Dienstag, 7. März 2017

Epochalismus oder noch mehr Folklore, die man hinterfragen darf

Im April 2014 überschrieb ich einen Blog-Beitrag mit den Worten Informatik-Folklore, die man hinterfragen darf. Am Schluss standen ein paar Sätze, an die ich hin und wieder erinnert werde.

Unsere Branche ist  ̶  um  Evgenij Morozovs Terminologie zu verwenden  ̶  wie keine andere dem Epochalismus verfallen. Morozov nennt es auch technologische Amnesie. Immer wieder erscheinen Heilslehrer, die verkünden alles Alte zu vergessen, denn gerade habe ein neues Zeitalter begonnen. Nicht die Heilslehrer sind unser Problem, sondern die vielen (so genannten) Fachexperten, die ihnen glauben und folgen, statt sich eigene Gedanken zu machen.

Worte zu finden ist leicht, Werte zu schaffen jedoch nicht

Gerade fand mal wieder eine Diskussion unter Fachkollegen statt über das Übermaß von Hypes und Schlagworten, unter dem unsere Branche zu leiden hat. Angeregt wurde diese Diskussion von dem Kollegen Peter Mertens aus Nürnberg mit einem Beitrag im Informatik-Spektrum 4/2016 (S.301 ff). Er nahm die beiden Schlagworte Digitalisierung und Industrie 4.0 aufs Korn. Der Kollege Ernst Denert aus München reagierte mit einem Leserbrief in Heft 1/2017 (S.119). Er schlussfolgerte, dass die 'Öffentlichkeit Besseres verdient [habe] und die Informatik auch'.

Am 2.3.2017 bemerkte ich dazu:

das von Peter Mertens und Ernst Denert beklagte Problem von Hype und Schlagworten verfolgt uns Informatiker auf Schritt und Tritt. Dasselbe Heft des Informatik Spektrums, in dem Denerts Leserbrief erschien, liefert ein schönes Beispiel. Ich zitiere: ‚Eine Smart City soll jedoch nicht als Endstation der Stadtentwicklung angesehen werden, sondern soll sich mithilfe von Cognitive Computing in eine Cognitive City entwickeln ... Die Fähigkeit, sprachliche Parameter zu berechnen, macht es möglich, Informationen bewusst, kritisch, logisch, achtsam und aufgrund von Überlegungen zu verarbeiten‘. (Informatik Spektrum 1/2017, S.55).

Am 3.3. 2017 erwiderte Peter Lockemann aus Karlsruhe:

das kann man noch fortsetzen. Eines dieser Unworte ist "smart". Ein wundervolles Beispiel für die gedankenlose Verwendung von "smart" findet sich auf Seite 47 als Abb.1 in dem von Ihnen zitierten Beitrag (s. anbei).



Ein in der Politik beliebtes Anhängsel ist "4.0" überall dort wo man glaubt, man müsse Aktionismus bekunden. Aus einer Folie eines unserer Landesministerien: Wirtschaft 4.0, Industrie 4.0, Handwerk 4.0, Dienstleistungen 4.0, Handel 4.0, Arbeit 4.0, Aus-und Weiterbildung 4.0, Diversity 4.0, Europa 4.0, Gründung 4.0 (alles auf ein und derselben Folie!). Ich würde mir gerne erklären lassen, was die Autoren jeweils damit meinen. Kritik allein ist aber zu wenig. Dahinter steckt eben auch ein unglücklich artikulierter Bedarf, und mit dem sollten wir Informatiker uns ernsthaft auseinandersetzen (tun wir ja oftmals auch, aber für die Öffentlichkeit häufig unverständlich).

Am selben Tage schrieb Jürgen Nehmer aus Kaiserslautern:

ich habe direkt nach Erscheinen des Artikels Herrn Mertens geschrieben und ihm erklärt, wie sehr ich seine Ansicht teile. Als Senator und späterer Vizepräsident der DFG sind unzählige Forschungsanträge an die DFG aus der Informatik über meinen Tisch gelaufen und ich hatte oft die Aufgabe, den Inhalt meinen Kollegen aus den Ingenieurwissenschaften, den Naturwissenschaften und der Mathematik zu erklären. Ich bin mir oft wie ein Übersetzer vorgekommen, der Texte mit immer neuen Modebegriffen ohne Substanz in eine klar verständliche Techniksprache übersetzen musste, damit meine Kollegen im Senat und Präsidium nachvollziehen konnten, was mit einem Forschungsvorhaben aus der Informatik beabsichtigt war.

Noch ein paar Gedanken dazu. Digital stand für alles, was von der Informatik berührt wird, also genutzt und verändert werden kann, und smart ersetzte das früher stets überall verwendete Wort intelligent. Beide waren bis zuletzt die beliebtesten ‚Buzzwords‘ der Branche, die man an alles dranhängte. Genau genommen waren es Adjektive, die man voransetzte, wollte man überhaupt gehört werden. Das galt sowohl für die Produktwerbung, als auch für das Einwerben von Fördergeldern. Allmählich wird man dieser beiden Attribute überdrüssig. Sie werden daher abgelöst von ‚kognitiv‘ (anstatt smart) und Welt 4.0 (für alles, was schon digitalisiert ist).

Worte sind wie Verpackungen. Wer etwas verkaufen will weiß, dass er auf die Verpackung achten muss. Nur darf sie nicht übertrieben sein oder mehr vortäuschen, als in ihr ist. Dass auch andere Wissenschaften sich plötzlich das Attribut ‚digital‘ oder ‚smart‘ geben, hängt vielleicht damit zusammen, dass sie gerne ähnliche Fortschritte erreichen möchten wie die Informatik. Bei ihnen reichen dafür Worte ebenfalls nicht aus.

Alt ist von Übel, nur neu ist geil

Selbst in den besten Informatiker-Kreisen besteht ein äußerst seltsames Verhältnis zu allen in der Praxis existierenden Software-Systemen – selbst den gut eingeführten. Entsprechen sie, was ihre externen Merkmale anbetrifft, nicht der neuesten Mode, erhalten sie schnell das Prädikat Altsystem. Wie über alles Gestrige, so rümpft man die Nase. Man tut so, als ob man sich damit verunreinige. In Wahrheit gäbe es ohne bewährte Software unsere Branche überhaupt nicht, ohne sie liefen 90% der heutigen Anwendungen nicht. Die Definition bei Wikipedia ist ziemlich zutreffend.

Der Begriff Altsystem (engl. legacy system) bezeichnet in der Informatik eine etablierte, historisch gewachsene Anwendung im Bereich Unternehmenssoftware. Legacy ist hierbei das englische Wort für Vermächtnis, Hinterlassenschaft, Erbschaft, auch Altlast.

Fast immer wird auf Altsysteme herabgesehen, ja geschimpft. Das geschieht nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der Praxis. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein möglicher Grund wird in Wikipedia gleich mitgeliefert.

Innerhalb der Anwendungslandschaft eines Unternehmens sind es zumeist großrechnerbasierte Individualentwicklungen, die sich oft durch unzureichende Dokumentation, veraltete Betriebs- und Entwicklungsumgebungen, zahlreiche Schnittstellen und hohe Komplexität auszeichnen. Die dort anzutreffende zentrale Daten- und Funktionshaltung galt seit der Client/Server-Euphorie als überholt.

Diese Definition ist garantiert schon mehrere Jahre alt. Sie müsste längst überarbeitet werden, da die Client/Server-Euphorie inzwischen der Cloud/App-Euphorie gewichen ist. Natürlich gibt es immer etwas Neues, das per se besser ist als der letzte Schrei von gestern. Nur so schafft man sich als Software-Entwickler neue Aufträge. Wie alle Betroffenen wissen, erfolgte die technische Entwicklung der Hardware exponentiell nach dem Mooreschen Gesetz. Jede Generation eines Systems war um eine Größenordnung besser, was Speicherkapazität und Rechnerleistung betrifft. Das zog den Umfang und die Breite der Software nach sich.

Es ist wichtig drauf hinzuweisen, dass es nicht der Fortschritt der Hardware ist, der Software ‚veralten‘ lässt. Ändert sich die Anwendungslogik inklusive Datenstrukturen, dann sind Änderungen der Software unvermeidbar. Anders muss man die vielen Änderungen der Softwaretechnik bewerten. Neue Entwurfsverfahren, neue Sprachen, neue Testmethoden und dgl. haben an sich nur Konsequenzen für neu zu entwickelnde Anwendungen. Ihre Übernahme durch das Entwicklerteam produziert jedoch Legacy-Code, d.h. Altsysteme, für deren Pflege bald keine Kompetenz mehr vorhanden ist. Dieser Preis wird sehr oft nicht in Betracht gezogen. Man muss nämlich über die einzelne Anwendung hinausdenken. Interessant sind noch die folgenden Bemerkungen zum Thema Altsysteme. Da wird einerseits betriebswirtschaftlich argumentiert, andererseits auf mögliche Probleme hingewiesen.

Sowohl in wirtschaftlichen Aufschwung- wie in Abschwungphasen wird oft repriorisiert, um die mit einer Ablösung verbundenen hohen Ausfallrisiken bzw. Umstellkosten zu umgehen, zumal der bloße Ersatz eines Legacy-Systems nicht mit einem direkten Mehrwert, sondern meist nur mit der Einsparung von kalkulatorischen Kosten (Kosten für temporären oder dauerhaften Ausfall) oder Opportunitätskosten (entgangene Umsätze wegen begrenzter Leistungsfähigkeit des Legacy-Systems) verbunden ist.

Es wird zugestanden, dass manchmal die Ablösung keinen ‚direkten Mehrwert‘ ergibt oder dass die Kosten des Altsystem keine echten Kosten sind. Man fordert dennoch dessen Ablösung. Die Frage ist nur, wer es wann macht. Wer sich auf eine Umstellung einlässt, läuft Gefahr in nicht erwartete Probleme zu rennen, für die es keine einfache Lösung gibt. Deshalb kann es sein, dass eine ‚Einkapslung‘ der Ausweg der Wahl ist. Das erinnert an den havarierten Kernreaktor von Tschernobyl, ist aber etwas weniger schlimm. Es gibt mehrere Gründe, sich von der Vergangenheit der eigenen Branche zu distanzieren. Ich liste einige auf:

  • Alles was man jetzt macht, erscheint größer als es in Wirklichkeit ist. Es werden weniger Vergleiche gemacht.
  • Man braucht weniger zu wissen, also zu lernen, um als Experte zu gelten. Man braucht sich nicht mit den Methoden und Werkzeugen zu befassen, mit denen vorhandene Produkte entwickelt wurden.
  • Probleme, die bei jedem Produkt erst bei der Nutzung auftreten, gehen einen nichts an.
  • Die Befassung mit Vorhandenem bindet Mittel, die man nicht für die Neugestaltung der Zukunft verwenden kann.

So lange es genug neue Systeme zu entwickeln gibt, kann man die Wartung und Pflege alter Systeme wegdelegieren. Diese Tätigkeiten werden daher ‚outgesourced‘, und zwar möglichst an Kollegen mit Standortnachteilen, z.B. in Entwicklungsländern wie Indien und Vietnam. Die dürfen sich dann mit den ‚alten‘ Methoden und Werkzeugen befassen. So existieren einige Hundert Milliarden Zeilen Programmcode in COBOL oder Fortran, den beiden früheren Standardsprachen der Branche. So wie die Literatur des Westens ein Jahrtausend lang sich des Griechischen und Lateinischen bediente, so entstanden viele Programme, die noch heute eine Rolle spielen, in Programmiersprachen, die man inzwischen als historisch bezeichnen kann. Von den rückwärts blickenden Geisteswissenschaftlern sondern sich die nach vorne gerichteten Ingenieure gerne ab. Dummerweise schafft die Informatik auch Bleibendes.

Es ist zweifellos so, dass immer noch zu viel Individual-Software entwickelt wird, auch da wo Standard-Software möglich ist. Leider entspricht es mehr der Natur vieler Menschen, lieber etwas Neues zu schaffen als etwas Vorhandenes zu pflegen. Das ist nicht nur in der Software-Branche der Fall. Um das Alte in nutzbarem Zustand zu halten, ist Aufmerksamkeit erforderlich. Seine Pflege muss gewährleistet sein. Da Software nicht durch Nutzung verbraucht wird, muss sie immer wieder angepasst werden. Je umfangreicher sie ist, umso seltener ist die Ablösung und Neuimplementierung ein gangbarer Weg. Jede Generation von Programmieren hofft, dass dieser Zeitpunkt doch bitte nicht in ihre Lebenszeit fällt. Anders ist es, wenn er für Firmen wie Alphabet, Amazon, Apple oder Facebook arbeitet. Deren Software wird nicht sobald ersetzt werden. Sie ist schon heute viel zu umfangreich.

Strategien sind wichtiger und schöner als Lösungen

Manchmal bedienen sich Informatiker auch gerne der Begriffe, die anderswo ihren Ruhm erlangt haben. Ein Beispiel ist das Wort Governance. Es stammt aus dem Französischen und bedeutet Regierungs-, Amts- oder Unternehmensführung. Bezeichnet wird damit das Steuerungs- und Regelungssystem im Sinn von Strukturen (Aufbau- und Ablauforganisation) einer politisch-gesellschaftlichen Einheit wie Staat, Verwaltung, Gemeinde, privater oder öffentlicher Organisation. Häufig wird es auch im Sinne von Steuerung oder Regelung einer jeglichen Organisation (etwa einer Gesellschaft oder eines Betriebes) verwendet. Davon abgeleitet wird die IT-Governance.  Es geht dabei darum,

die Anforderungen an die IT sowie die strategische Bedeutung von IT aus Sicht der Kern- und Führungsprozesse im Unternehmen zu verstehen, um den optimalen Betrieb zur Erreichung der Unternehmensziele sicherzustellen und Strategien für die zukünftige Erweiterung des Geschäftsbetriebes zu schaffen.

Governance schafft also Strategien. Aus Strategien werden irgendwann dokumentierte Pläne, aus Plänen endlich Produkte und Dienste. Als Teil der Informatik- oder IT-Strategie kann es eine eigene Software-Strategie geben. Wie jeder General im Kriege gelernt hat, gehören zwei Dinge immer zusammen. Man muss nicht nur eine Strategie haben  ̶  nicht irgendeine, sondern eine gute  ̶  man muss sie auch umsetzen können und wollen. Wenn immer ich das Wort Governance oder Strategie bei unsern Kollegen höre, so frage ich mich, ob wirklich an mehr als nur das Erstellen von Dokumenten gedacht wird. Manchmal müssen Lösungen gefunden werden, auch ohne dass es eine Strategie gibt.

Kommentare:

  1. Manchmal lasse ich mich von klugen Worten beeindrucken. Sie sind dieses Mal in Englisch. Darin steht CS für Computer Science. Das entspricht in etwa unserer Informatik.

    'In much of the computing engineering has preceded the science. ... The early CS shaped the world we find ourselves in today. Our history showed us what worked and what does not. ... Let us not let others oversell our field. Let us foster expectations we can fulfill.' (Peter Denning, CACM 3/2017, S. 33)

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  2. Das Heft 1/2017 des Informatik-Spektrums, aus dem obiges Bild stammt, führte zu einigen Diskussionen. Das Informatik-Spektrum ist zwar langsam, wird aber allen etwa 20.000 Mitgliedern der GI zugesandt. Diese haben nicht die Möglichkeit ein einzelnes Heft oder gar einen Beitrag abzuwählen. Sie können jedoch das gesamte Heft nach Erhalt in den Papierkorb werfen.

    Anders ist es mit dem E-Mail-Verteiler der GI-Fellows. Über den erhalten etwa 100 Leute elektronische Post, d.h. schnell und unkompliziert. Für einige seiner Empfänger werden dort Themen diskutiert, die sie nicht interessieren. Sie beschweren sich dann. Wieder anders ist dieser Blog. Niemand muss ihn lesen. Deshalb hat sich auch noch nie jemand bei mir beschwert. Er ist wie eine Echokammer oder eine Filterblase. Filterblasen führen ‚zur Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt des Benutzers entsprechen‘. Nur Leute, die wissen was sie von mir erwarten können, machen sich die Mühe überhaupt hineinzusehen. Mir dann noch zu widersprechen, kostet zusätzliche Mühe, evtl. sogar andere Unbequemlichkeiten.

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