk (SWR), in Baden-Baden übernahm. Im Jahre 2001 erfolgte der Wechsel zur IT-Leitungsaufgabe bei TRUMPF in Ditzingen mit weltweiter Zuständigkeit für IT + Prozesse im Unternehmen und direkt berichtend an die Geschäftsführung der TRUMPF Gruppe.

Simone Rehm wird ab Januar 2016 in die Leitungsebene der Universität Stuttgart wechseln und dort als hauptamtliche Prorektorin für Informationstechnologie das neu geschaffene CIO-Amt  ausüben. In ihren folgenden Ausführungen spricht Frau Rehm als ehemalige Mitarbeiterin nicht mehr „für TRUMPF“, aber die Fragen des Interviewers (KK) beziehen sich naturgemäß teils noch auf jenen langen und inhaltlich interessanten Zeitraum ihres beruflichen Werdegangs.




Klaus Küspert (KK): Liebe Frau Rehm, machen wir den Gesprächsauftakt über die frühen Stationen Ihres Werdegangs. Sie haben in Stuttgart Informatik studiert und das Diplom erworben. Was waren Ihre Studienschwerpunkte und welche Aspekte aus dem Studium waren vielleicht jene, die später im Berufsleben bis hin zur CIO-Rolle am „nachhaltigsten“ weiter gewirkt und Nutzen gestiftet haben?

Simone Rehm (SR): Ich habe damals Theorie der Informatik als Schwerpunkt gewählt und mich im Nebenfach für Mathematik entschieden. Das hört sich nicht gerade nach der idealen Vorbereitung auf meine spätere Rolle als CIO in verschiedenen Anwenderunternehmen an. Tatsächlich war es aber doch die Theorielastigkeit meines Studiums, die mich in vielerlei Hinsicht geprägt hat: den Dingen auf den Grund zu gehen, logische Schlüsse zu ziehen und analytisch zu denken, das habe ich im Studium gelernt und im Berufsleben an vielen Stellen mit Erfolg anwenden können. Gerade in der CIO-Rolle hat man es oft mit Anwendern zu tun, die nach einer Softwarelösung rufen, bevor sie das Problem genau erkannt und sorgfältig analysiert haben. So entstehen oft Schnellschüsse, die am eigentlichen Problem möglicherweise sogar vorbei gehen. Nicht selten lässt sich nicht allein mit Software, sondern ergänzend mit einer veränderten Prozessgestaltung oder einer organisatorischen Neuregelung ein Fortschritt erzielen. Hier hilft ein klar strukturiertes Vorgehen im Projekt und absolute Sachorientierung, beides Aspekte, die ich mir in einem theorielastigen Studium „antrainiert“ habe.

KK: In Ihrer Promotionsphase in Karlsruhe haben Sie eng mit dem leider viel zu früh verstorbenen Klaus Dittrich, später Professor an der Uni Zürich, zusammengearbeitet. Damals ging viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit am FZI und anderenorts in den Bereich der objektorientierten Datenbanken und auch der Datenbanken für ingenieurwissenschaftliche Anwendungen, es waren deren „Goldene Forschungsjahre“. Gehen Sie bitte ein wenig auf Ihre Karlsruher Jahre, gerne fachlich und nicht fachlich, ein.

SR: Die Jahre im FZI waren lebhaft, voller Inspiration, aber auch kräftezehrend, nicht zuletzt aufgrund der Promotionsabsichten. Klaus Dittrich war ein großartiger Mensch und ein guter Mentor, der uns motiviert und mit seinem Machertum beflügelt hat. Ihm habe ich zu verdanken, dass wir es wagten, mit unseren Konzepten zu den so genannten strukturell objektorientierten Datenbanksystemen auch die internationale Bühne zu betreten. Unsere erste Vortragsreise nach Amerika werde ich nie vergessen. Wir konnten damals auf einer Tagung in Chicago unser selbst entwickeltes Datenbanksystem DAMOKLES, das für eine Softwareproduktionsumgebung konzipiert war, sogar live präsentieren. Ebenso gern erinnere ich mich an den Zusammenhalt, den wir in dem damaligen Projektteam erleben durften. Noch heute stehe ich in freundschaftlichem Kontakt mit den Mitgliedern des Teams, die später bei SAP, IBM und anderen Firmen ihre Heimat gefunden haben.

KK: Nach der Promotion ging es dann wenige Jahre später für Sie schon in IT-Leitungstätigkeiten hinein und auf Ebenen, die – gerade in der IT –  in Deutschland zahlenmäßig stark von männlichen Stelleninhabern dominiert werden. Gibt es Zahlen, wie viele Prozent der CIOs in großen deutschen Unternehmen weiblich sind – ist es eine einstellige Zahl? Wie leicht oder schwer ist anfangs die Tätigkeit etwa in der CIO-Rolle bei einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt (SWF, SWR) gefallen? Spielen Inhalte und Kenntnisse aus der Studien- und Promotionsvergangenheit noch eine Rolle oder so gut wie gar nicht mehr?

SR: Gemessen an allen CIOs in Deutschland dürfte der prozentuale Anteil der weiblichen CIOs einstellig sein. Ich kenne dazu aber keine exakten Zahlen. Der Branchenverband BITKOM hat kürzlich Zahlen veröffentlicht, wonach Frauen in der Informationstechnologie/Telekommunikation ca. 15% der Beschäftigten ausmachen. In den Führungsetagen trifft man deutlich weniger Frauen, wobei es gerade bei den Softwarefirmen einige löbliche Ausnahmen gibt.

Die Gesamtverantwortung für IT beim SWF, später beim SWR zu tragen war 1997 kein einfacher Einstieg für mich. Ich war eine junge Frau mit vergleichsweise wenig Berufs- und vor allem Führungserfahrung. Ich wurde aber sehr gut von meinem damaligen Chef unterstützt. Zu Beginn titulierte er mich zwar gelegentlich noch als „Quotenfrau“, später brachte er mir aber großes Vertrauen entgegen und gab mir die notwendige Rückendeckung, als im Zusammenhang mit der Fusion der beiden Rundfunkanstalten auch schwierige Entscheidungen getroffen werden mussten.

In der Maschinenbaubranche begegnete mir in den letzten 14 Jahren genau eine weitere weibliche CIO. Als Frau hat man dort ohne Zweifel einen Exotenstatus, was sich nicht immer gut „anfühlt“. Kürzlich war ich zur Jubiläumsfeier einer Forschungseinrichtung eingeladen und saß bei der anschließenden Podiumsdiskussion auf dem Podium. Als der Moderator mich vorstellte, fragte er mit gespielter Neugierde, wie denn die weibliche Form von CIO lautet. „Ganz einfach: die CIO“, so lautete meine nicht besonders originelle Antwort, worauf der Moderator schmunzelnd antwortete: „Ach, und ich dachte schon es heißt CI-öse“ (ähnlich wie Frisöse, Anm. von mir). Das Gelächter war auf seiner Seite, was zeigt, wie unbeholfen und geradezu despektierlich manche reagieren, wenn sie Frauen in einem männerdominierten Umfeld begegnen.

KK: Sie waren nun 14 Jahre lang IT-Leiterin bei der TRUMPF Gruppe. Was hat sich in der CIO-Rolle in jenem langen Zeitraum verändert, sei es allgemein, sei es speziell bei TRUMPF? Wie zentral oder dezentral wirkt man in der IT innerhalb der weltweiten TRUMPF Organisation, u.a. ja mit großem US-Standort und vielen weiteren? Und welche Rolle spielten die Standards und Best-Practice-Ansätze, etwa ITIL, für Sie als CIO in jüngerer Zeit, sicher viel stärker als vor 10 und mehr Jahren?

SR: TRUMPF hat schon sehr früh die Entscheidung getroffen, die IT-Verantwortung zu zentralisieren. Schon bei meinem Eintritt gab es einen bei der TRUMPF Holding angesiedelten IT-Bereich, der alle Geschäftsbereiche von TRUMPF – damals auch noch die Medizintechnik – mit IT-Services versorgte, auch wenn sich die Produkte wie auch die Prozesse der Geschäftsbereiche stark voneinander unterscheiden. Dieser Zentralbereich „IT + Prozesse“ bildet auch heute noch gemeinsam mit den lokalen IT-Einheiten an den unterschiedlichen TRUMPF Standorten die „globale IT“ von TRUMPF. Die größte lokale IT-Einheit ist tatsächlich in USA angesiedelt. Sie trägt deshalb in IT-Fragen auch die Verantwortung für alle TRUMPF-Standorte auf dem amerikanischen Kontinent. Die lokalen IT-Einheiten haben gewisse Freiheitsgrade, insbesondere was die Ausprägung lokaler, standortspezifischer Applikationen angeht. Auf der anderen Seite gibt es klar vorgegebene Standards für die globalen Applikationen wie das ERP-System, das CRM-System oder das PLM-System. Standardisierung (sei es von Hardware, Software oder von Prozessen) ist der Schlüssel für einen kosteneffizienten und zuverlässigen Betrieb von IT-Lösungen. Das zeigt die Prozessbibliothek ITIL, die TRUMPF auch in einigen Teilen implementiert hat. Das zeigt aber auch das Ein-Mandanten-System, welches TRUMPF seit Beginn der Einführung von SAP als ERP-System betreibt. Das Prinzip der Standardisierung nutzt TRUMPF auch sehr erfolgreich in anderen Bereichen, z.B. in der Produktion, und insofern ist die Akzeptanz von Standards bei den TRUMPF Mitarbeitern und Führungskräften bereits sehr hoch.

Was hat sich in dieser langen Zeit verändert? Die Aufgabendichte und die Innovationsgeschwindigkeit haben generell in der Branche und auch darüber hinaus extrem zugenommen. Heute kommt in großen Unternehmen kein Geschäftsprozess mehr ohne IT-Unterstützung aus, und das setzt die IT-Abteilung vor sehr große Herausforderungen. Mit jeder Prozessveränderung und jedem neu geschaffenen Geschäftsprozess geht ein IT-Projekt einher. Manche dieser Projekte sind von strategischer Natur und müssen rasch umgesetzt werden. Gleichzeitig ist der laufende IT-Betrieb sicherzustellen, und auch hier wachsen die Anforderungen enorm, zum Beispiel in puncto IT-Sicherheit. Für neue Themen wie Industrie 4.0 bleibt in den Unternehmen oft nicht genügend Zeit, um sich als Informatiker fachlich fundiert darauf vorzubereiten. Hinzu kommt das starke, zunehmend auch anorganische Wachstum vieler Unternehmen. Wenn neue Firmen zugekauft werden, hat die IT-Abteilung jeweils gut zu tun, um die neue IT-Landschaft zu integrieren und IT-Applikationen zu harmonisieren. Aber zu klagen hilft da nicht. Positiv zu vermerken ist, dass der Stellenwert der IT in dieser Zeit überall stark zugenommen hat und somit auch die Personalressourcen in der IT oft gewachsen sind. Der IT wird zweifelsohne heute ein höherer strategischer Wert beigemessen als noch vor 10 Jahren.

KK: Die Cloud-Thematik ist ja eines der stark beachteten Themen der letzten fünf und mehr Jahre. Manche Beobachter und Unternehmen sehen die Zukunft nur in der Cloud, andere sind wesentlich zurückhaltender, etwa aus Sicherheitserwägungen heraus. Wie sehen Sie jene Thematik und deren Durchsetzung?

SR: Das Thema Cloud-Computing wird nach meinem Dafürhalten in seiner Bedeutung überschätzt, insbesondere auf Seiten der Anwenderunternehmen. Es handelt sich schließlich „nur“ um ein spezielles IT-Betriebsmodell. Anwenderunternehmen können Softwarelizenzen kaufen und die Software auf eigenen oder exklusiv genutzten Rechnern, also „on premise“, installieren und betreiben. Oder sie können Software beim Softwarehersteller mieten und auf fremder Hardware betreiben lassen, und zwar – sofern die Software das erlaubt – sogar in einer sog. Multi-Tenant-Architektur, wo sie gewisse Ressourcen mit anderen Kunden teilen. Am Ende entscheidet der Kunde anhand mehrerer Kriterien (Kosten, Sicherheit, Skalierbarkeit), welches Betriebsmodell seinen Anforderungen am besten gerecht wird.

Der IT-Markt wird also durch „Cloud-Computing“ für Anwenderunternehmen etwas vielseitiger, etwas bunter, aber auch attraktiver. Es ändert sich aber nichts Grundsätzliches an der Aufgabe einer IT-Abteilung, die darin besteht, Geschäftsanwendungen passend zu den Erfordernissen der Anwender auszuwählen und zu betreiben oder betreiben zu lassen. Unternehmen können hier auch variieren. So kann man z.B. das ERP-System im klassischen Outsourcing betreiben und gleichzeitig andere Anwendungen als „Software as a Service“ nutzen. Wieder andere Anwendungen liegen komplett in der Cloud. Jedes Unternehmen muss im Einzelfall nach wirtschaftlichen und anderen Gesichtspunkten abwägen, welches Betriebsmodell für welche Anwendung es wählt, darin muss aber keine strategische Entscheidung gesehen werden. Eine Software in der Cloud zu betreiben heißt auch nicht notwendigerweise, dass man Abstriche in der Sicherheit macht. Es kommt immer darauf an, welche Daten wie in der Cloud gespeichert werden und wo sich die Cloud befindet.

Für Softwarehersteller hat die Bewertung der Cloud-Frage allerdings größeres Gewicht. Für sie kann das sehr wohl von strategischer Bedeutung sein, ob sie „ihre“ Software in der Cloud anbieten. Anwenderunternehmen wie TRUMPF, die gleichzeitig auch Software herstellen, müssen sich also ebenfalls dieser Frage stellen.

KK: Industrie 4.0 ist eines der bedeutenden Schlagwörter der Industrie in den letzten Jahren. Wie „lebt“ TRUMPF dieses Thema? Welchen Einfluss hat es auf die Zusammenarbeit mit Partnern und Lieferanten im IT-Bereich?

SR: TRUMPF steht als höchst innovatives Unternehmen auch in der ersten Reihe der Unternehmen, die Industrie 4.0-Konzepte konzipieren, erproben und umsetzen, und zwar in den bekannten drei Dimensionen: die eigenen Produkte werden um intelligente, datenbasierte Features angereichert („smart products“), die eigene Fertigung wird durch Vernetzung optimiert („smart factory“) und dem Kunden werden spezielle Dienstleistungen angeboten, die auf der Auswertung von Daten, die seine Maschine während ihres Einsatzes liefert, beruhen („smart services“).

Mit der Gründung eines neuen Unternehmens hat TRUMPF unlängst noch ein weiteres Terrain betreten: die AXOOM GmbH ist Provider einer Plattform, die auch Partner nutzen können, um ihren Kunden datenbasierte Dienstleistungen zu offerieren. Welchen Einfluss hat Industrie 4.0 auf die Zusammenarbeit mit Partnern und Lieferanten im IT-Umfeld? Dort wo Anwendungsfirmen jetzt Neuland betreten, z.B. bei der Einführung von MES-Systemen oder der Einführung von Analyse-Software für Big Data, kommen auch neue Lieferanten ins Spiel.  Für TRUMPF hat sich z.B. das Spektrum der Softwarefirmen, mit denen Kooperationen gesucht werden, durch die Industrie 4.0-Aktivitäten deutlich erweitert. Die Kooperationen sind sehr eng und münden gelegentlich sogar in Akquisitionen. TRUMPF befindet sich hier wie viele andere Maschinenbauer auch in einer bedeutsamen Umbruch- bzw. Aufbruchphase.

KK: Um noch ein Datenbankthema – muss sein ;-) – aufzugreifen: Wie stehen Sie zu den In-Memory-Technologien? Es ist ja ebenso ein großes Thema der letzten Jahre, nicht zuletzt durch SAP vorangebracht, aber bei anderen auch.

SR: Sie sprechen HANA an, die In-Memory-Datenbank von SAP. Auch andere Hersteller, wie IBM, setzen auf In-Memory-Technologie und bieten entsprechende Lösungen an. Es sollte immer so vorgegangen werden, dass die Vorteile einer neuen Technologie sorgfältig untersucht werden, bevor eine Investitionsentscheidung getroffen wird. So auch bei der In-Memory-Technologie. Auch wenn viele sagen, es sei nicht die Frage ob, sondern lediglich wann der Umstieg auf HANA im SAP-Umfeld stattfindet: man muss den Business-Case betrachten, der die Investition rechtfertigt. Hierzu können, um mal ein Beispiel zu betrachten, verschiedene Anwendungsfälle untersucht werden, unter anderem etwa die Profitabilitätsanalyse für das Controlling, also das sog. SAP CO-PA. Wenn sich mit Hilfe der In-Memory-Technologie zum Beispiel die Zeit, die man benötigt, um einen Monats- oder Quartalsabschluss fertigzustellen, signifikant verkürzen ließe, wäre dies von erheblichem Vorteil – auch weil dadurch andere geschäftskritische Prozesse, die ebenfalls dieselben Ressourcen nutzen, weniger in Mitleidenschaft gezogen werden würden.

KK: GI-Mitglied, also Mitglied in der Gesellschaft für Informatik, sind Sie erst relativ spät geworden, richtig? Was waren die Gründe? Oder waren Sie vielleicht Mitglied in Ihren Universitätsjahren bis 1992 und sind dann erst mal ausgetreten nach Übergang in die Praxis, was ja bei den GI-Mitgliedern – zum Leidwesen des Vereins natürlich – nicht selten der Fall ist?

SR: Ich weiß es schlicht nicht mehr. Ich bin der GI schon während meiner Studentenzeit begegnet, aber damals aus irgendeinem Grund nicht eingetreten. Vielleicht war es damals schon so, dass man den Eindruck hatte: nur wer eine akademische Laufbahn anstrebt, ist in der GI richtig aufgehoben. Diesem Eindruck möchte ich aus heutiger Sicht vehement entgegen wirken. Die GI muss sich für die Informatiker, die in Industrie, Wirtschaft oder Verwaltung tätig sind, noch stärker öffnen, auch wenn sie heute schon interessante Anknüpfungspunkte bietet.

So nutzen in unserer Regionalgruppe in Stuttgart/Böblingen viele Praktiker das Angebot, sich regelmäßig in interessanten Vorträgen über neue Trends in der Informatik zu informieren und weiterzubilden. Manche suchen auch einfach nur einen persönlichen Kontakt zu Informatikern aus der Region und schätzen es, wenn sie immer wieder ihre Anliegen aus der Praxis mit Vertretern aus anderen Branchen und aus dem wissenschaftlichen Bereich diskutieren können.

KK: Um noch bei der GI zu bleiben: Welche Ziele verfolgen Sie speziell in Ihrer Rolle als Vizepräsidentin? Mit Ihnen in der Vizepäsidentschaft und Peter Liggesmeyer als Präsident sind ja Praxisnähe und -inhalte ausgeprägt vertreten – sind dies auch Aspekte also, die Sie auf die GI und zum Wohle ihrer Entwicklung abfärben lassen?

SR: Meine Zeit als Vizepräsidentin geht jetzt zu Ende. In den letzten vier Jahren habe ich in der Tat versucht, die Praxisnähe der GI zu steigern, aber auch allgemein die Attraktivität der GI für neue Mitglieder zu erhöhen. Für mich zählt dazu auch, dass sich die GI noch stärker zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen positioniert. Als Informatiker/in möchte ich mehr über die NSA-Affäre wissen, als das, was ich in jeder guten Tageszeitung lesen kann. Ich werde ja auch nicht selten von Freunden und Bekannten darauf angesprochen. Unser ganzer Berufsstand steht ja beinahe am Pranger, wenn es heißt, die Informatiker schaffen die Instrumente für einen Überwachungsstaat. Also muss ich mir auch selbst einen Standpunkt dazu „erarbeiten“.

GI-Mitglied zu sein heißt für mich, dass ich mich mit dieser oder ähnlichen Fragen aber nicht alleine befassen muss, sondern einen Fachverband habe, der zumindest eine Plattform für einen Diskurs bereitstellt. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Überwachungsthema, bei dem uns damals auch Albert Endres stark unterstützt hat, ging noch einen Schritt weiter und hat z.B. dazu geführt, dass ein Positionspapier zum Thema „Digitale Souveränität“ entstanden ist, das wir jetzt aktiv in die aktuelle politische Auseinandersetzung einbringen. So möchte ich die GI erleben: als lebendigen Verein, der sich für die Informatik als Disziplin stark macht, sich aber auch kritisch mit Fragen rund um die Verwendung der Informatik auseinandersetzt und sich zu Wort meldet, wenn es etwas zu gestalten gilt.

KK: Zum Schluss wagen wir einen Ausblick auf Ihre Tätigkeit als CIO an der Universität Stuttgart ab Januar 2016. Die CIO-Rolle dort ist ja neu geschaffen und die Einbindung direkt als Mitglied des Rektorats ist etwa vergleichbar mit einem CIO auf Vorstands- oder Geschäftsführungsebene eines Großunternehmens – also nicht selbstverständlich. Wie blicken Sie auf Ihre kommenden Aufgaben, was wird vor allem anzugehen sein inhaltlich? Erwarten Sie Unterschiede in der Art zu leiten zwischen Wirtschaft, in der Sie ja nun über 20 Jahre leitend tätig sind, und Universität? Universitäten gelten ja als basisdemokratisch geprägt mit Vor- und Nachteilen.

SR: Im Januar 2016 trete ich mein neues Amt an. Ich bin selbst schon sehr gespannt auf das Aufgabenspektrum, das mich dort erwartet. Manches davon wird meinem bisherigen Wirkungsfeld ähneln. Auch an der Universität braucht es schließlich für die vielen Studierenden ebenso wie für die Lehrenden, die Forschenden und die Mitarbeiter in der Verwaltung eine verlässliche IT-Infrastruktur und adäquate Anwendungen. Ähnlich wie bisher schon in der Industrie werden auch innovative Themen auf mich warten: die Digitalisierung in der Lehre und in der Wissenschaft stellt die Universitäten vor mindestens so gravierende Herausforderungen wie Industrie 4.0 den Maschinenbau. Ich weiß freilich noch nicht im Detail, wie die Strukturen an einer Universität funktionieren und wie dort mit solchen Herausforderungen umgegangen wird. Aber dies zu erfahren, genau darauf freue ich mich. Wo es mir sinnvoll erscheint, werde ich versuchen, meine Erfahrungen aus der Wirtschaft in die IT-Prozesse an der Universität einfließen zu lassen. Ich möchte aber auch offen sein für Neues. Denn wenn alles genau so wäre, wie ich es in der Wirtschaft kennen gelernt habe, wäre es ja keine Abwechslung für mich!

KK: Liebe Frau Rehm, haben Sie ganz herzlichen Dank für die Interviewbereitschaft und für die gegebenen interessanten Antworten! Für Ihre neue CIO-Rolle an der Uni Stuttgart mit Start in wenigen Wochen sei Ihnen alles Gute gewünscht und man wird sicher dort weiter von Ihnen hören.

Montag, 7. Dezember 2015

Faszination Wissenschaft: Strukturen, Vorstellungen und Mechanismen (ein Essay von Peter Hiemann)

In einem Beitrag im September 2013 hatte ich meinen Ex-Kollegen und Freund Peter Hiemann vorgestellt. Ich hatte ihn und seine Gattin Geneviève im Sommer 2010 in Grasse besucht. Von ihm, meinem örtlichen Freund Hans Diel und dem in Darmstadt ansässigen Kollegen Hartmut Wedekind stammen fast alle Gastbeiträge dieses Blogs. Sehr oft sind diese drei Kollegen Partner von Diskussionen oder Autoren von Kommentaren. Peter Hiemann hat gerade ein Essay verfasst, das er mit dem Wort Vorstellungen überschrieb. Da ich mir wünsche, dass es einen sehr großen Leserkreis findet, stelle ich es schon mal meinen Blog-Lesern vor.

Zeitliche und thematische Spannweite

Wissenschaftler, die im Essay vorkommen, umfassen die Zeit von Heraklit (geboren 520 vor Chr.), einem Vertreter des griechischen Altertums, bis zu James Watson (geboren 1928), einem Vertreter der modernen Biologie. Als Seitenhieb wird vermerkt, dass Aristoteles, ein anderer Vertreter des griechischen Altertums, den heutigen Maßstäben an Wissenschaftler nicht ganz gerecht wird, da er seine Schlussfolgerungen auf Apriori-Überzeugungen basierte, die nicht durch wissenschaftliche Methoden erworben worden waren. Das ist dieselbe Einschränkung, die man 2000 Jahre später auch bei Immanuel Kant machen muss.

Es wird versucht, dieselben Aspekte in vier sehr unterschiedlichen Teilbereichen der Wissenschaft zu untersuchen, nämlich in der Physik, in der Biologie auf der Ebene der Organismen und der Zellen, und in der Gesellschaft. Es ist eine Besonderheit von Hiemanns Denken, dass er gerne nach Analogien sucht, insbesondere zwischen Biologie und Gesellschaft.

Angesprochene Aspekte

Die Aspekte, die von Hiemann untersucht werden, verraten etwas über seinen fachlichen Hintergrund. Er war als Mathematiker ausgebildet und war als Praktiker in der Computerbranche tätig. Der größte Teil des Wissens in Biologie und Soziologie hat er sich nebenher oder im Ruhestand angeeignet.

Strukturen und Felder sind für ihn ein Ausdruck von Ordnungsprinzipien. Mechanismen und Algorithmen dienen der gesteuerten Veränderung. Sie können der Selbstorganisation dienen oder gar Reparaturen bewerkstelligen. Das geschieht allerdings nur, wenn es eine Vorstellung bzw. ein Modell bezüglich des Idealzustands gibt. Sehr leicht können jedoch falsche Vorstellungen dem entgegenwirken. Das ist immer dann, wenn die Vernunft auf der Strecke bleibt.

Ich selbst stehe dem mathematischen Denken manchmal etwas kritisch gegenüber. Das ist etwa dann, wenn von der Form einer Formel oder einer Struktur auf ihren Wert oder Nutzen geschlossen wird, frei nach dem Motto, was schön ist, ist auch gut. Dabei wird ‚schön‘ sehr willkürlich, um nicht zu sagen, von außen (a priori) definiert. Erstarrte und verkrustete Strukturen sind m E. nicht primär an ihrer Form zu erkennen. Ob sie agil oder (bereits) chaotisch sind, ob tolerant oder human ist keine Eigenschaft, die sich an Organisationsformen erkennen oder festmachen lässt. Weder im Ameisenhaufen noch im Flüchtlingsstrom entscheidet sich Vernetzung und Isolation an geometrischen Formen.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen. Klicken Sie hier.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

eScience oder Wissenschaft in Zeiten von Big Data

Bei seinem letzten Vortrag, den Jim Gray an der Universität Stuttgart hielt, versuchte er seine Zuhörer für eScience zu erwärmen. Es muss etwa um das Jahr 2000 gewesen sein. Seit seinem mysteriösen Verschwinden auf See im Jahre 2007 ist Jim Gray geradezu zur Legende geworden. An zwei Sätze aus Jims Vortrag erinnere ich mich heute noch, so als sei es erst gestern gewesen. Radioastronomen sammeln zurzeit mehr Daten als sie je ansehen können. Nur wir Informatiker können ihnen etwas helfen. In diesen beiden Sätzen ist das heutige Thema wie in einer Nussschale enthalten.

Neue Phase der Wissenschaft

Nach Jahrtausenden von Beobachtungen und Experimenten und den dazu angepassten Theorien ließen sich frühe Computer dazu benutzen, um komplexere Modelle für diese und andere Theorien zu berechnen. Seit gut 20 Jahren explodieren die Datenmengen, die erfasst werden können. Sie waren entweder schon immer da, wie in der Astronomie, oder sie wurden zusätzlich erzeugt, etwa in der Wirtschaft, der Soziologie oder in der Biosphäre. Sie entstehen um uns herum wie im Weltklima oder in uns wie in der Medizin. Das aus dem leichten Zugriff auf Daten für die forschende Wissenschaft sich ergebende Potential lässt sich nur erahnen.

Isaac Newton war noch vollauf damit beschäftigt zu erkennen, wie ein einziger Apfel fällt. Heute geht der Trend dahin, zu beschreiben, wie alle Gesteinsbrocken, Organismen, Moleküle, Atome oder Partikel (Elektronen, Photonen) im Weltraum sich gegenseitig beeinflussen, und zwar durch ihre aktuellen Positionen und Eigenschaften, genauso wie auf Grund ihrer Geschichte. Was Newton unter Gravitation verstand, war die Anziehung zwischen zwei Körpern. Eigentlich ist es ein Vielkörperproblem, mit Millionen, ja Milliarden von Körpern und unterschiedlichen Kräften. Natürlich ist diese Aufgabe nicht heute oder morgen lösbar, noch in diesem Jahrhundert. Aber auf dem Wege dorthin befinden wir uns. Vom ‚rechnenden Raum‘ sprach schon Konrad Zuse. Datenwissenschaft (engl. data science) nennt sich das Bemühen, aus den Massen der anfallenden Daten Wissen zu gewinnen. Bruchstückhaftes Wissen ist schließlich besser als gar kein Wissen.

Von den Natur- zu den Ingenieurwissenschaften

In Fächern wie Astronomie, Geologie, Geschichte, Klimatologie und Ozeanographie liegt die Betonung auf der Erfassung, Aufbereitung und Analyse vorhandener Daten, teilweise auch weit in die Vergangenheit greifende. Bei Physik und Chemie spielen sowohl von der Natur aus gegebene als von Menschen neu geschaffene Daten eine Rolle. Die Sozial-, und vor allem die Ingenieurwissenschaften schaffen sich ihre Daten zum größten Teil selber. Sie wollen nicht nur verstehen, was da ist, sondern sie konzentrieren sich auf das, was wir haben wollen. Sie wollen nicht nur heilen und reparieren, sondern verschönern und verbessern. Architekten wie Fahrzeug- und Gerätebauer denken sich primär eine neue Welt aus, die vorher nicht bestand und die zuerst in der eigenen Phantasie entsteht, bevor sie in die Realität übertragen wird. Informatiker sind typischerweise in einer ähnlichen Situation. Die Datenmengen, die auftreten, können trotzdem einen erheblichen Umfang erreichen. Je mehr Möglichkeiten es gibt, Alternativen durchzuspielen, umso besser sind die Chancen ein für die jeweilige Situation geeignetes Optimum zu finden.

Beispiel Tübingen

Die Universität Tübingen verfügt über eine zentrale Einrichtung, eScience-Center genannt. Es stellt Dienstleistungen für die Digital Humanities (deutsch: digitale Geisteswissenschaften) zur Verfügung. Unterstützt werden z.B. die Kunstgeschichte sowie die Archäologie. Aber auch Ethnologie, Islamistik und Indologie kooperieren. Welchen Nutzen diese Fachgebiete aus der Erfassung, Speicherung und Aufbereitung ihrer in digitaler Form vorliegenden Daten ziehen können, liegt auf der Hand. Wenn andernorts sogar eine digitale Theologie betrieben wird, muss man dies nicht verstehen.

Big Data – die Welle rollt weiter

Im März 2013 hatte ich das Phänomen Big Data zum ersten Mal in diesem Blog angesprochen. Es schafft zweifellos eine neue Generation von Problemen und von Lösungen. Wenn es einfach nur so von Daten wimmelt, drängen sie sich in den Vordergrund. Man kann ihnen nicht entgehen, auch wenn man es wollte. In der Vergangenheit war daher die Welt in Manchem einfacher.

Der Beitrag der Informatik besteht unter anderem in der Visualisierung. Dem Verständnis einer mathematischen Formel kommt nichts mehr entgegen, als ihren Verlauf Punkt für Punkt, ihren Graphen, zu zeichnen. Gerne benutze ich Feuerwerke oder Kondensstreifen als Beispiel. So anschaulich beide auch sein mögen, die sie verursachenden Prozesse oder Funktionen interessieren nur wenige Experten. Oft geht es auch darum, die Explosion der Daten umzukehren, die Explizierung rückgängig zu machen. Anstatt von Punktmengen werden dann die Kurven und Flächen betrachtet, die sich aus der Verdichtung ergeben. Dem kommt entgegen, dass unser Auge sowie unser Tastsinn Abweichungen von einer glatten Fläche sehr gut erkennen können. Ein weiterer Vorteil der Digitalisierung soll nur kurz erwähnt werden. In dem wir Teile der Natur im Rechner simulieren, können wir den Verbrauch natürlicher Ressourcen reduzieren. Die Anzahl der Tiere, die für medizinische Experimente geopfert werden, könnte abnehmen.

Wandel und neue Chancen

Was sich für Informatiker und deren Ausbildung ändert, wird allmählich sichtbar. Ich greife nur ein Beispiel heraus. Datenbanken waren einst ein Kerngebiet der Informatik, so wie es vorher die Programmiersprachen waren. Nachdem wir uns von den Bauers, Goslins, Iversons und Wirths verabschiedeten, sind jetzt die Codds, Grays und Stonebreakers dran. Formatierte Daten, also auch die Datenbanken, drohen zu einer Exotentechnik zu degenerieren. Die Daten, die heute verarbeitet sein wollen, sind einfach  zu vielfältig und zu umfangreich, um sie noch vor der Verarbeitung formatieren zu können. Die Programme müssen sich den Daten anpassen, nicht umgekehrt. Als ein Beispiel für neue Chancen hatte ich insbesondere auf MapReduce und Hadoop hingewiesen.

Warum gewinnen nicht auch die Prozesse an Bedeutung?

Von manchen Kollegen wird Big Data immer noch als Hype, also als Werberummel mit Nichts dahinter, angesehen, insbesondere weil man dabei der Bedeutung von Prozessen  ̶  im technischen, nicht im juristischen Sinne  ̶  für die Informatik nicht gerecht würde. Um diesen Kollegen entgegen zu kommen, wiederhole und vertiefe ich teilweise einige frühere Bemerkungen. In einem früheren Blogeintrag zu diesem Thema fasste ich die Beziehung zwischen Daten und Prozessen wie folgt zusammen:

Die Frage, ob Daten oder Prozesse wichtiger sind, sollte man vernünftigerweise umformulieren. Die Frage wird etwas leichter zu beantworten, wenn wir sie auf Schemata (Typ-Beschreibungen) und Programme beziehen. Die (vorläufige) Antwort kann nur lauten: Im Allgemeinen sind beide gleich wichtig. Programme machen keinen Sinn, wenn sie keine Daten verarbeiten. Man kann keine Daten verarbeiten, ohne deren Schemata zu kennen (von gewissen elementaren, selbstbeschreibenden Daten abgesehen). … Dennoch ist die Versuchung groß, auch solche Daten analysieren zu wollen, für die wir (noch) keine Programme oder Schemata haben.


Das Problem wird klarer, wenn man die Rolle von Prozessen etwas aus der Sicht der Informatikgeschichte analysiert. Am Anfang war eine Eins-zu-Eins-Zuordnung. Ein Prozess entsprach einem Programm und umgekehrt. Später konnte ein Programm Hunderte von Prozessen enthalten. Es war ein Synonym für asynchrone Ausführung. Die meisten der aufkommenden Betriebssysteme näherten sich etwas zögerlich dem, was man Multitasking nannte. Nur bei Unix explodierte die Zahl der Prozesse. Hier waren sie zum Massenartikel geworden. Man hatte weniger Hemmungen, den Nutzer mit einem etwas schwierigen Konzept zu behelligen. Das trug unter anderem zu ihrer Popularisierung in der akademischen Lehre bei.

Prozesse im Kopf oder in der Maschine

Auch in der Informatik (und der Wirtschaftsinformatik) gibt es viele Kollegen, die ihren Beruf nicht besonders gerne ausüben wollen. Anders als bei Medizinern und Architekten sind besonders viele Hochschullehrer von dieser Phobie befallen. Bei dem Wort Prozess denken sie zunächst an Abläufe im eigenen Kopf. Man stellt sich Abläufe in der Natur oder woanders vor und führt sie sozusagen im eigenen Kopf aus. Diesem Zweck dienten z. B. Pseudocode und die meisten früheren Modellierungssprachen.

Daten sind oft von Vornherein gegeben oder sie werden von Geräten oder handelnden Akteuren erzeugt. Oft geschieht dies auch ohne unser Zutun. Prozesse sind nicht explizit greifbar. Sie lassen sich manchmal aus den von ihnen erzeugten Daten ableiten. Es ist dies aber keine triviale Aufgabe. Es entspricht dies der Erstellung eines Programms allein aus Testdaten. Für maschinell auszuführende Prozesse, um die es in der Informatik ja primär geht, sind drei Ebenen zu diskutieren: Beschreibung, Generierung und Ausführung. Die Beschreibung wird meist mit dem Begriff der Modellierung gleichgesetzt. Über den Unterschied von Modellierung und Programmierung zu diskutieren, würde hier zu weit führen. Ein Modell (oder ein Programm) sollte in einer möglichst hohen und problemnahen Sprache spezifiziert werden. Diese Spezifikation sollte gleichzeitig umfassend und parameterisierbar sein, so dass sie sich ändernden Anforderungen in einem dynamischem Markt leicht anpassen lässt. Es sollten möglichst Notationen benutzt werden, die auch ausführbar (engl. executable) sind. Über Generierung und Ausführung von lauffähigen Programmen muss in diesem Zusammenhang nichts gesagt werden. Alles, was für Compilersprachen gilt, gilt hier auch.

Nachtrag am 10.12.2015:

Manchmal fällt mir erst mit Tagen Verspätung ein, was in diesem Blog bereits zu einem Thema gesagt wurde. Dass dies bei derzeit 424 Beiträgen schon mal vorkommt, sollte niemanden verwundern. So wurde das Thema Big Data sehr anwendungsbezogen und ausführlich in dem Interview behandelt, das Manfred Roux im Mai 2014 mit Namik Hrle führte. Hrle ist ein IBM Fellow im Böblinger IBM Labor, der aus Banja Luka in Bosnien stammt.