Mittwoch, 26. April 2017

Büßt die Wissenschaft ihren Nimbus ein?

Donald Trump hat auch das geschafft. Wissenschaftler sind auf einmal nicht mehr die unbestrittenen Lieblinge unserer Gesellschaft, die Stars. Auf Schauspieler und Sportkanonen schaute man stets gönnerhaft herab. Lasst doch das dumme Volk sie verehren und ihnen nachahmen. Ihr Ansehen und ihre Geltung sind ja nur ephemer, also ohne bleibende Bedeutung. Die wahren Stars, ja die Volksheiligen unserer Tage, das sind und bleiben doch wohl die Wissenschaftler. 

Manche hatten schon leise Zweifel, ob man jeden Musiktheoretiker und Ameisenforscher wirklich mit staatlichen Fördergeldern aushalten müsste – wo doch Millionen Kinder verhungern. Jetzt wird die Diskussion plötzlich auf eine ganz andere Ebene gehoben. Nicht nur vor seiner Wahl, auch danach, sagt der Präsident der USA, dass die Klimakatastrophe eine Masche von Wissenschaftlern (und von Chinesen) sei – nur dazu erfunden, um der amerikanischen Wirtschaft zu schaden. Auch auf Ozeanographie, Entwicklungshilfe und ähnliches Zeug könnte man verzichten.

Weltweite Gegenreaktion

Auch wenn viele Leute meinen, dass Trump bereits mehr Aufmerksamkeit bekommt als er verdient, so gibt es doch anscheinend weltweit Tausende, die ihn ernst nehmen. Er macht sie zumindest besorgt und lockt sie hinter dem Ofen hervor. Inzwischen demonstrieren nämlich in Washington und auch bei uns die Wissenschaftler auf der Straße. ‚Science March‘ nennt sich das Ganze. ‚Marsch gegen die Ignoranz‘ heißt es auf Deutsch. Die Süddeutsche Zeitung berichtete ausführlich darüber.

Als nach Trumps Einzug ins Weiße Haus plötzlich wichtige Informationen zum Klimawandel von den Webseiten der Regierung verschwanden, als Wissenschaftler aufgrund ihrer Herkunft nicht mehr in die USA einreisen konnten und Lügen zu "alternativen Fakten" deklariert wurden, entstand in den sozialen Netzwerken die Initiative zum Science March. Binnen weniger Tage ging die Idee um die Welt und erreichte auch Berlin, wo sich eine kleine Gruppe von jungen Forschern, Studenten und Nichtwissenschaftlern zusammentat, um auch in der deutschen Hauptstadt einen Marsch für die Wissenschaft zu organisieren. Zunächst ohne allzu große Erwartungen an die Resonanz. …1000 Mitmarschierer, das ist die Zahl, die sich das Organisationsteam als gutes Ergebnis erhofft. Kurz vor Beginn des Marsches, als Ludwig Kronthaler, der Vizepräsident der Humboldt-Universität eine der ersten Reden dieses Tages hält, wird allerdings klar: Es sind mehr als 1000 gekommen. Viel mehr. Im Ehrenhof der Hochschule beschwört Kronthaler die Grundwerte der Wissenschaft: Freiheit    ̶  und eine auf Wahrheit ausgerichtete Suche nach Erkenntnis.

Es sollen in Berlin nahezu 10.000 Teilnehmer gewesen sein. In Stuttgart waren die Zahlen wesentlich bescheidener. Nach Angaben der Organisatoren waren 400 Teilnehmer erschienen. Die Polizei sprach von 250 Demonstranten. In Heidelberg waren es mindestens 1.000, in Tübingen mindestens 1.500, in Freiburg laut Polizei rund 2.500 Menschen. In Heidelberg, Tübingen und Freiburg sind von Geisteswissenschaftlern bestimmte Hochschulen. In Stuttgart ist eine primär technische Universität.

Nachdenkliches

Martin Stratmann, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, schrieb dieser Tage ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung einen etwas selbstkritischen Beitrag. Er bedauerte, dass es so weit gekommen ist. Seine klügsten Sätze stehen am Schluss:

Es reicht nicht aus, dass wir wissenschaftliche Erkenntnisse in Fachzeitschriften publizieren. Wir müssen die Menschen auch überzeugen, dass diese Erkenntnisse wirklich wertvoll sind, dass sie einen Beitrag leisten können zur Lösung vieler Probleme. Wissenschaft muss sich erklären, aber sie darf nicht mit akademischer Überheblichkeit belehren.

Ich habe in diesem Blog schon des Öftern in dieselbe Kerbe gehauen. Ja, nicht alle Wissenschaftler verhalten sich so, wie man es von ihnen erwartet. Das ist auch bei Ingenieuren, Ärzten, Pfarrern und Politikern so. Man darf einen Beruf nicht mit den zufällig bekannten Berufsträgern gleichsetzen. Die Versuchung, genau dies zu tun, ist immer wieder da.

Die teils traurige, teils hoffnungsvolle Antwort auf alle Kritik ist immer wieder: Wir Menschen haben leider nichts Besseres als die Wissenschaft, wenn es darum geht, kniffelige Fragen oder ernsthafte Probleme zu untersuchen! Frühere Zeiten waren nicht besser dran, nur großzügiger. Sie gaben sich mit weniger zufrieden. Dass ich Wissenschaft mit dem Englischen ‚science‘ gleichsetze, liegt auf der Hand. Von ‚humanities‘ ist im Moment nicht die Rede.

Über die Rangfolge von Werten und Zielen

Wenn immer man Dinge oder Tätigkeiten priorisieren muss, ist es sinnvoll sich über die Relation von Werten und Zielen Gedanken zu machen. Das ist an sich das Terrain von Philosophen. Als Ingenieur habe ich mir für den Hausgebrauch eine absteigende Liste möglicher Werte und Ziele zurechtgelegt. Sie ist noch verbesserbar.


Mögliche Skala menschlicher Werte und Ziele

Wenn und wo immer Mittel und Zeit beschränkt sind, muss priorisiert werden. Nur im Traum und der Mathematik ist dies unnötig. Bildet man eine Rangordnung von Werten und Zielen, heißt das nicht, dass ein absoluter Vorrang besteht. Nicht jeder Wert der Skala muss erschöpfend bedient sein, bzw. jedes Ziel dauernd angesteuert werden, ehe andere in Betracht kommen. Es werden Präferenzen im statistischen Sinne verteilt. Das zuerst genannte Ziel muss deutlich die meisten Treffer erhalten. Die Ziele am Schluss dürfen auch leer ausgehen.

Für die anstehende Diskussion möchte ich darauf hinweisen, dass es Mitbürger zu geben scheint, die diese Liste von unten angehen. Auch einige, die sich Wissenschaftler nennen, gehören dazu. Es ist die scheinbare Umdrehung der Werteskala, die einen stört.

Eine Reaktion aus dem Kollegenkreis

Kaum hatte ich einige meiner Kollegen auf Stratmanns Artikel hingewiesen, schrieb mir einer von ihnen eine etwas aufrüttelnde Mail.

Es freut mich, dass gerade Herr Stratmann als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft so etwas schreibt. Wir haben aktuell leider den Trend, dass universitäre Forschung nur noch nach Publikationen bewertet wird. "Publish or perish" hat dazu geführt, dass mehr publiziert und weniger erklärt wird. Große traditionelle Konferenzen in unseren Gebiet wie die IEEE ICSE sind inzwischen zu reinen Publikationsinstrumenten verkommen. Viele Disziplinen leben in ihrer Blase, wo man sich gegenseitig zitiert und fördert   ̶  ohne gesellschaftlichen Nutzen. Erklärbar ist die Flut der Veröffentlichungen nur noch als Selbstbeschäftigung einer Kaste. Das hat gravierende gesellschaftliche Folgen:
  1. Die Industrie muss Technologietransfer selbst gestalten, da sich die universitäre Forschung selbst beschäftigt
  2. Die Studenten sind zunehmend abgekoppelt, da viele Professoren keinen Realitätsbezug mehr haben
  3. Unsere Gesellschaft sieht keinen Nutzen mehr in der Wissenschaft
  4. Politiker und Führungskräfte verlieren das Vertrauen in wissenschaftliche Ergebnisse
  5. Und als Fazit, dass sich Universitäten derzeit gesellschaftlich ins Abseits manövrieren.
Es ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, dass beispielsweise ein Präsident Trump die Klimaforschung nicht ernst nimmt. Ein Tag der Wissenschaft und Sonntagsreden werden daran wenig ändern. Wir müssen wissenschaftliche Ergebnisse wieder stärker am Bedarf orientieren  ̶  nicht an der Zahl der Veröffentlichungen. Das ist Bringschuld der Hochschulen, und ich bin gespannt, ob sie die Krise rechtzeitig erkennen.

Aufruf zur Diskussion

Die in dieser Mail ausgedrückte recht kritische Meinung mag auf den ersten Blick reichlich pauschal erscheinen. Dennoch ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen. Auch ich hatte immer wieder das Gefühl, dass bei uns einige Dinge nicht besonders gut laufen. Ich komme mir, seit ich dies gelesen habe, nicht mehr so ganz einsam vor. Mit meiner Voreingenommenheit für die berufliche Praxis bin ich fast immer ein Exote, vor allem wenn ich mir die in der GI so überstark vertretenen Kolleginnen und Kollegen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen anhöre.

Ich handle vermutlich ganz im Sinne des Kollegen, wenn ich hiermit eine Diskussion darüber anstoße, ob es derartige kritische Einstellungen auch bei uns gibt, oder ob es sich nur um ein amerikanisches Phänomen handelt. Bei technischen Errungenschaften und sozialen Verwerfungen sind Amis uns bekanntlich oft fünf Jahre voraus. Eine vertiefende Diskussion könnte auch in Deutschland nützlich sein. Sie vernünftig zu führen verlangt ein gewisses Maß an Vertrauen, Taktgefühl und gegenseitigem Verständnis.

Mittwoch, 19. April 2017

Europas politischer Wandlungsprozess

Es gehört zu den Aussagen weltkluger Zeitgenossen, dass ‚nichts so beständig ist wie der Wandel‘. Der Spruch soll uralt sein und auf Heraklit von Ephesus (etwa 540 - 480 v. Chr.) zurückgehen. Er gilt auch – und insbesondere – für die politische Landschaft Europas. Ich greife einige aktuelle Themen heraus.

Frankreich: Präsidentschaftswahlen

Den folgenden fünf von elf Kandidaten werden Chancen eingeräumt in die Stichwahl zu kommen. Meinungsforscher sehen entsprechende Zahlen voraus (in % der erwarteten Stimmen). [Daneben steht das Ergebnis des ersten Wahlgangs]
                                                                         Umfrage [Wahl]


Als Favoriten gelten Emmanuel Macron und Marine Le Pen. Bemerkenswert ist, dass die bisher führenden Parteien (Sozialsten, Republikaner) mit ihren Kandidaten als abgeschlagen gelten. Mélenchon, ein Außenseiter, kann für eine Überraschung sorgen. Er vertritt das ‚aufsässige‘ Frankreich. Alle Hoffnungen des Auslands liegen auf Macron. Schafft er wenigstens den zweiten Platz hinter Marine Le Pen, kann er die pro-europäischen Stimmen aus den anderen Parteien hinter sich vereinigen. Schafft er es nicht, hat die Europa-Bewegung einen weiteren Tiefschlag erlitten, noch katastrophaler als das Brexit-Votum vor einen Jahr.  Am Sonntagabend werden wir Genaueres wissen. [Ich werde dann einen Nachtrag zu diesem Blog-Eintrag schreiben müssen]

England: Vorgezogene Parlamentswahl

Für alle Beobachter überraschend hat Premierministerin Theresa May für den 8. Juni Neuwahlen angesetzt. Sie hatte sie bisher immer ausdrücklich ausgeschlossen. Jetzt rätselt man, was zu dem Sinneswandel führte. Als Grund führt May an, dass die Opposition, also Labour, sie dazu brachte. Sie möchte verhindern, dass man ihre Verhandlungen mit Brüssel beeinträchtigt. Kenner der konservativen Partei (Tories) meinen, dass es ihr darum geht, sich gegenüber einer Gruppe von Befürwortern eines harten Brexits mehr Beinfreiheit zu verschaffen. Was auch immer? Es lohnt sich wirklich nicht, über die Kapriolen englischer Politik nachzudenken.

Es wird bestimmt nicht zu der von einigen Europäern erhofften Korrektur des Referendums kommen. Vor einem Jahr hieß es, das Ergebnis des Referendums wäre anders gewesen, hätten mehr junge Leute, Londoner, Akademiker, Geschäftsleute und Künstler an der Abstimmung teilgenommen. Da keine der beiden politischen Parteien Englands diese inhomogene Klientel unterstützt, wird deren Interesse auch bei dieser Wahl keine Rolle spielen. Dass Schottland oder Nordirland für eine Rückkehr zur EU kämpfen werden, ist unwahrscheinlich. Denen ist London näher und wichtiger als Brüssel (und der gesamte Kontinent).

Niederlande: Liberale vor Nationalisten

Bei der Wahl im März hat Mark Rutte mit seinen Liberalen (VVD) knapp vor Geert Wilders und den Rechten (PVV) gewonnen. Europa atmete auf. Rutte hatte kurz vor der Wahl mit einem offenen Brief an alle Holländer an den liberalen Grundsätzen der holländischen Gesellschaft gerüttelt. ‚Verhalte Dich normal oder verzieh Dich!' so schrieb er. Was er unter ‚normalem Verhalten‘ verstand, ließ er offen. Damit hatte er sich in die Nähe von Wilders bewegt. Wie weit andere europäische Politiker diese Methode nachahmen werden, wird sich zeigen. Es kommt darauf an, wer sich von Rechten bedroht fühlt.

Deutschland: Wahlkämpfe in Ländern und im Bund

Die Wahl im Saarland wird wohl schnell vergessen werden. Die Wahl im Mai in NRW wird eher zur Testwahl für die Bundestagswahl im Herbst werden. Wegen der guten Ausgangssituation der SPD ist mit einer Bestätigung ihrer Erfolge zu rechnen. Das Fragezeichen hängt über den Grünen. Sollten diese nicht mehr in den Landtag kommen, muss sich die SPD nach einem neuen Partner umsehen. Vermutlich wird dann Christian Lindner und die FDP die erste Wahl sein.

Da die CSU nicht länger als ein Verstärker des Gesamtgewichts der Union im Bund angesehen werden kann, können im September in Berlin durchaus Zahlen entstehen, die denen von Düsseldorf sehr ähneln. Ob dies die CSU zum Umdenken bringt, ist fraglich. Sollte es erfolgen, wird der Zeitpunkt derart spät sein, dass der Effekt sich nicht mehr auswirkt.

Welche Rolle die AfD bei zukünftigen Wahlen spielen wird, ist im Moment reichlich offen. Wie von andern Ein-Thema-Parteien, wie etwa den Piraten, vorgemacht, schaffen diese es oft gerade vor wichtigen Wahlen ihre Grabenkämpfe auf die Spitze zu treiben. Teilt sich eine Partei mit einem Stimmenanteil von 8% vor einer Wahl auf, besiegelt sie damit meist ihren Untergang. Sollte diese Partei sich zerfleischen, werden unsere Politiker auf solche taktischen Maßnahmen verzichten können, wie sie Mark Rutte anwandte.

Übriges Europa

Auf die Entwicklungen in allen Ländern der EU einzugehen, will ich mir ersparen. Natürlich geben Ungarn und Polen weiterhin Veranlassung zur Sorge. Auch Griechenland ist noch lange nicht über den Berg.

Es ist mein Eindruck, dass die anstehenden Verhandlungen zwischen dem Vereinigten Königreich (UK) und der EU-Kommission bzw. dem EU-Rat (und den verbliebenen 27 Mitgliedstaaten) sehr viel Energie verbrauchen werden. Es werden deshalb viele andere Fragen in den Hintergrund treten. Dazu werden auch Probleme gehören, wie sie durch die drei genannten Staaten verursacht werden. Oder anders gesagt, die Sonderwünsche Englands werden alle andern Staaten dazu bringen, mehr an die gemeinsamen Interessen zu denken als an die eigenen Wünsche. Wenn sich dies außerdem im Bewusstsein der nationalen Politiker einprägt, wird die EU am Ende dem UK dafür dankbar sein.

Nachtrag am 24.4.2007

Der erste Wahlgang am 23. April in Frankreich (s. oben) bestätigte die Reihenfolge der fünf Spitzenkandidaten. Der Unterschied zwischen den beiden erstplatzierten ist sehr gering. Le Pen hat gegenüber früher deutlich zugelegt. Der Sozialist Hamon schnitt mit 6% äußerst niedrig ab. Fillon und Hamon haben ihren Wählern noch am Wahltag empfohlen, ihre Stimme Macron zu geben. Der kann daher im zweiten Wahlgang am 7. Mai mit einer komfortablen Mehrheit rechnen.

Donnerstag, 6. April 2017

UNIX und IBM – einer Romanze erster Teil

Dass ich dieses Thema heute aufgreife, hängt damit zusammen, dass nachfolgender Text gerade als Teil eines historischen Rückblicks entstand. Es geht um die Zeit von 1983-1986, also vor rund 30 Jahren. Dennoch ist der Text verständlich, ja sogar teilweise lehrreich. Die darin dargestellten Umstände lassen erkennen, welchen Weg die Firma IBM und damit die ganze Branche inzwischen zurückgelegt hat.

Woher kam 1980 das Interesse für UNIX?

Die Idee der offenen und verteilten Systeme beherrschte schon seit Jahren die Fachdiskussion. Man stellte gerne den Gegensatz heraus zu proprietären und zentralen Systemen. Dabei wurde nicht selten sogar die Evolutionsgeschichte der Arten bemüht, die verteilten Systeme waren die Säugetiere, die zentralen Systeme die Dinosaurier. Neben den PCs war tatsächlich ein neuer Markt von sehr leistungsfähigen Arbeitsplatz-Rechnern (Work Stations) entstanden. Er wurde zunächst von Herstellern wie Apollo und Sun dominiert. Sie bauten ihre Software ausschließlich auf der UNIX-Basis. Bei diesen Arbeitsplatz-Rechnern waren Programm-Entwicklung und graphischer Entwurf (Computer Aided Design, CAD) die primären Anwendungen, um die es ging. IBM hatte dem lange nichts entgegenzusetzen, weder in Hardware noch in Software. Auf der Hardware-Seite kamen die Böblinger S/360-Rechner dem Bedarf am nächsten, bei der Software war es VM mit CMS. Es war außerdem nicht mehr zu übersehen, dass bezüglich der Entwicklung von neuen Werkzeugen und Anwendungen im UNIX-Markt die Musik spielte. IBM selbst hielt sich aus diesem Teil des Geschäfts (wo Firmen so schnell verschwinden, wie sie entstehen) heraus. Wir Böblinger wollten jedoch gerne die Anwendungen, die allerorts entstanden, auf unseren Rechnern haben.

Portierung einer Basis

Um in diesen Bereich so schnell wie möglich Fuß zu fassen, übernahmen wir daher eine UNIX-Implementierung von AT&T für das System/360, die schon mehrere Jahre intern bei AT&T in Benutzung war. Man braucht dieses System ja nur zu portieren, dachten wir, etwas was bekanntlich bei UNIX kein Problem ist. Das macht fast jeder Garagen-Betrieb, der gerade ein paar Chips zusammengebaut hat, um daraus einen Rechner zu machen. 

Unglücklicherweise lief diese Version unter TSS, dem Timesharing-Betriebssystem des Rechners System/360 Model 67, einem Fossil, das längst von IBM aus dem Verkehr gezogen war. Man hätte auf diese Komponente verzichten können, wenn man UNIX unter VM angeboten hätte. Das wolle der Vertrieb aber nicht. Es sollte ein alleinstehendes UNIX sein. Die UNIX-Freaks wollen nicht ein zweites Betriebssystem dazu lernen, hieß es, sondern einfach nur ihre Werkzeuge und Anwendungen nutzen.
Hier lernten wir wieder, dass ein Programm, das bei einem Kunden läuft, noch längst nicht die Ansprüche an verlässliche System-Software erfüllt. Wir erhielten mit dem Code gleichzeitig Listen von Hunderten von bekannten Problemen. Die Dokumentation stimmte nicht mehr mit dem Code überein und die Wartung setzte intime Systemkenntnisse voraus. Auch neuere Geräte, seien es Platten, Bänder, Drucker oder Datenstationen, kannte das System nicht. Die sogenannte Portierung wurde also eher zu einer Restaurierung und Verjüngung. Nachdem man akzeptiert hatte, dass dies mehr als nur 2-3 Mitarbeiterjahre kostete, gingen wir an die Arbeit. Das Projekt verlief natürlich nicht ohne Probleme. Diese ergaben sich notgedrungen, da es nicht leicht war, die vorhandene Produktbasis in Übereinstimmung zu bringen mit den Ansprüchen der Kunden und den eigenen technischen und wirtschaftlichen Anforderungen an ein solides Software-Produkt.  



Das Produkt war, wie in der Abbildung überspitzt dargestellt, für IBM nicht ganz leicht zu positionieren. Diejenigen Bereiche der Firma, die dieses Produkt für wichtig hielten,  überschütteten uns mit Forderungen bezüglich der Geräte oder Gerätefunktionen, die auch noch unterstützt werden sollten. Die es nicht für wichtig hielten, blockierten uns, indem sie die Software-Funktionen, für die sie verantwortlich waren, nur zögerlich bereitstellten oder anpassten. Ein sehr großer Teil unserer Bemühungen bezog sich nicht auf das UNIX-System im engeren Sinne, sondern auf jedwede Form von Hilfsprogrammen, die für die Verteilung, Installation und Wartung benötigt wurden. Ein Beispiel waren die Diagnostik-Programme, an die der technische Außendienst gewohnt war und auf die er nicht verzichten konnte, es sei denn wir hätten enorme Ausbildungs- und Wartungskosten in Kauf genommen. Die Ankündigung des Produkts versetzte IBM in die Lage, sich bei einigen Ausschreibungen im öffentlichen Bereich zu beteiligen, bei denen UNIX verlangt wurde. Bei den klassischen Vertriebsbereichen entstand die Notwendigkeit, das Produkt abzugrenzen gegenüber dem Einsatzbereich von traditionellen IBM-Produkten.  

Einige technische Schwierigkeiten

Welche technischen Schwierigkeiten sich für dieses Produkt ergaben, soll am Beispiel des Bildschirm-Anschlusses erläutert werden. Beim System/370 war es üblich, Endgeräte entweder über eine externe Steuereinheit (z.B. IBM 2750) oder über einen internen Anschluss (ICA) anzuschließen. Außerdem wurden die Daten zwischen Rechner und den klassischen IBM Bildschirmen (etwa vom Typ IBM 3270) grundsätzlich zeilenweise nach einem IBM-internen Protokoll übertragen. In der UNIX-Welt waren Datenstationen üblich, die im Byte-Mode betrieben wurden und dem Start/Stop-Protokoll genügten (sogenannte ASCII-Terminals). Der Byte-Mode bedeutet, dass jedes Zeichen einzeln an den Rechner übertragen wird. Daher ist das UNIX-System von Grund auf darauf ausgelegt, im Dialog mit Nutzern auf einzelne Zeichen zu reagieren. Wir benötigten also ASCII-Terminals und eine Kontrolleinheit, die im Start/Stop-Mode arbeitete. In der internen Entwicklung konnten wir für diesen Zweck ein anderes IBM/System vorschalten, um damit die Terminals zu betreiben, nämlich die Serie/1. Dieses System kostete zwar nur etwa ein Viertel unseres Systems, verlangte aber sehr viel Spezialkenntnisse, um seine Software zu betreiben. Auch gab es ein eigenes, allerdings nicht strategisches UNIX-System für die Serie/1, mit dem Kunden hätten auskommen können. Wir ließen deshalb eine eigene nicht freiprogrammierbare Box (IBM 7171) entwickeln, mittels der wir ASCII-Terminals im Start/Stop-Mode anschließen konnten.

Neuer Spieler im Block

Da dies der erste groß angekündigte Einstieg von IBM in den UNIX-Markt war, rief das Projekt eine Vielzahl bis dahin unbekannter Partner auf den Plan. War einer der Gründe, warum wir in UNIX einstiegen, leichter an Anwendungen zu kommen, so waren wir doch überrascht über die Art, wie dies geschah. Fast jede Woche erhielten wir einen Anruf von einer amerikanischen Software-Firma, die uns ein Werkzeug oder eine Anwendung anbot. Wir dürften sie haben, am liebsten gegen einen festen Preis, wir sollten aber dafür den weltweiten Vertrieb und vor allem die Wartung übernehmen. Sie als Fünf-Mann-Unternehmen seien dafür zu klein. Es gab aber auch mehrere Ereignisse, die bewiesen wie schwer es IBM in diesem Markt haben würde. Einige seien erwähnt.  

− Da wir nicht ganz so sicher waren, ob alle unsere Kunden mit der Programmiersprache C glücklich würden, versuchten wir auch einen COBOL-Übersetzer zu bekommen. Die zuständigen IBM-Gruppen gaben uns entweder aus Kapazitäts- oder aus Kompetenzgründen einen Korb. Wir gingen daraufhin zu einer externen Firma, die solche Produkte im UNIX- und dem beginnenden PC-Markt verkaufte. Die Verhandlungen mit dieser Firma liefen zunächst ganz gut, bis die Frage der Anzahl der Lizenzen aufkam. „Wie viele Tausend wollt ihr haben?“ fragte man. „Vielleicht 1200 oder 1400 Stück“ war unsere Antwort. „Wie bitte“, hieß es dann, „warum stehlt ihr uns eigentlich unsere Zeit? Wir dachten, es ginge auch bei Ihnen um eine Größenordnung, wie wir sie von PC- oder Arbeitsplatzrechnern gewohnt sind, also 20.000 aufwärts“. Wir kamen noch aus einer anderen Welt. 

− Es gab eine größere Ausschreibung für UNIX-Systeme im Verteidigungsbereich. Wir entschieden uns mitzubieten. Beim ersten Vergleich schnitten wir schlecht ab, lagen unter "ferner liefen", bekamen aber eine zweite Chance. Dafür erhielten wir die Anwendung (Benchmarks) des Kunden, um uns für einen "Best and Final"-Vergleich vorzubereiten. Wir setzten die besten Analytiker der Firma und die umfassendsten Messwerkzeuge ein, um alle Pfadlängen der Anwendung zu vermessen und anschließend zu verbessern. Das Ergebnis war, dass wir bei dem endgültigen Vergleich zwar bezüglich Funktion und Durchsatz die beste Lösung besaßen, insgesamt aber nur zweitbester Anbieter wurden. Die Preise für die IBM Lösung lagen wesentlich über denen eines Anbieters mit verteilten Mikroprozessoren, die er aus Standard-Komponenten zusammenbaute. Unsere Hardware kostete das Vielfache. 

− Um den akademischen Markt besser kennen zu lernen, überredeten wir eine amerikanische Universität, ihr bisheriges UNIX-System durch unser System zu ersetzen. Die Installation lief glatt und wir waren relativ schnell in Produktion. Plötzlich wurden wir von Hunderten von Fehlerberichten überschüttet. Selbst Mitarbeiter aus der Entwicklung vor Ort erreichten nicht, dass der Berg kleiner wurde. Die Mitarbeiter des Rechenzentrums und die Studenten der Universität berichteten weiter über Probleme. Auf die Frage, ob das alles Probleme seien, die nur bei unserem System aufträten, erhielten wir die Antwort: „Es sind auch die Probleme in UNIX dabei, die wir seit Jahren kennen. Nur machte es bei den früheren Herstellern wenig Sinn sie zu melden. Bei IBM stellen wir jedoch andere Anforderungen“. Kein Wunder, dass unser lokaler technischer Außendienst mit diesem System nicht viel zu tun haben wollte. 

Ernsthaftes Regierungsgeschäft

Bei dem erwähnten „Best and Final“ Test für IX/370 wurde mehrere Tage lang rund um die Uhr gearbeitet, um die Ansprüche des potentiellen Kunden zu erfüllen. Mehrere Mitarbeiter aus Böblingen waren vor Ort, die von zuhause aus Unterstützung bekamen. Dabei kam uns der Zeitunterschied zwischen Amerika und Deutschland entgegen. Trat in Houston abends ein Problem auf, hatte wir meistens keine Mühe am nächsten Morgen (amerikanischer Zeit) eine Lösung anzubieten. Obwohl der Auftrag nicht gewonnen wurde, erntete das Böblinger Team sehr viel Lob für seine technische Kompetenz. „Das hatten wir den Böblingern nicht zugetraut“ meinte bei der Abschlussbesprechung  der Vizepräsident der Federal Systems Division (FSD) von IBM, die den Kunden betreute.

Europäische Hochschulpartner

Das UNIX-Projekt eröffnete uns einige neue Möglichkeiten, mit europäischen Hochschulen zusammenzuarbeiten. Beispiele dafür waren die Universität Zürich (Prof. Lutz Richter) und die Universität Karlsruhe (Prof. Gerhard Goos). Eine weitere Kooperation ergab sich wesentlich später mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken (Prof. Wolfgang Wahlster). Alle drei Kooperationen wurden mit erheblichem gegenseitigem Nutzen durchgeführt. Voraussetzung dafür war, dass wir die jeweiligen Aufgaben im Rahmen eines aktuellen Projektes definierten und dass der Partner bereit war, unsere Leistungsmaßstäbe zu akzeptieren.

Erfahrungsbilanz

Bei den anderen Böblinger Software-Produkten hatte es sich um Produkte gehandelt, bei denen IBM Marktführer war und deren Einsatzbereich primär bei industriellen Kunden lag. Bei IX/370 befanden sich die typischen Kunden im Ausbildungs-, Forschungs- und Verteidigungsbereich. Wir gerieten an sie über Ausschreibungen. Dabei wurden oft sehr konkrete Forderungen gestellt, die wir erfüllen mussten, wollten wir uns an der Ausschreibung überhaupt beteiligen. Auf der anderen Seite war es jetzt möglich, auf eine Vielzahl im Markt vorhandener Programme und Komponenten zurückzugreifen, um die Wünsche eines Anwenders abzudecken. Wir bewegten uns von einem Entwickler, der sich vorwiegend um selbsterstellte Programme kümmerte, hin zu einem Integrator, der in der Lage sein musste, flexibel und schnell auf einzelne Anfragen und Aufträge zu reagieren. Als Teil des Projekts hatten wir mehr Unteraufträge an andere Firmen vergeben als je zuvor. Es waren über 20 Firmen. Für diese Aufgabe wurden eigentlich andere Kompetenzen gefordert als wir bisher benötigt hatten. 

Ein anderer wesentlicher Unterschied war, dass jetzt externe Gruppen bestimmten, welche Funktionen Teil des Systems werden mussten. So hatten wir uns z. B. gerade auf die UNIX-Version 5.2 eingeschossen, da brachte AT&T die Version 5.3 heraus. Mit 5.2 war von da ab kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Später wurde das Gesetz des Handelns von Normierungsgremien, Nutzergruppen oder einzelnen Mitbewerbern bestimmt. IBM, die in der Rolle des Marktführers groß geworden war, wurde zum Mitläufer, der nur noch reagieren konnte. Die bereitzuhaltende Entwicklungskapazität war nicht mehr nach oben zu begrenzen. In einem Labor, das noch mehrere andere Aufgaben hat, ist dies keine erfreuliche Situation. Kein Wunder, dass ein sehr angesehener IBM-Manager der alten Schule unsere UNIX-Verantwortung als „Krebs-Geschwür“ ansah, das man besser loswürde. Das taten wir dann bald auch. 

Fortsetzung der Geschichte

Ein anderes Labor der IBM, das in Austin, TX, ging das UNIX-Geschäft später mit speziell zugeschnittener Hardware an (RS/6000) und war erfolgreicher. Auch die späteren Böblinger LINUX-Aktivitäten liefen unter anderen Bedingungen ab.