Samstag, 31. Oktober 2015

Halim und seine Freunde ̶ Integration zwischen Realität und Utopie

Halim ist ein arabischer Vorname mit der Bedeutung freundlich, höflich, geduldig. Er steht hier für den jungen Syrer, der seit etwa einem Jahr in Deutschland lebt. Er und etwa ein Dutzend seiner Altersgenossen haben gleichzeitig Damaskus verlassen, weil sie nicht in Assads Armee gegen ihre Landleute kämpfen wollten. Sie hatten sich Reiseagenten, so genannten Schleppern, anvertraut, die sie für teures Geld über die Türkei und die Balkanroute nach Deutschland brachten. Halim lebt in einer südhessischen Kleinstadt. Ausser Deutsch zu lernen, hat er noch kein Ziel, keine Aufgabe gefunden. Er ist darüber ziemlich unglücklich. Er stand mitten im Jura-Studium, als er seine Heimat verließ. Obwohl Halim und seine Freunde wohl kaum mit der Absicht nach Deutschland kamen sich hier ‚integrieren‘ zu lassen, wird es von ihnen dennoch erwartet.

Was soll Integration bezwecken?

Unter Integration versteht man in der Mathematik die Umkehrfunktion zur Differentiation. Im gesellschaftlichen Bereich  ̶  um den es hier geht  ̶  umfasst Integration gezielte Maßnahmen und Prozesse, die dazu dienen jemanden, der nicht in Deutschland aufgewachsen ist, mit unserer Kultur und Lebenswelt vertraut zu machen. Man unterscheidet Integration von Assimilation. Diese verlangt die vollständige Aufgabe der eigenen kulturellen Identität. In den meisten Überlegungen geht es darum, wie man Zugewanderte dahin bringt, dass sie wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen. Die direkte Einwanderung in die Ausgabenseite unserer Sozialsysteme sollte tunlichst vermieden werden.

Das Problem ist im Grunde dasselbe, das bei im Lande geborenen Kindern besteht, mit dem Unterschied, dass oft entscheidende Lebensjahre verloren gingen. Auch bei deutschen Schülern dienen die ersten 14-18 Lebensjahre vielfach nicht der beruflichen Qualifizierung, sondern der Allgemeinbildung. Gemeint sind damit Grundtechniken wie Lesen und Schreiben in Deutsch, Musik, Literatur, Arithmetik und eine Fremdsprache, meist Englisch. Was die vielzierte Einbettung in die abendländische Kultur und Wissenschaft betrifft, sind die Verhältnisse weniger klar. Das Gedankengut der Aufklärung ist auch bei uns erst partiell akzeptiert. In einem Gymnasium einer deutschen Universitätsstadt, das meine Enkeltochter besuchte, wurden zum Beispiel Schöpfungslehre und Darwinismus als verträglich dargestellt.

Ausländer, die als Kinder oder Jugendliche zu uns kommen, fehlt oft ein Teil dieser Allgemeinbildung. Man kann diesen Mangel nicht immer sofort erkennen oder  ̶  anders herum  ̶  er lässt sich verheimlichen. Der Migrationshintergrund ist nicht sichtbar; er rückt in den Hintergrund. Das geschieht umso mehr, je besser der Zuwanderer die deutsche Sprache beherrscht und je stärker er sich an unsere Berufswelt anpasst.

Vielfältigkeit der Berufswelt

Genau wie bei deutschen Kindern so besteht auch bei Einwandern das Problem, sich in der Komplexität unserer Berufswelt und des Arbeitsmarkts zurecht zu finden. Im Folgenden gebe ich einen sehr vereinfachten Überblick.

(a) Akademische Berufe

Sie verlangen eine Spezialausbildung, in der Regel ein Hochschulstudium. Sie sind oft staatlich reguliert. Die Fähigkeiten (engl. skills) müssen nachgewiesen werden, und zwar im Rahmen von Prüfungen oder Zulassungen. Hier eine Auswahl:
  • Arzt oder Zahnarzt: Sehr angesehen, langes Studium. Für Einwanderer sehr attraktiv. Geregeltes Anerkennungsverfahren. Viele in Deutschland praktizierende Ärzte sind Einwanderer. Mein Hausarzt ist in Rumänien geboren und hat dort studiert.
  • Ingenieur oder Informatiker: Sehr gute Beschäftigungsmöglichkeiten. Von Einwanderern begehrt und erfolgreich ausgeübt. Bekanntlich sind unter den Deutschen, die auswandern, sehr viele Ingenieure. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die Raketenbauer aus Peenemünde, die als Gruppe in Alabama ihre Arbeit fortführen durften. Bei Ingenieuren kann man leicht sehen, was sie können.
  • Biologen, Pharmazeuten, Physiker, Chemiker: Weniger gute Beschäftigungsmöglichkeiten, außer in Schule oder Vertrieb.
  • Pädagogen: Meist im Staatsdienst; setzt gute Deutschkenntnisse voraus.
  • Juristen: Tätigkeit nur mit deutscher Ausbildung möglich. Abhängigkeit von staatlicher Tradition. Mir ist kein deutscher Jurist bekannt, der im Ausland seinen Beruf ausüben konnte.
  • Betriebswirte und Unternehmensberater: Eine gewisse Vertrautheit mit der wirtschaftlicher Situation ist erforderlich. Die Grenze zur nicht-professionellen Tätigkeit ist hier fließend. Bezeichnend war der Berufswunsch eines jungen Russlanddeutschen, der noch nie einen deutschen Betrieb gesehen hatte. Er wollte trotzdem Unternehmensberater werden.

(b) Freie und handwerkliche Berufe

Diese Gruppe von Berufen ist äußerst vielfältig. Der Zugang ist nur wenig reglementiert. Ich gebe zwecks Illustration nur einige Beispiele an:
  • Darstellende und gestaltende Künstler, Sportler: Da oft die Sprachkenntnisse eine geringe Rolle spielen, sehr großes Betätigungsfeld für Ausländer
  • Händler mit Waren und Dienstleistungen: Außer im Falle spezieller Dienstleistungen (siehe unten) Vertrautheit mit deutschem Markt und deutschen Vorschriften erforderlich.
  • Landarbeiter, Gärtner, Elektriker, Installateure, Kfz-Mechaniker, Tierpfleger, Friseure, Fußpfleger, Alten- und Krankenpfleger: Für Einwanderer gut geeignet.
  • Köche, Kellner: Ausländer bringen oft Spezialkenntnisse zur Geltung, z. B. Chinesen und Italiener.
  • Söldner, Polizist, Sicherheitsdienst, Gefängniswärter: Während der Völkerwanderung übernahmen Germanen mit Vorliebe diese Art von Dienstleistungen innerhalb des römischen Reiches.
Im Vergleich zu vielen andern Ländern genießen in Deutschland Handwerker und industrielle Facharbeiter eine Sonderstellung. Sie werden nämlich durch eine spezielle Form der Ausbildung qualifiziert, die Lehre. Diese wird von einem Betrieb vermittelt, wird aber von einer ganzen Branche anerkannt. Die Maßstäbe für diese Ausbildung werden von überbetrieblichen Gremien festgelegt, den so genannten Industrie- und Handelskammern (IHK). Diese nehmen auch die Prüfungen ab. Handwerker erhalten als Abschluss in der Regel den Meistertitel. In vielen Branchen darf nur ein Meister einen Betrieb führen, z. B. Bäcker, Metzger, Schneider und Friseure.

Sonderformen und Zwielichtiges

Über einen großen Teil des Arbeitsmarktes, der heute vorwiegend von Ausländern bedient wird, wird nicht gerne gesprochen. Es ist ein grauer, ja vielfach ein dunkler Markt. Vor allem gelten hier nicht die gleichen strengen Qualifizierungsrichtlinien, wie sie für deutsche Facharbeiter gelten. So werden größere Bauprojekte in Deutschland bevorzugt von Ausländern durchgeführt. Die Zeit der beiden Weltkriege stellte lediglich eine Unterbrechung dar. Nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs sind wieder normale Verhältnisse eingetreten. Als Illustration seien zwei Projekte aus meiner engeren Heimat erwähnt. Eine Bahnstrecke in der Westeifel wurde 1911 von kroatischen Arbeitern gebaut. Den Neubau des Hauses einer Verwandten in der Westeifel errichtete 2015 eine Gruppe von Wanderarbeitern aus Kasachstan.

Viele Märkte sind fest in der Hand osteuropäischer Wanderarbeiter, so die Spargel- und Erdbeerernte sowie die Tierschlächterei. Die deutschen Exporte von Rindfleisch und Hühnerfleisch übertreffen inzwischen andere Industriezweige. Ebenso ist die private Altenpflege und die Prostitution ohne Wanderarbeiterinnen nicht mehr vorstellbar. In beiden Branchen gibt es gut organisierte Netze, die ganz Osteuropa umfassen.

Gewollte Nicht-Integration

Es ist falsch anzunehmen, dass alle Flüchtlinge, die jetzt nach Deutschland kommen, auf Dauer hier bleiben wollen. Sie hatten (und haben immer noch) berufliche Aussichten in ihrem Heimatlande, die Deutschland ihnen nicht bieten kann. Für diesen Personenkreis muss ein Modus gefunden werden, der es erlaubt die Wartezeit zu überbrücken. Bei jungen Menschen ist dies, je nach Vorkenntnissen, der Beginn einer Lehre oder die Aufnahme bzw. Fortführung eines Studiums. Ein Bachelor-Studium verlangt Deutschkenntnisse. Für ein Masterstudium ist es möglich eine Hochschule zu finden, die eine genügende Zahl von Kursen in Englisch anbietet.

Wer das für eine Lehre oder ein Studium günstige Alter überschritten hat, kann eine Anstellung suchen, für die weder Lehre noch Studium erforderlich sind. Solche gibt es reichlich, dank der wirtschaftlichen Konjunktur, in der sich Deutschland derzeit befindet. Welche Qualifikationen hierbei hilfreich sind, hängt von der Tätigkeit ab. Für die Tätigkeiten in diesem Bereich gibt es kein Schema. Man muss selbst etwas kreativ sein. Ein Beispiel sind Kurierdienste, wo eine Führerschein, ein Navigationsgerät und minimale Sprachkenntnisse ausreichen. Wer nicht auf zusätzliche Einkünfte angewiesen ist, wer also über eigene Geldquellen verfügt, der kann sich im sozialen und ehrenamtlichen Bereich engagieren. Ansprechpartner wären Caritas, Sozialfürsorge, Katastrophenschutz, Volkshochschule und andere. Nur in Sonderfällen wäre eine Art Pensionat mit Golf- und Tennisplatz angemessen. Entscheidend ist, dass man sich betätigt.

Politische Dimensionen

Die Einwanderung hat auch immer eine politische Dimension. Der Modus, in dem zur Zeit die Einwanderung erfolgt, ist dramatisch. Die amtierende Bundesregierung fährt eine Politik, mit der sie in Konflikt mit Ländern und Kommunen gerät. Diese verlangen eine Beschränkung der Einwandererzahlen pro Jahr. Die Bundesregierung unter Angela Merkel ist der Meinung, dass sie das nicht kann. Der Koalitionspartner CSU, der im Grunde eine Landesregierung darstellt,  droht damit die Koalition zu verlassen. Das könnte zur Auflösung der jetzigen Regierung führen. Auch im Volk knirscht es. Mein politisch sehr sensibler Blog-Partner Hartmut Wedekind macht seiner Sorge über die Situation Luft. Diese Woche schrieb er:

Was nun, Frau Merkel? Die Frau mit  „Wir schaffen das“. … Ich weiß nur: Rücktritt, und zwar sofort. Dann sehen ihre „Lieblingsflüchtlinge auf den Selfies“ wenigstens, was hier los ist. Schon die Österreicher beziehen sich beim Durchwinken auf Frau Merkel, die Katastrophenfrau.

Angela Merkel glaubt nicht daran, dass sich der Flüchtlingsstrom durch gewaltsame Zurückweisung an den Grenzen reduzieren lässt. Sie hofft auf Unterstützung durch andere Länder, insbesondere durch solche, die zur EU gehören. Sie setzt aber auch auf die Türkei. Im Moment reden sogar Russen und Iraner, Amerikaner und Saudis in Wien über die Situation in Syrien. Nur nehmen Baschir al Assad und die syrische Opposition (noch) nicht an den Gesprächen teil.

Rat an Halim und seine Freunde

Leider müssen Sie sich darauf einstellen, dass sich die Situation in Syrien nicht in den nächsten Monaten verbessert. Der Bürgerkrieg kann leicht noch mehrere Jahre andauern. Sie sollten Ihre Zeit in Deutschland sinnvoll nutzen. Nichts wirkt deprimierender, als keine Ziele zu haben. Ich hoffe, dass dieser Beitrag Ihnen einige Anregungen gab.

NB: Dieser Beitrag erschien auch in Englisch in meinem Blog Al's Postbag. Die dort erscheinenden Kommentare werden nicht übersetzt oder beantwortet.

Dienstag, 27. Oktober 2015

Soziale Evolution bei Insekten und Menschen nach Edward Wilson

Edward Osborne Wilson wurde 1929 in Birmingham, Alabama, geboren. Er ist als Insektenkundler und Biologe bekannt, hat aber auch Beiträge zur Evolutionstheorie und zur Soziobiologie veröffentlicht. Wilsons Spezialgebiet sind Ameisen, insbesondere ihre Kommunikation mittels Lockstoffen (Pheromone). Ich habe in den letzten Wochen zwei seiner jüngsten Bücher gelesen. Das eine hat den Titel Die soziale Eroberung der Erde (engl. The Social Conquest of Earth). Es erschien 2012 und hat 384 Seiten im Druckformat. Das andere heißt Der Sinn des menschlichen Lebens (engl. The Meaning of Human Existence). Es erschien 2014 und umfasst 208 Seiten.

Anstatt beide Bücher separat zu besprechen, ziehe ich aus beiden diejenigen Gedanken heraus, die mich besonders interessierten. Wem das nicht reicht, kann ja die Bücher selber lesen. In dem neueren der beiden Bücher zieht Wilson eine Art von Bilanz über sein ganzes Forscherleben. Einige seiner früheren Aussagen erscheinen wieder, jetzt aber noch klarer und noch pointierter formuliert als vorher. Es ist die Radikalität des Alters (ein Ausdruck und Buchtitel von Margarethe Mitscherlich), die hier zum Vorschein kommt. ‚Sehr oft werde ich Euch diese Dinge nicht mehr zu erklären versuchen. Entweder Ihr glaubt mir, oder Ihr lasst es sein.‘ So kommt mir der 85-jährige Wilson vor. Er mag provozierend wirken; leicht abtun lässt er sich nicht.

Sozialverhalten von Ameisen

In der Biologie gibt es Hunderttausende von Arten. Nur 20 Arten haben etwas wie Sozialleben entwickelt. Außer dem Menschen gehören noch 14 Ameisen- bzw. Termitenarten dazu. Ameisen haben Superorganismen entwickelt, in denen statt Zellen Individuen instinktiv kooperieren. Es ist dies ein Riesensprung der Evolution. Eine Ameisenkönigin trägt die Spermien für Millionen Arbeiterinnen im Leib, bevor sie zum Flug ansetzt, um eine eigene Kolonie zu gründen. Die Arbeiterinnen regeln dann die Proviantvorsorge, und zwar in arbeitsteiliger Weise.

Wer glaubte, wir Menschen könnten von den Ameisen lernen, den enttäuscht Wilson. So brutal wie bei Ameisen kann keine andere Frauenherrschaft sein. Männliche Tiere haben nur eine einzige Aufgabe, die Königin zu befruchten. Sie sterben wenige Tage danach. Frauen dienen als Ammen, Arbeiter und Soldaten. Wird der Bau angegriffen, müssen die ältesten von ihnen an die Front. Am berühmtesten sind die Blattschneider-Ameisen. Bei ihnen sammeln die Arbeiterinnen den ganzen Tag Blätter. Diese werden zerschnitten und zerkaut und zu einer Art Mulch verarbeitet. Darauf werden Pilze gezüchtet, die der Königin serviert werden. Ameisen haben also die Landwirtschaft erfunden, genauso wie dies der Homo sapiens mehrmals tat.

Ameisen gibt es auf der Erde fast doppelt so lange wie den Menschen. Vor rund 100 Mio. Jahren, d.h. seit der Kreidezeit, begannen sie damit, die Erde zu erobern. Das war als Blütenpflanzen damit anfingen die Nadelhölzer (Korniferen) zu verdrängen. In den Tropengebieten der Erde stellen sie heute die größte tierische Biomasse dar. Die etwa 1016 Ameisen wiegen etwa gleich viel wie alle heutigen Menschen.

Evolution der Sozialkompetenz

Soziales Leben entstand in der Tierwelt nur da, wo es einen Nistplatz oder Lagerplatz gab, den zu verteidigen sich lohnte. Beim Menschen kam hinzu, dass sein Nachwuchs viele Jahre benötigte, bis er ohne Pflege und Schutz zurechtkam. Dank der Erfindung des Feuers konnte Fleisch leichter verdaulich gemacht werden. Dies förderte nicht nur die Arbeitsteilung in der Familie, sondern der relativ hohe Fleischgenuss erwies sich als günstig für die Entwicklung des Gehirns.

Um altruistisches Verhalten innerhalb von Gruppen zu erklären, benutzen Biologen verschiedene Theorien. Lange herrschte die Vorstellung, dass Gene egoistisch seien in dem Sinne, dass sich Verwandte an den gleichen Genen erkennen und daher bevorzugen. Ein 1976 erschienener Bestseller von Richard Dawkins (*1941) machte diese Meinung populär. Wilson vertritt eine Auffassung, die er mit Multilevel-Selektion bezeichnet. Er sieht ein Zusammenspiel am Werk zwischen Individual-Selektion und Gruppenselektion. Beide überlappen sich und führen zu Konflikten. Das Individuum kennt Egoismus und Eifersucht. Die Gruppe verlangt Altruismus und Kooperation. Innerhalb von Gruppen setzen sich die Egoisten durch. Diejenigen Gruppen sind am stärksten, welche die meisten Altruisten haben, so sieht es Wilson. Es hätten sich nur wenige eusoziale Systeme (gr. eu = gut) gebildet, aber die sich bildeten (Ameisen und Menschen) dominieren heute die Erde. In der Geschichte kämpften nicht Gott und Teufel gegeneinander, sondern diese beiden Evolutionsprinzipien.

Sprache und Kultur des Menschen

Menschen beschäftigen sich gerne mit Menschen. Sie neigen zur Anthrozentrizität. Sie lechzen danach, Geschichten über andere zu hören. Das schärft die soziale Intelligenz. Abstraktes Denken und Sprache entstand vor 70.000 Jahren. Die Sprache ist nicht zufällig entstanden, sondern sie ist abgeleitet vom Bedürfnis der Kommunikation. Der menschliche Geist ist bei der Geburt kein leeres Blatt. Es werden Instinkte vererbt, und zwar als Ergebnis der Selektion. Wir lernen sehr Vieles durch Nachahmen. Dazu benötigen wir das Langzeitgedächtnis. Es ist nicht eine Urgrammatik, die Menschen angeboren ist  ̶  wie Noam Chomsky (*1928) dies glaubte  ̶  sondern viel primitivere Fähigkeiten.

Unter Kultur wird die Gesamtheit der Verhaltensmerkmale verstanden, durch die sich Gruppen voneinander unterscheiden. In einer Kultur schlägt sich die evolutionäre Erfahrung einer Gruppe von Individuen nieder. Es findet eine Gen-Kultur-Koevolution statt. Ein Beispiel ist die Laktose-Toleranz, die Verträglichkeit für Milchprodukte. Sie wurde nur von Populationen erworben, die Landwirtschaft betrieben. Bei Tieren können sich nur Instinkte vererben, beim Menschen auch seine Fähigkeiten bezüglich Vernunft und Emotion. Auch Neigungen und Angewohnheiten können sich vererben.

Rolle von Mythen und Religionen

Mythen und Religionen dienen oft dazu, den Ursprung des Menschen zu erklären, aber auch den Sinn und Zweck seiner Existenz. Sie definieren und fördern das Gruppen- oder Stammesbewusstsein und die Regeln des Zusammenlebens. Sie spornen zum Altruismus an, tun dies typischerweiset aber nur für Mitglieder. Leider definieren Gruppen immer die eigene als die überlegene. Meist schließt dies die Götter mit ein. Ein großer Teil der kriegerischen Auseinandersetzungen, die Menschen seit der Jungsteinzeit auf allen Kontinenten austrugen, hatten mit Religion zu tun.

Das Gehirn des Menschen ist für religiöse Empfindungen empfänglich. Gläubige hatten während der langen Geschichte der Menschheit den Vorteil, dass sie über eine Geschichte verfügten, die viele Phänomene der Natur und den Sinn der menschlichen Existenz erklärten. Obwohl viele dieser Erklärungen sich als falsch erwiesen, haben sie ein erstaunliches Beharrungsvermögen. In den USA setzen sich Schulbehörden dafür ein, dass die Schöpfungslehre ihren Platz behält neben der Evolutionstheorie, der Kreationismus neben dem Darwinismus. Dabei hätten die Götter nicht uns Menschen erschaffen, sondern wir Menschen die Götter. Wir bräuchten sie nämlich, sie uns aber nicht, so argumentiert Wilson.

Aufgabe der Geisteswissenschaften und der Künste

Als im 18. Jahrhundert in Europa die Aufklärung aufkam, fingen Wissenschaftler an in der Natur nach Ursache und Wirkung zu suchen. Ein Teil der Gelehrten widersetzte sich. Es entstanden die Geisteswissenschaften als Gegenstück zu den Naturwissenschaften [Im Englischen gibt es stattdessen das Begriffspaar humanities/science, was den Unterschied noch stärker beschreibt]. Philosophen befassen sich seither nur noch mit  Logik, Semantik und Wissenschaftsgeschichte. Schriftsteller, Maler und Musiker flohen in die Romantik.

Heute ist das Wissen der Menschen soweit fortgeschritten, dass wir wieder an eine Vereinigung der beiden Gebiete denken könnten. In dieser ‚neuen Aufklärung‘ könnten sich Geisteswissenschaftler auch für die kognitiven Prozesse interessieren, die im Gehirn ablaufen oder für die Geschichte, bevor sie von Menschen schriftlich festgehalten wurde. Es reicht nicht mehr, die Dinge nur zu beschreiben oder zu bewundern. Man muss das Warum ihrer Existenz verstehen. Wissen verdoppelt sich alle 10-20 Jahre. Durch die Beschäftigung mit der Prähistorie wird immer klarer, wie und warum der Mensch entstanden ist. Zur Beschreibung der ‚Conditio Humana‘ gehört aber auch, menschliche Gefühle ernst zu nehmen. Dass heutige Naturwissenschaftler dazu neigen diese zu ignorieren, ist falsch. Auch eine introspektive Betrachtungsweise macht Sinn. Durch Fiktionen, wie sie Literatur und darstellende Kunst erzeugen, werden Gefühle hervorgerufen oder beeinflusst. Nur wenn wir mehr wissen, welche Funktion Emotionen für den Menschen haben, verstehen wir den Weg bsser, der zur Symbolverarbeitung und zur Kultur führte.

Wilson meint, dass ein Künstler wie Paul Gauguin (1848-1903) ahnte, dass er mit seiner Art des Suchens nicht nur die Kunst weiterbringt, sondern die Menschheit insgesamt. Auf eines seiner schönsten Bilder aus Tahiti schrieb er nämlich: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (frz. D'ou venons nous? Que sommes nous? Ou allons nous?). Es sind dies uralte Fragen, die schon die Philosophen der Antike stellten.

Zukunft der Menschheit

Der Mensch sei wie alle Lebewesen ein Produkt seiner Geschichte, seiner Evolution. Diese Geschichte dauerte nicht nur 6000 Jahre, sondern mehrere Millionen Jahre. Es lag nie ein Plan oder Ziel für den Menschen vor, weder von Außerirdischen noch von sonst jemand. Komplexe Systeme sind immer das Ergebnis einer längeren Entwicklung. Um sie zu verstehen, muss man ihre Geschichte lückenlos kennen. Die Evolution ist am ehesten mit einem Labyrinth zu vergleichen. An jeder Verzweigung werden Entscheidungen getroffen, die vorher nicht bekannt waren. Die Natur des Menschen besteht aus ererbten Regelmäßigkeiten der mentalen Entwicklung, den epigenetischen Regeln dafür, was wir wahrnehmen, codieren, interpretieren und darauf reagieren. Vieles davon sind Reflexe. Es geschieht außerhalb des Bewusstseins. Andere Lebewesen haben teilweise bessere Sinne und Instinkte als der Mensch. Wir haben unsere Schwächen teilweise kompensiert – vermöge der Technik.

Lange hatten Menschen das Gefühl, dass es ihre Aufgabe sei, sich die Erde untertan zu machen. Die Evolution unterstützte dieses Ziel, ja sie ordnete sich ihm unter. Einiges, was uns zweite Natur geworden war, passt plötzlich nicht mehr in die Welt. Wir sind an Grenzen gestoßen. Die Erde ist nicht das endlose weite Land, voll unbegrenzter Ressourcen. Wenn wir überleben wollen, müssen wir uns umstellen. Niemand – egal ob von diesem Planeten kommend oder von einem anderen  ̶  wird uns warnen, in Schutz nehmen oder gar zu Hilfe eilen. Wir müssen den Weg selber finden. Eine Auswanderung zu andern Himmelskörpern ist keine ernst zu nehmende Option. Wir sind – wenn es darauf ankommt  ̶  nämlich ganz allein im Weltall und auf uns selbst gestellt. Niemand anderes ist unser Aufpasser. Darin liegt eine große Verantwortung begründet, aber auch eine große Freiheit.

In wieweit wir die natürliche Evolution durch eine willentliche Evolution ersetzen können, da legt sich Wilson nicht ganz fest. Dass wir in der Lage sein werden, das Wesen des Menschen durch eugenetische Manipulation generell zu verbessern, daran glaubt er nicht. Noch glaubt er, dass intelligente Maschinen den Menschen ersetzen werden. Wir haben bisher unsere Fähigkeiten durch Technik schrittweise verbessert und unsere Krankheiten dank Medizin bekämpft. Es besteht kein Grund zu der Annahme, dass wir uns in dieser Hinsicht beschränken werden oder beschränken müssen. Biologie (hier insbesondere die Genetik), Nanotechnik und Robotik stehen erst am Anfang. Auf den wissenschaftlichen Fortschritt zu verzichten, sei nicht nur töricht, sondern verantwortungslos.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Erasmus-Semester in Barcelona – ein Zwischenbericht

Meine Enkeltochter studiert Elektrotechnik an der Universität Stuttgart. Inzwischen hat sie das Bachelor-Studium abgeschlossen. Zurzeit macht sie ein Auslandsemester in Barcelona. Hier ein erster Erfahrungsbericht. Ich hoffe sie dafür gewinnen zu können. auch nach Abschluss des Semesters einen Rückblick zu verfassen (Bertal Dresen).

Vorbereitung

Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, mein Elektrotechnikstudium um einen Auslandsaufenthalt zu bereichern und mir schien das erste Mastersemester dafür am besten geeignet. Im März 2015 habe ich mich beim Internationalen Zentrum (IZ) der Uni Stuttgart bezüglich des ERASMUS-Programmes informiert. ERASMUS ist ein Förderprogramm für europäische Auslandsaufenthalte. Leider war ich etwas spät dran und die Hauptbewerbungszeit war bereits abgelaufen. Jedoch gab es noch die Möglichkeit, sich auf einen von vielen Restplätzen zu bewerben. Schnell grenzte ich meine Wahl auf Frankreich und Spanien ein. Ich hatte Französisch schon über mehrere Jahre in der Schule gelernt und entsprechend gute Kenntnisse, die ich gerne vertiefen wollte. Andererseits reizte es mich auch, eine neue Sprache zu erlernen und da Spanisch sehr weit verbreitet ist, war es für mich eine gute Wahl.

Da ich im Spanischen zu diesem Zeitpunkt jedoch kaum Vorkenntnisse hatte und mich auch im Französischen nicht sicher genug fühlte - was den elektrotechnischen Fachjargon anbetraf - suchte ich nach einer Universität, die Vorlesungen überwiegend auf Englisch anbot. Schließlich wollte ich während des Auslandssemesters nicht nur meine Sprachkenntnisse verbessern, sondern auch mein Masterstudium erfolgreich vorantreiben. Die französischen Universitäten boten kaum englische Vorlesungen an, weshalb ich Spanien für mein Auslandssemester wählte. Nach einigen Recherchen habe ich mich für die Universitat Politécnica de Cataluña (UPC) in Barcelona entschieden. Die von dieser Universität angebotenen Vorlesungen haben mich fachlich am meisten interessiert und dass Barcelona eine atemberaubend schöne Stadt ist, war auch nicht irrelevant für meine Entscheidung.

Bei der Planung meines Aufenthaltes wurde ich sehr gut durch meine Gastuniversität unterstützt. Durch viele informative Mails wurde ich auf alle wichtigen Veranstaltungen und das allgemeine Vorgehen aufmerksam gemacht. Unter anderem bot die UPC eine Orientation Week vor dem Vorlesungsbeginn an, für die man sich aber vorher anmelden musste. Alle wichtigen organisatorischen Fragen bezüglich des Aufenthaltes wurden dort sehr gut erklärt und es bot sich die Möglichkeit, bereits viele internationale Studenten, die Universität und die katalanische Kultur kennenzulernen. In dem Semester vor meinem Aufenthalt habe ich zur Vorbereitung an einem Spanischkurs der Uni Stuttgart teilgenommen. Außerdem erhält man im Rahmen des ERASMUS-Programmes einen sechsmonatigen Zugriff auf die Sprachenlernplattform erasmusplus, mit der man sich sprachlich weiterbilden kann. Ich habe einen Zugang sowohl für Spanisch als auch für Englisch erhalten, da dies meine Unterrichtssprache an der UPC ist.

Anreise und Formalitäten

Barcelona ist entspannt mit dem Flugzeug zu erreichen. Barcelona wird dabei von Billigfluggesellschaften wie Germanwings, Ryanair oder der spanischen Vueling angeflogen. Bei frühzeitiger Buchung kann man dort Hinflüge für um die 50€ bekommen. Vom Flughafen aus konnte ich bequem mit der Renfe nach Barcelona fahren und dort zu den Metros umsteigen. Das Metro-Netz in Barcelona ist unglaublich gut strukturiert. Eine T-10 Fahrkarte ist für den Anfang in Barcelona am besten. Damit kommt man auch für nur 1€ vom Flughafen bis zu seinem Reiseziel innerhalb von Barcelona. Welches Ticket langfristig am geschicktesten ist, kann jeder selber anhand der Informationen der Metro-Website entscheiden. Für mich als Student war es das T-Joves Ticket.



Hafen von Barcelona

Nach meiner Ankunft, musste ich mich an der Gastuni am Students Mobility Center melden. Dort erhielt ich auch meinen Studentenausweis und meinen vorläufigen Stundenplan. Aufgrund von zeitlichen Überschneidungen von Vorlesungen musste ich ihn noch ändern und durch einen internen Fehler hat sich noch eine Vorlesung in meinen Stundenplan gemogelt, die ich nicht belegt hatte. Bei Änderungen im Stundenplan oder Fragen zu dem Aufenthalt etc., konnte ich mich immer an das Students Mobility Center wenden.

Um am Ende des Aufenthaltes sein Semesterzeugnis (Transcript of Records) zu erhalten, musste ich mich in Barcelona registrieren lassen um eine sogenannte NIE Nummer (Steuernummer) zu erhalten. Die Prozedur zum Erhalt einer solchen Nummer wurde uns während der Orientation Week erklärt, jedoch gestaltete es sich als schwierig, einen Termin bei dem Amt zu bekommen. Außerdem sollte man sich darauf einstellen, die Registrierung auf dem Amt komplett auf Spanisch durchzuführen.

Unterkunft, Verpflegung und Verkehr

Auf einer der Infoveranstaltungen des IZ hatte ich die Möglichkeit, mich mit einigen Studenten zu unterhalten, die bereits in Spanien waren. Obwohl viele von ihnen erst vor Ort nach einer Wohnung gesucht haben und damit keine Probleme hatten, war es mir lieber, bereits im Vornherein eine Wohnung zu haben. Dadurch musste ich vielleicht etwas mehr zahlen, hatte aber im Gegensatz zu den Spontansuchern einen sehr entspannten September. Das war es mir auf alle Fälle wert.

Ich habe eine Wohnung an der Avinguda del Parallel in einem großen Wohnhausblock. Die Parallel ist eine viel befahrene Straße unweit der Rambla. Sie führt vom Hafen bis zum Placa d‘Espanya. Da die Wohnung aber an der Hinterseite des Hauses liegt, ist es relativ ruhig für eine Stadtwohnung. Andererseits ist sie daher auch recht dunkel und nur ins Schlafzimmer gelangt etwas Tageslicht. Ab und zu spürt man, wie die Metro unter dem Wohnblock entlangfährt, doch daran gewöhnt man sich schnell. In Spanien werden die meisten Wohnungen komplett möbliert vermietet. Meine Wohnung umfasst Bad, Küche, Schlafzimmer und einem kleinen Wohnbereich mit Schreibtisch. Sie ist sogar mit Bettwäsche und Handtüchern etc. ausgestattet, sodass ich mir einiges an Gepäck sparen konnte. Sie umfasst etwa 45 m² und ich teile sie mir mit meinem Freund, der ebenfalls in Barcelona studiert. Als Monatsmiete (Warmmiete) zahle ich etwa 450 €.

Direkt neben dem Wohnhausblock und in der nächsten Seitenstraße gibt es Läden für Früchte und Gemüse. Etwas weiter oben an der Straße befinden sich Supermärkte, wodurch sich alle wichtigen Versorgungspunkte in direkter Reichweite befinden. Auch die Metrostation ist nur fünf Gehminuten entfernt. Das einzige, das ich vermisse sind „richtige“ Bäcker. Gutes Brot gibt es wohl nur von deutschen Bäckern.


Universitäten in Barcelona

Die UPC ist eine der größten technischen Universitäten Spaniens (33.000 Studenten). Sie liegt am Campus Nord im nördlichen Teil von Barcelona nahe am Fußballstadion. Die Häuserblöcke, in denen sich die Klassenzimmer und Labore befinden, sind wie eine Matrix angeordnet. Dadurch sind die Räumlichkeiten einfach zu finden. In den Innenhöfen zwischen den Gebäuden befinden sich Cafeterien und kleine Lädchen. Eine Mensa gibt es nicht. Die Spanier sind es gewohnt, abends zu essen, wodurch die Notwendigkeit wohl nicht gegeben war. Für die Mittagesser gibt es einen Raum mit Mikrowellen, damit sie ihr mitgebrachtes Essen aufwärmen können.


UPC Barcelona, zwischen den Gebäudeblöcken

Außerhalb von Barcelona gibt es noch die Autonome Universität Barcelona (UAB), die überwiegend die Studenten des Gesundheitswesens und der Medizin beherbergt. In der Stadtmitte von Barcelona gibt es die allgemeine Universität von Barcelona (UB), die Geisteswissenschaften, Kunst, Biologie, Chemie und viele weitere Studiengänge anbietet, die nicht an der UPC zu finden sind. Das ist sehr ähnlich zu Stuttgart. Dort befinden sich auch sämtliche Studiengänge in der Stadtmitte und hauptsächlich die technischen Fakultäten wurden nach Vaihingen oder Hohenheim ausgelagert.

Studium und Studentenleben

Das Studium an der UPC ist anders als an der Uni Stuttgart. Statt großer Vorlesungssäle gibt es kleine Klassenzimmer. Etwa 25 Studenten in einer Vorlesung werden bereits als sehr viel empfunden und allgemein ist das System deutlich verschulter: Hausaufgaben bearbeiten, abgeben oder präsentieren, Gruppenarbeit, Referate halten und Anwesenheitspflicht samt Mitarbeitsnote. Viele Vorlesungen werden auch durch Labortermine begleitet, was mir sehr gut gefällt. Dadurch kann man das theoretisch erworbene Wissen durch die Anwendung in der Praxis festigen. Die Mastervorlesungen an der UPC sind alle auf Englisch und selbstverständlich fällt dies nicht allen Professoren leicht. Hier ist es auch üblich, dass sich mehrere Professoren eine Vorlesung teilen, dass sie sich also bei den Vorlesungs-stunden abwechseln. Ich besuche die Vorlesungen Innovation Based Service Management (IBSM), Network Security (NS) und Optical Fiber Telecommunications (OFT).

IBSM ist eine Firmenmanagement- und Wirtschaftsvorlesung für Ingenieure. Sie ist in zwei Termine unterteilt. Eine Stunde pro Woche arbeiten wir in Gruppen von fünf Studenten an einem Business Plan und einem Human Ressource Plan für eine Firma unserer Wahl. Meistens reicht die Zeit nicht aus, sodass wir uns zur Bearbeitung öfter privat treffen. Die anderen zwei Stunden werden uns von Experten (Gastdozenten aus der Wirtschaft) die Themen Finanzmanagement und Service Management nähergebracht. Als Prüfung haben wir in den letzten Vorlesungswochen die Präsentation unserer erarbeiteten Pläne.

Network Security gefällt mir von meinen Vorlesungen bisher am besten. Die Vorlesung behandelt die Sicherheit von Netzwerken. Wir lernen dort das Knacken von Passwörtern und das Einhacken in Netzwerke mit dem Ziel, Sicherheitsmechanismen gegen ebensolche Angriffe zu entwickeln. Die Vorlesung dauert drei Stunden am Stück, die der Professor in zwei Stunden Theorie und eine Stunde Praxis unterteilt. In der Praxisstunde arbeiten wir in Teams aus zwei Studenten zusammen. Manchmal auch in 4-er Gruppen für Angreifer-Verteidiger-Herausforderungen. Wir müssen jede Woche Berichte zu den erlernten Praktiken verfassen. Diese Berichte (zählen zu 20%) und die Mitarbeit während der Vorlesung (10%) bilden zusammen mit der Zwischenprüfung (30%) und der finalen Prüfung (40%) die Note. Mit Freuden durfte ich feststellen, dass ich in diesem Fach mit meinen Kryptographie-Kenntnisse aus dem Informatikkurs aus meiner Schulzeit glänzen konnte.

OFT ist reine Theorie, umfasst drei Stunden pro Woche und wird am Ende des Semesters mit einer schriftlichen Prüfung abgeschlossen. Während der Vorlesungszeit sollen wir in Gruppen von 2-3 Studenten einen Technical Report anfertigen und diesen dann präsentieren. Das erinnert mich stark an die Referate oder GFS‘, die wir zu Schulzeiten halten durften. Alle Professoren arbeiten mit Powerpoint-Folien, die sie anschließend in Atenea, den „Virtuellen Campus“ hochladen. Über Atenea kann man seine belegten Kurse einsehen und die Materialien herunterladen. Die bearbeiteten Hausaufgaben werden über diese Plattform digital abgegeben. Man muss sie dort innerhalb einer Frist hochladen.

Es war interessant festzustellen, dass jede Vorlesung mindestens zur Hälfte von ERASMUS-Studenten belegt ist. Hierbei dominieren Deutsche, Franzosen und Italiener. Da die Professoren wissen, dass viele der Studenten in ihrer Vorlesung nicht von der UPC kommen, wiesen sie anfangs deutlich auf die nötigen Vorkenntnisse hin. In einer Vorlesung wand sich der Professor speziell an die französischen Studenten und meinte, dass diese aufgrund ihres nur 3-jährigen Bachelors wahrscheinlich nicht die nötigen Vorkenntnisse hätten. Der deutsche Bachelor dauert auch nur drei Jahre. Der spanische hingegen umfasst vier Jahre.

Die UPC bietet auch eine Bandbreite an sportlichen Aktivitäten an. Für 28 € pro Monat kann man alle Räumlichkeiten jederzeit nutzen und an den größeren Sportkursen wie beispielsweise Zumba oder Badminton teilnehmen. Bei kleineren Kursen wie Klettern bedarf es einer Anmeldung. Diese Kurse sind aber sehr schnell ausgebucht. Man sollte sich am besten schon ein bis eineinhalb Monate vorher dafür anmelden.

Alltag und Freizeit

In Barcelona ist immer etwas los. Ständig gibt es größere Veranstaltungen oder es wird irgendwo etwas gefeiert. Es kann hier fast nicht langweilig werden. Ein kleiner Spaziergang durch die Stadt, einige Straßenmusikanten beginnen Volkslieder zu spielen und plötzlich fangen die Katalanen um einen herum an, ihre Volkstänze dazu zu tanzen. Besonders im September ist in Barcelona sehr viel los. Am 11.09 was der katalanische Nationalfeiertag und vom 18.09 bis zum 24.09 war die „La Mercè“, DAS katalanische Fest in Barcelona. Wenn man in diesem Zeitraum in Barcelona ist, darf man das auf keinen Fall verpassen. Massenweise sind Menschen auf den Straßen unterwegs und feiern. Überall in der Stadt sind Bühnen mit Live-Musikern aufgestellt und die ganze Woche über folgt eine Veranstaltung der nächsten. Am bekanntesten sind dabei die Castellers, die menschlichen Türme und der Correfoc (Feuerlauf). Mir haben besonders die sogenannten Giants gefallen. Dabei handelt es sich um riesige Figuren aus Pappmaché, die von Menschen getragen durch die Straßen laufen und tanzen.



La Mercè in Barcelona: Castellers

Neben den vielen Festlichkeiten bietet Barcelona auch Unmengen an Ausflugszielen. Besonders gut gefallen hat mir bisher Montserrat. Es eignet sich perfekt zum Wandern und Klettern. Auch Tarragona, Sitges und Girona habe ich bereits auf eigene Faust oder mit der ERASMUS-Gruppe von Barcelona besichtigt. Generell bieten die ERASMUS-Gruppen aus Barcelona viele verschiedene Ausflüge und Unternehmungen wie Stadttouren an. So kommt man gut rum und kann nebenbei auch sehr leicht andere Studenten kennenlernen.

Im ersten Monat in Barcelona bin ich viel durch die Stadt spaziert, um sie zu erkunden. Binnen kurzem habe ich mich zurechtgefunden. Nachdem ich unter der Woche mit meinem Studium beschäftigt war, nutze ich die Wochenenden, um Tourist zu spielen und die große Anzahl an Sehenswürdigkeiten in Barcelona kennenzulernen. Dass mehrere Museen Sonntagnachmittags freien Eintritt anbieten, kommt mir dabei sehr gelegen.

Finanzierung

Die Förderung, die ich durch das ERASMUS-Programm erhalte, ist bestenfalls ein Taschengeld. Es ist durchaus ratsam, vor einem Auslandsaufenthalt entsprechend Geld anzusparen. Pro Monat gebe ich im Mittel 160 € für Lebensmittel und Freizeitaktivitäten aus. Eingeplant hatte ich 200 € pro Monat. Dazu ist zu sagen, dass ich eher sparsam veranlagt bin. Gerade wenn man an vielen Ausflügen teilnehmen möchte, sollte man ein höheres Budget einplanen. So bieten die ERASMUS-Gruppen auch mehrtägige Reisen an, beispielsweise nach Madrid oder Marrakesch, die dann wesentlich teurer sind als ein Trip nach Tarragona.

Erstes Fazit

Bisher gefällt es mir in Barcelona sehr gut. Die Stadt ist so lebendig und es gibt unglaublich viel zu erleben. Möchte ich doch einmal dem Stadttrubel entfliehen, so fahre ich nur etwa eine halbe Stunde und bin an der Spitze des Montjuic mit einer tollen Aussicht über ganz Barcelona und besonders dem Hafengebiet oder ich bin am Strand von Castelldefels, der ab September bis auf einige Windsurfer komplett leergefegt ist. Im Alltag bieten sich mir viele Möglichkeiten, meine Spanischkenntnisse anzuwenden und zu erweitern. Da in Barcelona aber auch hauptsächlich Katalanisch gesprochen wird und viele Beschriftungen auf Katalanisch sind, mogeln sich automatisch auch einige katalanische Begriffe in mein Spanisch.


Kloster von Montserrat

Es war für mich eine Umstellung, von zuhause auszuziehen und in einer Großstadt zu leben. Ich gebe auch zu, dass mich am Anfang etwas Heimweh plagte, doch die Neugierde auf diese aufregende Stadt, die kontaktfreudigen Menschen, das Studium in Spanien, generell auf mein Auslandssemester ließen mich dies schnell vergessen. Ich bin mir sicher, dass ich hier noch weitere tolle Erfahrungen sammeln werde und dass ich mit Freude auf mein Auslandssemester zurückblicken kann.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Eindrücke eines Erstsemester-Studenten an der TU München

Mein Enkel studiert ab dem WS 2015/2016 das  Fach Wirtschaftsinformatik an der TU München (TUM). Er gab mir nach der ersten Woche einen recht ausführlichen Bericht über seine Erfahrungen. Mit seiner Zustimmung kopiere ich ihn für die Leser dieses Blogs.

Erfahrungsbericht

Nachdem die Schulzeit in Tübingen abgeschlossen war, blickte ich euphorisch der neuen Ära entgegen, Ich gierte nach dem Neuen. Freitag Abends kam ich in meiner Wohnung an, kurz Bett beziehen und Zähne putzen. Mehr war nicht mehr drin, denn am nächsten Morgen galt es noch Veranstaltungen der SET (Erstsemester-Einführungstage) wahrzunehmen. Ich hatte aufgrund meiner Führerscheinprüfung schon die ein oder andere Infoveranstaltung verpasst, weshalb es für mich umso wichtiger war, während der restlichen SET mit Kommilitonen in Kontakt zu kommen, damit diese mir zu einem kurzen Crashkurs ins Unileben verhelfen konnten.

Am Samstag gab es ein großes Frühstück für die 1-Semester der Informatik-Fakultät, anschließend eine Campus-Ralley. Hier galt es in Teams das Gelände zu erkunden und diverse Aufgaben zu bewältigen. Das Event diente aber primär dem Kennenlernen der anderen und so habe ich bereits Bekanntschaft mit Studenten der verschiedensten Fachschaften gemacht. Wirtschaftsinformatiker entpuppten sich jedoch als seltene Spezies, die kaum anzutreffen war. Was gleich auffiel waren die wohl doch nicht ganz so unbegründeten Klischees. So sind die Informatiker vom Typ her alle sehr "nerdy" (hab' lange überlegt aber für dieses Adjektiv gibt es keine Äquivalenten auf Deutsch). Die coolsten auf dem Campus sind eindeutig die Physiker. Insgesamt liegt das Durchschnittsalter meiner Kommilitonen bei 19 Jahren. Ich gehöre also wirklich noch zu den ganz "kleinen", selbst unter den Erstsemestern.

Der Sonntag hielt für uns neue Herausforderungen bereit. Die Fachschaft hatte ein Scotland-Yard-Spiel im großen Stil organisiert. Das Münchner Liniennetz bildete das Spielfeld und auf diesem musste nun Mr. X gefangen werden. Der Montag startete gleich mit der Immatrikulationsfeier. Der Präsident zapfte ein Fass der [universitätseigenen] Brauerei an und schenkte Bier aus. Doch bei 12.000 Erstsemestern (Master & Bachelor) waren die Vorräte nach wenigen Minuten aufgebraucht. Doch statt zu meutern verhielten sich die Massen gesittet. Ich war auch in der Lage zum ersten Mal Wirtschaftsinformatikerinnen kennen zu lernen. Eine davon war sogar eine ehemalige Klassenkameradin von mir, was natürlich eine große Überraschung war.

Die Folgetage reihte sich Vorlesung an Vorlesung, was aber noch sehr entspannt war, da Tutorübungen etc. erst ab dieser Woche beginnen. Sonderlich anspruchsvoll sind die Studieninhalte noch nicht. In Eidi (Einführung in die Informatik) näherten wir uns Java an, die beiden Mathe-Vorlesungen überschneiden sich zur Zeit noch thematisch. Beide behandeln die Mengenlehre, wobei im Falle Himstedt die Vorlesung sehr flach gehalten wird, sodass auch die TUM-BWLer mitkommen (Auf dem Campus werden sie neckisch als das ‚schwächste Glied des TUM-Kaders‘ bezeichnet).

Am meisten überzeugte mich jedoch die Einführung in die Wirtschaftsinformatik, eine Vorlesung, die von Helmut Krcmar gehalten wird. Er ist ein rhetorisch begabter, charismatischer Professor, der lebhaft mit starkem Praxisbezug und greifbaren Beispielen die Vorlesung sehr ansprechend gestaltet. Hier blieb bei mir mit Abstand am meisten hängen und ich wurde dazu verleitet, mich verstärkt für das Studium zu begeistern. Schließlich handelt es sich hierbei auch um das namensgebende Fach des Studiengangs und es tröstet mich darüber hinweg, dass das erste Semester mit Wirtschaftsinhalten geizt, da meine übrigen Fächer ja wie bereits erwähnt nur Themen der Mathematik und Informatik behandeln.

Auch wenn Ich noch nicht genug Vorlesungen hatte, um mir ein Urteil zu bilden, bin ich dennoch zu folgenden Schlüssen gekommen: 
  • Rein von der Infrastruktur her war die TUM als Uni die beste Wahl. Die Stadt München bietet aber auch ein gutes Fundament, um ihr ästhetisches Antlitz wirken zu lassen.
  • Ich weiß zwar noch nicht 100%ig, ob meine Wahl des Studienfachs die richtige war, aber ich bin fest überzeugt, dass die reine Informatik das garantiert nicht gewesen wäre.
Allein zu leben gefällt mir enorm, eine neue Form der Selbständigkeit, nach der ich mich immer gesehnt habe. Auch wenn meine aktuellen Wohnverhältnisse nicht wirklich zufriedenstellend sind, wird das durch die Tatsache, dass ich nun einen Single-Haushalt führe, mehr als wett gemacht und mit ein bisschen Glück finde ich zeitnah eine besser Wohnung für den sozialen Aufstieg. Man merkt, dass ein neues Kapitel, eine neue Ära angebrochen ist. Das Studium hebt sich deutlich von der Schule ab. Rückblickend kommt es mir vor, als wäre Ich Tübingen schon vor Jahren entflohen.

Das Klima an der Uni sagt mir deutlich mehr zu als das tendenziell eher aggressive Klima der Schule, wo es teilweise noch bis zur 10ten Klasse galt sich zu profilieren, wo 7t-Klässler Mitschüler aus der Klasse mobbten und in der 9ten der Wert einer Person noch durch Klamotten bestimmt wurde. All das ist an der Uni undenkbar. Derart primitives Gedankengut geistert weder durch Garching noch durch die Arcisstraße. Die Menschen sind kontaktfreudig und aufgeschlossen, und es ist auch mal erfrischend von Leuten umgeben zu sein, die einen Hund von einer Katze unterscheiden können. Es hat sich etwas etabliert, das selten auf dem Schulhof und noch seltener bei der BILD anzutreffen ist ... Niveau. Zusammenfassend kann man meine aktuelle Verfassung als glücklich bezeichnen, und ich bin zuversichtlich, dass das so bleibt.

Vorlesungsübersicht

Vorher hatte mein Enkel mir schon die Liste seiner Vorlesungen geschickt. Hier die Fächer mit den (aktuellen) Professoren: 
  •  Diskrete Strukturen - Bungartz, Hans-Joachim
  •  Mathematische Behandlung der Natur- und Wirtschaftswissenschaften - Himstedt, Frank
  •  Einführung in die Informatik - Brüggeman-Klein, Anne
  •  Einführung in die Wirtschaftsinformatik - Krcmar, Helmut
Bei allen Vorlesungen handelt es sich um Pflichtmodule. Da diese allein schon 31 Credits bilden, habe ich davon abgesehen, noch zusätzlich Wahlmodule zu belegen. Wie du sehen kannst, liegt dieses Semester ein starker Schwerpunkt auf Mathematik. Exakt 50% der Mathe-Einheiten, die ich während des GESAMTEN Studiums habe, fallen auf's erste Semester. Die BWL-Schwerpunkte werden erst ab dem 3ten Semester gesetzt. Begründet wurde dies damit, dass vorerst ein Grundfundament gebildet werden soll, welches bei allen Informatik-Studiengängen ähnlich ist. So teile ich mir bei diskreten Strukturen und der Einführung in die Informatik den Hörsaal mit sämtlichen Informatikstudenten, die die TUM zu bieten hat. So ein gleiches Fundament zeugt natürlich auch davon, dass ich die gleiche Ausbildung genießen werde wie reguläre Informatiker und somit auch als vollwertiger Informatiker wahrgenommen werden sollte. ;)

Ergänzungsfragen

Hier noch einige Ergänzungsfragen für den einschlägig interessierten Leser. Die Antworten illustrieren das Umfeld. Alle Vorlesungen des ersten Semesters sind in Garching. In späteren Semestern kommen Veranstaltungen im Bereich Arcisstraße/Gabelsberger Straße hinzu.

Bertal Dresen (BD): Welche wichtigen Veranstaltungen der Semester-Vorwoche entgingen Dir? Kannst Du sie nachholen?

Erstsemester-Student (ES): Mir entgingen die Vorkurse: Informationen zur Benutzung der TUM-Online-Plattform, dem Erstellen des Studienplanes etc. Dank meiner Kommilitonen und Internet-Tutorials der TUM (auf Homepage & Youtube) konnte ich aber aufholen und ins Studium "stolpern".

BD: Wie werden Eure Vorlesungen präsentiert (Tafelaufschrieb, Tageslichtprojektionen)? Benutzen die Professoren Mikrophone als Lautverstärker?

ES: Bei den Vorlesungen setzen die Professoren hauptsächlich auf Powerpoint-Präsentationen, welche sie über Beamer anzeigen. Anschließend werden die Folien auf Moodle hochgeladen. Dort können die Studenten mit ihrer TUM-Kennung zugreifen und sich die Unterlagen nachträglich ansehen. Bungartz greift als Einziger im Eifer des Gefechts auch mal auf die Tafel zurück. Diese kommt aber sonst nie zum Einsatz. Ein Mikrofon ist unerlässlich für die Professoren, egal ob es sich nun um einen 200- oder 700-Personen-Hörsaal handelt.

BD: Wie viele Zuhörer seid Ihr typischerweise pro Vorlesung? Werden Fragen gestellt und auch beantwortet?

ES: In den Vorlesungen sind die Professoren mit gigantischen Studentenmengen konfrontiert. In Vorlesungen wie die der Diskreten Strukturen oder Eidi reicht ein Hörsaal nicht aus, weshalb man sich im Interimshörsaal mit der Videoaufzeichnung aus dem "Haupt"-Hörsaal begnügen muss. Den beiden oben genannten Vorlesungen wohnen aber auch jedes Mal rund 1000 Studenten bei (Informatiker, Wirtschaftsinformatiker und Games Engineering-Studenten). Wenn man nun aber nicht gerade im Interimshörsaal sitzt (dort wird im Regelfall die Videoübertragung ausgestrahlt), ist es immer möglich Fragen zu stellen. Auf diese wird auch immer gründlich eingegangen. Meistens handelt es sich jedoch nur um Studenten, die den Prof verbessern und auf Fehler auf seinen Folien aufmerksam machen.

BD: Schreiben die Zuhörer in den Vorlesungen fleißig mit? Gibt es Skripten zu kaufen? Was kosten sie? Hast Du sie alle erworben?

ES:  Mit dem Mitschrieb verhält es sich durchwachsen. Es variiert mit dem Kommilitonen, mit denen man sich einen Hörsaal teilt. Kaum sind (reine) Informatiker anwesend, wird man regelrecht von den Massen an Laptopdisplays geblendet. Meistens verleitet der aufgeklappte Computer aber zum Daddeln, worunter der Mitschrieb natürlich leidet. In Vorlesungen für Wirtschaftsinformatiker & TUM-BWLer greifen die meisten auf den Schreibblock zurück. Notebooks sind hier selten.

BD: Ich verstehe, dass Übungen erst noch kommen. Wir können evtl. später auf sie eingehen. Welche Lehrbücher werden empfohlen? Kannst Du sie in der Bibliothek ausleihen? Wieviel kosten sie im Schnitt? Was wirst Du machen?

ES: Ich habe gleich zu Semesterbeginn der Bibliothek einen Besuch abgestattet und mir sämtliche Fachliteratur unter den Nagel gerissen. Während die dicken Wälzer bei mir wohl zunehmend verstauben werden, lassen sich Bücher wie das von Krcmar sehr angenehm lesen. In jedem Fach haben wir grob 4-5 Werke als unerlässliche Fachliteratur empfohlen bekommen.

BD: Wie weit ist die Mensa entfernt? Was kostet Dich das Mittagessen? Schmeckt es Dir? Gibt es zwischendurch Pausen-Snacks?

ES: Die Mensa ist eine klare Verbesserung zur Schulzeit. Das Essen ist abwechslungsreich und die Auswahl auch mehr als zufriedenstellend. Die Preise sind aufgrund von Subventionen auch sehr günstig. Neben der Mensa gibt es auch noch eine Cafeteria, das Stucafé, sowie mehrere Imbissbuden auf vier Rädern. Auswahl ist auf dem Campus in Garching in jedem Fall gegeben.

BD: Wie lange bist Du morgens und abends unterwegs? Wie ich weiß, kannst Du nicht die ganze Strecke per U-Bahn fahren. Wie kommst Du zur Uni?

ES: Mit dem Semesterticket kann ich problemlos zwischen Innenstadt und Forschungszentrum Garching pendeln. Im Durchschnitt fahre ich 30 Minuten  ̶  egal ob es sich nun um die Hinfahrt oder die Fahrt in Richtung Innenstadt handelt. Die U6 fährt zu jeder Zeit und in sehr kurzen Intervallen. Wartezeiten werden höchstens durch meinen Anschlussbus verursacht, der dafür aber praktisch direkt vor meiner Haustür hält.

BD: Vielen Dank für den interessanten Bericht! Ich wünsche Dir für Dein Studium viel Erfolg.

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Google oder Alphabet – welcher Name wird bleiben?

Google - Mythos oder Krake? – so hatte ich im April 2011 meine Vorstellung des Suchmaschinen-Giganten Google in diesem Blog überschrieben. Schon damals stand die Firma stark in der öffentlichen Kritik. Offensichtlich befindet sich Google in einem Aufholrennen, was seinen Ruf in der Öffentlichkeit betrifft, besonders in Europa. Fast könnte man meinen, dass dies der Grund sei, warum die Firma gerade ihren Namen ändert. Dies diene der stärkeren Fokussierung auf neue Geschäftsfelder – so die offizielle Begründung.

Anfang diesen Monats war der Technische Leiter von Google Deutschland, Wieland Holfelder, zusammen mit der saarländischen Ministerpräsidentin in deutschen Medien präsent. Beide verkündeten Googles Einstieg in die größte Forschungseinrichtung des Saarlands, das DFKI. Ebenfalls in diesem Monat erschien ein weiteres Buch über Google, und zwar aus der Hand eines deutschen Autors. Es stammt von dem SPIEGEL-Korrespondenten Thomas Schulz und hat den Titel Was Google wirklich will. Die beiden Ereignisse veranlassen mich dazu, das Thema Google mal wieder aufzugreifen.

DFKI und Google

Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) ist auf ähnlichen Gebieten tätig wie Google. Im früheren Blog-Eintrag wurden die Arbeitsgebiete Maschinelle Sprachübersetzung, Semantisches Suchen und Benutzeroberflächen vorgestellt. Die Zusammenarbeit bezog sich bisher auf einzelne Projekte. Jetzt erhielt Google den Rang eines Gesellschafters, neben 16 andern Partnern. Es ist anzunehmen, dass beide Seiten sich Vorteile versprechen. Auf den drei erwähnten Gebieten hat Google nicht nur Forschungs- sondern auch Produkterfahrung. Beide Partner haben auch großes Interesse, sich in neue Felder hineinzubewegen, denen ein großes Potential für die Zukunft beigemessen wird.

Wieland Holfelder hofft, dass die Ergebnisse des DFKI Eingang in Google-Produkte und Services finden. Wolfgang Wahlster, der Geschäftsführer des DFKI, erwartet mit Googles Hilfe Durchbrüche im Bürgerdialog, so dass frühzeitig eine breite Akzeptanz seiner Forschungsergebnisse in der Öffentlichkeit erreicht werden kann. Das DFKI hofft auch auf eine direkte Zusammenarbeit mit der Google-Forschung in den USA. So war z. B. Georg Heigold eine Weile in Saarbrücken, ein Pionier des Deep Learning (siehe unten). Schließlich erhofft sich Google eine bessere Presse, wenn es seine Kompetenz zum Nutzen der deutschen Wissenschaft einsetzt. Eine Anzahl ehemaliger DFKI-Mitarbeiter habe bisher schon eine Daueranstellung bei Google gefunden.

Googles Weg in die Zukunft

Vergleicht man den Umsatz und die Mitarbeiterzahlen mit denen von 2010, so haben sich beide verdoppelt. Durch den Kauf des Telefonherstellers Motorola gab es zwischendurch einen Wachstumssprung, der in der Tabelle nicht gezeigt ist. Im Geschäftsbericht 2014, aus dem die Zahlen stammen, heißt es: Die beiden Firmenkulturen erwiesen sich als unverträglich, so dass man sich wieder getrennt habe.



Das Buch von Schulz konzentriert sich auf die Zeit nach Mai 2011. Damals übernahm Larry Page die Geschäftsführung von Eric Schmidt. Page und sein Partner Sergey Brin hatten auf Anraten ihrer Investoren während der Anfangsjahre sich Schmidts Erfahrung zunutze gemacht. Sie hatten sich – wie es hieß – der Aufsicht Erwachsener (engl. adult supervision) unterstellt. Schmidt wurde anschließend Aufsichtsratsvorsitzender.

Seit Page Regie führt, besteht der Eindruck, dass sich Google wieder stärker bewegt. Es werden ambitioniertere Projekte in Angriff genommen als vorher. Diese werden intern auch Mondschüsse (engl. moonshots) genannt. Zunächst ein paar Bemerkungen zum Kerngeschäft, der Suche (engl. search). Es ist die Milchkuh, die noch eine Weile für den größten Teil des Umsatzes verantwortlich ist. Von 2013 auf 2014 fiel er lediglich vom 91 auf 89%. Während der ursprüngliche Erfolg von Google auf dem genialen Ranking-Konzept beruhte, spielt das wissensbasierte Suchen heute eine immer größere Rolle. Die Grundlage dafür bildet eine Datenbank, ‚Knowledge graph‘ genannt. Sie enthält rund 50 Mrd. Beziehungen zwischen 600 Mio. Objekten. Mit ihrer Hilfe werden Synonyme gefunden sowie Vervollständigungen und Korrekturen durchgeführt. Google erhält heute etwa 100 Mrd. Anfragen pro Monat. Es werden etwa 1000 Verbesserungen pro Jahr angebracht.

Wie in meinem Beitrag über Kartografie ausgeführt, ist Google (Google Maps) zu einem wichtigen Mitspieler geworden, was die kartografische Erfassung der Erde betrifft. Für viele Weltgegenden liefert Google heute die besten oder gar die einzigen Karten. Durch eigene Aufnahmen im Rahmen von Streetview werden vor allem Stadtkarten laufend ergänzt und verfeinert. Als großer Erfolg muss auch die maschinelle Sprachübersetzung (Google Translate) angesehen werden. Der Dienst hat 500 Mio. Nutzer, die eine Mrd. Übersetzungen pro Tag durchführen. Nach dem Vorbild von Verbmobil, einem früheren DFKI-Projekt, übersetzt das Programm in Echtzeit gesprochene französische Eingabe in Russisch. Es fotografiert Texte an einem japanischen Bahnhof und übersetzt sie auf dem Smartphone in Englisch. Wolfgang Wahlster bemerkte in der oben erwähnten Pressekonferenz: „Google Translate arbeitet bereits mit Algorithmen, die in einem DFKI-Projekt entwickelt wurden. Darauf sind wir sehr stolz”.

Zwei Akquisitionen, die Google vor einiger Zeit machte, scheinen sich langsam auszuzahlen. Mittels YouTube werden immer mehr Videos ins Netz gestellt. Auch werden sie zunehmend für Werbezwecke erschlossen. Das kostenlose Betriebssystem Android hat inzwischen nahezu 80% des Handymarkts erobert, da Apple sein Betriebssystem iOS nur auf Apple-Hardware anbietet. Das erinnert an die Situation, in der sich IBM mit OS/2 einst gegenüber Microsoft befand. Die Übernahme der Firma Nest, deren Spezialität die Automatisierung von Hauseinrichtungen (z.B. Thermostaten) ist, gilt vielen Leuten als warnendes Beispiel, welchen Einfluss auf unser Privatleben Google in Zukunft nehmen kann.

Von den Mondschüssen, an denen noch gearbeitet wird, ist wohl das selbstfahrende Auto (Google Car) am bekanntesten. Auf Kaliforniens Straßen haben Robo-Autos bereits einige 100.000 Meilen zurückgelegt. Ihr Ziel ist es, die Zahl von Verkehrstoten zu reduzieren und die Zeit, die Menschen im Verkehr verbringen, für andere Tätigkeiten freizumachen. Da auch die Zahl der Autos insgesamt reduziert werden kann, ist die klassische Autoindustrie inzwischen aufgewacht. Es gibt keinen Tag mehr, wo nicht auch europäische Autohersteller über gleichartige Projekte berichten. Im Grunde hat Google die ganze Industrie herausgefordert. Bosch, Daimler und Siemens planen entweder Kooperationen oder Eigenentwicklungen nicht nur für Autos, sondern auch für Waschmaschinen und Kühlschränke. Das Stichwort heißt Internet der Dinge.

Google hat sich zum Ziel gesetzt, das Internet für fünf Mrd. Erdenbewohner zugänglich zu machen. Hierfür wird mit Ballons experimentiert, die in die Stratosphäre aufsteigen (Projekt Loon) und als Sendestationen für ein Hochgeschwindigkeitsnetz (50 Mbit/s) dienen sollen. Außerdem wird mit Mini-Satelliten, Drohnen und humanoiden Robotern experimentiert. Fliegende Turbinen sollen für die Stromerzeugung eingesetzt werden. Sicherlich werden nicht alle Mondschüsse zum Erfolg führen. So muss man wohl Google Glass, eine in eine Brille eingebaute Kamera, in die lange Reihe der Flops einordnen. Viel Beachtung fand eine Projekt (Google Brain) bei dem versucht wurde, mit Tausenden von Rechnern YouTube-Filme zu verarbeiten, um daraus selbständig zu lernen. Das dabei verwandte Verfahren heißt Deep learning. Dabei werden künstliche neuronale Netze zu Ebenen angeordnet, die immer komplexere Merkmale verwenden, um den Inhalt eines Bilds zu erkennen. So lassen sich große Datenbestände in Kategorien einteilen. Wie Nicola Jones im Spektrum der Wissenschaft berichtete, lernte das System ohne fremde Hilfe drei Kategorien zu unterscheiden, menschliche Körper, Gesichter und Katzen.

Google-Mitarbeiter deutscher oder österreichischer Herkunft

Schulz hatte Gelegenheit während der Recherche für das Buch mit mehreren deutschsprachigen Mitarbeitern in Googles Hauptsitz in Mountain View zu sprechen. Ich liste im Folgenden die Namen mit einem kurzen Kommentar.
  •  Sebastian Thrun: Stammt aus Solingen, hat in Bielefeld in Informatik promoviert. Hat als Professor für KI in Stanford mit seiner Gruppe den DARPA Grand Challenge gewonnen; wurde dann bei Google mit der Entwicklung des Google Car betraut. Inzwischen ist er Geschäftsführer von Udacity, einem MOOC-Anbieter.
  •  Franz Josef Och: Stammt aus Franken; hat in Erlangen Informatik studiert und in Aachen (bei Hermann Ney) promoviert. Er leitete die Abteilung Machine Translation bei Google. Dort befasste er sich mit statistischen Methoden der maschinellen Übersetzung, der Verarbeitung natürlicher Sprache und Verfahren des maschinellen Lernens. Er ist inzwischen für Craig Venter tätig.
  •  Andreas Wendel: Er hat in Graz studiert. Sein Spezialgebiet ist Computer Vision. In seiner Dissertation ließ er Drohnen im Wald fliegen. Seit August 2013 arbeitet er am Google Car.
  •  Christian Plagemann: Hat in Freiburg in Informatik promoviert; war am KI-Labor in Stanford. Befasst sich bei Google Research mit Virtual Reality, Motion Tracking und Physical Interaction (Project Cardboard).
  •  Frederik Pferdt: Er stammt aus Ravensburg und ist promovierter Wirtschaftspädagoge. Er lebt seit 2011 in den USA und leitet bei Google das ‚Innovation & Creativity Program‘. Er fährt einen Ford Mustang.
  •  Hartmut Neven: Er kommt aus Aachen und promovierte an der Ruhr Universität in Bochum, unter Christoph von der Malsburg in Neuroinformatik; war Assistenz-Professor an der University of Southern California (USC). Gründete zwei Startups, die Computer Vision betrieben. Seine Firma (Eyematic) wurde 2006 von Google aufgekauft; er leitete das Google Glass Project. Zurzeit leitet er das Quantencomputer-Projekt von Google (D-Wave).
  •  Daniel Holle: Er hat in Regensburg in VWL promoviert; arbeitet an Android Auto, dem sprachgesteuerten Bordunterhaltungssystem von Google.
  •  Gerhard Eschelbeck: Er hat in Linz promoviert; ist bei Google für Datensicherheit verantwortlich.
  •  Niels Provos: Studierte Mathematik in Hamburg; promovierte an der University of Michigan; forscht bei Google in Systemsicherheit und Kryptografie.
Das sind lediglich Einzelne unter den 50.000 Mitarbeitern der Firma und besagt an sich wenig über ihren Einfluss. Alle seien besorgt gewesen über das Image, das Google in Deutschland besitzt. Vermutlich waren die Interviews Teil einer gezielten Gegen-Kampagne.

Widerstände, besonders in Europa

Mit keinem Unternehmen befassen sich die Europäische Kommission und das Europäische Parlament mehr als mit Google. Der Grund ist, dass viele Bürger ihre Grundrechte bedroht und viele Verleger ihre Geschäftsgrundlage in Gefahr sehen. Der Europäische Gerichtshof hat letztes Jahr ein richtungsweisendes Urteil gefällt, nämlich dass Bürger von Firmen wie Google verlangen können, dass sie persönliche Daten auf Antrag löschen müssen (auch als Recht auf Vergessen bezeichnet). Inzwischen seien über 200.000 Anträge eingegangen, von denen 40% stattgegeben wurden.

Auf Drängen deutscher Verleger hat der Deutsche Bundestag ein so genanntes Leistungsschutzrecht verabschiedet, das Verlage an den Werbeumsätzen von Google beteiligen soll, die durch den Nachweis ihrer Produkte entstehen. Mathias Döpfner, der Geschäftsführer des Axel Springer Verlags äußerte öffentlich seine Kritik an Google und Politiker wie Sigmar Gabriel forderten sogar eine Zerschlagung des Konzerns. Die EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager will Google wegen seines Preisvergleichsdienstes verklagen. Die amerikanische Wettbewerbsbehörde FTC hatte Untersuchungen gegen Google aufgenommen, die inzwischen aber wieder eingestellt wurden.

Google verteidigt sich im Wesentlichen mit dem Argument, dass in unserer Branche  Netzwerkeffekte eine große Rolle spielen und dass der technische Fortschritt laufend den Markt verändert. Monopole haben oft dazu geführt, dass die Preise fielen. Einst dominierende Firmen wurden von der technischen Entwicklung nach 5-10 Jahren überrollt. In seinen jährlichen Geschäftsberichten listet Google eine Unzahl von Risiken, so dass kein Investor sagen kann, er sei nicht gewarnt worden. Über die Hälfte des Umsatzes (57%) wird im Ausland erwirtschaftet. Googles Anteil am Suchgeschäft ist in Deutschland über 90%; in den USA sind es nur etwa 70%. Im Gefolge der Namensänderung werden alle mit dem Suchen zusammenhängenden Tätigkeitsgebiete den alten Namen behalten.

Bewertung und Ausblick

Den Erfolg Googles kann heute bekanntlich jeder erklären, vorhergesehen hat ihn niemand. Viele Menschen misstrauen dem Versprechen der Weltverbesserung, da sie nicht gewohnt sind, dass Ingenieure oder Informatiker als Leiter großer amerikanischer Unternehmen auftreten. Wie im ganzen Silicon Valley so scheint auch bei Google Hippie-Denken und Kapitalismus eine Verbindung eingegangen zu sein. Dazu gesellen sich Fortschrittsglaube und Techno-Optimismus.

Schulz hält Google für ambitionierter und klüger als die meisten anderen IT-Firmen im Silicon Valley. Im Falle von Sergey Brin, den ich persönlich kennen lernte, kann ich das hohe Maß an fachlicher Kompetenz bestätigen. Page redet nicht nur davon, er scheint auch willens zu sein, die Zukunft mitzugestalten. Risikobereitschaft und Schnelligkeit sind dafür unverzichtbar. Bei Google gehen pro Jahr etwa drei Millionen Bewerbungen aus der ganzen Welt ein, hauptsächlich von Informatikern und Ingenieuren. Ich kenne keine zweite Firma, die eine vergleichbare Attraktivität besitzt.