Mittwoch, 26. April 2017

Büßt die Wissenschaft ihren Nimbus ein?

Donald Trump hat auch das geschafft. Wissenschaftler sind auf einmal nicht mehr die unbestrittenen Lieblinge unserer Gesellschaft, die Stars. Auf Schauspieler und Sportkanonen schaute man stets gönnerhaft herab. Lasst doch das dumme Volk sie verehren und ihnen nachahmen. Ihr Ansehen und ihre Geltung sind ja nur ephemer, also ohne bleibende Bedeutung. Die wahren Stars, ja die Volksheiligen unserer Tage, das sind und bleiben doch wohl die Wissenschaftler. 

Manche hatten schon leise Zweifel, ob man jeden Musiktheoretiker und Ameisenforscher wirklich mit staatlichen Fördergeldern aushalten müsste – wo doch Millionen Kinder verhungern. Jetzt wird die Diskussion plötzlich auf eine ganz andere Ebene gehoben. Nicht nur vor seiner Wahl, auch danach, sagt der Präsident der USA, dass die Klimakatastrophe eine Masche von Wissenschaftlern (und von Chinesen) sei – nur dazu erfunden, um der amerikanischen Wirtschaft zu schaden. Auch auf Ozeanographie, Entwicklungshilfe und ähnliches Zeug könnte man verzichten.

Weltweite Gegenreaktion

Auch wenn viele Leute meinen, dass Trump bereits mehr Aufmerksamkeit bekommt als er verdient, so gibt es doch anscheinend weltweit Tausende, die ihn ernst nehmen. Er macht sie zumindest besorgt und lockt sie hinter dem Ofen hervor. Inzwischen demonstrieren nämlich in Washington und auch bei uns die Wissenschaftler auf der Straße. ‚Science March‘ nennt sich das Ganze. ‚Marsch gegen die Ignoranz‘ heißt es auf Deutsch. Die Süddeutsche Zeitung berichtete ausführlich darüber.

Als nach Trumps Einzug ins Weiße Haus plötzlich wichtige Informationen zum Klimawandel von den Webseiten der Regierung verschwanden, als Wissenschaftler aufgrund ihrer Herkunft nicht mehr in die USA einreisen konnten und Lügen zu "alternativen Fakten" deklariert wurden, entstand in den sozialen Netzwerken die Initiative zum Science March. Binnen weniger Tage ging die Idee um die Welt und erreichte auch Berlin, wo sich eine kleine Gruppe von jungen Forschern, Studenten und Nichtwissenschaftlern zusammentat, um auch in der deutschen Hauptstadt einen Marsch für die Wissenschaft zu organisieren. Zunächst ohne allzu große Erwartungen an die Resonanz. …1000 Mitmarschierer, das ist die Zahl, die sich das Organisationsteam als gutes Ergebnis erhofft. Kurz vor Beginn des Marsches, als Ludwig Kronthaler, der Vizepräsident der Humboldt-Universität eine der ersten Reden dieses Tages hält, wird allerdings klar: Es sind mehr als 1000 gekommen. Viel mehr. Im Ehrenhof der Hochschule beschwört Kronthaler die Grundwerte der Wissenschaft: Freiheit    ̶  und eine auf Wahrheit ausgerichtete Suche nach Erkenntnis.

Es sollen in Berlin nahezu 10.000 Teilnehmer gewesen sein. In Stuttgart waren die Zahlen wesentlich bescheidener. Nach Angaben der Organisatoren waren 400 Teilnehmer erschienen. Die Polizei sprach von 250 Demonstranten. In Heidelberg waren es mindestens 1.000, in Tübingen mindestens 1.500, in Freiburg laut Polizei rund 2.500 Menschen. In Heidelberg, Tübingen und Freiburg sind von Geisteswissenschaftlern bestimmte Hochschulen. In Stuttgart ist eine primär technische Universität.

Nachdenkliches

Martin Stratmann, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, schrieb dieser Tage ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung einen etwas selbstkritischen Beitrag. Er bedauerte, dass es so weit gekommen ist. Seine klügsten Sätze stehen am Schluss:

Es reicht nicht aus, dass wir wissenschaftliche Erkenntnisse in Fachzeitschriften publizieren. Wir müssen die Menschen auch überzeugen, dass diese Erkenntnisse wirklich wertvoll sind, dass sie einen Beitrag leisten können zur Lösung vieler Probleme. Wissenschaft muss sich erklären, aber sie darf nicht mit akademischer Überheblichkeit belehren.

Ich habe in diesem Blog schon des Öftern in dieselbe Kerbe gehauen. Ja, nicht alle Wissenschaftler verhalten sich so, wie man es von ihnen erwartet. Das ist auch bei Ingenieuren, Ärzten, Pfarrern und Politikern so. Man darf einen Beruf nicht mit den zufällig bekannten Berufsträgern gleichsetzen. Die Versuchung, genau dies zu tun, ist immer wieder da.

Die teils traurige, teils hoffnungsvolle Antwort auf alle Kritik ist immer wieder: Wir Menschen haben leider nichts Besseres als die Wissenschaft, wenn es darum geht, kniffelige Fragen oder ernsthafte Probleme zu untersuchen! Frühere Zeiten waren nicht besser dran, nur großzügiger. Sie gaben sich mit weniger zufrieden. Dass ich Wissenschaft mit dem Englischen ‚science‘ gleichsetze, liegt auf der Hand. Von ‚humanities‘ ist im Moment nicht die Rede.

Über die Rangfolge von Werten und Zielen

Wenn immer man Dinge oder Tätigkeiten priorisieren muss, ist es sinnvoll sich über die Relation von Werten und Zielen Gedanken zu machen. Das ist an sich das Terrain von Philosophen. Als Ingenieur habe ich mir für den Hausgebrauch eine absteigende Liste möglicher Werte und Ziele zurechtgelegt. Sie ist noch verbesserbar.


Mögliche Skala menschlicher Werte und Ziele

Wenn und wo immer Mittel und Zeit beschränkt sind, muss priorisiert werden. Nur im Traum und der Mathematik ist dies unnötig. Bildet man eine Rangordnung von Werten und Zielen, heißt das nicht, dass ein absoluter Vorrang besteht. Nicht jeder Wert der Skala muss erschöpfend bedient sein, bzw. jedes Ziel dauernd angesteuert werden, ehe andere in Betracht kommen. Es werden Präferenzen im statistischen Sinne verteilt. Das zuerst genannte Ziel muss deutlich die meisten Treffer erhalten. Die Ziele am Schluss dürfen auch leer ausgehen.

Für die anstehende Diskussion möchte ich darauf hinweisen, dass es Mitbürger zu geben scheint, die diese Liste von unten angehen. Auch einige, die sich Wissenschaftler nennen, gehören dazu. Es ist die scheinbare Umdrehung der Werteskala, die einen stört.

Eine Reaktion aus dem Kollegenkreis

Kaum hatte ich einige meiner Kollegen auf Stratmanns Artikel hingewiesen, schrieb mir einer von ihnen eine etwas aufrüttelnde Mail.

Es freut mich, dass gerade Herr Stratmann als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft so etwas schreibt. Wir haben aktuell leider den Trend, dass universitäre Forschung nur noch nach Publikationen bewertet wird. "Publish or perish" hat dazu geführt, dass mehr publiziert und weniger erklärt wird. Große traditionelle Konferenzen in unseren Gebiet wie die IEEE ICSE sind inzwischen zu reinen Publikationsinstrumenten verkommen. Viele Disziplinen leben in ihrer Blase, wo man sich gegenseitig zitiert und fördert   ̶  ohne gesellschaftlichen Nutzen. Erklärbar ist die Flut der Veröffentlichungen nur noch als Selbstbeschäftigung einer Kaste. Das hat gravierende gesellschaftliche Folgen:
  1. Die Industrie muss Technologietransfer selbst gestalten, da sich die universitäre Forschung selbst beschäftigt
  2. Die Studenten sind zunehmend abgekoppelt, da viele Professoren keinen Realitätsbezug mehr haben
  3. Unsere Gesellschaft sieht keinen Nutzen mehr in der Wissenschaft
  4. Politiker und Führungskräfte verlieren das Vertrauen in wissenschaftliche Ergebnisse
  5. Und als Fazit, dass sich Universitäten derzeit gesellschaftlich ins Abseits manövrieren.
Es ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, dass beispielsweise ein Präsident Trump die Klimaforschung nicht ernst nimmt. Ein Tag der Wissenschaft und Sonntagsreden werden daran wenig ändern. Wir müssen wissenschaftliche Ergebnisse wieder stärker am Bedarf orientieren  ̶  nicht an der Zahl der Veröffentlichungen. Das ist Bringschuld der Hochschulen, und ich bin gespannt, ob sie die Krise rechtzeitig erkennen.

Aufruf zur Diskussion

Die in dieser Mail ausgedrückte recht kritische Meinung mag auf den ersten Blick reichlich pauschal erscheinen. Dennoch ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch ich hatte immer wieder das Gefühl, dass bei uns einige Dinge nicht besonders gut laufen. Ich komme mir, seit ich dies gelesen habe, nicht mehr so ganz einsam vor. Mit meiner Voreingenommenheit für die berufliche Praxis bin ich fast immer ein Exote, vor allem wenn ich mir die in der GI so überstark vertretenen Kolleginnen und Kollegen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen anhöre.

Ich handle vermutlich ganz im Sinne des Kollegen, wenn ich hiermit eine Diskussion darüber anstoße, ob es derartige kritische Einstellungen auch bei uns gibt, oder ob es sich nur um ein amerikanisches Phänomen handelt. Bei technischen Errungenschaften und sozialen Verwerfungen sind Amis uns bekanntlich oft fünf Jahre voraus. Eine vertiefende Diskussion könnte auch in Deutschland nützlich sein. Sie vernünftig zu führen verlangt ein gewisses Maß an Vertrauen, Taktgefühl und gegenseitigem Verständnis.

Mittwoch, 19. April 2017

Europas politischer Wandlungsprozess

Es gehört zu den Aussagen weltkluger Zeitgenossen, dass ‚nichts so beständig ist wie der Wandel‘. Der Spruch soll uralt sein und auf Heraklit von Ephesus (etwa 540 - 480 v. Chr.) zurückgehen. Er gilt auch – und insbesondere – für die politische Landschaft Europas. Ich greife einige aktuelle Themen heraus.

Frankreich: Präsidentschaftswahlen

Den folgenden fünf von elf Kandidaten werden Chancen eingeräumt in die Stichwahl zu kommen. Meinungsforscher sehen entsprechende Zahlen voraus (in % der erwarteten Stimmen). [Daneben steht das Ergebnis des ersten Wahlgangs]
                                                                         Umfrage [Wahl]


Als Favoriten gelten Emmanuel Macron und Marine Le Pen. Bemerkenswert ist, dass die bisher führenden Parteien (Sozialsten, Republikaner) mit ihren Kandidaten als abgeschlagen gelten. Mélenchon, ein Außenseiter, kann für eine Überraschung sorgen. Er vertritt das ‚aufsässige‘ Frankreich. Alle Hoffnungen des Auslands liegen auf Macron. Schafft er wenigstens den zweiten Platz hinter Marine Le Pen, kann er die pro-europäischen Stimmen aus den anderen Parteien hinter sich vereinigen. Schafft er es nicht, hat die Europa-Bewegung einen weiteren Tiefschlag erlitten, noch katastrophaler als das Brexit-Votum vor einen Jahr.  Am Sonntagabend werden wir Genaueres wissen. [Ich werde dann einen Nachtrag zu diesem Blog-Eintrag schreiben müssen]

England: Vorgezogene Parlamentswahl

Für alle Beobachter überraschend hat Premierministerin Theresa May für den 8. Juni Neuwahlen angesetzt. Sie hatte sie bisher immer ausdrücklich ausgeschlossen. Jetzt rätselt man, was zu dem Sinneswandel führte. Als Grund führt May an, dass die Opposition, also Labour, sie dazu brachte. Sie möchte verhindern, dass man ihre Verhandlungen mit Brüssel beeinträchtigt. Kenner der konservativen Partei (Tories) meinen, dass es ihr darum geht, sich gegenüber einer Gruppe von Befürwortern eines harten Brexits mehr Beinfreiheit zu verschaffen. Was auch immer? Es lohnt sich wirklich nicht, über die Kapriolen englischer Politik nachzudenken.

Es wird bestimmt nicht zu der von einigen Europäern erhofften Korrektur des Referendums kommen. Vor einem Jahr hieß es, das Ergebnis des Referendums wäre anders gewesen, hätten mehr junge Leute, Londoner, Akademiker, Geschäftsleute und Künstler an der Abstimmung teilgenommen. Da keine der beiden politischen Parteien Englands diese inhomogene Klientel unterstützt, wird deren Interesse auch bei dieser Wahl keine Rolle spielen. Dass Schottland oder Nordirland für eine Rückkehr zur EU kämpfen werden, ist unwahrscheinlich. Denen ist London näher und wichtiger als Brüssel (und der gesamte Kontinent).

Niederlande: Liberale vor Nationalisten

Bei der Wahl im März hat Mark Rutte mit seinen Liberalen (VVD) knapp vor Geert Wilders und den Rechten (PVV) gewonnen. Europa atmete auf. Rutte hatte kurz vor der Wahl mit einem offenen Brief an alle Holländer an den liberalen Grundsätzen der holländischen Gesellschaft gerüttelt. ‚Verhalte Dich normal oder verzieh Dich!' so schrieb er. Was er unter ‚normalem Verhalten‘ verstand, ließ er offen. Damit hatte er sich in die Nähe von Wilders bewegt. Wie weit andere europäische Politiker diese Methode nachahmen werden, wird sich zeigen. Es kommt darauf an, wer sich von Rechten bedroht fühlt.

Deutschland: Wahlkämpfe in Ländern und im Bund

Die Wahl im Saarland wird wohl schnell vergessen werden. Die Wahl im Mai in NRW wird eher zur Testwahl für die Bundestagswahl im Herbst werden. Wegen der guten Ausgangssituation der SPD ist mit einer Bestätigung ihrer Erfolge zu rechnen. Das Fragezeichen hängt über den Grünen. Sollten diese nicht mehr in den Landtag kommen, muss sich die SPD nach einem neuen Partner umsehen. Vermutlich wird dann Christian Lindner und die FDP die erste Wahl sein.

Da die CSU nicht länger als ein Verstärker des Gesamtgewichts der Union im Bund angesehen werden kann, können im September in Berlin durchaus Zahlen entstehen, die denen von Düsseldorf sehr ähneln. Ob dies die CSU zum Umdenken bringt, ist fraglich. Sollte es erfolgen, wird der Zeitpunkt derart spät sein, dass der Effekt sich nicht mehr auswirkt.

Welche Rolle die AfD bei zukünftigen Wahlen spielen wird, ist im Moment reichlich offen. Wie von andern Ein-Thema-Parteien, wie etwa den Piraten, vorgemacht, schaffen diese es oft gerade vor wichtigen Wahlen ihre Grabenkämpfe auf die Spitze zu treiben. Teilt sich eine Partei mit einem Stimmenanteil von 8% vor einer Wahl auf, besiegelt sie damit meist ihren Untergang. Sollte diese Partei sich zerfleischen, werden unsere Politiker auf solche taktischen Maßnahmen verzichten können, wie sie Mark Rutte anwandte.

Übriges Europa

Auf die Entwicklungen in allen Ländern der EU einzugehen, will ich mir ersparen. Natürlich geben Ungarn und Polen weiterhin Veranlassung zur Sorge. Auch Griechenland ist noch lange nicht über den Berg.

Es ist mein Eindruck, dass die anstehenden Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich (UK) und der EU-Kommission bzw. dem EU-Rat (und den verbliebenen 27 Mitgliedstaaten) sehr viel Energie verbrauchen werden. Es werden deshalb viele andere Fragen in den Hintergrund treten. Dazu werden auch Probleme gehören, wie sie durch die drei genannten Staaten verursacht werden. Oder anders gesagt, die Sonderwünsche Englands werden alle andern Staaten dazu bringen, mehr an die gemeinsamen Interessen zu denken als an die eigenen Wünsche. Wenn sich dies außerdem im Bewusstsein der nationalen Politiker einprägt, wird die EU am Ende dem UK dafür dankbar sein.

Nachtrag am 24.4.2007

Der erste Wahlgang am 23. April in Frankreich (s. oben) bestätigte die Reihenfolge der fünf Spitzenkandidaten. Der Unterschied zwischen den beiden erstplatzierten ist sehr gering. Le Pen hat gegenüber früher deutlich zugelegt. Der Sozialist Hamon schnitt mit 6% äußerst niedrig ab. Fillon und Hamon haben ihren Wählern noch am Wahltag empfohlen, ihre Stimme Macron zu geben. Der kann daher im zweiten Wahlgang am 7. Mai mit einer komfortablen Mehrheit rechnen.

Donnerstag, 6. April 2017

UNIX und IBM – einer Romanze erster Teil

Dass ich dieses Thema heute aufgreife, hängt damit zusammen, dass nachfolgender Text gerade als Teil eines historischen Rückblicks entstand. Es geht um die Zeit von 1983-1986, also vor rund 30 Jahren. Dennoch ist der Text verständlich, ja sogar teilweise lehrreich. Die darin dargestellten Umstände lassen erkennen, welchen Weg die Firma IBM und damit die ganze Branche inzwischen zurückgelegt hat.

Woher kam 1980 das Interesse für UNIX?

Die Idee der offenen und verteilten Systeme beherrschte schon seit Jahren die Fachdiskussion. Man stellte gerne den Gegensatz heraus zu proprietären und zentralen Systemen. Dabei wurde nicht selten sogar die Evolutionsgeschichte der Arten bemüht, die verteilten Systeme waren die Säugetiere, die zentralen Systeme die Dinosaurier. Neben den PCs war tatsächlich ein neuer Markt von sehr leistungsfähigen Arbeitsplatz-Rechnern (Work Stations) entstanden. Er wurde zunächst von Herstellern wie Apollo und Sun dominiert. Sie bauten ihre Software ausschließlich auf der UNIX-Basis. Bei diesen Arbeitsplatz-Rechnern waren Programm-Entwicklung und graphischer Entwurf (Computer Aided Design, CAD) die primären Anwendungen, um die es ging. IBM hatte dem lange nichts entgegenzusetzen, weder in Hardware noch in Software. Auf der Hardware-Seite kamen die Böblinger S/360-Rechner dem Bedarf am nächsten, bei der Software war es VM mit CMS. Es war außerdem nicht mehr zu übersehen, dass bezüglich der Entwicklung von neuen Werkzeugen und Anwendungen im UNIX-Markt die Musik spielte. IBM selbst hielt sich aus diesem Teil des Geschäfts (wo Firmen so schnell verschwinden, wie sie entstehen) heraus. Wir Böblinger wollten jedoch gerne die Anwendungen, die allerorts entstanden, auf unseren Rechnern haben.

Portierung einer Basis

Um in diesen Bereich so schnell wie möglich Fuß zu fassen, übernahmen wir daher eine UNIX-Implementierung von AT&T für das System/360, die schon mehrere Jahre intern bei AT&T in Benutzung war. Man braucht dieses System ja nur zu portieren, dachten wir, etwas was bekanntlich bei UNIX kein Problem ist. Das macht fast jeder Garagen-Betrieb, der gerade ein paar Chips zusammengebaut hat, um daraus einen Rechner zu machen. 

Unglücklicherweise lief diese Version unter TSS, dem Timesharing-Betriebssystem des Rechners System/360 Model 67, einem Fossil, das längst von IBM aus dem Verkehr gezogen war. Man hätte auf diese Komponente verzichten können, wenn man UNIX unter VM angeboten hätte. Das wolle der Vertrieb aber nicht. Es sollte ein alleinstehendes UNIX sein. Die UNIX-Freaks wollen nicht ein zweites Betriebssystem dazu lernen, hieß es, sondern einfach nur ihre Werkzeuge und Anwendungen nutzen.
Hier lernten wir wieder, dass ein Programm, das bei einem Kunden läuft, noch längst nicht die Ansprüche an verlässliche System-Software erfüllt. Wir erhielten mit dem Code gleichzeitig Listen von Hunderten von bekannten Problemen. Die Dokumentation stimmte nicht mehr mit dem Code überein und die Wartung setzte intime Systemkenntnisse voraus. Auch neuere Geräte, seien es Platten, Bänder, Drucker oder Datenstationen, kannte das System nicht. Die sogenannte Portierung wurde also eher zu einer Restaurierung und Verjüngung. Nachdem man akzeptiert hatte, dass dies mehr als nur 2-3 Mitarbeiterjahre kostete, gingen wir an die Arbeit. Das Projekt verlief natürlich nicht ohne Probleme. Diese ergaben sich notgedrungen, da es nicht leicht war, die vorhandene Produktbasis in Übereinstimmung zu bringen mit den Ansprüchen der Kunden und den eigenen technischen und wirtschaftlichen Anforderungen an ein solides Software-Produkt.  



Das Produkt war, wie in der Abbildung überspitzt dargestellt, für IBM nicht ganz leicht zu positionieren. Diejenigen Bereiche der Firma, die dieses Produkt für wichtig hielten,  überschütteten uns mit Forderungen bezüglich der Geräte oder Gerätefunktionen, die auch noch unterstützt werden sollten. Die es nicht für wichtig hielten, blockierten uns, indem sie die Software-Funktionen, für die sie verantwortlich waren, nur zögerlich bereitstellten oder anpassten. Ein sehr großer Teil unserer Bemühungen bezog sich nicht auf das UNIX-System im engeren Sinne, sondern auf jedwede Form von Hilfsprogrammen, die für die Verteilung, Installation und Wartung benötigt wurden. Ein Beispiel waren die Diagnostik-Programme, an die der technische Außendienst gewohnt war und auf die er nicht verzichten konnte, es sei denn wir hätten enorme Ausbildungs- und Wartungskosten in Kauf genommen. Die Ankündigung des Produkts versetzte IBM in die Lage, sich bei einigen Ausschreibungen im öffentlichen Bereich zu beteiligen, bei denen UNIX verlangt wurde. Bei den klassischen Vertriebsbereichen entstand die Notwendigkeit, das Produkt abzugrenzen gegenüber dem Einsatzbereich von traditionellen IBM-Produkten.  

Einige technische Schwierigkeiten

Welche technischen Schwierigkeiten sich für dieses Produkt ergaben, soll am Beispiel des Bildschirm-Anschlusses erläutert werden. Beim System/370 war es üblich, Endgeräte entweder über eine externe Steuereinheit (z.B. IBM 2750) oder über einen internen Anschluss (ICA) anzuschließen. Außerdem wurden die Daten zwischen Rechner und den klassischen IBM Bildschirmen (etwa vom Typ IBM 3270) grundsätzlich zeilenweise nach einem IBM-internen Protokoll übertragen. In der UNIX-Welt waren Datenstationen üblich, die im Byte-Mode betrieben wurden und dem Start/Stop-Protokoll genügten (sogenannte ASCII-Terminals). Der Byte-Mode bedeutet, dass jedes Zeichen einzeln an den Rechner übertragen wird. Daher ist das UNIX-System von Grund auf darauf ausgelegt, im Dialog mit Nutzern auf einzelne Zeichen zu reagieren. Wir benötigten also ASCII-Terminals und eine Kontrolleinheit, die im Start/Stop-Mode arbeitete. In der internen Entwicklung konnten wir für diesen Zweck ein anderes IBM/System vorschalten, um damit die Terminals zu betreiben, nämlich die Serie/1. Dieses System kostete zwar nur etwa ein Viertel unseres Systems, verlangte aber sehr viel Spezialkenntnisse, um seine Software zu betreiben. Auch gab es ein eigenes, allerdings nicht strategisches UNIX-System für die Serie/1, mit dem Kunden hätten auskommen können. Wir ließen deshalb eine eigene nicht freiprogrammierbare Box (IBM 7171) entwickeln, mittels der wir ASCII-Terminals im Start/Stop-Mode anschließen konnten.

Neuer Spieler im Block

Da dies der erste groß angekündigte Einstieg von IBM in den UNIX-Markt war, rief das Projekt eine Vielzahl bis dahin unbekannter Partner auf den Plan. War einer der Gründe, warum wir in UNIX einstiegen, leichter an Anwendungen zu kommen, so waren wir doch überrascht über die Art, wie dies geschah. Fast jede Woche erhielten wir einen Anruf von einer amerikanischen Software-Firma, die uns ein Werkzeug oder eine Anwendung anbot. Wir dürften sie haben, am liebsten gegen einen festen Preis, wir sollten aber dafür den weltweiten Vertrieb und vor allem die Wartung übernehmen. Sie als Fünf-Mann-Unternehmen seien dafür zu klein. Es gab aber auch mehrere Ereignisse, die bewiesen wie schwer es IBM in diesem Markt haben würde. Einige seien erwähnt.  

− Da wir nicht ganz so sicher waren, ob alle unsere Kunden mit der Programmiersprache C glücklich würden, versuchten wir auch einen COBOL-Übersetzer zu bekommen. Die zuständigen IBM-Gruppen gaben uns entweder aus Kapazitäts- oder aus Kompetenzgründen einen Korb. Wir gingen daraufhin zu einer externen Firma, die solche Produkte im UNIX- und dem beginnenden PC-Markt verkaufte. Die Verhandlungen mit dieser Firma liefen zunächst ganz gut, bis die Frage der Anzahl der Lizenzen aufkam. „Wie viele Tausend wollt ihr haben?“ fragte man. „Vielleicht 1200 oder 1400 Stück“ war unsere Antwort. „Wie bitte“, hieß es dann, „warum stehlt ihr uns eigentlich unsere Zeit? Wir dachten, es ginge auch bei Ihnen um eine Größenordnung, wie wir sie von PC- oder Arbeitsplatzrechnern gewohnt sind, also 20.000 aufwärts“. Wir kamen noch aus einer anderen Welt. 

− Es gab eine größere Ausschreibung für UNIX-Systeme im Verteidigungsbereich. Wir entschieden uns mitzubieten. Beim ersten Vergleich schnitten wir schlecht ab, lagen unter "ferner liefen", bekamen aber eine zweite Chance. Dafür erhielten wir die Anwendung (Benchmarks) des Kunden, um uns für einen "Best and Final"-Vergleich vorzubereiten. Wir setzten die besten Analytiker der Firma und die umfassendsten Messwerkzeuge ein, um alle Pfadlängen der Anwendung zu vermessen und anschließend zu verbessern. Das Ergebnis war, dass wir bei dem endgültigen Vergleich zwar bezüglich Funktion und Durchsatz die beste Lösung besaßen, insgesamt aber nur zweitbester Anbieter wurden. Die Preise für die IBM Lösung lagen wesentlich über denen eines Anbieters mit verteilten Mikroprozessoren, die er aus Standard-Komponenten zusammenbaute. Unsere Hardware kostete das Vielfache. 

− Um den akademischen Markt besser kennen zu lernen, überredeten wir eine amerikanische Universität, ihr bisheriges UNIX-System durch unser System zu ersetzen. Die Installation lief glatt und wir waren relativ schnell in Produktion. Plötzlich wurden wir von Hunderten von Fehlerberichten überschüttet. Selbst Mitarbeiter aus der Entwicklung vor Ort erreichten nicht, dass der Berg kleiner wurde. Die Mitarbeiter des Rechenzentrums und die Studenten der Universität berichteten weiter über Probleme. Auf die Frage, ob das alles Probleme seien, die nur bei unserem System aufträten, erhielten wir die Antwort: „Es sind auch die Probleme in UNIX dabei, die wir seit Jahren kennen. Nur machte es bei den früheren Herstellern wenig Sinn sie zu melden. Bei IBM stellen wir jedoch andere Anforderungen“. Kein Wunder, dass unser lokaler technischer Außendienst mit diesem System nicht viel zu tun haben wollte. 

Ernsthaftes Regierungsgeschäft

Bei dem erwähnten „Best and Final“ Test für IX/370 wurde mehrere Tage lang rund um die Uhr gearbeitet, um die Ansprüche des potentiellen Kunden zu erfüllen. Mehrere Mitarbeiter aus Böblingen waren vor Ort, die von zuhause aus Unterstützung bekamen. Dabei kam uns der Zeitunterschied zwischen Amerika und Deutschland entgegen. Trat in Houston abends ein Problem auf, hatte wir meistens keine Mühe am nächsten Morgen (amerikanischer Zeit) eine Lösung anzubieten. Obwohl der Auftrag nicht gewonnen wurde, erntete das Böblinger Team sehr viel Lob für seine technische Kompetenz. „Das hatten wir den Böblingern nicht zugetraut“ meinte bei der Abschlussbesprechung  der Vizepräsident der Federal Systems Division (FSD) von IBM, die den Kunden betreute.

Europäische Hochschulpartner

Das UNIX-Projekt eröffnete uns einige neue Möglichkeiten, mit europäischen Hochschulen zusammenzuarbeiten. Beispiele dafür waren die Universität Zürich (Prof. Lutz Richter) und die Universität Karlsruhe (Prof. Gerhard Goos). Eine weitere Kooperation ergab sich wesentlich später mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken (Prof. Wolfgang Wahlster). Alle drei Kooperationen wurden mit erheblichem gegenseitigem Nutzen durchgeführt. Voraussetzung dafür war, dass wir die jeweiligen Aufgaben im Rahmen eines aktuellen Projektes definierten und dass der Partner bereit war, unsere Leistungsmaßstäbe zu akzeptieren.

Erfahrungsbilanz

Bei den anderen Böblinger Software-Produkten hatte es sich um Produkte gehandelt, bei denen IBM Marktführer war und deren Einsatzbereich primär bei industriellen Kunden lag. Bei IX/370 befanden sich die typischen Kunden im Ausbildungs-, Forschungs- und Verteidigungsbereich. Wir gerieten an sie über Ausschreibungen. Dabei wurden oft sehr konkrete Forderungen gestellt, die wir erfüllen mussten, wollten wir uns an der Ausschreibung überhaupt beteiligen. Auf der anderen Seite war es jetzt möglich, auf eine Vielzahl im Markt vorhandener Programme und Komponenten zurückzugreifen, um die Wünsche eines Anwenders abzudecken. Wir bewegten uns von einem Entwickler, der sich vorwiegend um selbsterstellte Programme kümmerte, hin zu einem Integrator, der in der Lage sein musste, flexibel und schnell auf einzelne Anfragen und Aufträge zu reagieren. Als Teil des Projekts hatten wir mehr Unteraufträge an andere Firmen vergeben als je zuvor. Es waren über 20 Firmen. Für diese Aufgabe wurden eigentlich andere Kompetenzen gefordert als wir bisher benötigt hatten. 

Ein anderer wesentlicher Unterschied war, dass jetzt externe Gruppen bestimmten, welche Funktionen Teil des Systems werden mussten. So hatten wir uns z. B. gerade auf die UNIX-Version 5.2 eingeschossen, da brachte AT&T die Version 5.3 heraus. Mit 5.2 war von da ab kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Später wurde das Gesetz des Handelns von Normierungsgremien, Nutzergruppen oder einzelnen Mitbewerbern bestimmt. IBM, die in der Rolle des Marktführers groß geworden war, wurde zum Mitläufer, der nur noch reagieren konnte. Die bereitzuhaltende Entwicklungskapazität war nicht mehr nach oben zu begrenzen. In einem Labor, das noch mehrere andere Aufgaben hat, ist dies keine erfreuliche Situation. Kein Wunder, dass ein sehr angesehener IBM-Manager der alten Schule unsere UNIX-Verantwortung als „Krebs-Geschwür“ ansah, das man besser loswürde. Das taten wir dann bald auch. 

Fortsetzung der Geschichte

Ein anderes Labor der IBM, das in Austin, TX, ging das UNIX-Geschäft später mit speziell zugeschnittener Hardware an (RS/6000) und war erfolgreicher. Auch die späteren Böblinger LINUX-Aktivitäten liefen unter anderen Bedingungen ab.

Dienstag, 28. März 2017

Metternich und sein System im Spiegel der neueren Geschichtsforschung

Wer an Napoléon als den Veränderer Europas denkt, kann eigentlich nicht seinen großen Gegenspieler Metternich übersehen. Sein Bild schwankt allerdings in der Geschichte. Für die Bürger, aber erst recht für die Adligen meiner Heimat, war er eine der wichtigsten politischen Bezugspersonen, bevor wir von den Preußen ‚umerzogen‘ wurden. Anstatt für ihn wurden für den Preußen Bismarck überall im Rheinland Denkmäler errichtet, damit er als Lichtgestalt der Geschichte einen Platz in unserem Bewusstsein einnahm. Der Münchner Historiker Wolfram Siemann (*1946) legte im Jahre 2016 eine neue Biographie vor, die versucht das Bild etwas zurechtzurücken. Sie heißt Metternich  ̶  Stratege und Visionär und umfasst gedruckt etwa 940 Seiten.


Während Studienzeit um 1790

Siemann zeichnet Metternich als einen Kosmopoliten und Anhänger der alten Reichsordnung, der sich dagegen wehrte, dass ‚deutsch‘ als kleindeutsch definiert oder gar mit preußisch gleichgesetzt wurde. Eine der letzten großen Biographien Metternichs erschien 1926 von dem Österreicher Heinrich von Srbik (1878-1951). Er war später NSDAP-Mitglied und begeisterter Befürworter des Anschlusses an Deutschland. Nach ihm soll Metternich keinerlei Willen gezeigt haben, einem deutschen Kulturimperialismus Vorschub zu leisten. Außerdem habe er sich von jeglichem 'Germanisieren' distanziert und war für die Gleichberechtigung aller Nationalitäten innerhalb der österreichischen Monarchie. Nach diesem Vergleich konnte ich – als Rheinländer und Liberaler  ̶  nicht mehr widerstehen und musste das Buch lesen. Für mich hat es sich gelohnt. Im Folgenden gebe ich vor allem die Details wieder, die für mich neu und interessant waren.

Herkunft und Aufstieg der Familie

Die Familie ist seit der Merowigerzeit, also dem fünften Jahrhundert nach Chr., in der Kölner und Trierer Gegend nachgewiesen. Es wird teilweise sogar angenommen, sie sei römischen Ursprungs gewesen. Sie hat am Fuß der Burg Hemmerich den Ort Metternich gegründet und nannte sich später Herren zu Metternich. Metternich ist heute ein Ortsteil von Weilerswist und liegt etwa 30 km westlich von Bonn, auf halbem Wege nach Euskirchen. Der Kernbesitz der Familie lag im Tal der Swist, einem Lössgebiet zwischen Eifel und Ville.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ist die Stammesfolge der Hauptlinie für 14 Generationen nachgewiesen, beginnend mit einem Sibodo (ca. 1325 – ca. 1382), einem Lehensmann des Erzstifts Köln. Diese Linie führt drei Jakobsmuscheln im Wappen. Es gab mehrere, heute größtenteils ausgestorbene Nebenlinien, so die Burscheid (in Luxemburg), Niederberg, Chursdorf (in Hessen), Rodendorf (in Lothringen) und Müllerarck. Mit dem Erwerb der Winneburg und der Burg Beilstein, beide bei Cochem an der Mosel, verlegte die Stammlinie 1552 ihren Hauptsitz an die Untermosel und führte beide Burgnamen als Teil des Titels. Als Dank für die Unterstützung des Hauses Habsburg im 30-jährigen Krieg bzw. bei der nachfolgenden Kaiserwahl wurde die Familie 1635 zu Freiherrn und 1679 zu Grafen erhoben.

Zum Ansehen und Selbstbewusstsein des Hauses trug es bei, dass es drei kurfürstliche Erzbischöfe hervorgebracht hatte. Der einflussreichte von ihnen war Lothar, der Erzbischof von Trier (1599-1623). Später folgten Lothar Friedrich als Erzbischof  von Mainz (1673-1675), und Karl Heinrich, ebenfalls in Mainz (1679). Des Weiteren gab es über 100 geistliche Domherren in Trier, Köln und Mainz, die der Familie entstammten. Unter ihrem Einfluss wurde dafür gesorgt, dass das Familienvermögen nicht zersplittert wurde. Es wurde 1648 in eine unteilbare Stiftung (ein so genanntes Fideikommiss) überführt.

All dies verlieh den Familienmitgliedern ein hohes Maß an Unabhängigkeit und Selbstsicherheit. Man beanspruchte stets aus eigenem Recht zu leben, mit eigenem Besitz und eigener Herrschaft über Land und Leute. Auf ‚Parvenus‘, wie etwa Napoléon einer war, schaute man herab. Die Metternichs gaben sich einen sehr bezeichnenden Wappenspruch, nämlich 'Kraft im Recht'. [Mich erinnert dies unwillkürlich an ‚Kraft durch Freude‘!] Die drei Fundamente, auf denen alles ruhte, hießen Kaiser, Kirche, Familienstärke. Dank der expliziten Hilfe seiner geistlichen Mitglieder gelang es der Familie in den religiösen Wirren um den 30-jährigen Krieg herum ein vorher Protestanten gehörendes größeres Landgut in Böhmen zu erwerben. Schloss Königswart (tschechisch Kynzvart) wurde 1794, also nach der französischen Besetzung des linken Rheinufers, zur Zuflucht der Familie. Heute ist es ein Golfclub.



Gut Königswart

Eltern, Jugend und Ausbildung

Metternichs Vater, Franz Georg von Metternich (1746-1818), war Gesandter des Kaisers an den Höfen der Kurfürsten von Trier und Köln mit Sitz in Koblenz. In der Zeit von 1791-1794 war er ‚dirigierender Minister‘ für die österreichischen Niederlande in Brüssel. Die Mutter war eine Maria Beatrix von Kageneck. Vater und Mutter standen mit ihren Kindern stets in französisch-sprachlichem brieflichen Kontakt, wenn immer sie an getrennten Orten lebten.

Klemens Wenzel Lothar Nepomuk von Metternich (1773-1859) wurde im heute noch bestehenden Palais der Familie in Koblenz geboren. Der Trierer Bischof und Kurfürst Clemens Wenzeslaus von Sachsen wurde sein Taufpate. Er und sein jüngerer Bruder Josef wurden von zwei Hauslehrern im Sinne der Aufklärung unterrichtet. Einer von ihnen war der elsässische Protestant Johann Friedrich Simon. In Begleitung ihrer Hauslehrer gingen beide Brüder von 1788-1790 zum Studium nach Straßburg. Unter anderem belegte man Staatskunde bei dem Historiker Christoph Wilhelm von Koch. Von ihm stammt der Satz: ‚Die Geschichte ist eine Abfolge von Fortschritten und Täuschungen, von Aufklärung und Aberglauben‘. In Straßburg erlebte man Ende Juli 1789 die Erstürmung des Rathauses durch Revolutionäre, angeführt von Johann Friedrich Simon, der sich später in Paris den Jakobinern anschloss. [Übrigens wurde nach der Niederschlagung des Aufstands durch die Bürgerwehr am 23.7.1789 ein aus Mainz stammender Zimmergeselle gehängt, angeblich weil er 60 Louisdor bei der Rathausplünderung mitgenommen haben soll]

Überleben in einer Revolution, England-Erfahrung

Metternich wollte sein Studium an der Universität in Mainz fortsetzen, was aber durch den 1792 erfolgten Einmarsch französischer Revolutionstruppen unter General Custine verhindert wurde. Er ging deshalb vorübergehend zu seinem Vater nach Brüssel. Von dort aus verfolgte er, was in Mainz und anderswo ablief. Er las mit Interesse alle Schriften, welche die Mainzer Republikaner produzierten, so auch die von Georg Forster. Auch nahm er das vorschnelle Ende der Mainzer Republik zur Kenntnis, herbeigeführt durch den Einmarsch preußischer und hessischer Truppen und die darauffolgende Hinrichtung Custines auf der Guillotine in Paris.

Anstatt in Deutschland weiter zu studieren, bewog ihn sein Vater zunächst nach England zu gehen, wo er von März bis Juli 1794 blieb. Dieser (erste) Aufenthalt beeinflusste sein Weltbild derart, dass er immer wieder darauf Bezug nahm, bis an sein Lebensende. Unter anderem hatte er die Schriften von Edmund Burke (1729-1797) genau studiert. Vor allem dessen Buch 'Reflections on the French Revolution' von 1790 hatte es ihm angetan. Er ließ es später von seinem Freund Friedrich Gentz ins Deutsche übersetzen.

Burke argumentierte, dass Ordnung und das Recht auf Eigentum die Grundlagen jeder Gesellschaft seien. Der Fortschritt habe auch Kehrseiten, es sei denn er ist gebunden an die Idee einer generationenübergreifenden Gemeinschaft. Durch Verlust der 'alten Ordnung' mache sich eine Regierung abhängig von der 'Zustimmung durch warme Anhänger und enthusiastische Verfechter'.  Eine Demokratie kann leicht in eine Demagogie entarten. Die Kraft der Freiheit muss 'operationalisiert' werden in Frieden und Ordnung.

Metternich pflegte die Sitzungen des Oberhauses zu besuchen, wo er Burke persönlich erleben konnte. Ihn beeindruckte die uralte Universität in Oxford, die pulsierende Finanzwelt (City) und die in Portsmouth erkennbare Seemacht. Er war enttäuscht von den ‚kümmerlichen‘ Stadthäusern des Adels. 'Dieses große Land...ist stark durch seine unerschütterliche Überzeugung vom Wert des Rechts, der Ordnung und der Freiheit', so schrieb er noch 1848. 'Wenn ich nicht das wäre, was ich bin, wollte ich ein Engländer sein' (so steht es in einem Brief von 1819).

Neustart in Wien und Heirat

Metternichs Vater musste im Juli 1794 vor den französischen Revolutionstruppen aus Brüssel fliehen. Er wurde entlassen und reiste über Benrath (bei Düsseldorf) nach Wien. Der Sohn Klemens wäre am liebsten in die USA ausgewandert, entschied sich aber dafür in Europa zu bleiben, weil er Stammhalter im Fideikommiss der Familie war. Während das Haus in Koblenz, insbesondere seine Bibliothek, geplündert wurde, betätigte sich Metternich auf dem Gut Königswart in Böhmen. Er bemühte sich darum, den Besitz zu sichern und die Finanzen zu ordnen.

Es soll während des Faschings 1795 in Wien gewesen sein, als Eleonore von Kaunitz und Metternich sich kennen lernten. Sie war eine Enkeltochter von Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg (1711-1792), dem Staatskanzler unter Maria Theresia, Josef II. und Leopold II.  Eleonore muss ihren Vater schnell dafür gewonnen haben, der Ehe zuzustimmen. Trotzdem fand eine strenge Vermögensprüfung statt. Dabei wurde der linksrheinische Besitz der Metternichs als irreal (also nicht verfügbar) angesehen. Die böhmischen Güter waren teils verschuldet. Der Kaiser rettete die Situation, indem er dem Vater Metternichs eine Gratifikation für seine Tätigkeit in Belgien überwies, die es ihm erlaubte, auf einen Schlag alle Schulden zu tilgen. Die Hochzeit fand im September 1795 auf Schloss Austerlitz statt. Das Stadthaus der Familie Kaunitz ist heute Amtssitz des österreichischen Bundeskanzlers. 

Metternich selbst hörte ab 1795 Vorlesungen an der Universität Wien in Geologie, Chemie, Physik, Botanik und Medizin [In dieser Phase könnte Kontakt zu dem Niederweiser Baron, Klemenz Wenzel von der Heyden, bestanden haben, der um die gleiche Zeit in Wien studierte].

Durch die erste Niederlage gegen Napoléon in Italien und den Frieden von Campo Formio verlor Österreich unter anderem das linke Rheinufer. Für die anschließenden Verhandlungen in Rastatt Anfang 1798 bis Anfang 1799 wurde Metternichs Vater der Bevollmächtigte des österreichischen Kaisers. Metternich Junior begleitete ihn als Sekretär.

Erste diplomatische Stationen: Dresden, Berlin, Paris

Metternich wurde 1801 als Gesandter Österreichs an den sächsisch-polnischen Königshof nach Dresden geschickt. Seine 104 Seiten umfassenden politischen Instruktionen hatte er vollständig selbst verfasst und vom Kaiser genehmigen lassen. Zu den Analysen, die er von Dresden nach Wien lieferte, gehören Aussagen wie diese: Preußen versucht die Reichsverfassung zu zerstören und leidet an einer blinden Verdickungssucht; England strebt ein Welthandelsmonopol an. Persönlich von Bedeutung wurde der Aufenthalt durch drei Bekanntschaften, die er hier machte, die Gräfin Bagration, Wilhelmine von Sagan und den Preußen Friedrich Gentz. Mit allen dreien hatte er später immer wieder intensiven Kontakt, insbesondere während der Zeit des Wiener Kongresses.

Als zweite Station seiner diplomatischen Karriere wurde Metternich von 1803 bis 1806 Gesandter in Berlin. Hier lernte er neben preußischen Politikern, wie Karl August von Hardenberg (1750-1822). Wilhelm von Humboldt und dem Freiherrn von Stein auch Zar Alexander von Russland kennen. Obwohl er im November 1805 noch in Potsdam einen Beistandsvertrag mit Preußen und Russland aushandelte, musste Metternich einsehen, dass von den Partnern kaum militärische Hilfe gegen Napoléon zu erwarten sei. Inzwischen standen Napoléons Armeen in Süddeutschland und fügten den alleingelassenen Österreichern eine Niederlage nach der andern bei. Nach der Schlacht bei Austerlitz musste sich Österreich Ende 1805 im Frieden von Pressburg damit abfinden, die Einrichtung der von Frankreich geschaffenen Königreiche von Bayern und Württemberg anzuerkennen.

Metternich wechselte Anfang 1806 als Botschafter nach Paris, wo er bis 1809 blieb. Es war dies eine äußerst heikle Mission. Es dauerte bis August 1808 bis er schließlich als Botschafter des österreichischen, und nicht des römischen Kaisers akkreditiert wurde.

Napoléon und das Ende des ‚alten Reiches‘ 

Inzwischen hatte Napoléon ganz Europa seinen Stempel aufgedrückt. Er besiegelte das Ende des Römischen Reiches Deutscher Nation indem er 16 deutsche Rheinbundstaaten in August 1806 zwang, aus dem Reich auszutreten. Auf Wunsch Napoléons legte daraufhin Kaiser Franz die römische Kaiserkrone nieder. Napoléon sah sich als Nachfolger Karls des Großen und als der  Protektor eines neuen Reiches. 

Als nächstes bezwang Napoléon die demoralisierten Preußen bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806, bevor er in Tilsit einen Frieden schloss. Österreich startete seinerseits einen Angriff, erlitt aber im März 1809 eine Niederlage bei Regensburg. Napoleon zog in Wien ein, der Kaiser musste fliehen. Nach zwei weiteren Niederlagen bei Aspern und Wagram kam es zum Frieden von Schönbrunn. Darin musste Österreich das Innviertel und Salzburg an Bayern abtreten und den Rest Oberitaliens (sowie Dalmatien) an Frankreich. In dieser Situation wurde Metternich Außenminister. 

Es erfolgte jetzt ein außenpolitischen Kurswechsel Österreichs. Metternich nannte dies ‚aktive‘ Neutralität. Er vermied es damit, sich auf dem Niveau der 16 Rheinbundstaaten einzuordnen. Seine Strategie bestand darin, Napoléon zu umschwärmen, anstatt ihn zu bekämpfen. Die Folge war, dass eine Ehe Napoléons mit der österreichischen Kaisertochter Marie Louise angebahnt wurde und Österreich sich verpflichtete, Frankreich militärisch zu unterstützen. Das führte später dazu, dass ein 30.000 Mann starkes Auxiliarkorps am Russlandfeldzug teilnahm, sich aber von Kampfhandlungen weitgehend fernhielt. Metternich begleitete Marie Louise und blieb ein halbes Jahr in Paris. Dies hatte den Effekt, dass Napoléon Metternich sehr früh in seine Pläne Russland betreffend einweihte.

Napoléons Abstieg und Ende

Nach dem Brand Moskaus im Oktober 1812, schaltete Metternich um. Er begann eine Front gegen Napoléon zu organisieren. Seine Formel lautete jetzt ‚bewaffnete Mediation‘. Bereits im Mai 1813 schlug er eine europäische Ordnung vor mit Russland, Preußen, England und Frankreich als Partnern. Dies fand große Zustimmung bei seinem englischen Freund, dem Viscount Castelreagh (1769-1822). Dieser wurde später ein enger Kooperationspartner und bestimmte wesentlich die Ergebnisse des Wiener Kongresses. Metternich trug seine Pläne Napoléon bei einer 9-stündigen persönlichen Unterredung in Dresden vor. Napoléon lehnte ab.

Metternich hat über dieses Gespräch ein handschriftliches Protokoll angefertigt. Darin steht das für ihn so schockierende Zitat:  'Un homme que moi se f…  de la vie d'un million d'hommes!'. Das nicht ausgeschriebene Wort wird von Kennern als ‚fout‘  gelesen, was so viel wie ‚piepegal sein‘ heißt. Es kam noch zu einem Vermittlungsversuch im August in Prag, ehe es im Oktober 1813 zur alles entscheidenden Schlacht bei Leipzig kam. Metternich wurde am ersten Tag gefangen genommen, wurde jedoch von Napoléon freigelassen, um zu verhandeln.

Die Verbündeten dachten nicht mehr daran und wollen zuerst zum Rhein vorstoßen. Darauf wechselten die Rheinbundstaaten einer nach dem andern die Seite. Große Begeisterung herrschte, als auch Bayern dies tat. Bei einem Treffen mit dem Zar in Frankfurt überzeugten Metternich und Castelreigh diesen nach der Vertreibung Napoléons wieder die Monarchie der Bourbonen zur Macht zu verhelfen. Da Kaiser Franz und Metternich noch in Dijon festsaßen, als der Zar schon in Paris einritt, verhandelte dieser allein mit Charles-Maurice de Talleyrand (1754-1838), dem selbsternannten Vertreter Frankreichs. Als Metternich davon erfuhr, dass man Napoléon nicht weiter als bis Elba verbannt hatte, gefiel dies ihm überhaupt nicht. Dennoch ließen er und der Zar sich anschließend in London gemeinsam feiern, wobei die Verleihung der Ehrendoktorwürde in Oxford für Metternich besonders erwähnenswert ist. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wurde aus dem Grafen der Fürst Metternich.

Wiener Kongress ordnet Europa neu

Mit Castelreighs Hilfe hatte Metternich das Konzept eines Friedenskongresses vorbereitet. Die vier Verbündeten der Völkerschlacht von Leipzig sollten die Leitung übernehmen. Frankreich, Schweden, Spanien und Portugal sollten beteiligt werden. Alle von Napoléons territorialen Umstrukturierungen betroffenen Herrschaften, Organisationen und Körperschaften konnten sich vertreten lassen. Metternichs Freund Gentz würde Protokoll führen. Von den synchron laufenden Verhandlungen seien vier Themenkreise erwähnt.

  • Polen: Sowohl Preußen wie Russland wollen sich auf Polens Kosten ausdehnen. Ein dem Sachsenkönig zugeordneter Rest soll übrig bleiben.
  • Deutschland: An die Stelle des Rheinbunds soll ein Deutscher Bund treten.
  • Italien: Österreich soll alle an Frankreich verlorenen Gebiete, außer dem Kirchenstaat, zurück erhalten.
  • Stellung der Reichsgrafen: Für die im ‚Alten Reich‘ dem Kaiser direkt unterstellten Personen und Territorien soll eine Regelung gefunden werden.

Für den Deutschen Bund wurde eine Art österreichisch-preußische Doppelhegemonie vereinbart. Sowohl diese beiden Führer wie auch mehrere Mitgliedsstaaten verfügten über Territorien, die außerhalb des Bundes lagen. Im Prinzip gehörte alles zum Deutschen Bund, was im Mittelalter zum Deutschen Reich gehörte, also auch Böhmen und Luxemburg. Der Idee eines reinen Nationalstaats ging man bewusst aus dem Wege. Bei der Frage der Reichsgrafen war Metternichs Familie direkt betroffen. Metternichs Vater, der in dieser Angelegenheit seine Standesgenossen vertrat, konnte zwar den Titel und einige andere Privilegien retten, nicht jedoch den gesamten alten Besitz. Es gab keine Bischöfe mehr als Landesherrn und keine nicht-mediatisierten Adeligen.


Als Diplomat (um 1820)

Mehr über den Kongress zu sagen, will ich mir ersparen. Die Hauptfiguren (Zar Alexander, Castelreigh, Hardenberg und Talleyrand) hatte Metternich bereits alle im Laufe seiner früheren Karriere kennengelernt, ebenso wie einige der Nebenfiguren (Gentz, Bagration und Sagan).

Karlsbad und das System Metternich

Sowohl die hohe Staatsverschuldung wie diverse Rückschläge wirtschaftlicher Art begünstigten immer mehr einen fremdenfeindlichen Nationalismus, besonders in strukturarmen Gebieten. Eine Veranstaltung, die Aufsehen erregte, war das 1817 begangene Wartburg-Fest. Hier kam es zur Verbrennung liberaler Schriften. Dazu gehörte auch ein Buch des Schriftstellers August von Kotzebue (1761-1819). Als dieser daraufhin von Weimar in das angeblich sicherere Mannheim umzog, wurde er dort im März 1819 von einem Teilnehmer des Wartburgfests ermordet. Der Täter war ein Burschenschafter und Theologiestudent aus Jena mit Namen Karl Ludwig Sand. '… hier, Du Verräter des Vaterlandes'  soll er dabei gerufen haben.

Metternich, der sich gerade auf Italienreise befand, wurde von seinem Freund Gentz mit Ausschnitten deutscher und österreichischer Zeitungen und Flugblättern der Burschenschaften versorgt. Wegen der darin zum Ausdruck gebrachten Sympathie für den Täter, glaubte Metternich, es mit einem Komplott zu tun zu haben. Er lud deshalb die Innenminister von 11 Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes zu einem Treffen ein. Das Ergebnis waren die berühmten Karlsbader Beschlüsse. Sie enthielten ein Verbot der Burschenschaften, einen staatlichen Beauftragten für jede Hochschule, der die Lehre überwachen sollte sowie eine bundesweite Vorzensur für periodisch erscheinende Schriften.

Im Mai 1820 wurde Sand wegen des Mordes zum Tode verurteilt und hingerichtet. ‚Ich sterbe in der Kraft meines Gottes‘, soll er gerufen haben [Das erinnert sehr an das ‚Allahu akbar‘ heutiger Terroristen und Gotteskrieger]. Zuschauer hätten ihre Taschentücher in das Blut des Enthaupteten getaucht. Die Bretter des Schafotts wurden von einem Anhänger Sands für den Bau eines Gartenhauses verwendet. Die englische Presse war überrascht über das weit verbreitete Mitgefühl für Sand und die damit verbundene Kritik am ‚System Metternich‘. Dieser Ausdruck stand unter Zeitgenossen bald für jeden Versuch des Staates, sich gegen Aufwiegler zur Wehr zu setzen, ja, als Inbegriff gesellschaftlicher Unterdrückung. Metternich wurde 1821 Staatskanzler. Sein Freund Castelreigh starb 1822 durch Selbstmord.

Metternichs privates Leben und private Unternehmungen

Metternichs erste Ehefrau, Eleonore von Kaunitz, starb 1825 in Paris. Er heiratete 1827 Antonia von Leykam, die damals 21 Jahre alt war. Seine dritte Frau hieß Melanie von Zichy-Ferraris, die er 1831 heirate. Sie starb 1854 im Alter von 49 Jahren. Insgesamt hatte Metternich 12 Kinder, von denen nur vier ihn überlebten.

Als Ersatz für den linksrheinischen Besitz erhielt die Familie 1803 das säkularisierte Klostergut Ochsenhausen in Oberschwaben. Da es hochverschuldet war, hatten die Metternichs wenig Freude daran. Durch die Rheinbundakte Napoléons kam es im Jahre 1806 zu Württemberg und verlor seine Reichsunmittelbarkeit. Der württembergische König galt den untergeordneten Adeligen gegenüber als besonders unerträglich. Das verleitete einen von ihnen (Waldburg-Zeil) zu dem Satz: ‚Lieber Sauhirt in der Türkei als Standesherr in Württemberg`. Es gelang 1825 den Besitz an den württembergischen König für 1,2 Mio. Gulden zu verkaufen.

Nach dem Wiener Kongress schenkte der Kaiser den Metternichs 1816 Schloss Johannisberg im Rheingau, ein heute noch sehr berühmtes Weingut. Metternichs Familie hielt sich dort regelmäßig auf und empfing gerne Gäste, vor allem aus dem nahen Frankfurt. Heinrich Heine schrieb darüber: ‚Ich hielt den Wein, der dort wächst, immer für den Besten, und für einen gar klugen Vogel den Herrn des Johannisbergs‘. Als 1848 Mainzer und Frankfurter Turner das Weingut stürmten, wurde es erfolgreich von seinem Nassauer Amtmann verteidigt. Metternich erwarb auch die beiden Schlösser Winneburg und Beilstein wieder. Er ließ beide jedoch als Ruinen bestehen.


Gut Plaß

Nach dem Verkauf von Ochsenhausen erwarb Metternich 1826 die frühere Zisterzienserabtei Plaß (tschechisch Plasy) in der Nähe von Pilsen. Der Kaufpreis betrug 1,1 Mio. Gulden. Mit einem Kredit der Rothschilds wurde nach Erz und Kohle geschürft. Man wurde fündig und eröffnete die Fertigung von Nägeln, Löffeln, Achsen, Rädern, Pflugscharen, Herdplatten und dergleichen. Metternich baute auch eine Wohnsiedlung für die dort tätigen über 300 Arbeiter.

Tod von Kaiser Franz und Metternichs Ende

Als Kaiser Franz 1835 starb und Ferdinand sein Nachfolger wurde, verlor Metternich alsbald seine Stellung am Hofe. Der Finanzminister soll nachgeholfen haben, indem er ihn als klerikal und Ultramontanen denunzierte. Als 1848 Unruhen ausbrachen, zuerst in Palermo und Paris, griffen sie alsbald auf Wien über. Demonstranten forderten eine Verfassung. Als sie am 13. März 1848 vor dem Regierungsgebäude erschienen und Metternich als ‚Hemmung des Fortschritts‘ beschimpften, entschloss er sich zu fliehen.


Als Greis (um 1850)

Unter einem Decknamen reiste er per Kutsche über Dresden und Hannover nach Den Haag. Von dort nahm er ein Schiff nach England und gelangte am 19. April nach London. Seine Güter in Österreich wurden beschlagnahmt. Er hatte Kontakte zu Wellington und Disraeli und verfolgte die Verhandlungen in der Frankfurter Paulskirche. Im Oktober 1849 übersiedelte er nach Brüssel. Anfang 1851 erlaubte Kaiser Franz Josef die Rückkehr nach Wien, wo er im Juni 1859 starb. Zum Leichenbegängnis erschienen Freunde, Bewunderer und Mitkämpfer, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

NB: Wie die deutsche oder - genauer gesagt - die kleindeutsche Geschichte weiterging, hatte ich im Juni 2014 in diesem Blog beschrieben.