Dienstag, 31. Januar 2017

Jupiter-Mission der NASA mit der Raumsonde Juno

Den nachfolgenden Bericht stellte mir Lothar Monshausen, ein Geodät aus Bitburg/Eifel, zur Verfügung. Wir beide teilen – neben der Heimatkunde – ein Interesse an Astronomie und Raumfahrt.

Die Raumsonde Juno der NASA (auch Jupiter Polar Orbiter genannt) soll den Gasplaneten  Jupiter aus einer polaren Umlaufbahn mindestens ein Jahr lang studieren. Sie ist am 5. August 2011 gestartet (also vor fünf Jahren) und am 4. Juli 2016 in eine Umlaufbahn um den Jupiter eingeschwenkt. Juno ist nach New Horizons die zweite Raumsonde des New-Frontiers-Programms der NASA und darf somit höchstens 700 Millionen US-Dollar kosten.



Künstlerische Wiedergabe der NASA-Raumsonde Juno über dem Nordpol des Planeten Jupiter. 16. Juni 2016, Abbildung: NASA

Im Gegensatz zu früheren Raumsonden zum Planeten Jupiter besitzt Juno keine nukleare Energieversorgung, sondern generiert den benötigten Strom durch neue effiziente und strahlungsresistente Solarzellen. Deren Einsatz ist möglich, weil die Sonde auf ihrer polaren Umlaufbahn immer freie Sicht zur Sonne hat. Außerdem befindet sich die Sonde auf dieser Bahn meist außerhalb der starken Strahlungsgürtel des Jupiters. Der Name der Sonde entstammt der römischen Mythologie. Der Gott Jupiter umgab sich mit einem Wolkenschleier, um seine üblen Taten zu verbergen, doch seine Frau, die Göttin Juno, konnte durch die Wolken hindurchsehen und Jupiters wahre Natur erkennen.

Das Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA in Pasadena, Kalifornien, kontrolliert die Juno Mission für den Principal Investigator, Scott Bolton, vom Southwest Research Institute in San Antonio, TX. Die Juno-Mission ist Teil des Programms New Frontiers im Marshall Space Flight Center der NASA in Huntsville, Alabama. Entwickelt und gebaut wurde die Raumsonde von Lockheed Martin Space Systems, in Denver, CO. JPL ist eine Abteilung des California Institute of Technology in Pasadena.



Südpol des Planeten Jupiter am 27.08.2016. Foto: NASA

Dieses Bild von der Juno-Raumsonde bietet eine noch nie zuvor gesehene Perspektive auf Jupiters Südpols. Das Juno-Kamerasystem fertigte die Aufnahme am 27. August 2016, als die Sonde etwa 94.500 km oberhalb der Polarregion des Planten Jupiter war. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Raumsonde etwa eine Stunde nach seiner nächsten Annäherung und konnte feine Details in der südlichen Polarregion hoch aufgelöst an die Erdempfangsstation senden. Im Gegensatz zu den bekannten Strukturen der Äquatorregion der Bänder und Zonen sind die Pole gefleckt von den Stürmen in verschiedenen Größen, die sich ähnlich wie Riesen-Versionen von terrestrischen Wirbelstürmen im Uhrzeigersinn drehen. Den Südpol hatte man bisher noch nie aus dieser Perspektive gesehen, obwohl die Raumsonde Cassini bereits Aufnahmen aus einem schiefen Winkeln aus der Polarregion des Jupiters dokumentiert hatte (auf dem Weg zum Saturn flog Cassini im Jahr 2000 am Jupiter vorbei).


Farbfoto der Raumsonde Juno der Nordpolarregion des Jupiters

Mächtige Sturmsysteme bestimmen das Wettergeschehen vollkommen anders als alles in unserem Sonnensystem auf der Nordpolarregion des Jupiters. Die Juno-Digitalkamera nahm zahlreiche Farbbilder am 27. August 2016 auf. Die Raumsonde war etwa 78.000 Kilometer über den polaren Wolkenobergrenzen positioniert. Eine wellige Grenze ist auf halbem Weg zwischen der gräulichen Region links (näher am Pol und der Nachtschatten) sichtbar und dem helleren Bereich auf der rechten Seite. Dieses wellige Erscheinungsbild der Grenze stellt eine Rossby-Welle dar (Nord-Süd-Mäandern einer überwiegenden Ost-West-Strömung). Dies kann durch eine Temperaturdifferenz zwischen der Luft im Norden und Süden dieser Grenze verursacht werden, wie es oft der Fall ist bei solchen Wellen in der Erdatmosphäre. Der Polarregion ist mit einer Vielzahl von verschiedenen atmosphärischen Eigenschaften gefüllt. Einige davon sind oval, aber die größeren und helleren Funktionen haben eine "Windrad-Form“ und erinnert an die Form eines irdischen Hurrikans.


Infrarot-Aufnahme mit Lichterscheinungen von Jupiters Südpol. Foto: NASA

Das Infrarot-Bild zeigt einen noch nie da gewesenen Blick auf den Südpol von Jupiter, aufgenommen am 27. August 2016 von der Juno-Raumsonde. Die südlichen Aurora (Polarlichter) des Planeten können von der Erde aus nicht gesehen werden aufgrund der Position unseres Heimatplaneten in Bezug auf Jupiters Südpol. Die Juno-Mission ermöglicht einzigartige Gelegenheiten, erstmals diese Region des Gasriesenplaneten im Detail zu beobachten.

Das Juno-Kamerasystem „Jovian Infrarot Auroral Mapper (JIRAM)“ erfasst die Ansicht bei Wellenlängen von 3,3 bis 3,6 Mikrometer - die Wellenlängen des emittierten Lichts durch angeregte Wasserstoff-Ionen in den Polarregionen. Die Ansicht ist ein Mosaik von drei Bildern, während die Raumsonde sich von Jupiter langsam entfernt hatte.

Aktuelle Aufnahmen im Jahr 2017 wurde von der NASA bisher noch nicht freigegeben. Nachfragen an die NASA wurden bisher nicht beantwortet. Vermutlich existieren Schwierigkeiten in der Kommunikation mit der Raumsonde. 

Montag, 23. Januar 2017

Donald Trump brüskiert die Welt

Ghastly war das erste Wort, das mir bei Trumps Inaugurationsrede am Freitag einfiel. Teilweise war es eine richtige Bedrohung‘. So schrieb mir gestern ein Freund aus Oregon. Ghastly heißt so viel wie entsetzlich, grausig. Es fehlten nur Worte wie Quasselbude (für Parlament) und Systemparteien, um an Weimarer Verhältnisse erinnert zu werden. So äußerte sich Sigmar Gabriel nach der Rede. Auch aus meinem deutschen Freundes- und  Bekanntenkreis gab es heftige Reaktionen. Im Folgenden will ich versuchen, meine Gedanken etwas zu sortieren. Um dies vorweg zu sagen: Ich bin weit davon entfernt, ein einigermaßen fundiertes Urteil über den 45. US-Präsidenten abzugeben.

Diagnose Narzissmus

‚Wenn narzisstisch geprägte Persönlichkeiten wie Donald Trump oder Wilhelm II. an die Spitze eines Staates gelangen, können ihre Ziele und Führungsmethoden den Frieden gefährden – und dem „bösen Zufall“ Tür und Tor öffnen.‘ So diagnostizierte die FAZ schon im September 2016. Vieles, was im Wahlkampf und danach passierte, passt in das Krankheitsbild. Die an sich nebensächliche Frage, ob bei seiner oder Obamas Inauguration mehr Zuschauer vor Ort waren, führte bereits zu einer heftigen Beschimpfung der Presse. Trumps Stab verkündete, dass man nicht eine andere Meinung hätte als die NY Times, sondern ‚alternative Fakten‘. Dabei wird Bezug genommen auf ein bekanntes Zitat des demokratischen Senators Patrick Moynihan (1927-2003), das lautet: ‚Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht das Recht auf eigene Fakten‘.

Distanzierung vom Establishment

Der Begriff Establishment dient allen Revolutionären als Bezugspunkt. In der Französischen Revolution von 1789 war dies das Ancien régime, den Nazis waren es 1933 die Systemparteien. Sie hätten das Land ruiniert. Bei den Nazis waren sie schuld an der Wirtschaftskrise und den hohen Arbeitslosenzahlen. In den USA ist die Situation, die von früheren Regierungen hinterlassen wird, anscheinend kein Deut besser. Wörtlich heißt es in Trumps Inaugurationsrede:

Mütter und Kinder leben in Armut in den Innenstädten; verrostete Fabriken liegen verstreut wie Grabsteine in der Gegend herum. Ein teures Bildungssystem lässt unsere jungen und schönen Schüler ungebildet. Und schließlich sind da die Kriminalität, die Gangs und die Drogen, die so viele Leben und unser Land so viel Potenzial gekostet haben. Dieses amerikanische Gemetzel hört auf, und zwar hier und jetzt.

Spätestens nach diesen Sätzen musste es allen Zuhörern klar geworden sein, dass Trumps heftige Kritik an dem Washingtoner Politik-Betrieb nicht nur Wahlkampf-Getöse war. Er meint es ernst.

Projektion auf Schuldigen

Für uns Nicht-Amerikaner ist es bedenklich, ja alarmierend, dass Trump die Schuld für die Misere vor allem im Ausland sucht. Es sei eine Folge des Freihandels. ja der ungebremsten Globalisierung. Besonders gefährlich sind die Länder, die mit niedrigen Löhnen amerikanischen Arbeitern Konkurrenz machen, sowie die internationalen Firmen, die sich dieses Gefälle zu Nutzen machen. Ein krasses Beispiel ist die deutsche Automobilindustrie, die im Billiglohnland Mexiko für den amerikanischen Markt produziert. Amerikanische Firmen wie Ford, die dasselbe taten, sind bereits eingeknickt, allein aufgrund von Trumps Worten. Andere Unternehmen wurden durch versprochene Steuervergünstigungen dazu bewogen, ihre Produktion im Lande weiterzuführen. Die Mauer zu Mexiko ist weiter im Plan.

Dass amerikanische Firmen auch Vorteile aus dem Freihandel ziehen, müssen diese ihrem Präsidenten vermutlich erst erklären. Dass Alphabet, Amazon, Apple, Facebook, IBM und Microsoft ohne ihr Auslandsgeschäft wesentlich schlechter zu Recht kämen, ist an sich offensichtlich. Nicht alles, was offensichtlich ist, ist für alle Menschen auch einsichtig.

Außenpolitische Wende

Von der Änderung der amerikanischen Außenpolitik sind noch wenige Fakten zu erkennen. Andeutungen gab es genug, schon während des Wahlkampfs. Aus Putins Verehrung machte er keinen Hehl. Ob er die Annexion der Krim anerkennen wird, ist noch ungewiss. Unmöglich ist es nicht. Den IS will er weiter bekämpfen, ja sogar ausmerzen lassen.

Dass er die NATO für obsolet hält, hatte Trump während des Wahlkampfs deutlich gemacht. Den Zerfall der EU wird er nicht bremsen. Ein netter Herr hätte ihn aus Brüssel angerufen und mit ihm geplaudert. Den Namen wusste er allerdings nicht mehr. (Es soll Donald Tusk gewesen sein). Konkret wird er nur, wenn es um das Vereinigte Königreich geht. Theresa May hat als erster ausländischer Staatschef einen Termin am Ende dieser Woche. Mit Israels Netanyahu hat er telefoniert. Er tat es möglicherweise von sich aus.

Innenpolitik im Fokus

Es ist wenig sinnvoll, weiter über weitere außenpolitische Themen zu spekulieren. Trump hat sich möglicherweise selbst noch keine Gedanken dazu gemacht. Umso interessanter ist der Schluss der Inaugurationsrede:

Ein neuer Nationalstolz wird unsere Seelen anrühren und unsere Meinungsverschiedenheiten überbrücken. … Wir genießen die gleichen glorreichen Freiheiten, und wir alle grüßen die gleiche, großartige amerikanische Flagge. … Und egal, ob ein Kind in Detroit oder in der Prärie Nebraskas geboren wird – beide schauen auf in den gleichen Nachthimmel, sie füllen ihre Herzen mit den gleichen Träumen, und sie empfangen ihren Lebensatem vom selben allmächtigen Schöpfer. Amerikaner in Städten nah und fern, klein und groß, von Ozean zu Ozean, hört diese Worte: Ihr sollt niemals wieder ignoriert werden. Eure Stimmen, eure Hoffnungen, eure Träume machen Amerikas Schicksal aus. Euer Mut, eure Güte und eure Liebe leiten uns für immer auf diesem Weg. Zusammen machen wir Amerika wieder stark…reich…stolz… sicher… groß.

Den letzten Satz sprach Trump fünf Mal, jeweils mit einer anderen Eigenschaft, die er wieder herstellen will. Nimmt man das Gegenteil als den Ausgangspunkt an, muss Amerika heute schwach, arm, gedemütigt, unsicher und klein sein. Mit Fakten zu argumentieren, ist nicht sein Stil. Gefühltes ist ebenso wichtig, nicht nur ihm. Daran müssen wir uns gewöhnen.

Mittwoch, 18. Januar 2017

Rainer Janßen fordert mehr Professionalität von Informatik-Kollegen

Rainer Janßen ist für die Leser dieses Blogs kein Unbekannter. Noch in seiner Funktion als CIO eines bekannten Versicherers gab er Klaus Küspert ein Interview. Es wurde auch in das Endres/Gunzenhäuser-Buch [1] übernommen.

Inzwischen ist Janßen im (Un-) Ruhestand, ‚dröhnt‘ aber weiter – wie er es nennt. Dieser Tage stieß ich auf ein zweiteiliges Interview, das er einem Podcast, CIORadio genannt, gab. Es ist überschrieben mit der Frage: ‚Was sich ändern muss, damit ich als CIO wiedergeboren werden möchte?‘ Ich habe einige seiner Sprüche mitgeschrieben. Sie vermitteln Ihnen den Ton und die Richtung der Interviews.
  • Die IT ist stets ein nachgeordneter Dienstbereich, auch bei Versicherungen, die zu 80% nur IT machen 
  • CIOs müssen Nein sagen lernen. Manche haben ein so dickes Fell, dass sie auch ohne Rückgrat laufen können.
  • Berater können oft nur Powerpoint-Folien machen. Sie schlagen immer vor nacheinander ein Stück Urwald zu roden. Sie hoffen, dass nach dreien das erste Stück wieder nachgewachsen ist.
  • Jeder Mitarbeiter, der einen Laptop oder ein Smartphone hat, meint er digitalisiere. Dass IT dafür eine Infrastruktur braucht, wird unterschlagen.
  • Org-Abteilungen müssen die Geschäftsprozesse laufend optimieren, nicht erst auf Anfrage. Sie brauchen die Top-Mitarbeiter des Unternehmens, aber immer nur für 2-3 Jahre.
  • Der Gesetzgeber sollte auch an die IT-Abteilungen multinationaler Unternehmen denken, und nicht alles überall unnötig anders machen.
Hören Sie sich die Interviews an. Sie sind lehrreich und unterhaltsam zugleich. Der dritte - und abschließende - Teil des Interviews erscheint demnächst an gleicher Stelle.


Für den Fall, dass Sie jedoch lieber lesen als hören möchten, habe ich Janßens Abschiedsbuch ins Netz gestellt – mit seiner Zustimmung natürlich. Es heißt ‚Geschichten, Anekdoten, Sprüche, Bücher, Lieder‘. Bitte hier klicken!

PS: Das Thema Professionalität hatte ich im Mai 2011 in diesem Blog das erste Mal angesprochen. Der Beitrag wurde, was die Zahl der Besucher betrifft, der absolute Renner.

Referenz:

 1. Endres, A., Gunzenhäuser. R.: Menschen machen Informatik. 2015 

Freitag, 13. Januar 2017

Europas Informatik und ihr Selbstverständnis

An sich sind Technik und Wissenschaft weltweite Aktivitäten. Landes- oder gar Sprachgrenzen spielen dabei keine Rolle. Sogar bei der Wirtschaft, insbesondere bei der deutschen Wirtschaft, scheint dies auch zu gelten. Manchmal zerfallen Wissenschaft und Wirtschaft jedoch in Inseln oder in Autonomiegebilde. Es ist dies insbesondere dann der Fall, wenn ideologische Auseinandersetzungen die Politik bestimmen. Das war in Deutschland von 1933 bis 1945 sehr ausgeprägt, aber auch im Ostblock zwischen 1945 und 1989. Es spielt auch immer dann oder da eine Rolle, wenn bzw. wo Wissenschaft und Wirtschaft sehr stark von staatlichen Geldquellen abhängig sind. Das unterscheidet einige europäische Länder von anderen. Der Staatsanteil an der Wirtschaft ist z. B.  in Frankreich deutlich höher als in Deutschland.

Europa aus Sicht der Informatik

Für einen Informatiker ist Europa alles andere als ein einheitlicher Kontinent. Es zerfällt in die EU-Länder des Nordens, die EU-Länder des Südens, Nicht-EU-Länder und Russland. Auch das Vereinigte Königreich (UK) wird bald eine Sonderrolle spielen. Am höchsten entwickelt ist Nordeuropa, sowohl technisch wie wirtschaftlich. In diesem Teil boomt die Wirtschaft und damit der Arbeitsmarkt.  Was Informatik-Produkte und Informatik-Dienstleistungen betrifft, ist ganz Europa ein Importgebiet. Die Entwicklung ist in den USA konzentriert, die Fertigung ist weitgehend nach Asien ausgelagert. China spielt die Rolle des Hardware-Produzenten, Indien hat große Teile der Software-Erstellung und -Wartung übernommen.

Europa ist primär ein Konsument, von wenigen signifikanten Ausnahmen abgesehen. Trotzdem ist der Bedarf an qualifiziertem Personal hoch. Die anwendenden Industrien machen das Fehlen einer Informatik-Industrie weitgehend wett. Das Bewusstsein um die Möglichkeiten der Computernutzung ist weit verbreitet. Die Diskussion um die Risiken hat einen hohen Stellenwert. Die Ausbildung des Nachwuchses in Europa tut fast überall so, als ob das Neuschaffen noch immer der Alltag sei.

Was den Arbeitsmarkt  und die Organisation in Fachvereinen betrifft, ging jedes Land Europas im Prinzip eigene Wege. Es gibt nur wenige und nur sehr lose Kontakte über die Landesgrenzen hinweg. Eine Ausnahme bildet der deutschsprachige Raum. Die Gesellschaft für Informatik (GI) hat Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sowie enge Kontakte zu den Schwestergesellschaften. Darüber hinaus ist die Association for Computing Machinery (ACM) in vielen europäischen Ländern vertreten. Über sie wird auch fachlicher Kontakt zu amerikanischen Kollegen gepflegt. Im akademischen Bereich gibt es ebenfalls eine Fachkooperation, Informatics Europe (IE) genannt. Ihr gehören über 100 Universitätsinstitute an.

Diskussionen in der GI

Innerhalb der GI gibt es immer wieder Diskussionen über das Selbstverständnis der Informatik und der Informatiker bzw. Informatikerinnen. Ich hatte im Sommer letzten Jahres auf eine solche Diskussion bei den GI Fellows hingewiesen. Es ging damals hauptsächlich um die Frage, mit welcher Jahreszahl man den Anfang der Informatik als Fachgebiet in Verbindung setzen könnte. Gleichzeitig wurde nach den herausragenden Beiträgen deutschsprechender Informatikerinnen und Informatiker gefragt. Ich hatte mir damals gewünscht, dass man sich dabei nicht auf Süd- und Westdeutschland beschränken würde.  

Drei GI Fellows, die Kollegen Axel Lehmann, Peter Lockemann und Jürgen Nehmer,  haben es dankenswerterweise übernommen, diese Initiative weiterzutreiben. Sie haben einen Aufruf zwecks Mitarbeit an alle GI Fellows gerichtet. Darin wird ausdrücklich von Mitteleuropa gesprochen. Gemeint sind allerdings nur Österreich und die Schweiz, nicht jedoch Benelux und Dänemark. Das  Ziel sei,

bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfindungen, Produkte und Initiativen aus dem mitteleuropäischen Raum zusammenzutragen, die drohen, in Vergessenheit zu geraten, obwohl sie die Entwicklung unseres Faches und seiner Anwendungen maßgeblich geprägt haben. … [Dazu gehören] wegweisende Anstöße und Initiativen aus der Informatik, die eine nachhaltige Wirkung auf Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft hatten.

Es erscheint auch mir sehr erstrebenswert, Dinge vor dem Vergessenwerden zu retten. Das ist ein anderes Ziel als das, was in der ursprünglichen Diskussion eine zentrale Rolle zu spielen schien. Es sollte - so wie ich es verstand - auch um die weltweite Anerkennung von Kolleginnen bzw. Kollegen oder Kollegengruppen für erbrachte fachliche Leistungen gehen. Dieses Ziel sollte man auch weiterhin im Auge behalten. Deshalb mache ich im Folgenden einige Bemerkungen zu Formen der Anerkennung.

Anerkennung in der Wissenschaft

Manchmal klagen Kollegen darüber, dass es in der Informatik keinen Nobelpreis gibt. Warum das so ist, habe ich in einem früheren Blog-Beitrag zu erklären versucht. Bei dieser Gelegenheit wies ich darauf hin, dass Deutschland jedoch über zwei Einrichtungen verfügt, die der Förderung der internationalen Zusammenarbeit dienen, Schloss Dagstuhl, auch Leibniz-Zentrum für Informatik (LZI) genannt, und das Heidelberg Laureate Forum (HLF). Das eine wird durch staatliche Mittel unterstützt, das andere von einer privaten Stiftung.


Europäische Preisträger des Turing Awards

Dagstuhl schafft ein Ambiente, das der Anbahnung und Vertiefung von Kontakten in den produktiven Phasen der wissenschaftlichen Forschung dient. Das haben Wissenschaftler aus der ganzen Welt erkannt. Sie müssen nur einen deutschen Kollegen ausfindig machen, der als Mitveranstalter auftritt. Das HLF dagegen steht nur am Anfang und Ende einer Karriere bereit. Deutsche sind nur vor Beginn ihrer Laufbahn dabei. Deutschland kann sich nur durch Studierende vertreten lassen.

Als reguläre Teilnehmer des HLF qualifizieren erwachsene Informatiker sich nur als Träger des ACM Turing Awards. Es ist dies der renommierteste Preis unserer Branche. Unter den rund 50 bisherigen Preisträgern des Turing Awards sind immerhin zehn Europäer. Seit seiner ersten Vergabe im Jahre 1966 war noch kein Deutscher dabei, aber auch kein Italiener oder Spanier. Nebenbei erwähnt, der Preis ist seit zwei Jahren mit 1 Million US$ dotiert.

Wenn ich mich frage, warum dies so ist, habe ich keine gute Antwort. Offensichtlich haben unsere Wissenschaftler sehr viel Expertise entwickelt, wenn es darum geht, für sich selbst staatliche Fördermittel einzuwerben. Es ist jedoch etwas Anderes, über den eigenen Schatten zu springen und sich für einen Fachkollegen zu engagieren. Sofern man nur innerhalb eines Landes denkt, ist ja fast jeder Kollege ein Konkurrent. Vielleicht verfügen andere Nationen mehr als wir über den nötigen Korpsgeist (frz. esprit de corps)?  Ich finde, dass deutsche Wissenschaftler sich für internationale Preise mindestens so sehr interessieren sollten wie für deutsche Preise. Denn der Ruhm, den jemand außerhalb seines Landes erwirbt, fällt auf sein ganzes Heimatland zurück.

Anerkennung in der Technik

In der Technik kommen Leistungen meist als Innovationen zum Ausdruck. Diese können sich auf Produkte oder Dienstleistungen beziehen, und zwar auf ihre Konzeption, Entwicklung und Einführung. In der Informatik haben sie die Form von Hardware, Software oder deren Kombination. Die Anerkennung erfolgt  ̶  sofern man nicht als selbständiger Unternehmer fungiert  ̶  zunächst über das reguläre Entgeltsystem. Zusätzlich können Prämien und Preise vom Unternehmen oder der Branche ausgelobt und gewährt werden. Auch die GI vergibt (wieder) einen Innovationspreis. Es gibt eine weitere Leistung, für die es Behörden mit Tausenden von Beamten gibt, deren Aufgabe es ist, die Leistung zu prüfen und ihren Wert zu beurteilen. Gemeint sind Erfindungen. Sie sind selbst noch keine Innovationen. Sie können aber in solche überführt werden.

Viele Innovationen und Erfindungen schlugen sich in den technischen Revolutionen nieder, von denen auf unserem Fachgebiet wahrlich kein Mangel besteht. Ich habe wiederholt darauf hingewiesen, dass ich es als große Schwäche der deutschen Informatik-Ausbildung ansehe, dass dieses Thema entweder völlig tendenziös oder gar nicht behandelt wird. Informatiker sollten sich nicht zu Ingenieuren rechnen, wenn sie in dieser Hinsicht nicht wie Ingenieure denken. Das gilt auch, ja besonders für Software-Ingenieure.

Besonderheiten der beiden Gebiete

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Wissenschaft und Technik wird oft vergessen. Beim Ingenieur oder Informatiker spricht meist das Werk für sich selbst. Ein Text ist nur ein kümmerliches und fades Nachschaffen, ein optionales Begleitprodukt. So sieht es auch ein Architekt, ein Maler oder Bildhauer. Die Beurteilung gebührt dem Werk, nicht dem Begleittext, der Beschreibung. Das gilt sowohl für das Lob, wie für die Kritik. Maßgebend ist die Nutzung, nicht die Betrachtung. Fachleute lernen nicht aus Texten und Büchern, sondern durch das Analysieren anderer Werke.

Im Gegensatz dazu hängen viele Wissenschaften am Wort. Es ist oft das einzige ihnen zugängliche Medium oder Ausdrucksmittel. Nur über das Wort erfolgt die Realisierung, die Veröffentlichung. Nur so wird man wahrgenommen. Es gibt kein anderes Werk, das zählt. Da in der Mathematik diese Sichtweise vorherrscht, glauben manche Informatiker, sie könnten sie auch anwenden. Der dadurch verursachte Schaden ist enorm.

Das Reflektieren über Geschaffenes und sein Tun ist auch für Techniker wichtig. Es ersetzt jedoch das Tun nicht. Nicht ohne Grund ist unsere Achtung für einige Kollegen auf der obigen Liste so hoch. Sowohl Dijkstra wie Wirth veröffentlichten immer erst in Zeitschriften oder auf Tagungen, nachdem sie ihre Systeme gebaut und getestet hatten. Wenn möglich, so ließen sie sogar Nutzer zu.

Hinweis

Die Bewerbungsfrist für Studierende für das HLF 2017 endet am 14. Februar. Bewerben können sich Studierende in Master-Studiengängen, Doktoranden und frisch Promovierte.

Montag, 9. Januar 2017

Nochmals Digitalisierung, und zwar aus Sicht von Autoren und Lesern

Über das Thema Digitalisierung wird seit Jahrzehnten heftig gestritten. Meine letzte Behandlung des Themas in diesem Blog war vor fast genau einem Jahr. Sie trug die Überschrift ‚Digitalisierung aus wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und privater Sicht‘. Das war zwar eine bewusst breite Ausrichtung der Betrachtungsweise. Es fehlte dennoch die explizite Erwähnung solcher Aspekte wie Philosophie, Technik  und Gesundheit. Vor einigen Tagen stieß ich mal wieder auf eine eigene Buchveröffentlichung [1] zum Thema Digitalisierung aus dem Jahre 2000. Vereinfacht lässt sich sagen, dass das Buch (von 494 Seiten)  Dieter Fellners und meinen Wissenstand von vor gut 20 Jahren darstellte. Mich reizt ein Vergleich mit meiner heutigen Sicht des Themas. Dabei kommt mir vor allem meine Erfahrung als Leser digitaler Dokumente und als Autor dieses Blog zu Hilfe. Anstatt in die Breite zu schweifen richtet sich der Blick stärker in die Tiefe.

Vorteile digitaler Dokumente

Als erstes wiederhole ich die Definition des Begriffs digitales Dokument aus [1].

Ein digitales Dokument ist eine in sich abgeschlossene Informationseinheit, deren Inhalt digital codiert ist und auf einem elektronischen Datenträger gespeichert ist, so dass er mittels eines Rechners genutzt werden kann.

Die Betonung liegt auf der Struktur der Daten, nicht auf dem Datentyp oder beim Trägermedium. Außer Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln sowie Büchern fallen auch Nachrichten, tabellarische Auflistungen, Vorträge, Fotoalben, Musikstücke und Videos darunter. Es wurden 10 Vorteile gelistet. Der Text ist wörtlich übernommen, abgesehen von einigen Korrekturen infolge der zwischenzeitlich erfolgten Rechtschreibreform.    
  • Benötigte Speicherkapazität: Abhängig vom jeweiligen Aufzeichnungsformat kann Information auf wesentlich kleinerem Raum gespeichert werden, als dies bei analogen Medien der Fall ist. Heute kann bereits ein Datenträger in der Größe einer Postkarte (DVD) den Inhalt von etwa 5000 Büchern (von je 300 Seiten) übernehmen.
  • Schnelligkeit der Übertragung: Hat man ein Dokument lokalisiert, lässt es sich innerhalb von wenigen Minuten übertragen, abhängig von der zur Verfügung stehenden Übertragungskapazität. Man braucht weder selbst zur nächsten Bibliothek zu gehen, noch muss dort jemand das Dokument aus dem Regal oder dem Archiv holen. Sehr oft kann deshalb auf eine langfristige Vorhaltung von Dokumenten (just in case) verzichtet werden, da sie im Falle eines Bedarfs schnell beschafft werden können (just in time).
  • Gleichzeitige Nutzung desselben Exemplars: Ein elektronisches Dokument ist nie ausgeliehen, sofern es entweder online ist oder aber jederzeit vom Offline- in den Online-Zustand gebracht werden kann, d.h. es muss auf einem Rechner angeboten werden, der das Dokument automatisch laden kann. Mehrere 100 Nutzer können es dann gleichzeitig verwenden. Besonders interessant ist dies für Audio- und Video-Aufzeichnungen, bei denen eine Kopie parallel von mehreren Nutzern asynchron genutzt werden kann. Gemeint ist, dass ein Nutzer sich am Ende einer Melodie oder einer Szene eingeschaltet befindet, gleichzeitig mit einem anderen in der Mitte, oder wieder einem anderen am Anfang.
  • Selektive Informationsverteilung: Analoge Medien haben teilweise das Problem, dass sie Information nur in vorgegebenen, relativ großen Einheiten verteilen können. So erscheint ein Heft einer Zeitschrift erst, wenn eine genügende Anzahl von Artikeln vorliegt. Eine Tageszeitung verteilt Stellenanzeigen an alle ihre Leser, gleichgültig, ob sie am Anfang ihres Berufslebens stehen oder dieses bereits hinter sich haben. Digitale Information kann in beliebig kleinen Einheiten und zielgenau verteilt werden.
  • Weltweite Verfügbarkeit: Es spielt keine Rolle mehr, wo auf der Welt sich ein Dokument befindet. Es ist gleich schnell verfügbar, egal, ob es sich jenseits des Atlantiks oder in der lokalen Bibliothek im Stadtzentrum befindet. Es besteht kein Grund, ein Dokument wegen der geographischen Verfügbarkeit zu reproduzieren. 
  • Weiterverarbeitbarkeit: Ein digitales Dokument lässt sich, falls die Codierung und die Formate bekannt sind, auf einem Rechner weiterverarbeiten. Zum Verarbeiten gehören Vergrößern und Verkleinern, Drehen und Wenden, Verbessern und Verdichten, Zerschneiden und Zusammenkleben (die beiden letzten natürlich im übertragenen Sinne).
  • Erschließbarkeit: Ein digitales Dokument kann inhaltlich ganz anders erschlossen werden als ein konventionelles Dokument. Das kann erfolgen entweder basierend auf einer vorgegebenen oder erkennbaren Struktur oder völlig frei, indem der Inhalt Bit für Bit analysiert wird. Auch kann es den Bedürfnissen eines individuellen Nutzers besser angepasst werden, sei es durch Selektieren des Inhalts oder durch akustische Wiedergabe oder die Darstellung in Blindenschrift.
  • Integrierte Darstellung verschiedener Medien: Texte und Graphiken lassen sich mit Bewegtbildern (Videos), Tonaufzeichnungen (Audios) und Computer-Simulationen und -Animationen verknüpfen und das in beliebig kleinen Mengen. Es können auf diese Weise pädagogisch optimale Ausdrucksformen kombiniert werden und auf denselben Geräten gespeichert, übertragen und dargestellt werden.
  • Gemeinsame Lagerung: Die bei analogen Medien erforderliche getrennte Lagerung entfällt. Für einen Vortrag oder eine Vorlesung können außer einem Text auch Videoausschnitte (Videoclips) und Animationen gespeichert werden, von einem Experiment werden außer Temperaturmesswerten auch Geräusche registriert und ein Röntgenbild wird mit gesprochenen Kommentaren versehen.
  • Mögliche Kostenersparnis: An die Stelle der Kosten für das Medium Papier oder der anderen Datenträger (Glas, Metall, Zelluloid), einschließlich ihrer Lagerung und ihres Transports, treten die Kosten für die Informatik-Infrastruktur. Ob eine Kostenersparnis eintritt, hängt davon ab, ob die Infrastruktur-Kosten auch von anderen Anwendungen mitgetragen werden und wie diese Kosten verrechnet werden. Da Bibliotheken meist in teuren Großstadtlagen untergebracht sind, fallen bei ihnen Raumkosten oft sehr stark ins Gewicht.

Nachteile digitaler Dokumente

Auch hier gebe ich zunächst den ursprünglichen Text wieder. Es wurden sechs Nachteile angeführt.
  • Abhängigkeit von technischen Hilfsmitteln: Digitale Dokumente, insbesondere solche in binärer Darstellung, sind für Menschen nicht ohne technische Hilfsmittel zu erstellen und zu nutzen. Diese Abhängigkeit verlangt gewisse Investitionen und Grundkenntnisse, aber auch das Vorhandensein von elektrischer Energie. Die finanziellen Investitionen haben zwar die Tendenz zu fallen oder sich relativ zu anderen Investitionen zu verkleinern. Mit dem Vordringen in neue Nutzergruppen wird jedoch das Ausbildungsproblem größer. Nicht wenige CD-ROMs enden im Schrank oder werden zurückgegeben, weil der Käufer die systemtechnischen Voraussetzungen falsch eingeschätzt hatte oder von ihnen überfordert wurde.
  • Leichte Veränderbarkeit: Ein digitales Dokument ist veränderbar, ohne dass Spuren der Veränderung am Dokument sichtbar sind. Soll eine Veränderung verhindert werden oder sichtbar gemacht werden, müssen bestimmte Vorkehrungen getroffen werden. Manche Autoren sind besorgt, dass absichtliche Veränderungen oder Plagiate ihres Werks in Umlauf geraten können. Die leichte Veränderbarkeit kann auch dazu führen, dass schnell viele (vom Autor selbst verfasste oder tolerierte) Versionen eines Dokuments in Umlauf kommen, die sich nicht mehr sauber auseinanderhalten lassen.
  • Umfang digitaler Dokumente: Gegenüber einem analogen Dokument gleichen Inhalts kann der Umfang des entsprechenden digitalen Dokuments das 10- bis 100-fache ausmachen. Zwar werden Speichermedien immer billiger und Übertragungsleitungen immer leistungsfähiger, dennoch kann es leicht geschehen, dass man ein einzelnes Betriebsmittel überfordert. Insbesondere Multimedia-Dokumente können sehr hohe Anforderungen stellen. Das führt dann zu Staus im Netz oder zu Speicherproblemen bei einem bestimmten Rechner.
  • Gefahr von Beschädigung und Verlust: Da die laufende menschliche Sichtkontrolle nicht möglich ist, kann eine Beschädigung oder gar ein Verlust eines digitalen Dokuments eintreten, den man erst sehr spät festgestellt. Es kann durchaus vorkommen, dass man eine nicht-lesbare oder gar leere Diskette erhält. Auch kann durch unsachgemäße Behandlung oder Lagerung der Inhalt verloren gehen oder unlesbar werden. Die größte Gefahr besteht in dieser Hinsicht bei beschreibbaren Medien. Hier kann es leicht vorkommen, dass aus Versehen der Inhalt modifiziert oder gelöscht wird.
  • Risiken bei Übertragung über offene Netze: Bei Versand von Briefen und anderen Papierdokumenten gibt der Umschlag eine gewisse Sicherheit gegen ein Mitlesen des Inhalts. Im Prinzip kann jeder Teilnehmer alle Nachrichten lesen, die über ein offenes Netz versandt werden. Die Gefährdung kann sich dadurch ergeben, dass Nachrichten mit empfindlichem Inhalt an Nutzer gelangen, die diese Nachrichten überhaupt nicht haben wollten oder an solche Teilnehmer, die mit Absicht fremde Nachrichten anzapfen. Um dies zu verhindern, sind bei offenen Datennetzen erhebliche Anstrengungen erforderlich.
  • Aufwand für Langfrist-Archivierung: Eine langfristige Archivierung erfordert eine laufende Anpassung an die jeweils nutzbaren Technologien und Formate. Wird dies nicht gemacht, kann es sein, dass bereits nach fünf bis sieben Jahren das Dokument nicht mehr lesbar ist. Da von einem digitalen Dokument wesentlich weniger Kopien existieren als von einem gedruckten Dokument, ist auch die Gefahr größer, dass diese Kopien irgendwann nicht mehr zugreifbar sind.

Ergänzungen aufgrund eigener Erfahrungen

Wie oben, so liste ich zuerst weitere Vorteile und dann weitere Nachteile digitaler Dokumente. Ich betone dabei vor allem solche Dinge, die mir persönlich auffielen. Dazu gehört alles, was der Nutzung durch außerhalb einer Großstadt lebende ältere Menschen zugutekommt. Vor allem stehen mir keinerlei Informationsvermittler zur Verfügung. Vorteile analoger Medien ergeben sich aus den Nachteilen digitaler Medien und umgekehrt. Mir fallen mehrere Vorteile ein, die ich laufend nutze. Es mögen dies keine intrinsischen Eigenschaften sein, sondern aus den bereits genannten Vorteilen abgeleitet sein.   
  • Verbesserte Such- und Auswahlmöglichkeit:Digitale Dokumente suche ich nicht nur nach Autor, Titel und Schlagworten. Ich kann direkt nach einzelnen Worten im Text oder im Inhaltsverzeichnis suchen. Ehe ich ein Dokument ganz herunterlade oder gar kaufe, kann ich 20-50 Probeseiten lesen. Ich bin nicht darauf angewiesen, dass das Dokument von jemandem in einem Katalog nachgewiesen wird, sondern kann frei im Internet suchen. Das Dokument nähert sich stückweise dem Leser.
  • Variation von Schriftart, Schriftgröße und Beleuchtung: Viele gedruckte Bücher kann ich heute nur noch mit Lupe unter der Schreibtischlampe lesen. Das gilt insbesondere für alle Formen von Taschenbüchern, also die Billigausgaben. eBücher oder der digitale SPIEGEL, die ich per Tablett lese, sind selbst leuchtend und können vergrößert oder verzerrt werden.
  • Nachträgliche Korrekturen, insbesondere Vorwärtsverweise auf später erschienene Dokumente:  Digitale Dokumente sind lebende Dokumente. Sie sind nicht mit Tinte gezeichnet oder in Stein gehauen. Als Blog-Betreuer kann ich noch nach Wochen Korrekturen machen oder ergänzende Kommentare zulassen. Ich kann einen Jahre alten, früheren Beitrag mit einem Hinweis auf einen neueren Beitrag versehen.
  • Vollautomatisches Aktivieren aller Referenzen: Die klassische Referenz nur mit Autor und Titel kommt mir vor wie ein abgesägter Arm im Vergleich zu den Möglichkeiten eines Links im Internet. Ich schicke nicht mehr jemand auf eine Expedition in kilometerweit entfernte Bibliotheken, sondern ziehe das Dokument wie an einem Seil direkt zu mir.
  • Automatische Übersetzung in andere Sprachen: Dank der Fortschritte in der maschinellen Sprachübersetzung kann ich einen fünfseitigen deutschen Text in einer halben Stunde in passables Englisch übersetzen. Für Französisch benötige ich etwas länger. Die Hauptsache aber ist, der übersetzte Text ist im gleichen Medium (und anderen, so fern ich es will) sofort überall auf der Welt verfügbar.
  • Gleichbehandlung aller Dokumente unabhängig vom Alter: Es hat mich selbst vollkommen überrascht, dass der am häufigsten besuchte Text meines Blogs ein über fünf Jahre alter Beitrag ist. Wer kümmert sich schon um fünf Jahre alte Beiträge in papiernen Zeitschriften oder Büchern. Sie liegen irgendwo angestaubt in Kisten oder Bücherregalen.
  • Nicht abnutzbar durch Vielfachnutzung: Von der Papierausgabe eines meiner Bücher wollte ein Bekannter zwei Exemplare haben. Er möchte das eine Exemplar nämlich lesen (und dabei evtl. grob behandeln) und das andere weglegen, damit es auch nach Jahren noch unbeschadet ist.
  • Tatsächliche Kostenersparnisse für die Nutzer: Es hat länger gedauert als erwartet, bis die möglichen Preissenkungen im vollen Umfang sichtbar wurden. Seit über zwei Jahren besitze ich ein Abonnement (Skoobe = Umkehrung von ebooks) für 9,99 Euro pro Monat, in dessen Rahmen über 10.000 eBücher angeboten werden. Zum Jahresende 2016 kaufte ich neun (9) digitale Lehrbücher bekannter Kollegen für unter 50 Euro. Auch die Informatik-Infrastruktur, die zum Lesen digitaler Dokumente nötig ist, macht rasante Fortschritte. Wie im November 2016 erwähnt, benutze ich einen 37-GIPS-Rechner mit 64 Gigabytes Speicher am Gürtel beim Gang durch die Wohnung.
Die Nachteile digitaler Dokumente kenne ich weniger aus eigener Erfahrung als aus Berichten in den Medien:
  • Mangelndes haptisches Erlebnis: Offensichtlich sind eBücher (noch) nicht populär als Geschenk für ältere Leute. Deshalb lasse ich ausgewählte Beiträge aus meinem Blog als Sammelband auf Papier drucken.
  • Verunsicherung traditioneller Geschäftspartner: Das Jammern von Zeitungsverlegern hält schon seit Jahren unvermindert an. Nur der Axel-Springer-Verlag hat sich umorientiert und macht sein größtes Geschäft mit dem Betreiben von diversen Portalen.
  • Überhandnehmen von Hass, Polemik  und Beschimpfungen: Waren lange Zeit Viren, Trojaner oder Blockierer (DDoS) das Hauptproblem, so sind der schlechte Sprachstil im Netz oder die Falschmeldungen (engl. fake news) heute der Hauptgesprächsstoff. Es besteht sogar Angst, dass der Wahlkampf des Jahres 2017 in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.

Bisher nicht eingetretene Befürchtungen

Der völlige Einbruch der kulturellen Aktivitäten von Autoren und Künstlern ist bisher ausgeblieben. Zwar hat Jaron Lanier, der Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels von 2014, auf die Gefahren hingewiesen,

die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird und wenn Menschen, trotz eines Gewinns an Vielfalt und Freiheit, auf digitale Kategorien reduziert werden. ... [Es käme darauf an] wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein und der digitalen Welt Strukturen vorzugeben, die die Rechte des Individuums beachten und die demokratische Teilhabe aller fördern.

Die großen Verteiler (also die Dreckschleuderer) seien die wahren Gewinner im Internet und nicht die einzelnen kreativen Schöpfer, beklagt Janier. Insgesamt scheint dies die Produktion von lesenswertem Material (noch) nicht gestoppt zu haben. Nur so ist zu erklären, dass auf Buchmessen jedes Mal mehr Neuerscheinungen vorgestellt werden als im Jahr davor.

Bisher nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten

Die Möglichkeiten, die in digitalen Dokumenten stecken, sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Einer, der diese Meinung vertritt, ist Sascha Lobo. Sein Vorschlag mit dem Namen Social Books (Abk. sobooks) ist nur einer von Vielen. Lobo möchte, dass es bessere Möglichkeiten gibt, Feedback an den Autor zu geben. Außerdem ist er für eine freie Nutzung aller Materialien, weit über das Zitieren hinaus.

Erfahrungen mit Rückwärtsbewegungen

Obwohl ich Bloggen als moderne Publikationsform ansehe, ist ein Großteil des im Blog enthaltenen Materials auch anders veröffentlicht worden. Ein selektiver Nachdruck auf Papier ist hin und wieder reizvoll. Auch bei fachlichen Texten machte ich die Erfahrung, dass Internet und Papier im Grunde verschiedene Medien sind. Sie sprechen verschiedene Menschen an und werden verschieden genutzt. Papierne Bücher sind in allen häuslichen Umgebungen und jederzeit nutzbar und lassen sich leicht verschenken. Digitale Veröffentlichungen stehen schnell und weltweit zur Verfügung und gestatten die Interaktion mit dem Leser. Sie können auch nach der Veröffentlichung geändert oder ergänzt werden. Sie leben einfach – im Vergleich zu dem in Stein gemeißelten oder auf Papier gedruckten Texten. Man kann sehr leicht Bezug nehmen auf eine Vielzahl anderer im Internet verfügbarer Dokumente und Informationen. Beim Zurückgehen auf Papier müssen diese so genannten Links alle entfernt werden. Man ersetzt quasi einen lebenden Organismus durch sein totes Knochenskelett. Aus der Moderne geht es dann zurück in die Papierzeit, die eigentlich  ̶  was die Veränderbarkeit des Datenträgers betrifft  ̶  eine Stein- oder Eisenzeit war.

Trotzdem wirkt eine gebundene Sammlung von Texten anders als die ursprüngliche Folge von separaten Internet-Veröffentlichungen, nämlich durch die geballte Wucht gleichzeitig dargebotener verwandter Beiträge. Vergleicht man jedoch ein eBuch mit einem Papierbuch, dann bleibt außer dem handgreiflichen (haptischen) Eindruck und dem Geruch nicht allzu viel Unterschied bestehen. Es wird zu einer Frage des Geschmacks.

Zum Schicksal eines Buchs

Habent sua fati libelli‘ sagten die Lateiner, wenn sie meinten, dass ein Buch selbst  ein bewegtes Schicksal haben kann, unabhängig von seinem Inhalt. Erschienen war [1] kurz nach Abschluss eines Großprojekts (mit Namen Medoc), bei dem beide Autoren erste Erfahrungen mit multimedialen Dokumenten sammeln konnten. Der Heidelberger dpunkt-Verlag bot das Buch zum Preis von 99 DM an. Der Verlag dachte vermutlich, dass das Thema für Studierende außer Reichweite läge,  dass aber alle Bibliothekare Deutschlands das Buch kaufen würden. Diese beschwerten sich jedoch, dass zwei Informatiker sich einbildeten, Bibliothekaren etwas sagen zu können. Schon der Titel sei eine Provokation. Wir sollten bei unsern Leisten bleiben und das Buch lieber Digitale Informationssysteme nennen. Ein anderer bekannter Heidelberger Verlag, dem das Buch zuerst angeboten worden war,  hielt das Thema nicht für wichtig. Eine große Stuttgarter Buchhandlung ordnete das Buch im Sektor Architektur ein, neben Le Corbusier und Bauhaus.

Referenz:
  1. Endres, A., Fellner, D. W.: Digitale Bibliotheken   ̶   Informatik-Lösungen für globale Wissensmärkte.  2000, S. 16-19

Mittwoch, 4. Januar 2017

Sechs Jahre dieses Blogs ̶ statistisch gesehen

Fast habe ich die Lust auf Statistiken verloren. Die letzte Analyse liegt ein Jahr zurück. Nach sechs Jahren weiß ich nämlich im Voraus nicht, ob der Nutzen noch die Mühe rechtfertigt, d.h. ob sie überhaupt noch Interessantes oder Berichtswertes hervorbringt. Die Entdeckung neuer Trends kommt immer seltener vor. Deshalb  ̶  zum Abgewöhnen  ̶  nur noch eine Magerversion. Die benutzten Daten basieren auf dem Stand von 4.1.2017.

Besucherzahlen und Herkunft 

Die Zahl der Besucher (Seitenaufrufe) des Blogs hat sich im Jahre 2016 zwar reduziert, aber nur ganz geringfügig (0,1%). Wir haben also eine Art Gipfelplateau erreicht. Allerdings sind die über 150 Besucher pro Tag (rund 55.600 im Jahr) mehr als manche Fachzeitschrift erreicht. Gezählt wird bekanntlich nur die Zahl der Besucher. Wie hoch der Anteil wiederkehrender Besucher ist, kann ich nicht feststellen. Die Besucher müssen nicht alles auch Leser sein, oder gar menschliche Wesen. Dass einige Robbies oder Suchmaschinen (engl. crawler) dabei sind, steht außer Frage. Warum sollen Maschinen nicht durch Lesen lernen dürfen? Menschen tun es ja auch, vor allem Kinder. Die einzelnen Zahlen sind aus der folgenden Ländertabelle zu entnehmen.


Besucher und deren Herkunft (für die letzten zwei Jahre)

Die Verschiebungen sind mal wieder beachtlich. Es zeigten nur Polen, Russland und Irland ein signifikantes Wachstum, ebenso die Gruppe der nicht im Einzelnen ausgewiesenen Länder. Die USA wuchsen nur geringfügig. Deutschland und Österreich stagnieren. Frankreich fiel stark zurück, aber auch die Ukraine, die Schweiz und das UK. Es ist dies eine  Entwicklung, die sich schon seit einigen Jahren abzeichnet. Es kommen dabei interessante wirtschaftliche und kulturelle Trends zum Ausdruck. Die Nachbarländer Benelux, Dänemark und Tschechien, wo Deutschkenntnisse durchaus vorhanden sind, halten sich im Peloton versteckt, d.h. unter den Übrigen Ländern.

Themen und ihre Beliebtheit 

Auch dieses Jahr habe ich nur die Spitzenreiter über die Gesamtzeit untersucht. Wer die Liste sehen will, kann sie anklicken. Es sind dieses Mal die rund 60 Beiträge, die in der gesamten Lebenszeit dieses Blogs mehr als 600 Besuche hatten. Davon hatten 16 mehr als 1000 Besucher. Einige kurze Bemerkungen dazu.

Mit dem Thema Professionalismus scheine ich eine Marktlücke erwischt zu haben. Vielleicht hätten Herr Broy und ich unsere Gedanken als Buch veröffentlichen sollen. Die Leserzahl wird bald die 5000er Schwelle überschritten haben. Die Zigarettenbilder halten weiter den zweiten Platz mit bald 3000 Besuchern. Dass ich ein echtes Bedürfnis erfüllt habe, indem ich auf erfolgreiche Praktiker unseres Fachgebiets hinwies, war mir schon lange klar. Das belegt auch das anhaltende Interesse an den Interviews mit den Kollegen Mertens, Küspert, Plattner, Janßen, Oswald und Hieber. Dass ich es schaffte, Karl Ganzhorn und Heinz Gumin ein ‚literarisches‘ Denkmal zu setzen, erfüllt mich geradezu mit Genugtuung.

Die touristischen Reiseführer nach New York und Nizza, sowie der nach Anzio und Monte Cassino finden weiter Aufmerksamkeit. Auch meine historischen Essays zum Garten Eden, den hängenden Gärten Babylons, zu Milet und Toledo und den Luxemburger Kaisern locken viele Leser.

Sonstige Aktivitäten des Blogverwalters

Da in den beiden zurückliegenden Jahren Material aus diesem Blog in einige klassische Papierbücher floss, versetzte dies mich in die Lage, vielen Freunden und Bekannten ein kleines Geschenk zu Weihnachten zu offerieren. Sowohl der Sektor Heimatgeschichte wie auch die Informatiker-Interviews erwiesen sich als attraktiv für alle Hardware-Freunde.

Dieser Tage las ich das Bekenntnis des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy. Sein biologisches Leben wäre im Alter von 51 Jahren zu Ende gewesen, gäbe es nicht die medizinische Technik. Jetzt ist er 76. Mein technisch begründetes Leben begann nach 57 Jahren und jetzt bin ich 84. Er hatte 25 Jahre, ich hatte 27, um nach Sinn zu suchen. Wir beide begannen zu lesen und zu schreiben. Das half ihm  ̶  und auch mir  ̶   das Leben mit neuem und zusätzlichem Inhalt zu erfüllen.